Wann immer ich mit meinem Freund Jörn telefoniere, kommt es im Verlauf unseres Gesprächs zu einer hitzigen Debatte über das digitale Lesegerät aus dem Hause Amazon, dem »Kindle«. Während Jörn der Meinung ist, so ein Ding sei praktisch, weil platzraubende Bücherregale damit überflüssig wären, vertrete ich genau die entgegengesetzte Meinung. Meine Bücherwand ist nämlich ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Sie ist mit den Jahren stetig gewachsen und hat sich mit mir verändert.
Wenn ich so auf die vielen Buchrücken schaue, sehe ich, wie lang der Weg ist, den wir zusammen zurückgelegt haben, meine Bücher und ich. In einer der untersten Reihen findet man eine illustrierte Version des »Dschungelbuchs«, das ich als Kind geradezu verschlungen habe. Unmittelbar daneben stehen diverse Comicbände mit einer berühmten Ente im Matrosenanzug. Natürlich darf bei meiner Aufzählung auch ein inzwischen total zerfleddertes Buch über alte Segelschiffe nicht fehlen, das ich so oft durchgeblättert habe, bis sich die Seiten lösten. Gerade deshalb wird es immer einen Ehrenplatz in meinem Regal haben.
Viele Bücher, die früher zu meinen Schätzen zählten, fristen heute ein Dasein in meinem Keller. Besonders die Comics, die ich damals geradezu verschlang. Inzwischen weiss ich, dass ich die vielen Hefte und Alben nie wieder durchblättern werde. Sie gehören zur Vergangenheit, der ich entwachsen bin. Um nicht von den Büchern verschlungen zu werden, mustere ich jedes Jahr Urlaubslektüre oder Titel, die ich spontan auf Grabbeltischen erworben habe, aus. Natürlich auch alle Bücher, die mir heute einfach nur peinlich sind. Das Dumme ist nur, dass sich in meinem Keller inzwischen fast so viele Bücher befinden, wie in meinen vier Wänden. Insgesamt 40 Kisten. Das macht jeden Umzug zum Horrorszenario. Ein gutes Argument für digitale Bücher.
Einige Bücher in meinem Regal sind inzwischen Sammlerstücke. Ein paar davon sogar signiert und mit einer Widmung versehen. Einige habe ich von Menschen geschenkt bekommen, die mir sehr viel bedeutet haben. Mit jedem dieser Bücher ist ein Stück Erinnerung verbunden. Nie würde ich mich von ihnen trennen. Ein kleiner Teil meines Regals ist auch für meine eigenen Werke reserviert. Ich bin selbst erstaunt, wenn ich sehe, wie viel ich in den letzten Jahren geschafft habe. Bei aller Selbstkritik bin ich auf diese Leistung stolz. Können ein paar Textzeilen auf einem Lesegerät ähnliche Gefühle auslösen?
Einer der Vorteile der digitalen Bücher ist, dass man in Zukunft alle Titel sekundenschnell aus dem Internet herunterladen kann. Der Weg zum Buchhändler würde damit der Vergangenheit angehören. Aber wäre das wirklich ein Vorteil? Ich liebe es in Buchhandlungen herumzustöbern. Oft entdeckt man durch Zufall Titel, von denen man nie zuvor gehört hat; oder man erwischt ein preisreduziertes Mängelexemplar, dessen einziger Mangel der Stempelaufdruck »preisreduziertes Mängelexemplar« ist. Es sind die kleinen Erfolgserlebnisse des Alltags, um die man sich bringen würde. Sind wir wirklich so träge?
Noch schlimmer finde ich jedoch, wie viele Buchhändler inzwischen diverse Lesegeräte anbieten und so mithelfen ihr eigenes Grab zu schaufeln. Auch die Verlage sehen in erster Linie nur eine höhere Gewinnspanne, falls die Papier- und Druckkosten, der Vertrieb, die 15 Prozent für den Großhandel und die 30 Prozent für die Buchhändler eines Tages wegfielen. Wenn die Leser der Zukunft den neuen Dan Brown direkt von der Website des Verlags downloaden würden, was könnte man für einen Reibach machen! Allerdings: Was sollte Erfolgsautoren wie Dan Brown davon abhalten, ihr nächstes Buch auf der eigenen Website anzubieten?
Ein Blick auf den desolaten Zustand der Musikindustrie würde den Buch-Machern vielleicht die Augen öffnen; denn jeder noch so gute Kopierschutz kann geknackt werden. Die verlockende Aussicht auf kurzfristige Profite scheint einigen Verlagen den Blick auf die langfristigen Konsequenzen zu versperren, die sich ergeben können. Aus Angst einen Trend zu verpassen, stürzen sie sich begierig wie die Lemminge in den Abgrund.
Den besten Kopierschutz bietet immer noch das gedruckte Buch. 300 gute Computerausdrucke sind fast so kostspielig wie ein Taschenbuch. Natürlich kann man mit einem Scanner und einer guten OCR-Software jeden noch so dicken Schmöker selbst digitalisieren. Doch das ist eine Mordsarbeit. Wer schon mal ein komplettes Buch auf dem Fotokopierer vervielfältigen musste, weiss wovon ich spreche. Der Buchhandel bleibt deshalb die letzte Bastion gegen die mittlerweile unkontrollierbare Internet-Piraterie. Andernfalls werden wohl nur noch ältere Leser, die zu blöd sind Unterhaltungsmedien im Internet zu klauen, den Buchmarkt der Zukunft finanzieren.
Kleinstverlage, windige Geschäftemacher und Hobbyautoren sehen diese Entwicklung dagegen als große Chance – da sie nichts zu verlieren haben. Durch die unnötig gewordenen Druckkosten und Vertriebswege könnte ein goldenes Zeitalter der Literatur anbrechen, schwärmen einige Optimisten bereits. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass eine monströse Lawine dilettantisch hingeschluderter »eBooks« auf den digitalen Buchmarkt einbrechen wird, vor der uns die herkömmlichen Mechanismen des Buchhandels bislang verschont haben.
Neulich erzählte mir Jörn, dass er vorhat, sich ein »iPad« zu kaufen. Nicht um damit Bücher zu lesen, sondern um das gute Stück beruflich zu nutzen – und natürlich für die digitale Ausgabe seiner Tageszeitung. Das »iPad« ist zwar im Moment nichts anderes als ein übergroßer »iPod Touch«, doch man kann mit dem größeren Touchscreen allerlei nette Sachen anstellen, die sogar mich begeistern. Natürlich hat Apple dieses Gerät nur auf den Markt gebracht, um dem »Kindle« das Wasser abzugraben. Doch wenn selbst ein renitenter Kauz wie ich mit dem Gedanken spielt, sich so ein Teil zuzulegen, dann sollte man sich um die Zukunft wirklich Sorgen machen. Daher mein Rat, liebe Brüder und Schwestern: Lasset uns das »Kindle« mit dem Bade ausschütten. Und das »iPad« hinterher! Hallelujah!
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