Weltschallplattentag

sparks01Neulich war ich auf der tollen Party einer Werbeagentur, für die ich schon seit über zehn Jahren arbeite. Ich stand an der Theke und hielt Ausschau nach bekannten Gesichtern, als mir plötzlich jemand ins Auge fiel, den ich von irgendwoher zu kennen glaubte. Einige Minuten lang kramte ich tief in meinen Erinnerungen, dann sprach ich ihn an: »Entschuldigung, wir kennen uns doch von irgendwoher, oder?«

Wir kannten uns tatsächlich von irgendwoher. Der Angesprochene entpuppte sich als mein früherer Lieblings-Schallplattenverkäufer. Als er noch Schallplatten verkaufte und wir uns das letzte Mal gesehen hatten, waren Lukas Podolski und Keira Kneightley noch nicht einmal ein »Quak« im Schaufenster.

Man schrieb das Jahr 1983. Wir jubelten damals gemeinsam in der Eilenriedehalle in Hannover der kanadischen Rockband Saga zu, die gerade ihr Album »Heads or Tales« veröffentlicht hatte. Im Vorprogramm von Saga schwitzte und trällerte Chris Rea, auf den ich hier aber nicht weiter eingehen möchte. Denn den kannte damals kaum eine Sau. Ja, so lange ist das schon her.

Doch zurück zur Agenturparty. Die lief leider etwas an mir vorbei. Statt wichtige neue Geschäftskontakte zu knüpfen und mich an dem originellen Programm der Gastgeber zu erfreuen, hatte ich nur noch Ohren und Augen für meinen Schallplattenverkäufer. Wir saßen über Stunden hinweg an einem Tisch und unterhielten uns, über unsere Lebenswege, über die 80er Jahre, die so schlecht nicht waren, und natürlich über Schallplatten.

Eine Woche später, am 12. August 2010, machte mich der Journalist und Kommunikationsberater Jörg Marx über Twitter darauf aufmerksam, dass es den »Welttag der Schallplatte« zu feiern gibt. Reiner Zufall, könnte man jetzt behaupten. Ich glaube jedoch eher daran, wieder einmal auf das Mystische gestoßen zu sein, das die Schallplatte seit jeher umgibt.

Beispielsweise erinnere ich mich noch gut und gern daran, wie ich als Jugendlicher Mitte der 80er Jahre eine Tante in Köln besuchte, wie sie mir einen Hunderter zusteckte und mich zum Shoppen in die Stadt schickte, und wie ich – Kind der Provinz – daraufhin erstmals das dreistöckige Schallplattenhaus Saturn am Hansaring betrat, wo die Schallplatten nicht alphabetisch sortiert waren, sondern nach Bestellnummern. Von da an wusste ich, wie sich Christoph Kolumbus gefühlt haben musste, als er nach endlosen Wochen auf See Amerika entdeckte.

»Also«, dachte ich heute morgen, »schreib doch in deinem Blog mal eine Geschichte über deine Schallplattensammlung.« Ein Ding der Unmöglichkeit, wie ich gleich darauf feststellte. Denn es befinden sich über 700 Exemplare schwarzen und farbigen Vinyls in meinem Regal. Es gibt dazu nicht nur eine Geschichte, sondern über 700!

Schon klar: Nicht jede dieser Geschichten ist für andere interessant, und nicht jede dieser Geschichten würde ich hier erzählen wollen. Doch soviel steht fest: Wenn ich mal nicht weiß, über was ich schreiben soll, genügt ein Blick in meine Schallplattensammlung.

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edit: Habe nochmal auf die Schallplatte »Heads or Tales« geschaut und musste nachträglich die Jahreszahl von besagtem Saga-Konzert korrigieren. Das war nicht – wie zuerst angegeben – 1985, sondern 1983. Da quakten Philipp Lahm und Amy Winehouse im Schaufenster. Mann, mann, mann.

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Gedudel im Hintergrund

GedudelWenn ich schreibe, muss es mucksmäuschenstill sein, beim Zeichnen hingegen ist etwas Gedudel im Hintergrund eher förderlich. Die Zeit vergeht einfach schneller. Deshalb nutze ich die Stunden vorm Computer gern, um meinen musikalischen Horizont zu erweitern.

Vor ein paar Tagen habe ich entdeckt, dass ich laut iTunes ein Stück schon über 100 mal hörte! Reife Leistung! Zumal ich den Rechner erst seit einem Jahr besitze. Im Schnitt befinden sich etwa 500 Titel in meiner Wiedergabeliste. Mehr finde ich unübersichtlich. Allerdings wird ständig ergänzt und ausgemistet, denn ganz oft habe ich eine CD schneller satt, als man »pneumatische Pneutologie« sagen kann.

Es könnte ja jetzt Einige geben, die sich fragen, was der Herr Kartonist so den lieben langen Tag hört. Ein schnöder Mausklick auf den Zähler enthüllt meine ganz privaten Charts (hier in knackigen Live-Versionen). Biddeschööön:

1. Brand New Day – Joshua Radin
(103 Aufrufe)
Joshua Radin habe ich durch Zufall entdeckt. Die allerletzte Folge von Eli Stone, eine der wenigen Serien, die ich gern gesehen habe, endete zu den Klängen von »Brand New Day«. Neugierig wie ich bin, habe ich mir sofort seine beiden CDs »Simple Times« und »We were here« besorgt. »Brand New Day« ist so ein Titel, der einfach jedwede schlechte Laune vertreibt, finde ich. Ulkigerweise singt ihn Radin bei jedem Auftritt völlig anders. Ich mag die CD-Version, doch auch die etwas flottere Video-Fassung hat was.

2. Clair de lune – Alexis Weissenberg
(58 Aufrufe)
Inzwischen höre ich immer öfter klassische Musik. Wahrscheinlich werde ich alt. Zum Glück dirigiere ich dazu (noch) nicht mit dem Kochlöffel. »Clair de lune« von Claude Debussy ist so schön, dass es seit Jahrzehnten für etliche Filme zweifelhafter Qualität missbraucht wurde. Fast jeder hat es daher schon einmal gehört. Ein unglaublich emotionales, fast kitschiges Stück. Allerdings muss ich gestehen, dass mich der Rest der »Suite Bergamasque« nicht unbedingt aus den Latschen haut. Aber ich bin halt ein Banause.

3. A Change – Sheryl Crow
(52 Aufrufe)
Waren es die aufreizenden Pressefotos in knappen Shorts? Sheryl Crow mochte ich jedenfalls auf Anhieb, obwohl mich ihr Debüt »Tuesday Night Music Club« nicht soooo sehr beeindruckt hat. Die zweite CD tat dies umso mehr. Im Schnitt finde ich auf jedem Silberling nur vier Stücke, die mir gefallen. Hier waren es satte acht. Respekt! Ihre nachfolgenden Scheiben waren indes sehr durchwachsen. Bei »C’mon C’mon« sah ich sie schon als spießige Country-Tusse enden. Doch zum Glück hat sich die gute Sheryl wieder gefangen. »Home« und »A Change« sind bis heute zwei meiner allerliebsten Songs.

4. Girl from the North Country – Bob Dylan/Johnny Cash
(46 Aufrufe)
Bob Dylan fand ich viele Jahre lang einfach furchtbar. Für mich war er ein nölender alter Opa, der dringend etwas wegen seiner verstopften Stirnhöhle unternehmen sollte. Erst im vorletzten Jahr entdeckte ich, dank Martin Scorseses genialer Dokumentation, endlich die Heiligkeit von His Bobness. Obwohl sein Duett mit His Cashness kein Karrierehighlight darstellt, ist »Girl from the North Country« ein wunderbar gefühlvoller Titel, an dem ich mich nie satt höre.

5. Isn’t it a Pity – Bettye LaVette
(36 Aufrufe)
Ich habe schon immer eine Schwäche für exzentrische Frauen gehabt. Vor allem, wenn sie so viel Talent besitzen, wie Bettye LaVette. Mit »INTERPRETATIONS: The British Rock Songbook« hat sie im reifen Alter von 64 erstmals einen Welterfolg gelandet. Besonders ergreifend finde ich »Isn’t it a Pity«, die Coverversion eines George Harrison-Klassikers. Wenn eine gestandene Frau wie LaVette die Dummheit dieser Welt besingt, bekommt der Text sofort eine ganz andere Dimension.

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In Heaven or Hell

Heaven or HellDie meisten Heavy Metal-Fans sehen Ozzy Osbourne als den besten Black Sabbath-Sänger aller Zeiten an. Nicht wenige sind sich vielleicht gar nicht bewusst, dass es da auch noch andere gab. Eigentlich sogar ganz schön viele, denn Black Sabbath zählen zusammen mit Deep Purple zu den zickigsten Bands in der an Diven nicht eben armen Metal-Szene. Trennungen und Reunions sind da an der Tagesordnung. Für mich persönlich jedenfalls ist Ronnie James Dio der eigentliche Black Sabbath-Sänger. Der erste Eindruck ist ja immer der prägende und bevor ich die Ozzy-Alben kannte, hörte ich damals, 1982, den Konzertmitschnitt »Live Evil« rauf und runter und natürlich rückwärts, auch wenn ich dabei die versprochenen satanischen Botschaften nicht entdecken konnte. Dafür wurde mir die Platte allerdings bei einer Geburtstagsparty gestohlen, weshalb ich sie mir ein zweites Mal zulegen musste. Ich denke, das zeigt deutlich, wie sehr ich sie schätzte.

Ronnie James Dio wurde 1942 als Ronald James Padavona im amerikanischen Portsmouth geboren. Seit seinem 5. Lebensjahr machte er auf Drängen seines Vaters Musik, mit 15 spielte er in seiner ersten Band, »The Vegas Kings«. Bescheiden wie er war, benannte er sie in »Ronnie & The Rumblers« und später in »Ronnie and the Red Caps« um. Sein eigener Name gefiel ihm aber auch nicht so gut. »Dio« (italienisch für »Gott«) fand er treffender, auch wenn er dabei nicht an den Herrn im Himmel, sondern an den damals berühmt-berüchtigten und polizeilich bekannten Mafiosi Johnny Dio gedacht haben soll. Es folgte eine weitere sendungsbewusste Umbenennung der Band in »Dio and the Prophets« und ein erstes Album: »Dio at Domino’s«.

Erste wirkliche Erfolge gab es erst nach einigen Besetzungswechseln und unter neuem Namen: »The Electric Elves«. Dieser wurde später auf ein schlichtes »Elf« verkürzt. Die Musik wurde dagegen härter. Ihr rauer Blues und harter Rock brachte ihnen die Aufmerksamkeit von Deep Purple ein, für die sie schließlich auch als Vorband spielen durften. Nachdem sich Ritchie Blackmore während einer Plattenproduktion mit Deep Purple überworfen hatte, gründete er zusammen mit Dio »Ritchie Blackmore’s Rainbow«. Das trotzig »Rising« betitelte und 1976 unter dem Bandnamen Rainbow veröffentlichte Debüt-Album darf als ein Klassiker des Genres angesehen werden, zudem es hierbei zu einer Beispiel gebenden Zusammenarbeit mit einem Philharmonischen Orchester kam.

Natürlich konnten Blackmore und Dio nicht auf Dauer zusammenarbeiten – es kann eben nur einen Star in der Band geben. Deshalb wechselte Dio zu Black Sabbath, die sich gerade von Ozzy Osbourne getrennt hatten. Auch hier leistete Dio Großes und bescherte den Heavy Metal-Pionieren mit den Platten »Heaven and Hell« und »Mob Rules« Riesenerfolge und hohe Chartplatzierungen. Ob Dio mit seiner theatralischen, opernhaften Stimme besser singt als der immer etwas knödelnde Ozzy, sei dahingestellt, das Songwriting war jedenfalls brillant. Auf diesem Erfolgsweg konnte es natürlich nicht einfach so weitergehen.

Dem oben erwähnten großartigen Album »Live Evil« folgte deshalb konsequenterweise die Trennung von Black Sabbath (wegen »persönlicher Differenzen«) und die Gründung einer eigenen Band, die nun auch ganz einfach nach ihm benannt wurde: Dio. Um im religiösen Bilde zu bleiben, hieß die erste, 1983 veröffentlichte Platte daher konsequenterweise auch »Holy Diver«. Der Erfolg war gigantisch und wurde nur von dem Nachfolgealbum »The Last in Line« übertroffen.

Leider schafft es erfahrungsgemäß kaum eine Band die Qualität ihrer ersten Platten zu erreichen, und so konnten Dio mit ihren weiteren Veröffentlichungen nicht an die beiden Anfangserfolge anknüpfen, spielten aber geschickterweise ihren Klassiker »Holy Diver« einfach noch mal live ein.

Auch der Wiedereinstieg bei Black Sabbath im Jahre 1992 war nur von kurzer Dauer – nachdem man von Dio verlangt hatte, bei zwei »Abschiedskonzerten« (den ersten von vielen) von Ozzy Osbourne zu spielen, verließ er angesichts dieses absurden Vorschlags die Band wieder. Die Feindschaft mit Ozzy Osbourne blieb eine Konstante im Leben von Ronnie James Dio.

Nach der erneuten Trennung von Black Sabbath reaktivierte er seine eigene Band wieder. Sie blieb, sieht man mal von einem Zwischenspiel im Jahre 2007 ab, bei dem er unter dem Namen »Heaven and Hell« mit anderen ehemaligen Black Sabbath-Mitgliedern auftrat, sein Hauptprojekt.

Eine weitere kulturelle Großtat war die Popularisierung des Teufelshörnerzeichens: Zeigefinger und kleiner Finger werden von der Faust abgespreizt. Anders lautenden Gerüchten zum Trotz hat er allerdings dieses Zeichen nicht in die Musikszene eingeführt. Die Beatles benutzten es schon 1968 im Artwork und auf Promofotos für das Album und den Film »Yellow Submarine«. Dio behauptete, dieses Zeichen, das auch gerne als „Pommesgabel“ bezeichnet wird, von seiner Großmutter zu kennen, die es benutzt habe, um den bösen Blick abzuwehren.

Am 16. Mai 2010 starb Ronnie James Dio in Houston an Magenkrebs.

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nico2In dem Film »Die Royal Tenenbaums« gibt es eine Szene, die meiner Meinung nach zu den ganz großen Momenten des Kinos zählt.

Margot Tenenbaum (gespielt von Gwyneth Paltrow) steigt am Hafen aus einem Linienbus, um ihren Bruder Richie (gespielt von Luke Wilson) abzuholen, der vor einem Meer aus Koffern auf sie wartet. In dem Moment, in dem Margot den Bus verlässt, setzen die ersten Takte von »These Days« ein und die Welt bewegt sich in Zeitlupe. In dieser einzigen Szene ist alles über diese Figuren gesagt, was es zu sagen gibt.

Technisch gesehen ist »These Days« kein schöner Song, denn Nico, die Interpretin, mag Vieles sein – nur eben keine gute Sängerin. Doch trotz des harten teutonischen Akzents, trotz der spröden Stimme, trotz der Monotonie, mit der sie den Text vorträgt, trifft der Titel mitten ins Herz. Was ihr an Können fehlte, machte sie mit Aufrichtigkeit wett. »These Days« erzählt nicht von Frohsinn, Sonne, Cha Cha Cha, sondern von einer verletzten Seele:

These days I seem to think a lot
About the things that I forgot to do
And all the times I had the chance to.

Melancholie pur. Für so einen Song war die schwermütige Nico die ideale Interpretin. Hier zeigt sich das wahre Genie von »Tenenbaum«-Regisseur Wes Anderson: Um die Gefühle einer unglücklichen Hauptfigur darzustellen, griff er zum Gesang einer unglücklichen Sixties-Ikone.

In der Zeit, in der dieser Song entstand, waren dunkle Töne im Mainstream eher selten. Selbst die traurigste Ballade bot den Hörern am Ende zumindest einen Hoffnungsschimmer. Bei »These Days« wartet man darauf vergebens. Selbstmitleid ist schließlich die verlockendste aller Eitelkeiten. Doch erstaunlicherweise passiert dies hier ohne Grandezza. Am Ende des Songs heißt es schlicht:

Please don’t confront me with my failures,
I had not forgotten them.

Nicos wahrer Name lautete Christa Päffgen. In den 50ern und 60ern zählte die gebürtige Kölnerin zu den schönsten Frauen der Welt. Sie trat in Fellinis Klassiker »La Dolce Vita« auf, war Muse von Andy Warhol und fester Bestandteil seiner Factory. So beeindruckt war Warhol von der kühlen Grazie, dass er sie den Mitgliedern seiner Hauskapelle »The Velvet Underground« als Sängerin aufdrückte. Wer ihren Gesang zum ersten Mal hört, der versteht, warum die Band rebellierte.

Doch obwohl Lou Reed sie flugs aus der Band rausekelte, fand Nico Gefallen an der Musik. Ein Soloalbum mit dem Titel »Chelsea Girl« (1967) entstand, für das der junge Songwriter Jackson Browne, der damals mit der Diva liiert war, die besten Nummern beisteuerte: »These Days« und »The Fairest Of The Season«, die man beide auch auf dem Soundtrack der »Royal Tenenbaums« findet. Obwohl der Produzent nachträglich versuchte die Lieder durch gefällige Arrangements massenkompatibler zu machen, kamen seine Bemühungen gegen Nicos eigentümlichen Gesang nicht an.

»Chelsea Girl« enthält viele eingängige Melodien, die jedoch sämtlich an der Verweigerungshaltung der Sängerin scheitern. Nur bei »These Days« und »The Fairest Of The Season« ist das Ergebnis traurig-schön. Eigentlich als ein reines Kommerzprodukt geplant, das Kapital aus Nicos damaliger Popularität schlagen sollte, wurde die LP später zum Kultobjekt. Natürlich wurde das Werk ein finanzieller Flop. Die Fans des Models erwarteten fröhlichen Girlie-Pop. Für den Weltschmerz der Schönen und Erfolgreichen hat sich schon damals kein Schwein interessiert.

Nico jedoch fand ihre neue Berufung. In den Folgejahren nahm sie mehre Alben auf, die sich allesamt jenseits des Massengeschmacks bewegten; einige davon zusammen mit ihrem ehemaligen Bandkollegen John Cale, der ihr kommerzielles Scheitern mit dem berühmten Satz »Man kann Selbstmord nicht verpacken« kommentierte. Die neue Nico färbte ihre Haare dunkel und tingelte mit einem Harmonium durch die Lande, um einer eingeschworenen Fangemeinde von Tod, Wahnsinn und Verzweiflung zu künden. Eine Rolle, die ihr offenbar lag. Mehr als zwanzig Jahre war sie heroinabhängig, fixte sogar ihren Sohn an. Ein Clubbesitzer beschrieb das einstige Schönheitsideal später als »verlebten Junkie mit schlechten Zähnen«. 1988 fiel sie, nachdem sie zwei Jahre clean war, auf Ibiza tot vom Fahrrad. Ein trauriges Ende für ein trauriges Leben.

Wer Nico damals getroffen hätte, wäre wahrscheinlich schreiend weggerannt. Und dennoch hatte diese Frau etwas Faszinierendes. Auf Bildern wirkt sie stets unnahbar und scheinbar in ihrer eigenen Welt versunken. Freunde erzählen jedoch, dass sie oft gelacht haben soll wie ein Kind. »Was ist in diesem Leben schief gelaufen?« fragt man sich unwillkürlich.

Die Kölner Regisseurin Susanne Ofteringer setzte der glücklosen Sängerin mit ihrer Dokumentation »Nico Icon« ein würdiges Denkmal. Eine Antwort auf die Frage konnte auch sie nicht liefern. Was war es, das Christa Päffgen zerstört hat? Man kann nur spekulieren: Sexueller Missbrauch? Die Oberflächlichkeit ihrer Umgebung? Oder hatte sie es satt, ständig auf ihr Äußeres reduziert zu werden? Fest steht, dass sie über Jahre hinweg ihr Bestes tat, um ihre einstige Schönheit zu vernichten.

Für Nicos andere Werke werde ich mich nie erwärmen können. »These Days« dagegen schafft spielerisch den Balanceakt auf dem schmalen Grat, zwischen dem Schönen und dem Traurigen zu wandeln, ohne zu straucheln. Selbst Jackson Browne gelang es später nicht, seine eigene Komposition so kongenial vorzutragen wie einst Nico. Zu allem Überfluss verpasste er seinem Lied am Ende eine optimistische Note. Das Publikum dankte es ihm. »These Days« von Nico ist für mich einer dieser seltsamen Zufälle, bei dem die Summe größer ist, als deren Teile und die Sängerin so wichtig ist wie ihr Song.

Nie wieder war Melancholie so schön.

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Der Tag, an dem der King starb

endederweltSchon wieder ein Moment, an den man sich erinnern muss: Wo warst Du, als Michael Jackson starb? Ich erinnere mich noch an jenen Tag, als ein anderer King den Löffel abgab.

1977, als ich erfuhr, dass Elvis in die ewigen Jagdgründe abgewandert ist, stand ich gerade am Fahrradstand meiner Schule. Der Rest des Tages verlief auch nicht besser, denn ich hatte wie so oft meine Hausaufgaben nicht gemacht. Erschüttert hat mich die Nachricht damals nicht sonderlich. Elvis war für mich nur ein Mann, der in seltsamen alten Filmen auftrat, in denen viel gesungen wurde. John Lennons Ende traf mich ein paar Jahre später schon erheblich schwerer.

Noch schlimmer fand ich es, als Carl Barks, der geistige Vater von Dagobert Duck das Zeitliche segnete. Der »Entenmann« verließ im zarten Alter von 99 diese Welt. Er starb meiner Meinung nach viel zu früh!

Und Michael Jackson? Wahrscheinlich tragen die Mitspieler im Medienzirkus jetzt Trauer – war er doch ein gefundenes Fressen für alle Kolumnisten, Comedians und Cartoonisten. Hier ein paar Impressionen aus der Welt der bunten Bilder:

Darf der das?

Kein anderer Cartoonist kommentierte den Tod des King of Pop so ätzend wie Mike Luckovich. Der Hauscartoonist des »Atlanta Journal« erntete dafür viel Kritik. So viel Kritik, dass die Leser der altehrwürdigen Washington Post auf der Website der Zeitung abstimmen sollen, ob der Zeichner nun zu weit gegangen ist oder nicht. Ist er?

Little Michael

Schön war die Zeit, in der der bekennende Comic-Fan Jackson noch die Nase hoch tragen konnte. 1970 war der junge Michael der Liebling der amerikanischen TV-Nation. Die Jackson Five schafften es sogar auf das Cover des kurzlebigen Satireblatts »Spoof« aus dem Hause Marvel, das die fünf Racker neben den Beatles, den Rolling Stones und Elvis abbildete. Damals war Teenie-Idol David Cassidy der King of Pop. Nie gehört? So viel zum Thema Unsterblichkeit.

Show Respect to Michael Jackson!

Bei aller Lästerei sollte man nicht die Leistungen des Mannes vergessen, der in den Achtzigern wie kein Zweiter die Welt der Popmusik beherrschte. Independent-Cartoonist James Kochalka forderte jedenfalls in seinem Blog alle Leser auf, den Verblichenen zu ehren und eine Runde zu moonwalken – vielleicht beim Gassi gehen mit dem Hund. So sehr beschäftigte ihn der Tod des Meisters, dass er sogar den Song »Show Respect to Michael Jackson« intonierte. Let’s hear it, James!

Der ultimative Nachruf

Das letzte Wort hat Cartoonist John Campbell, der am treffendsten belegt, was in der letzten Woche abgelaufen ist. Dummes Geschwafel von B-Prominenten, die Jackson nicht mal kannten, Gerüchte, unhaltbare Spekulationen und schlampige Recherchen – all das erwartet uns, wenn ein Prominenter unerwartet abtritt. Oder wie TV-Urgestein Hans-Joachim Kulenkampff es einst formulierte: »Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden.«

Im Falle Jacksons hat man jedenfalls den Eindruck, dass die Medien-Vampire eines ihrer liebsten Opfer am Ende bis zum letzten Blutstropfen ausgesaugt haben.

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Der Soundtrack Deines Lebens

turntableEines Abends konnte ich auf einer Party, auf der ich vor einigen Jahren eingeladen war, erleben, wie ein Dutzend braver Ärzte zu den Klängen des NDW-Oldies »Ich will Spaß« zu prolligen Teenagern mutierten.

Wer braucht schon eine Zeitmaschine? Ein guter Song ist alles, was wir benötigen, um uns in die Vergangenheit zu katapultieren. Die meisten Leute meiner Generation rasten aus, wenn Rio Reiser, Nena, oder die Ramones in den CD-Player geschoben werden. Ich dagegen habe eine Vorliebe für den Sound der Swinging Sixties, denn kein Jahrzehnt war meiner Meinung nach so optimistisch. Es mag eine Rolle gespielt haben, dass meine nostalgisch veranlagte große Schwester während meiner Kindheit diese Musik fast rund um die Uhr spielte und somit entscheidend meinen Musikgeschmack geprägt hat. So was hat Folgen.

Ich erinnere mich zum Beispiel gern daran, wie eine Frau, die ich sehr liebte, eines schönen Nachmittags beim gemeinsamen Tapezieren eine CD mit den frühen Hits der Beatles auflegte. Gut gelaunt beklebten wir zu »Norwegian Wood« die Wände ihres Zimmers – was abermals dazu beitrug, diese Musik untrennbar mit meinem Leben zu verknüpfen.

Die Zeit, in der ich fast jeden Abend auf der Piste war, ist dagegen untrennbar mit Nirvana verbunden, deren Musik damals permanent aus den Lautsprechern wummerte. Bei »Smells Like Teen Spirit« werde ich selbst heute noch sentimental. Ganz schlimm fand ich dagegen Lou Begas »Mambo Nr. 5«, der mich scheinbar einen endlosen Sommer lang auf jeder Party verfolgte.

Selbst meine sonst recht unsentimentale Oma hatte rührselige Anwandlungen. Beim »Schneewalzer« oder bei einem Chanson mit dem Titel »Zigeunerjunge« bekam sie glänzende Augen.

Es funktioniert aber auch anders. Nämlich, wenn man einen bestimmten Song mit einem ganz besonders schlimmen Ereignis verbindet. Es dauert lange, bis man solche Musik wieder ohne einen schalen Beigeschmack hören kann. Das erlebte ich mit dem Soundtrack von »Die fabelhafte Welt der Amelie«. Als ich den Film das erste Mal sah, war auch meine Welt wirklich fabelhaft. Als ich die Filmmusik Jahre später erneut hörte, hätte ich am liebsten den Raum verlassen. Zu viele schlechte Erinnerungen. Zum Glück vergeht so etwas aber irgendwann.

Es gibt auch Songs, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. In unzähligen amerikanischen Filmen dudelt in der entscheidenen Liebesszene ein Gershwin-Song im Hintergrund. Bei »Love Is Here To Stay« oder »Someone To Watch Over Me« schaltet unser von Hollywood infiltriertes Hirn schon automatisch auf »Romance«. Dagegen sind selbst harte Gangsta-Rapper machtlos.

Bei mir ist es der Uralt-Schlager »Im Wagen vor mir« eines gewissen Henry Valentino, der in meiner Kindheit fast einen ganzen Sommer lang ständig aus dem Autoradio plärrte. Selbst heute noch habe ich den Geschmack von Langnese-Eis auf der Zunge und den Geruch von Sonnenöl in der Nase, wenn ich diesen Song höre. Man kann sich den Soundtrack seines Lebens nun mal nicht immer aussuchen …

May he burn in hell!

Es gibt eine Menge guter Bücher und Filme, die den Holocaust behandeln. Nur leider gibt es noch viel mehr Bücher und Filme, die das größte Drama des letzten Jahrhunderts zu einer billigen Freak-Show herabwürdigen. Zu oft haben die Schreiber jener Geschichten das Herz auf dem rechten Fleck, aber das Hirn in der Hose – wie dieses Machwerk aus dem Jahr 1981 belegt, das in der amerikanischen Anthologie »Weird War Tales« erschien. Unglaublich? Doch so steht es in den Annalen des schlechten Geschmacks geschrieben!

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Remember the Seventies!

seventiesDank arte fühle ich mich wie ein Ertrinkender. Mein ganzes Leben zieht vor meinem inneren Auge vorbei. Blaxploitation, Top of the Pops, Geschlechterkampf und die RAF – der Kultur-Heimatsender fährt zur Zeit das große Retro-Aufgebot auf.

Normalerweise hasse ich die Musik meiner Kindheit. Wenn Abba, Gary Glitter, Sweet oder andere plateaubesohlten 70er-Ikonen den Raum beschallen, verlasse ich den selbigen möglichst schnell. Es reicht, wenn man bereits in seiner Kindheit die Zeit der Polyesterhemden, Schlaghosen und Riesen-Koteletten durchlitten hat, finde ich. Ab und zu kommt es jedoch vor, dass man dank solcher Retrospektiven zu neuen Einsichten gelangt.

Vor kurzem gab es auf arte die dreistündige Dokumentation No Direction Home: Bob Dylan, von Martin Scorsese, über die Anfangsjahre Dylans. Der Film hatte zwar mit den 70ern nicht viel zu tun, aber artes Wege waren ja schon immer unergründlich.

Ich selbst entdeckte den Meister lange nach seiner Glanzzeit. Damals sah ich in ihm nur einen näselnden alten Kauz, der mit seinem krächzenden Gesang jedem Song die Melodie austreiben konnte.

In einigen Interviews, die er in den 90ern gab, wirkte die leicht angestaubte Legende – mit Verlaub gesagt – ziemlich stoned. Selbst der Klassiker Don’t Look Back konnte mich nicht zum Dylantantismus bekehren – auch wenn ich den Film als Zeitdokument sehr faszinierend fand.

Wenn man jedoch nach einer dreieinhalbstündigen Dokumentation mit Untertiteln Lust auf mehr bekommt, muss dies wohl etwas bedeuten. In meinem Fall bedeutet es, dass sich auf dem Speicher meines mp3-Players seit geraumer Zeit besagter Herr Dylan breit macht. Obwohl ich mit seinen späteren Produktionen wenig anfangen kann, spürt man bei seinen Frühwerken heute noch die Aufbruchstimmung, die sie vermittelten.

Der Dylan-Klassiker »Don’t Think Twice« wirkt geradezu bahnbrechend, wenn man ihn mit den Machwerken jener Jahre vergleicht. Nicht einmal die Beatles konnten Freewheelin’ Bob – zumindest was die Texte betraf – das Wasser reichen. Was ihn aber so richtig interessant macht, ist die Tatsache, dass er sich allen Versuchen, ihn festzulegen, erfolgreich entzog.

Folksänger, Weltverbesserer, Opportunist, Rockstar, religiöser Eiferer. All das war er. Während seine einstigen Rivalen inzwischen tot oder zumindest scheintot sind, schaffte es Dylan mit Modern Times selbst im Rentenalter noch die Charts zu stürmen. Respekt!

Deshalb werde ich in den nächsten Wochen sicher das eine oder andere Buch über den rätselhaften Mr. Zimmerman lesen. Danke arte, Du alter Snob-Sender!

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Countrypolitan Favorites

turntableWir fahren eine breite Straße im Norden Wisconsins entlang, irgendwo am oberen Ende der Interstate 39. Links und rechts säumen hochgewachsene Kiefern und plattgefahrene Streifenskunks den Weg. Über uns ein strahlend blauer Himmel.

Unterwegs sind wir in einem Pickup mit Anhänger, zwei Fourwheeler und ein Motobike drängen sich hinten auf den beiden Ladeflächen. Ich selbst dränge mich auf der schmalen Rückbank des Autos, neben mir ein großer Rucksack, prall gefüllt mit Eiswürfeln und Budweiser. Vorne sitzen zwei Amerikaner. Der Beifahrer wirft eine Musikkassette ein. Es ertönt eine lässig vor sich hin schrammelnde E-Gitarre und der Gesang eines Mannes, der noch viel lässiger klingt als sein Musikinstrument.

»Weißt du, wer das ist?«, fragt mich der Beifahrer. Ich überlege kurz. Ich komme nicht drauf, aber die Musik klingt wirklich lässig und cool, und sie passt wie maßgeschneidert zu dem ganzen Drumherum, zu der für mich abenteuerlichen Gegend, die wir befahren, zur Farbe des Himmels und zur Temperatur des Dosenbieres.

Dann das nächste Lied: »Soul City« schreit ein zweistimmiger Männerchor im Blechdosen-Sound. Später gesellt sich zu den Stimmen der Männer noch die einer Frau hinzu. Sie klingt irgendwie frech, schrill und pieksend. »Hey, sind das die B 52’s?«, werfe ich fragend in den Raum, obwohl ich weiß, dass das nicht stimmen kann. Denn von den »B 52’s« kenne ich fast alles. Die Songs, die mir gerade aus den Autolautsprechern entgegendröhnen sind mir jedoch völlig unbekannt. Aber sie haben witzige Titel, wie zum Beispiel »Greenback Fly«, »Skullbucket« oder »Fried Chicken and Gasoline«.

»B 52’s?«, fragen die Amerikaner zurück und brechen anschließend in Gelächter aus. Klugscheißer, denke ich, kommt ihr mir bloß ins alte Europa, dann werde ICH in die Plattenkiste greifen und ein Quiz mit euch veranstalten, und dann wollen wir doch mal hören …

Die kleine Demütigung war aber durchaus lohnenswert. Denn als ich mich eine Woche später von meinen amerikanischen Freunden verabschiedete, drückten sie mir das Tape, das wir uns auf der Fahrt durch Wisconsin angehört hatten, als kleines Geschenk in die Hand. Der Titel des Albums: Dirt Track Date. Der Name der Band: Southern Culture on the Skids.

Sie ist heute eine meiner Lieblingsbands. Ich habe fast alle Platten von ihr. Ihre Musik lässt sich nicht so einfach beschreiben. Sehr viel Country steckt darin, aber auch Punk und Plastik (daher meine Assoziation mit Kate Pierson und Cindy Wilson, den beiden singenden Turmfrisuren der »B 52’s«), vielleicht auch noch ein bißchen Cajun.

Vor ein paar Wochen erst habe ich mir das jüngste Album von S.C.O.T.S. gekauft: Countrypolitan Favorites. Zu hören sind darauf mehrere Coversongs von Rock-Klassikern: »Tobacco Road« von Eric Burdon, »Life’s a Gas« von Marc Bolan oder »Happy Jack« von »The Who«, um nur drei Beispiele zu nennen. »Countrypolitan Favorites” ist nicht das beste Album von Southern Culture, gehört aber zweifellos in meine Sammlung.

Wenn ich Euch neugierig gemacht haben sollte, empfehle ich die Alben Plastic Seat Sweat oder Liquored Up and Laquered Down. Und natürlich »Dirt Track Date«. Als ich kürzlich am Nordrand des Harzes den Elm durchquerte, warf ich diese CD wieder mal ein und versuchte, die Stimmung jenes wunderschönen Herbsttages in Wisconsin 1999 zu simulieren. Hat leider nicht ganz geklappt. Vielleicht weil das Dosenbier fehlte, oder das Erlebnis, gerade eine ganz neue Band für sich zu entdecken. Aber schön war’s dennoch.

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Ende einer Saga

turntableJeder, der mit der Rock- und Popmusik der letzten drei, vier Jahrzehnte groß geworden ist, kann wohl auf eine Band verweisen, die ihm besonders viel bedeutet; eine Band, die für ihn über einen längeren Zeitraum präsent war, wichtige Phasen seines Lebens begleitet hat und sich vielleicht sogar direkt mit mehreren herausragenden persönlichen Erlebnissen in Verbindung bringen lässt.

In meinem Fall schlug das Musikherz über mehrere Dekaden hinweg für die kanadische Rockband Saga. Was heißt »schlug«? Es schlägt noch immer für sie und wird auch weiterhin für sie schlagen, ungeachtet der Tatsache, dass sich der Leadsänger Michael Sadler im Herbst 2007 von seinen Kollegen getrennt hat und damit das Ende von Saga nun endgültig besiegelt scheint – nach über 30 Jahren!

Anfang der 80er Jahre hatte ich Saga zum ersten Mal wahrgenommen und mich umgehend verliebt. Mein Bruder hatte die Band in einem Konzert in München gesehen und bei seiner Rückkehr die Alben Saga und Silent Knight im Gepäck. Cover, Texte und Sound von Saga hatten für mich genau jene Portion Fantasy und Science Fiction, nach der ich damals als junger Teenager lechzte. »Star Wars« war gerade erst in den deutschen Kinos gezeigt worden, und im Ersten gab’s jeden Samstagabend zu mitternächtlicher Stunde Filme wie Das Ding aus einer anderen Welt oder Solaris.

Das Bild einer Invasion von insektoiden Wesen aus dem All vor Augen, übersetzte ich damals zusammen mit einem Freund die Texte von acht Saga-Songs, die so genannten Chapters, die verteilt auf vier Alben eine mysteriöse Endzeitgeschichte erzählen. Von Images über Don’t be Late und Too Much to Lose bis hin zu No Stranger.

Ich selbst erlebte Saga erstmals live 1982 – in Hannover. Dann wieder 1985, mittlerweile in der Eilenriedehalle, mit einem damals noch relativ unbekannten Chris Rea im Vorprogramm. Danach ging es mit der Band rapide abwärts. Die Alben, die folgten, konnten leider in keiner Weise an den Erfolg ihrer Vorgänger anknüpfen. Keyboarder Jim Gilmour und Drummer Steve Negus, einer der besten der Welt, stiegen auf dem Höhepunkt der Talfahrt aus. Doch in solchen Momenten zeigt sich, wer ein wahrer Fan ist: Natürlich kaufte ich weiterhin alle Platten, die die amputierte Band auf den Markt schmiss.

Meine Treue wurde belohnt. 1992 kehrten Gilmour und Negus zur Band zurück. Es gab ein Konzert im Original Line Up im Hydepark in Osnabrück, und ich war als Fotograf eines Stadtmagazins dabei, fotografierte aus der ersten Reihe und erfreute mich des Eindrucks, Sadler und Co. würden nur für mich posieren. Wäre mein Englisch damals besser gewesen, hätte ich selbstverständlich noch ein Interview mit ihnen geführt. Vielleicht wären auch ein paar Biere mit Ian Crichton drin gewesen.

Irgendwie schade. Aber man kann eben nicht alles haben – und schon gar nicht für immer. Im Oktober 2007 erschien mit 10.000 Days das wahrscheinlich letzte Saga-Album. Drummer Steve Negus ist dort schon nicht mehr dabei. Und jetzt ist auch Sadler die Lust vergangen. Zeit also »Auf Wiedersehen« zu sagen – und »Danke, Jungs!«, für die vielen bemerkenswerten Augenblicke in meiner Musik-Biografie.

Wer mit zum Abschied winken will, dem empfehle ich den Kauf des Doppelalbums The Chapters Live. Es ist das letzte Saga-Album, das ich mir zugelegt habe und – wen wundert’s angesichts der Klassiker, die darauf zu finden sind – eines der besten meiner kompletten Saga-Sammlung.

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Wiedererkennungswerte

turntableIrgendwann vor ein paar Jahren scheinen einige Leute in den großen Rundfunkhäusern bemerkt zu haben, dass das so genannte Formatradio nicht das Gelbe vom Ei sein kann. Schön zwar (für den Radiomacher), wenn der Hörer anhand der gespielten Lieder sofort erkennt, welchen Sender er im Empfänger hat, doch das musikalische Programm auf nur wenige tausend oder gar hundert Stücke zu begrenzen, stellt nach einer gewissen Zeit den abgestumpftesten Radiokonsumenten auf die Geduldsprobe und kann jeden Musikredakteur, der seinen Beruf ernst nimmt, eigentlich nur in den Wahnsinn treiben, oder in den Selbstmord (im übertragenen Sinne).

Und deshalb kam man in den Rundfunkhäusern wohl auf die Idee, in sich ständig – bis zur Schmerzgrenze – wiederholenden Trailern eine »neue Vielfalt« zu verkünden. Oder dem geneigten Hörer im 20-Minuten-Takt mitzuteilen, man biete ihm »das Beste aus den 70ern, 80ern und 90ern«, wozu man – streng genommen – aber auch nur drei Lieder benötigt. Damit meine ich: Viel abwechslungsreicher und origineller ist das Musikprogramm auf der ultrakurzen Welle seither nicht geworden. Man behauptet inzwischen nur, es sei abwechslungsreich und originell.

Vielleicht täusche ich mich ja. Doch gefühlt nehme ich die Radiostationen immer noch so engstirnig wahr wie 1992. Damals war ich in einer vielgehörten Radiosendung zu Gast, die den Untertitel trug: »Hörer machen ein Musikprogramm«. Haha!

Tatsächlich hatte man mir wenige Wochen vor der Sendung einen Fragebogen zugeschickt, auf dem ich maximal 100 Musikwünsche äußern sollte. Eine schöne Aufgabe. Gespielt wurden innerhalb der einstündigen Sendung jedoch nur zwei Lieder aus meiner Liste: »You took the words right out of my mouth« von Meat Loaf und »Paperback Writer« von den Beatles. Als ich fragte, was mit meinen anderen 98 Wunschtiteln geschehen war, wurde mir mitgeteilt, dass die Musikauswahl des Senders wegen des Wiedererkennungswertes auf insgesamt 6.000 Stücke begrenzt sei. Meat Loaf und die Beatles würden dazugehören, die anderen Songs, die ich einen ganzen Abend liebevoll mit einem Freund zusammen ausgesucht hatte, nicht.

Die Playlist »meiner« Sendung wurde schließlich von der Musikredaktion des Senders komplettiert, unter anderem mit »Eloise« von Barry Ryan, ein Lied, das ich nicht einmal bei einer Million freien Musikwünschen ausgewählt hätte. Immerhin, der Wiedererkennungswert für den Sender war dadurch enorm. Nur ich hatte Schwierigkeiten, mich in der Sendung wiederzuerkennen.

Ein kleiner, aber schwacher Trost: Im Ausland nimmt man es mit dem Wiedererkennungswert noch genauer. In meinem diesjährigen Sommerurlaub hörte ich täglich Balearen-Radio: Kiss FM Durchschnittlich sechsmal am Tag dudelten dort Songs wie »Back to France« von Mike Oldfield, »Somebody to love« von Queen oder »Don’t stand so close to me« von The Police. (Vielleicht noch öfter. Ich saß nicht die meiste Zeit vorm Radio, sondern am Strand.) Aber es war erträglich. Weil so ein Sommerurlaub dauert ja nur zwei Wochen.

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