»Wer aus Brüssel berichtet, bewegt sich zwischen Traum und Bürokratie«, behauptete mal ein ARD-Korrespondent. Ach ja … Brüssel war jedenfalls schon immer eines meiner Traumziele. Franquin, Tillieux, Hergé und unzählige andere geniale Comiczeichner begannen hier ihre Karriere.
Als wir mit Jean-Marie Mathues alias Quirit durch die Straßen gingen, konnte man fast den Hauch der Geschichte atmen. Überhaupt bietet die Stadt alle zehn Meter andere undefinierbare Gerüche. Am liebsten hatte ich den Hauch von Waffeln in der Nase. Brüssel wäre mein Untergang. Überall gibt es Süßigkeiten und exotische Biersorten, die man natürlich sofort probieren muss. Aus den Restaurants strömen wunderbare Düfte köstlich aussehender Fischplatten. Also: Augen geradeaus, den Bauch einziehen und schnell weiter!
Mein Agent, Herr Licensegarden, ist nicht nur geschäftstüchtig, sondern auch clever. Mit einer Fahrt nach Antwerpen zum legendären Cartoonisten Quirit lockte er selbst den größten Stubenhocker unter den Cartoonisten (= mich) nach Belgien. Schon die Fahrt dorthin war ein Abenteuer. Kurz vorher war in einem Zug der Deutschen Bahn die Klimaanlage ausgefallen, woraufhin etliche Fahrgäste kollabierten. Sollte man so ein Risiko eingehen? Ich entschloss mich dazu, denn im Falle meines Ablebens durch einen Hitzekoller würde die Deutsche Bahn meinen Hinterbliebenen wenigstens den halben Fahrpreis zurückerstatten.
Die Arbeiten von Quirit, der als einer der härtesten Cartoonisten der Branche gilt, kannte ich schon ganz lange. Ich stellte ihn mir immer als eine wilde Mischung zwischen Jack Nicholson und Hugh Hefner vor. Warum weiss ich auch nicht so genau. Natürlich ist er ganz anders. Er ist der einzige Cartoonist, den ich kenne, der einen Säbel besitzt, denn sein Hobby ist es, mit Gleichgesinnten in historischen Kostümen berühmte Schlachten aus Napoleonischen Tagen nachzuspielen. Ungefährlich ist das nicht, wie eine lange Narbe an seinem Unterarm beweist. Jean-Marie Mathues zeichnet tagesaktuelle Cartoons, von einer kompromisslosen Schwärze, die bei uns unmöglich wäre. In diesem Jahr erhielt er sogar Todesdrohungen.
Nebenbei ist er noch ein hervorragender Gastgeber und Erzähler. Als die Invasion seiner deutschen Kollegen anrollte, griff er nicht zum Säbel, sondern rollte den Grill raus. So kam es, dass meine hochgeschätzten Kollegen Kittihawk, Steffen Butz und Harm Bengen in seinem Garten mit Zeltstangen hantierten, statt mit Zeichenfedern. Während die harten Naturburschen noch am Schwitzen waren, hatte Kittihawk alias Christiane Lokar ihr Zelt längst aufgebaut. Kein Zweifel: Die Zukunft gehört den Frauen.
Apropos Zukunft: Auch der Klimawandel ist in Belgien spürbarer als bei uns. Immer öfter gibt es Tornados, die Menschenleben fordern. Das Wetter schlägt in Sekundenschnelle um.
Einmal das berühmte Brüsseler Comicmuseum zu besichtigen, war schon seit Jahren mein großer Traum. Leider kam immer irgendetwas dazwischen. Deshalb war dieses Wochenende fast wie Weihnachten für mich. Besonders schön war es jedoch, solche Eindrücke mit anderen Zeichnern zu teilen, die all dies zu schätzen wussten.
Ursprünglich hatte ich vor, mit einer Tasche voller Bücher zurückzukehren. Doch obwohl ich genügend Geld dabei hatte, kaufte ich mir lediglich ein einziges Album. Das riesige Angebot und die vielen Eindrücke haben mich wie erwartet völlig erschlagen. Vielleicht beim nächsten Mal. Die herrlichen alten Gebäude, der berühmte Grote Markt … man muss viel Zeit haben, um sich alles ansehen zu können. Auf dem Rückweg machten wir sogar einen kleinen Abstecher nach Waterloo. Jetzt werden alle Abba-Fans, die ich kenne, sicher gelb vor Neid!
Was habe ich auf unserer Reise gelernt? Dass ich unbedingt Französisch pauken muss, dass die Sonnenuntergänge in Antwerpen selbst abgebrühten Zynikern Tränen in die Augen treiben, dass Belgierinnen, die Laurence heißen, immer automatisch hübsch sind (hatte ich schon geahnt), dass Harm Bengen nie die Witze ausgehen, dass politische Diskussionen die Stimmung versauen können, dass ich ohne Kopfkissen schnarche, dass die Zugbegleiter in Holland klasse sind und dass Belgien genauso schön ist, wie ich immer dachte. Mein besonderer Dank gilt auch Kittihawk, die dafür sorgte, dass ich den richtigen Zug erwischte.
Auf der Rückfahrt hatte mich die grausame bundesdeutsche Realität wieder. Die Klimaanlage des Zugs von Köln nach Hannover fiel aus. Kein Scherz! Doch diesmal war die Crew der Deutschen Bahn vorbereitet und bat die Fahrgäste in ein anderes Abteil. »Sie können auch bleiben, aber jammern sie nicht, wenn sie zusammenbrechen!« hieß es barsch. Zumindest konnte ich während der Fahrt heimlich meine schlafenden Mitreisenden zeichnen. Cartoonisten sind eben fies!

In dem Film »Die fabelhafte Welt der Amélie« von Jean-Pierre Jeunet gibt es diese wunderbare Szene, in der ein älterer Mann namens Dominique Bretodeau nach vielen Jahrzehnten ganz plötzlich mit einer kleinen Blechdose voller Spielzeug, den Schätzen seiner Kindheit, konfrontiert wird. Genau so erging es mir in der vergangenen Woche, als ich für ein paar Tage in Prag weilte.
Wo Herr wortmax und ich früher den lieben langen Tag ziellos durch die Gänge der Buchmessen irrten, haben wir heute unsere Termine. Das ist zwar einerseits sehr schön, artet aber andererseits immer mehr in Arbeit aus. Irgendwie ist da die Leichtigkeit abhanden gekommen, dachte ich mir, als ich in einer freien Stunde allein durch die Gänge schlurfte. Leicht bekleidete Manga-Mädels, Literaten mit dünnen Fettfrisuren, Schüler mit dicken Rucksäcken; sie alle habe ich in den letzten Jahren immer weniger wahrgenommen.
Letzte Woche waren Herr Weyershausen und ich keine Braunschweiger. Letzte Woche waren wir Bremer, und das ist wirklich eine tolle Nachricht. Denn es gibt nicht wenige Momente, in denen Braunschweiger lieber Bremer sein wollen.
Zualledem wurde uns die große Ehre zuteil, zusammen mit einer echten britischen Gitarrenlegende aufzutreten: Robert Wood.
Ein seltsames Murmeln erfüllte am letzten Wochenende das nächtliche art’otel in Dresden. Es waren die Stimmen von etwa 70 Cartoonisten, die ihre Dankesreden übten. Ein paar Stunden zuvor wurden sie beim alljährlichen Karikaturistenstammtisch informiert: »Alles ist möglich. Jeder sollte eine kleine Ansprache vorbereitet haben.« Gewonnen haben am nächsten Tag nur diejenigen, die wenige Wochen zuvor – wie fast jedes mal in letzter Zeit – von einem Kamerateam besucht wurden. Denn bei der Preisverleihung werden stets kleine Filme über den Arbeitsalltag der Gewinner gezeigt. Man sieht: Auch Cartoonisten sind manchmal etwas naiv.
Mittwoch, 14. Oktober 2009, Frankfurt am Main, die Sonne scheint, die Frisur sitzt. »Sieh nur«, sagte der Kollege Weyershausen auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Messegelände, »das schöne Wetter, das ist ein Zeichen!«
Reisen bildet. Erst seit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse weiß ich zum Beispiel, dass ohne Handy gar nichts geht. Außerdem, so wurde mir gesagt, sei die Selbstbedienungs-Restaurantkette »Vapiano« nur ein »McDonald’s« für Neureiche und Angeber.
Roger Willemsen ist ein Mann der Widersprüche. Ein Kerl, der langsam auf die 60 zugeht und noch immer wie ein Konfirmand wirkt. Ein Bücherwurm mit der Statur eines Sportlers. Ein Intellektueller, der gleichzeitig einen Sinn für die trashigen Aspekte des Lebens hat. Wer ihn einmal live erlebt hat, den überkommt eine gewisse Demut, wenn es um die Beurteilung der eigenen Geistesgaben geht.
Es gibt viele Gründe, um im März nach Leipzig zu fahren. Zum Beispiel, um sich im berüchtigten Club 21 an der »Mr. und Mrs. Knackarsch«-Wahl zu beteiligen. Oder um im »Don Camillo« alternde Intellektuelle mit ihren jungen Geliebten zu beobachten. Mein alter Freund Herr wortmax und ich zogen dagegen wie in jedem Jahr die Buchmesse vor. Wir sind nun mal Gewohnheitstiere.
Endlich ist es wieder soweit: Mein Kollege Herr wortmax und ich brechen in dieser Woche wie in jedem Jahr leichten Herzens und mit klarem Blick auf, um im Land der aufgehenden Sonne (Sachsen) unser Glück zu machen. Oder schlichter formuliert: Wir fahren zur
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