Willkommen zum Comic-Kinoabend!

people_on_paperPackt das Popcorn aus und macht es Euch bequem, liebe Freunde. Heute ist Kino angesagt. Wer sich für Comics interessiert und sich immer gefragt hat, was für komische Käuze freiwillig ihr ganzes Leben gebeugt über einen wackligen Zeichentisch verbringen, dem wird gleich geholfen. Zwar gab es schon immer Berichte über Cartoonisten, doch seriöse Dokumentationen werden erst seit wenigen Jahren gedreht.

Hier eine kleine Auswahl aus mehreren jahrzehnten:

People on paper (1945)

Den Anfang macht ein Kurzfilm, der die Comicbeilagen amerikanischer Zeitungen zum Thema hat. Mit dabei sind: H.H. Knerr (Katzenjammer Kids), Bud Fisher, Fred Lasswell Jr. (Snuffy Smith), Frank King, Chester Gould (Dick Tracy), Dick Calkins, Milton Caniff (Terry and the Pirates), Chic Young (Blondie), Raeburn Van Buren, Ham Fisher, Hal Foster (Prinz Eisenherz), Harold Gray und Al Capp. Alles Millionäre!

Comic Book Confidential (1988)

Filmemacher Ron Mann war einer der Pioniere der Comic-Dokumentationen. In den comicbegeisterten 80er Jahren fand dieser Streifen auch in Deutschland Beachtung. Der legendäre Will Eisner begab sich damals sogar auf eine Deutschland-Tour, um den Film zu unterstützen. Es tauchen auf: Lynda Barry, Charles Burns, Sue Coe, Robert Crumb, Will Eisner, Al Feldstein, Shary Flenniken, William M. Gaines, Bill Griffith, Jaime Hernadez, Jack Kirby, Harvey Kurtzman, Stan Lee, Paul Mavrides, Frank Miller, Victor Moscoso, Francaise Mouly, Dan O’Neill, Harvey Pekar, Gilbert Shelton, Spain und Art Spiegelman.

Tintin and I (2003)

Wer nach dem immensen Tim und Struppi-Hype im letzten Jahr noch nicht genug hat, sollte sich diesen Film ansehen, in dem sich Zeichner Hergé auch über seine vermeintliche Nähe zu den deutschen Besatzern während des Krieges auslässt. Ein Interview, das Numa Sadoul, damals Student, vor vier Jahzehnten mit dem Großmeister der Comics führte, diente als Grundlage für diesen äußerst gelungenen Film des Dänen Anders Østergaard.

André Franquin (1996)

Etwas schäbig hingegen wirkt dieses Kleinod, in dem man den großartigen André Franquin in seinem Studio erleben kann. Franquin, der durch das »Marsupilami« und vor allem »Gaston« unsterblich wurde, hatte gerade in seinen letzten jahren mit Depressionen und Selbstzweifeln zu kämpfen. In dieser fürs belgische Fernsehen gedrehten Dokumentation (der Reihe »L’hebdo«) melden sich Freunde und Kollegen zu Wort.

Jack Kirby – Storyteller (2007)

Der produktivste amerikanische Comiczeichner war sicher Jack Kirby, der zusammen mit Autor Stan Lee fast im Alleingang einen unbedeutenden Verlag namens Marvel zum Millionenkonzern machte und mit seinem unverwechselbaren Stil die Comicszene revolutionierte. Wie viele großen Künstler kam die Annerkennung leider erst, als es zu spät war. Heute vergeht kaum ein Monat, in dem nicht eine weiterere Neuausgabe seiner Klassiker erscheint. In diesem Film, der nur auf DVD herauskam, zollen fast alle Zeichner, die Rang und Namen haben, dem »King of Comics« ihren Tribut.

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Der Anfang vom Ende?

mayaWas gibt’s Silvester zu feiern? Dass wir dem Tod wieder ein Stück näher gekommen sind? Diese Frage wirft Woody Allen in seinem Film »Whatever works« auf. Da kann man nur hoffen, dass das neue Jahr nicht beginnt wie einst das Jahr 1966.

Das Jahr 1966 hatte noch nicht einmal 120 Stunden auf seinem Konto, als es vom gemeinsten, fiesesten, hinterlistigsten und bösartigsten Januar seit menschlicher Zeitrechnung überfallen wurde. Dieser Januar beschälte die Knospen des noch jungfräulichen Jahres und übergoss sie mit einer stinkenden Jauche von Naturkatastrophen und Betriebsunfällen.

Den Anfang machte am 5. Januar 1966 eine Explosion mit anschließendem Großbrand in einer französischen Erdölraffinerie in der Nähe von Lyon. Nachdem aus unerklärlichen Gründen Butangas ausgeströmt war, knallte es. Mit schlimmen Folgen. Ein sich schnell ausbreitendes Flammenmeer walzte 16 Menschen nieder, 80 kamen mit schwersten Verbrennungen davon.

Zwei Tage später gingen über Rio de Janeiro die schwersten Wolkenbrüche in der 400jährigen Geschichte der Stadt nieder. Ungeheure Wassermassen vernichteten 480 Kilometer des Straßennetzes; die an den Hängen erbauten Armenviertel, die Favelas, sackten hinab und begruben alles, was sich ihnen unvernünftig in den Weg stellte. 477 Menschen fanden den Tod.

Am 18. Januar 1966, einem Dienstag, kam es auch in einer Raffinerie in Raunheim bei Frankfurt am Main zu einer Explosion. Die Trauerliste führte drei Tote auf, 83 Menschen hatten schlimmste Verletzungen zu beklagen. Doch wer nun glaubte, dass mit der Verringerung der Todesopfer eine Verbesserung jener mysteriösen Umstände des Januars 1966 zu verzeichnen gewesen sei, der sollte schon wenige Tage später eines besseren belehrt werden.

Am 24. Januar 1966 prallte in 4.000 Meter Höhe eine Boeing 707 der Air India gegen das Montblanc Felsmassiv Rocher de la Tournette -, rien ne va plus, wie der Croupier am Roulettetisch zu sagen pflegt. 177 Menschen waren in die Maschine gestiegen, hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt und es verloren.

Den sieben Meisterschwimmern der Squadra Italia erging es am 30. Januar 1966 nicht anders. Als sie zum internationalen Schwimmfest nach Bremen aufbrachen, hätten sie ihrem bevorzugten Element Vertrauen schenken und den Seeweg wählen sollen. Sie hatten es sich jedoch in einer Convair der Deutschen Lufthansa bequem gemacht und plumspten schließlich beim Anflug auf die Hansestadt wie ein Stein vom Himmel.

Das Unglück wurde weder von einem Piloten verursacht, noch war es einem Triebschaden zuzuschreiben, behaupte ich mal. Ich sage, es war der verfluchte Januar 1966 – die Wiedergeburt Adolf Hitlers als Wintermonat.

Und was geschah sonst noch so 1966? Nun ja, ich wurde geboren. Zwar nicht im Januar, dafür aber zur Wintersonnenwende, am 21. Dezember, am dunkelsten Tag des Jahres. Als ich meinen Geburtstag vor kurzem zum 45. Mal feierte, erinnerten mich zahlreiche Medien daran, dass ich möglicherweise nur noch ein einziges Mal die Gelegenheit bekomme, das Sektglas darauf zu erheben. Denn am 21. Dezember 2012 ist alles vorbei, zuimndest nach den Berechnungen der Maya.

Am 21. Dezember 2012 steht die Sonne irgendwie in einer dunklen Spalte der Milchstraße, und der Maya-Kalender, der seit dem 11. August 3114 vor Christus die Zeit nach menschlicher Vorstellungskraft zu greifen versucht, kommt dann zu seinem Ende.

Vielleicht ist es ganz praktisch, ausgerechnet an diesem vermeintlich letzten Tag der Menschheit Geburtstag zu haben. Da könnte man ja mal so richtig schön die Sau raus lassen und müsste sich keine Gedanken machen über das Aufräumen und die Katerstimmung am nächsten Tag.

Wahrscheinlich ist der 22. Dezember 2012 aber nur ein schwacher 1. Januar 2000 – mit viel Wind um nichts. Vielleicht gibt’s Nutella wieder in limitierten XXL-Gläsern, wie zuletzt zum Millennium und zur Einführung des Euro. Vielleicht werden Flugreisen angeboten, mit denen man den Weltuntergang bzw. den Übergang in ein neues kosmisches Zeitalter – von Tonga bis zu den Aleuten – auf 24 Stunden strecken kann, aber sonst?

Sehr wahrscheinlich ist alles nur ein großer Irrtum. Ein Cartoon zeigt, wie ein Maya-Indianer den berühmten Kalender in Stein meißelt und ihn ein anderer Maya-Indianer fragt, warum er denn beim 21. Dezember 2012 aufhört. »Kein Platz mehr auf dem Stein«, antwortet der erste Maya-Indianer.

Ja, so wird es wohl gewesen sein.

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Unsterblich wie der Tod

cappEin Kollege erzählte mir vor einigen Jahren, dass unser »Lebenswerk«, welches wir hinterlassen, das Wichtigste für uns sein sollte. Unsinn, hätte ich da am liebsten erwidert. Marlene Dietrich hatte sich, um ihren Mythos unbeschädigt zu lassen, das letzte Jahrzehnt ihres Lebens in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Sie starb einsam und krank.

Katherine Hepburn hingegen trat, selbst als sie alt und gebrechlich war, vor die Kamera. Fragt man heute einen Zwanzigjährigen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er weder von Dietrich noch von Hepburn je etwas gehört hat.

Ein anderes Beispiel ist der amerikanische Cartoonist Al Capp, der vor ein paar Jahren 100 geworden wäre. Doch dieses Jubiläum ging ins Land, ohne dass es seinen Landsleuten auffiel – was erschreckend ist. Capps Comic Strip Li’l Abner erreichte zwischen 1934 und 1977 rund 60 Millionen Leser. Der Zeichner wurde in seiner großen Zeit als neuer Jonathan Swift gefeiert. Sein Strip war bei den Intellektuellen Tagesgespräch. John Steinbeck schlug ihn gar für den Literaturnobelpreis vor.

Li’l Abner, der mit seiner Hillbilly-Familie in einem ominösen Kaff namens Dogpatch hauste, war das Urbild des etwas depperten, doch letzlich gutmütigen Amerikaners. Vierzig Jahre parodierte der Zeichner in seinem Strip mit ätzendem Humor den American Way of Life. Mit immensen Erfolg. Li’l Abner wurde mehrmals verfilmt. Es gab tonnenweise Merchandising-Produkte. In den 50ern gab es sogar ein Hit-Musical. In Deutschland erschienen in den 70ern einige Episoden im Satiremagazin »Pardon«.

Al Capp war einer der wenigen Zeichner, der fast den Bekanntheitsgrad seiner Schöpfung erreichte. Er schaffte es auf das Cover des Time Magazine, hatte eine eigene Radio Show, trat später regelmäßig im Fernsehen auf, hielt politische Reden und wurde in den späten Sechzigern als Gegenkandidat von Ted Kennedy gehandelt. Doch dann fiel sein Leben zusammen.

Der einstige Liebling der Liberalen entwickelte sich in seinen letzten Jahrzehnt zu einem erzkonservativen Reaktionär, der die aufkeimende Studentenbewegung bekämpfte wie kein Zweiter. Ein beliebtes Ziel war die Folksängerin Joan Baez, die er als »Joanie Phonie« ins Visier nahm. Baez schrieb später in ihrer Autobiografie, dass Capps Spott sie damals schier in den Wahnsinn trieb. Mit solchen Aktionen vergraulte der streitbare Cartoonist seine treuesten Fans, zu denen gerade die Studenten zählten.

Schlimmer war jedoch sein Ruf, jungen Frauen gegenüber sexuelle Avancen zu machen. Auch die spätere Fürstin Grace Kelly und die junge Goldie Hawn zählten zu seinen Opfern. Je mehr er in die Öffentlichkeit trat, umso schwieriger wurde es für seine Freunde diese Übergriffe zu vertuschen. Als er 1971 deswegen schließlich vor Gericht landete, verbannten Hunderte von Zeitungen seinen Strip aus ihren Seiten. Selbst Präsident Nixon distanzierte sich von seinem einstigen Günstling. Ein paar Jahre später setzte sich Capp, nun zur Unperson geworden, zur Ruhe und starb 1979 an einem Lungenemphysem.

Heute ist es kaum vorstellbar, wie unglaublich populär Capp und Li’l Abner in den USA waren. Und das über 43 Jahre hinweg! Allerdings reichten drei Jahrzehnte, um beide in der Obskurität verschwinden zu lassen. Ja, er war ein chauvinistischer Drecksack, doch das war Picasso schließlich auch. Trotzdem hinterließ er ein außergewöhnliches Lebenswerk.

Was ist so ein Lebenswerk also wert? Nicht viel offensichtlich. Wahrscheinlich ist das Leben selbst – und wie wir es meistern – wichtiger als alle Werke, die wir hinterlassen. Was lernen wir daraus: 1.) Die Nachwelt ist extrem wählerisch. 2.) Unsterblichkeit dauert oft kürzer, als man denkt.

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Scheintote Wörter

wortweide2Weiß hier eigentlich jemand, was eine Gammeltimpe ist? Oder eine Gackerröhre?

Während alle Welt sich über das Aussterben von Nashörnern oder Pandabären Gedanken macht, sehen wir sprachlos zu, wie ein bedrohtes Wort nach dem anderen das Zeitliche segnet. Zu den Todesfällen gehören auch solch herrliche Wortschöpfungen wie Gedöns, Brimborium und Klimbim. Natürlich werden jetzt viele einwenden, dass unsere Sprache etwas Lebendiges ist und sich ständig weiterentwickelt. Klar, dass da Wörter wie Bredouille, Hupfdohle oder Pfennigfuchser in Vergessenheit geraten, oder besser gesagt: als umgangssprachliche Kollateralschäden elendig verrecken.

Ich für meinen Teil wäre traurig, wenn Begriffe wie Quacksalber und Wuchtbrumme aus unserem Wortschatz verschwinden. Zumal es bis heute keinen vollwertigen Ersatz gibt. Stattdessen schleichen sich vermehrt Anglizismen in unseren alltäglichen Sprachgebrauch ein, die gänzlich unoriginell sind. Neben dem Klassiker »knorke« sieht »cool« jedenfalls ganz schön lahm aus.

Doch es ist nicht alles verloren. Erst neulich hörte ich eine Grafikdesignerin sagen: »Der Chef kam just in diesem Moment zur Tür rein.« Da geht einem alten Hagestolz wie mir natürlich sofort das Herz auf. Toll ist auch, wenn man solchen Wortfossilien in alten Filmen begegnet. So wie folgender Dialog, der aus einem alten Woody Allen-Film aus den frühen 70ern stammt:

Sie: »Ich geb heut Abend eine kleine Party.«
Er: »Ach? So ‘ne richtig dufte Zentralschaffe?«

Wäre es nicht schade, wenn Wörter wie Pomadenhengst, Pappenstiel, Potztausend und Pissnelke vollständig verschwinden würden? Immerhin gibt es so viele bedrohte Wörter, dass Autor Bodo Mrozek gleich zwei Lexika mit ihnen füllen konnte. Im Internet existiert sogar eine Seite namens Wortweide, auf der man Patenschaften für seine Lieblingsbegriffe übernehmen kann. Für den Atombusen zum Beispiel, das Bratkartoffelverhältnis oder den Dreikäsehoch. Also ich finde das ganz famos, richtig schnieke sogar.

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saga_liveNormalerweise gehen mir Band Reunions auf den Keks. Denn oft ist es ja so, dass Fans mit der schwülstigen Ankündigung einer großen Abschiedstournee in die Konzerthallen gelockt werden. Und wenn dann eine zerstrittene Formation nach ein paar Jahren – tadaa! – doch wieder einträchtig auf der Bühne herumhüpft, weil die geplanten Solokarrieren nicht so recht zünden wollten, fühlt man sich als Konsument irgendwie verschaukelt.

Besser wäre es, erst einmal von einer Auszeit zu reden und nicht gleich von endgültiger Trennung. Oder man trennt und vereint sich öfter mal, wie zum Beispiel die kanadischen Neo-Progrocker von Saga. Weil dann kann man damit rechnen, dass der Abschied nur eine Pause ist.

Vor vier Jahren habe ich in diesem Blog traurig das Ende von Saga verkündet, weil nämlich Frontman Michael Sadler offiziell seinen Abschied von der Band bekanntgegeben hatte. Drummer Steve Negus war schon zwei Alben vorher ausgestiegen. Zwar hatten sich die Jungs 1986 schon einmal getrennt und 1992 wiedervereint, doch nach dem 30jährigen Bandjubiläum 2007 schien das endgültige Ende gekommen. Feierabend! Die Gebrüder Crichton machen das Licht aus bzw. die Gitarrenverstärker.

Doch von wegen! Vor ein paar Tagen fiel mir »Heads or Tales« in die Hände, nicht das Studio-Album von 1983, sondern eine fast nietnagelneue Liveversion, aufgenommen 2010, veröffentlicht 2011. Die unverwechselbare Stimme Sadlers fehlt hier natürlich, doch Ersatzbarde Rob Moratti ist nun auch nicht so schlecht, und die brillante Musik von Crichton, Gilmour und Co. lässt einen schließlich ganz vergessen, dass hier ein wichtiger Mann fehlt.

Und es kommt noch besser: Der wichtige Mann ist wieder da. Tadaa! Michael Sadler ist zurück. 2007 gab er in München sein Abschiedskonzert. Jetzt ist er mit Saga auf »Comeback-Tournee«. Skandinavien, München, Würzburg, Münster, Offenbach und Mannheim haben sie schon hinter sich gelassen. Die weiteren Tourdaten lauten:

18.11.2011: Stuttgart, Hegel Hall
19.11.2011: Idar-Oberstein, Exhibition Hall
20.11.2011: Köln, E-Werk
22.11.2011: Berlin, Tempodrom
23.11.2011: Worpswede, Musichalle
24.11.2011: Hamburg, Docks
25.11.2011: Mülheim, RWE Arena
26.11.2011: Pratteln (CH), Z7
28.11.2011: Augsburg, Spektrum
30.11.2011: Pilsen (CZ), KD Serikova
01.12.2011: Detmold, Stadthalle
02.12.2011: Oldenburg, Kuthuretage

Appetitanreger gibt’s bei youtube mit »Don’t be late«, »Careful where you step«, »Scratching the Surface« oder »Give’em the money«.

Ich selbst habe unglücklicherweise keine Gelegenheit, eines der Konzerte zu besuchen, hoffe aber, bei der nächsten Tour in zwei, drei Jahren wieder mit dabei zu sein, wenn es wünschenswerterweise heißt: Tadaa! Steve Negus is back!

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ditkoDas Geschäft mit den Comics ist leider alles andere als komisch – besonders in den USA. Lange Stunden am Zeichentisch, keinen Urlaub, ohne Kranken- oder Altersversicherung. Viele Karrieren enden traurig. Zeichner Dave Cockrum starb zum Beispiel in völliger Armut. Dabei war er einer derjenigen, die den späteren Filmerfolg »X-Men« aus der Taufe hoben. Comics liebte er bis zum Schluss: Cockrum wurde in seinem Superman-Pyjama beigesetzt. Die meisten Künstler sind leider keine Geschäftsleute, sondern deren Opfer.

Auch Steve Ditko gehört zu jenen, die im Alter mit leeren Händen dastehen, obwohl er eine der berühmtesten Comicfiguren der Welt ersonnen hat: Spider-Man. Obwohl sein Name im Vorspann der Filme nur an zweiter Stelle steht: Von Ditko stammen das unverwechselbare Kostüm, die Nebenfiguren sowie die ausgefallenen Feinde des erstaunlichen Spinnenmenschen. Autor Stan Lee steuerte lediglich Namen und Dialogtexte bei.

Seine letzten 18 Hefte produzierte der Zeichner sogar, ohne überhaupt mit Lee gesprochen zu haben. Doch während Lee heute ein gefeierter Millionär ist, haust Ditko, mittlerweile 84, in einem bescheidenen Apartment in Manhattan, trägt Schuhe, deren Sohlen von Isolierband zusammengehalten werden, und lebt von seiner Sozialversicherung.

Dabei könnte Ditko ein wohlhabender Mann sein. Seine Fans würden ein Vermögen für eine neue Zeichnung von Spider-Man zahlen. Obwohl er in seinem Studio einen Stapel seiner alten Comicseiten, von denen jede einzelne Tausende von Dollars Wert ist, aufbewahrt, zieht er es vor, aus seinem Ruhm kein Kaptal zu schlagen. Der Zeichner gibt seit über vierzig Jahren keine Interviews; es sind lediglich drei alte Fotos von ihm in Umlauf. Unangemeldete Besucher lässt er vor der Tür stehen. Kein Zweifel: Ditko ist der »Man of Mystery« der Comicwelt.

Schuld daran ist vielleicht die Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand, deren Vorträge der junge Ditko einst besuchte. Die notorische Kommunistenhasserin, die mit »The Fountainhead« (1943) einen Weltbestseller lancierte, war Verfechterin des »Objektivismus«, einer Lehre, die einen radikalen Individualismus propagierte. Diese Lehre machte sich der aufstrebende Künstler mit den Jahren immer mehr zu eigen. Ditkos Welt besteht aus schwarz oder weiss, gut oder böse. Dazwischen gibt es nichts. Eine denkbar schlechte Einstellung in einer Branche, in der gebrochene Versprechungen an der Tagesordnung sind.

Als der liberale Stan Lee aus Spider-Man einen Befürworter der aufbegehrenden Studentenbewegung machte, war das für den erzkonservativen Ditko zu viel. Er schmiss den wohl lukrativsten Job seiner Karriere. Ein Muster, das sich in den nächsten Jahrzehnten ständig wiederholte. Zum Beispiel 1992, als er die Arbeit an einer Serie einstellte, weil die Titelfigur seiner Ansicht nach eine Philosophie vertrat, die auf Plato beruhe, er aber ein Anhänger von Aristoteles sei.

Ruhm und schnöder Mammon schienen dem pragmatischen Künstler nichts zu bedeuten. Kein Wunder, dass er selbst seinen Kollegen etwas unheimlich ist. Als der Brite Jonathan Ross vor vier Jahren im Auftrag der BBC eine Dokumentation über sein Idol drehen wollte, wurde er brüsk abgewiesen. Seine Arbeit sage alles, was es zu sagen gibt, erklärt Ditko seit Jahren. Statt mit einem Interview wurden Ross und sein Mitstreiter Neil Gaiman mit einem Stapel Comics nach Hause geschickt.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass Ditko seine Einstellung ändern wird. Ein Kompromiss ist für ihn der größte Frevel, den sich ein Mensch erlauben kann. In einer Welt, die nur schwarz oder weiss duldet, steht grau für Korruption. Auch heute ist Ditko – inzwischen eine lebende Legende und im Ruhestand – aktiv wie eh und je. Seit einem Jahrzehnt zeichnet er philosophische Pamphlete, die er in unregelmäßigen Abständen unters Volk bringt. Ohne durchschlagenden finanziellen Erfolg. In dieser Zeit spielte die Spider-Man-Trilogie in den Kinos eine Gesamtsumme von 2,5 Milliarden US-Dollar ein. Trotz seines Alters wird er nie müde seine Weltsicht zu verbreiten, als freundlicher Exzentriker von nebenan: Was soll es sein? Gut oder böse? Du hast die Wahl!

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Die Abenteuer von Indiana Tim

tintinVor zehn Jahren ging das Bild einer Maus, auf deren Rücken ein Menschenohr wuchs, um die Welt. »Ganz schön pervers, die Wissenschaft«, dachte da so Mancher. So ähnlich ging es mir, als ich »Die Abenteuer von Tim und Struppi« sah. Zunächst ist man beeindruckt – bis zur ersten Nahaufnahme. »Ganz schön pervers, die Computertechnik«, ging es mir durch den Kopf.

Seit einigen Jahren scheinen die Filmgewaltigen Hollywoods geradezu besessen von der Idee hyper-realistischer Computeranimation zu sein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ein Schauspieler aus dem Rechner stellt keine hohen Gagenforderungen, er macht, was ihm befohlen wird, und wird niemals alt. Nur sehen die Resultate zum Leidwesen der Filmemacher bislang alles andere als überzeugend aus.

Bei allem Perfektionismus: Die computeranimierten Figuren bei Tim und Struppi sind eher grotesk als komisch. Genau wie die Karikaturen, die findige Photoshop-Experten aus Fotos »kneten«. Was als platte Strichzeichnung amüsant wirkt, ist dreidimensional nur noch gruselig. Noch Schlimmer wird es, wenn man versucht, eine Karikatur mit Hilfe des Computers wie eine Fotografie aussehen zu lassen. Möchte man sich Figuren wie »Die Simpsons« wirklich dreidimensional vorstellen?

Genauso schlimm wie die Gesichter der Charaktere wurde bei Tim und Struppi auch die Geschichte verzerrt, die man mit aller Macht auf »Indiana Jones« getrimmt hat. Sicher, man hätte »Das Geheimnis der Einhorn« auch werkgetreu verfilmen können, doch das wäre wohl nicht laut und plakativ genug gewesen. Wer sich die Mühe macht, einmal durch die Seiten eines Tim-und-Struppi-Albums zu blättern, wird feststellen, dass Hergés Stärke der Minimalismus ist. Spielbergs Stärke war hingegen schon immer der Exzess.

Folgerichtig gibt es in Tim und Struppi bombastische Seeschlachten, Flugzeugabstürze und Verfolgungsjagden, die man bei Hergé vergebens sucht. Der Zeichner war ein Perfektionist, der in 46 Jahren gerade 23 Abenteuer des rasenden Reporters zu Papier brachte. Bevor er starb, verfügte er, dass es ohne ihn auch keine neuen Geschichten mit dem ungleichen Duo geben wird. Eine weise Entscheidung.

»Hergé hätte unser Film gefallen«, spekulierte Spielberg in diversen Interviews. Ich schätze allerdings, dass er den Spielberg-Fans noch besser gefallen wird. Fazit: 3D ist für die Filmindustrie ein wahrer Segen, denn unsere Augen sind so sehr mit den Schauwerten beschäftigt, dass unser Hirn nicht wahrnimmt, wie unausgegoren die Handlung ist.

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Der seltsame Fall des Alex R.

alex_rVor etwa zehn Jahren erschien das erste Buch, an dem ich beteiligt war: »Das Lexikon der prominenten Selbstmörder« (die Idee dazu kam mir, als ich gerade Liebeskummer hatte). Das Schwierige an diesem Nachschlagewerk war die Entscheidung, ob es sich um einen Unglücksfall, eine Überdosis oder einen vorsätzlichen Suizid handelte. Viele der Fälle ereigneten sich vor Jahrzehnten, als es zum guten Ton gehörte einen Selbstmord zu vertuschen.

Der Cartoonist Alex Raymond war einer jener Grenzfälle, die es nicht in unser Buch geschafft haben. War Raymond ein Selbstmörder? Ich war mir nicht sicher, da die einzige Person, die diese Meinung vertrat, mittlerweile ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Hier der nie erschienene Eintrag:

Der Comiczeichner Alex Raymond (1909 – 1956) war fast so eine Lichtgestalt wie seine Charaktere: Groß, schlank, gutaussehend und ungemein talentiert. Der Weltraumheld »Flash Gordon« und der Meisterdetektiv »Rip Kirby« hatten ihn zum reichen Mann gemacht. Mit sechsundvierzig sammelte Raymond Sportwagen wie andere Leute Briefmarken.

Richtig schwere Zeiten hatte er nie kennengelernt. Die gutsituierten Eltern unterstützen den Jungen bei seinen künstlerischen Ambitionen, wo sie nur konnten. Nach einem absolvierten Kunststudium verdingte sich Raymond als namenloser Assistent bekannter Zeitungscartoonisten. Auf diese Weise knüpfte er wichtige Kontakte. Als 1933 das Zeitungssyndikat King Features anklopfte und ihm eine eigene Sonntagsseite anbot, griff der Zeichner zu. Zufälligerweise suchte auch Starautor Dashiell Hammett für seinen geplanten Zeitungscomic »Secret Agent X-9« nach einem Zeichner. Es wurde Raymonds erster Erfolg.

1934 erschien die erste Seite von »Flash Gordon«, einer Serie, die Raymond auf einem Schlag berühmt machte. Der Erfolg war überwältigend. Niemand zuvor hatte Fantasiewelten so glaubhaft abgebildet. Ohne Flash wären spätere Helden wie »Superman« undenkbar gewesen. 1938 erschien die erste Filmserie »Flash Gordon’s Trip to Mars«. Danach folgten Hörspiele, Romane und in den fünfziger Jahren eine TV-Serie.

Der zweite Weltkrieg unterbrach Raymonds Glückssträhne. Nachdem er 1946 als Major zurückkehrte, begann er eine neue Comicserie, die von einem Brille tragenden Detektiv namens »Rip Kirby« handelte. Raymond hatte eine ideale Figur für die grauen Nachkriegsjahre gefunden. Zehn Jahre konnte er sich in diesem Erfolg sonnen. Als der Künstler 1956 tot in einem Autowrack gefunden wurde, tat die Welt es als tragischen Unfall ab. Seine Witwe kassierte eine stattliche Versicherungssumme und die ganze Angelegenheit wurde schnell zu den Akten gelegt.

Nur der Beifahrer jener Unglücksfahrt kannte die ganze Wahrheit. Stan Drake war ebenfalls ein erfolgreicher Cartoonist und teilte Raymonds Vorliebe für schnelle Autos. Als er Raymond zu einer Spritztour in seiner neuen Corvette einlud, sagte dieser sofort begeistert zu. Es war eine Einladung, die Drake bedauern sollte. Der von Raymond gesteuerte Sportwagen kam von der Straße ab und flog rund zwanzig Meter durch die Luft. Drake wurde herausgeschleudert und überlebte. Raymond war sofort tot. Ein großes Stück der Windschutzscheibe hatte sich durch seinen Schädel gebohrt.

Als Drake schwerverletzt im Krankenhaus zu sich kam, hatte sein Arzt eine Überraschung für ihn parat: »Dieser verdammte Hundesohn wollte sie mitnehmen!«. Raymond war in jenem Monat bereits aufgrund vier weiterer Autounfälle eingeliefert worden. Für den Arzt war es ein klarer Fall von Selbsttötung.

Zuerst versuchte auch Raymonds Versicherung zu beweisen, dass der Unfall absichtlich herbeigeführt wurde. In diesem Fall wäre die Witwe des Zeichners leer ausgegangen. Doch nachdem alle involvierten Personen schwiegen, wurde die Versicherungspolice schweren Herzens ausgezahlt.

Über Raymonds Motiv kann man nur spekulieren. Er war unglücklich verheiratet und hatte eine Geliebte. Seine streng katholische Frau wollte ihn jedoch nicht gehen lassen. Drake enthüllte die vollständige Geschichte des Unfalls erst vier Jahrzehnte später in einem Interview. Die Wucht des Unfalls hatte ihm damals buchstäblich beide Ohren vom Kopf gerissen.

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fbm11_02Die meisten Menschen, die ich kenne, unterteilen das Jahr nach den Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Autoren und Verlagsmenschen ticken vielfach anders. Für sie beginnt das Jahr erst im März: mit der Frühjahrsbuchmesse in Leipzig. Zu Ende geht es für sie nicht mit Silvester oder Weihnachten, sondern schon ein paar Wochen vorher, im Oktober, mit der Herbstbuchmesse in Frankfurt.

Während der Buchmessen stehen diese Menschen in voller Blüte, in der Zeit dazwischen wurschteln sie relativ lautlos vor sich hin, oftmals nach dem Motto »Muss ja«. Und wer weiß? Vielleicht gehöre ich inzwischen auch zu diesem sonderbaren Menschenschlag.

Zum Glück war es letzte Woche wieder soweit: Das Jahr ging zu Ende. Die Ausstellungs- und Messe GmbH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels lud ein zur großen Bücherschau 2011 in Frankfurt. Rund 283.000 Menschen folgten der Einladung. Ich war einer von ihnen. Aus fünf guten Gründen.

1. Runter vom Bürostuhl, rein in die Messehalle

Autoren und Freelancer führen in der Regel ein ziemlich einsames Leben. Natürlich haben sie ihre Termine, Lesungen oder Präsentationen, ihre Stammtische, Bildungsreisen und andere Exkursionen. Einen Großteil ihrer Zeit allerdings arbeiten sie allein in ihren Ateliers und Home Offices und erleben Gesellschaft nur virtuell.

Die Buchmessen bilden da ein echtes Kontrastprogramm. Hier können die »Isolierten« in wenigen Tagen aufholen, was sie zuvor in fünf, sechs Monaten versäumt haben. Kontakte knüpfen und pflegen, sich dabei in die Augen schauen, plaudern, diskutieren, zum Kaffeee einladen, zum Kaffee eingeladen werden etc. Mein lieber Kollege Karsten Weyershausen stellte bei einer unserer nächtlichen Küchenpartys eine steile These auf. Er behauptete, ein Buchmessenbesuch ersetze in vielen Fällen die fehlende Bürogemeinschaft. Ich wollte ihm nicht widersprechen.

2. T.C. Boyle – What’s New?

Als Betreiber von www.tcboyle.de ist T.C. Boyle nach wie vor einer der Hauptgründe, warum ich Halbjahr für Halbjahr zur Buchmesse fahre. Wenn es etwas Neues über den von mir verehrten Schriftsteller gibt, erfährt man es in Leipzig oder Frankfurt zuerst. Okay, nicht immer, aber immer öfter.

Dieses Mal habe ich in Erfahrung bringen können, dass a. ) Boyles neuer Roman »When the Killing’s Done« bereits im Januar 2012 auf deutsch erscheint; b.) er bei seiner Lesereise durch Deutschland im Mai 2012 auch in kleineren Städten wie Freiburg oder Koblenz gastieren wird; c.) es eine neue Veranstaltungsreihe von der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag gibt, in der Boyle und sein neues Werk involviert sind; und d.) dass man am Stand des Hanser Verlages einen Kaffee serviert bekommt bzw. Coffee to go (je nachdem, wie voll es dort ist).

Ein besonderes Highlight in Sachen Boyle bot der Freitag, als es zu einem knapp zweistündigen Treffen mit dem Übersetzer Dirk van Gunsteren (Boyle, Pynchon, Roth, McCann usw.) kam. Es ist immer wieder spannend, Einblicke in die Arbeit von Literaturübersetzern zu bekommen, vor allem dann, wenn einem die Hintergründe von so sympathischen Menschen wie Dirk van Gunsteren erklärt werden.

Nicht weniger erfreuliche Treffen mit treuen Mitgliedern des tcboyle.de-Forums rundeten meine Boyle-Mission in Frankfurt ab. Gut, dass T.C. Boyle selbst nicht auf der Messe war. Für ihn hätte ich bei meinem vollen Terminplan gar keine Zeit gehabt.

3. Buchmessenbesucher im Klimakterium

Kollege Weyershausen meint ja immer, ich solle mich mehr um die eigene Autorenkarriere kümmern, statt einen Millionär in Kalifornien noch reicher zu machen, als er schon ist. Daran wollte ich mich dieses Mal halten, und ja, Herr Weyershausen hat recht: Wenn man einen neuen Buchvertrag in der Tasche hat, macht so eine Buchmesse gleich noch viel mehr Spaß.

Nicht missen möchte ich daher unseren Besuch beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, wo man nicht nur junge Sex-Göttinnen verlegt, sondern auch ältere Männer, die sich bereits in den Wechseljahren sehen. Dieses Jahr haben wir am Tisch des Verlegers Platz genommen, im nächsten Herbst dann hoffentlich wieder auch im Regal mit den Neuerscheinungen.

Und wehe, es macht mir jemand meine Midlife-Krise kaputt und behauptet, ich habe gar keine. Haha! So wie ich auf der Messe geschwitzt habe, muss das etwas mit den Wechseljahren zu tun haben, und nicht mit dem ewigen Hin- und Hergelatsche zwischen den Hallen 3, 4 und 6. Denn was Letzteres betrifft, bin ich nach sieben Messejahren in Folge wirklich gut konditioniert.

4. Die Twitter-Rasselbande

Keine Buchmesse ohne Twittagessen. Die twitternden Büchermenschen sind längst wie eine große Familie – und der Schrecken der Messegastronomie. Denn für über 50 Leute kann man keine Tische mehr reservieren, sondern nur ein Lokal komplett stürmen und alle Menschen ohne Smartphone mit Twitter-App rausschmeißen. Soweit ist es (noch) nicht gekommen. Vielleicht nächtes Jahr. 2012. Nach dem Kalendersystem der Maya soll dann die Welt untergehen, gemeint ist vielleicht aber auch nur ein Twittagessen, das aus allen Nähten platzt.

2011 traf sich die »Twitter-Rasselbande« wie im Vorjahr vor den Imbissbuden im Innenhof. Unmöglich, sich in nur einer Stunde mit allen Teilnehmern über 140 Zeichen hinaus zu unterhalten. Es sind einzelne und immer wieder andere nette Menschen, mit denen sich plötzlich längere, inspirierende Gespräche ergeben. In diesem Jahr u.a. – längst überfällig – mit @demipress, @emju und der Literaturblog-Kollegin @Buchgefluester.

5. Social Dingsbums

Der fünfte und wahrscheinlich nicht der letzte Grund, warum ich gern zur Buchmesse fahre, sind die Vortragsangebote im Bereich Social Dingsbums. Ja. Keine Ahnung, wie der richtige Überbegriff lautet. Den Begriff Social Media sollte man umgehen, wie ich seit Leander Wattigs Bullshit-Bingo weiß.

Was ich meine, sind Vorträge, Präsentationen und Gesprächsrunden für Menschen, die was mit Büchern machen, die über die Digitalisierung der Bücherwelt referieren und nachdenken und über die Bücherwelt im Internet, und die selbst zumindest einen Facebook-Account besitzen, der sich idealerweise weitgehend mit Büchern beschäftigt. Dass hier das Informationsangebot immer größer wird, haben wir Koryphäen wie Wibke Ladwig, Leander Wattig oder Holger Ehling zu verdanken. Oder auch umtriebigen Teams wie das von Bookrix, das früher mal, so vermute ich, in der Glückskeksbranche tätig war.

Nicht alles ist für jeden interessant, nicht jeder Vortrag gelungen. Doch die Veranstaltungen reihen sich mittlerweile im Viertelstundentakt aneinander, sodass man weniger Ansprechendes für kurze Gedanken- oder Plauschpausen nutzen kann und nicht lange warten muss, bis ein anderer Redner etwas Interessanteres zu erzählen weiß oder mit einem Kokolores-Button das Herz des wissbegierigen Messebesuchers gewinnt.

Mein persönliches Fazit

Noch nie hat die Buchmesse in Frankfurt so viel Spaß gemacht wie heute. Kritikern, die behaupten, das Buch an sich gerate immer mehr in den Hintergrund, kann ich nicht zustimmen. Bücher werden auf neue Art hergestellt, vertrieben und gelesen, und es wird anders darüber kommuniziert. Die Frankfurter Buchmesse spiegelt diese Entwicklung wider, das ist ihre Aufgabe. Unter anderem. Sie befindet sich also auf einem guten Weg. Ein weiterer Beleg dafür: Roger Willemsen sichtete ich in diesem Jahr gleich dreimal. Und ja, solange Roger Willemsen in Frankfurt unsere Wege kreuzt, müssen wir uns weder um ihn noch um die Buchmesse irgendwelche Sorgen machen.

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Frankfurter Buchmesse 7.0

fbm11»Sie spielen jetzt kräftig mit Ihrer Anziehungskraft, da brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn die Verehrer bald Schlange stehen« stand es in meinem Wochenhoroskop. Sooo lang war die Schlange bei meinem Signiertermin zwar nicht, doch ich hatte über eine Stunde lang tüchtig zu tun.

Eigentlich ist es ungerecht: Buchautoren müssen nur ihren Namen schreiben, während unsereins noch eine Zeichnung produzieren muss. Oft gibt es ganz spezielle Wünsche wie: »Zeichnen sie eine Ente, die gegen einen Roboter kämpft!« Noch schwieriger wird es jedoch, wenn der Messebesucher einem mit den Worten: »Zeichnen sie irgendwas« einen riesengroßen Papierbogen reicht. »Haben Sie spezielle Wünsche?«, fragt man dann verzweifelt. »Nö … einfach irgendwas!« Tja, dann käst mir das Gehirn, um Dr. Erika Fuchs zu zitieren.

Wenn man es gewohnt ist, in seinem stillen Kämmerlein zu werkeln, ist es schon schwierig vor einem Publikum unter dem Licht eines Scheinwerfers an einem winzigen Pult spontan Zeichnungen zu Papier zu bringen. Vor allem nach einen Messetag, der erst um vier Uhr morgens endete. Und dann noch auf Papier, das eigentlich nicht zum Zeichnen geeignet ist. Es gibt Kollegen wie Michael Holtschulte, die beim Kontakt mit ihren Fans regelrecht aufblühen. Beneidenswert! Ich selbst bevorzuge das stille Kämmerlein.

Es muss die Herbstsonne gewesen sein: Die Frankfurter Buchmesse zeigte sich diesmal von ihrer angenehmsten Seite. Nette Kollegen überall, überraschende Zusammenstöße, interessante Gespräche und wie immer literweise Kaffee.

Die zwei Tage gingen viel zu schnell dahin. Und wie immer habe ich Einiges gelernt: Zum Beispiel, dass man sich vorher die Adresse aufschreiben sollte, wenn man sich auf den Weg zu Verlagspartys macht; dass Alice Schwarzer ganz schön stramme Waden hat; dass in einem indisch-italienischen Restaurant Gästen sogar die Tür aufgehalten wird; dass Herr wortmax etwas Wortspiel-resistent ist und Kollege Burkh immer mehr aussieht wie »Scarface« Tony Montana.

Klar, dass ich auch im nächsten Jahr wieder dabei bin. Wahrscheinlich ist irgendwas in den pappigen Hot Dogs vor Halle 4, was Buchmessen-süchtig macht. Nur: Hoffentlich lässt meine Anziehungskraft bis dahin nicht nach.

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