Textruinen

muelliIrgendwie ist mir in den letzten Wochen der alte Schwung abhanden gekommen. Jawoll, Sie haben richtig gehört, liebe Römer und Landsleute. Manchmal ist es schon eine Kraftanstrengung, eine neue Kolumne zu schreiben. Unglaublich, aber wahr! Vor allem, wenn draußen die Sonne scheint.

Ideen habe ich (natürlich) genug, aber wenn ich erst mal vorm Rechner sitze, scheint mein Elan zu versickern, wie übelriechende Körperflüssigkeiten auf den Polstersitzen eines Pornokinos. Erst tippe ich munter drauf los, bis ich unvermittelt aufhöre und den unvollendeten Text demotiviert zu den Akten lege. Wie zum Beispiel diesen hier:

»Eigentlich wohne ich nur in einer Mietwohnung, weil die Kronleuchter in meinem mondänen Landsitz so laut klappern. Ich bin nämlich etwas lärmempfindlich. Deshalb wohne ich im Herzen der Stadt, inmitten einer illustren Schar Autonomer, rechtradikaler Vollprolls, Rentner und anderer sozialer Randgruppen. Ach ja, meine Nachbarn … Zuerst habe ich ihnen ja noch versucht beizubringen, wie man den Lichtschalter benutzt, welches Ende der Zahnbürste in den Mund gehört, oder dass man die Toilettenspülung nicht zum Haarewaschen benutzt. Inzwischen nehme ich die possierlichen Hausgenossen wie sie sind.

Seit langer Zeit schon akzeptieren sie mich als einen der ihren. Nur manchmal, wenn ich eine Zeitung oder ein Buch unter dem Arm habe, beäugen sie mich misstrauisch und knurren ganz böse. So etwas ist für sie nun mal Teufelszeug.

Bis zum Mai befinden sich meine Nachbarn meist im Winterschlaf. Dann werden sie aktiv. Wenn die ersten Sonnenstrahlen kommen, reißen sie ihre Fenster auf, um die Ohren aller umliegenden Bewohner mit dem unvergesslichen Melodien Michael Wendlers zu umschmeicheln.«

Hier brach ich ab. Vielleicht kann ja doch einer dieser Menschen lesen. Und außerdem: Immer wenn den Leuten die Ideen ausgehen, fangen sie an über die Leute im Supermarkt zu schreiben, die in der Schlange vor ihnen stehen,« sagte mal ein Kollege. Oder über ihre Nachbarn.

Besonders unoriginell ist auch folgender zerknitterter Textschnipsel, den ich versteckt in einem vergilbten Ordner neben dem Papierkorb auf meiner Festplatte fand:

»Ein Freund von mir hatte mal eine gute Idee für eine Geschichte, die er ›Die Zeitfresser‹ nennen wollte. Er selbst bezeichnete übrigens gern Frauen als solche. Aber zurück zum Thema: Besonders abends frage ich mich immer, wer meine eigene Zeit gefressen hat. Viel zu schnell geht jeder Tag vorbei. Und meist konnte ich nicht erledigen, was ich mir vorgenommen hatte. Nicht mal für die Glotze habe ich Zeit. Allerdings verplempere ich ganz schön viel Zeit vorm Computer, um nachzusehen, ob ich neue Mails bekommen habe. Das ist mit der Zeit schon fast zur Manie geworden.

Viel Zeit fressen auch Telefonate. Seltsamerweise kenne ich zur Zeit nur Plaudertaschen, mit denen man ganz schnell eine Stunde verquatschen kann. Zwei Anrufe und der Abend ist gelaufen. Der größte Zeitfresser aber ist das Internet. Immer, wenn ich mal was Nachschlagen möchte, finde ich garantiert fünf weiterführende Links, die ich aus purer Neugier anklicke. Suche ich einen Artikel zum Thema ›Polnischer Pastinackenpudding‹, kann es gut sein, dass ich mich nur fünf Mausklicks weiter auf einer Website über den spanischen Bürgerkrieg festlese.«

Stop! Das ist ja noch schlimmer als ich in Erinnerung hatte!!! Excuse moi, mes amis! Es soll nicht wieder vorkommen. Man sieht zumindest: Dank einer gnadenlosen Qualitätskontrolle des Generaldirektors (das bin ich) bleibt dem geneigten Leser dieser Seiten Einiges erspart. Ja, diese Website könnte man mit einem Eisberg vergleichen. Neun Zehntel bekommt man nie zu Gesicht. Und das ist auch gut so, wie wir eben gesehen haben.

Wäre ja auch noch schöner, wenn an dieser Stelle minderwertige Texte veröffentlicht werden würden … ähm … außer vielleicht, wenn draußen die Sonne scheint und ich ganz schnell raus möchte.

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