Ausnahmezustand

VuvuzelaÜber Fußball gibt es viele Meinungen. Der englische Pamphletist Philip Stobbes hatte keine gute. »Ein teuflischer Zeitvertreib«, so schrieb er in seinem 1583 veröffentlichten Werk The Anatomie of Abuses, »der Neid, Groll und Bosheit wachsen lässt, und manchmal gar zu Streit, Mord, Totschlag und großem Blutverlust führt.«

Wenn man heutzutage den Worten eines Sepp Blatter oder eines Franz Beckenbauer lauscht, dann heißt es: Der Fußball verbindet die Menschen. Das ist leider nur zum Teil richtig. Tatsächlich kann Fußball Brücken schlagen, allerdings nur zwischen Menschen, die sich für Fußball begeistern.

Betrachtet man die Welt einmal nicht aus der Sicht der deutschen Nationalelf und ihrer Anhänger (»Fußball ist unser Leben«), so stellt man fest, dass das kalkulierte Treten nach dem Ball die Menschen auch entzweien kann, besonders während eines langen Weltmeisterschaftsturniers. Da gibt es die eine Hälfte, die mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen am Auto zur Arbeit oder zum Einkaufen fährt und schon vor dem ersten Anpfiff kraftvoll in die Vuvuzela bläst, während die andere Hälfte einfach nicht verstehen will, warum sich plötzlich alle nur noch über schwitzende Männer in kurzen Hosen unterhalten.

Was mich betrifft: Ich fühle mich beiden Lagern zugehörig. Ja, ich bin einer dieser Bekloppten, die sich möglichst alle 64 WM-Spiele im Fernsehen ansehen wollen und sich einen ganzen Abend lang über den Aussetzer eines englischen Torhüters amüsieren können. Und ja, ich kann verstehen, dass es einigen meiner Mitmenschen schwer auf die Nerven geht, wenn ich in diesen Tagen alle beruflichen Verpflichtungen und literarischen Ambitionen aufs Abstellgleis schiebe und man mich nur unter der Androhung von Waffengewalt vom Fernseher wegbekommt.

Ihnen, den Genervten, ist dieser Blogeintrag gewidmet. Entfolgt mich bei Twitter nicht gleich, wenn ich mich mal zu einem Fußballtweet hinreißen lasse. Seid nicht enttäuscht, Ihr lieben Freunde, wenn ich ab 13.30 Uhr nicht wie sonst ans Telefon gehe oder Mails unbeantwortet lasse. Drückt einfach mal beide Augen zu und haltet durch! Denn der ganze Hokuspokus geht schnell vorüber. Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist wie eine nur alle vier Jahre stattfindende Spargelzeit. Vier Wochen lang müffelt es ein wenig auf der Toilette, danach ist es vorbei, und Ihr habt Eure Normalität wieder – wenigstens bis zur Europameisterschaft 2012.

Blendet Euren Unmut über das zweite Gesicht geliebter Menschen, die sich urplötzlich nur noch für Mannschaftsaufstellungen zu interessieren scheinen, für die Zeit der WM einfach mal aus, so wie ich jede Kritik an der FIFA oder an der Brot-und-Spiele-liebenden Menschheit. In beiden Fällen ist Kritik wichtig. Sie macht aber mehr Spaß und Sinn, wenn der Ball nicht mehr rollt (oder die deutsche Elf aus dem Turnier geflogen ist).

Motzen möchte ich augenblicklich nur über diejenigen, die während eines Spiels mit der Vuvuzela am Hals durch die Straßen laufen; über diejenigen, die bei dem ganzen Getröte und Fahnentrubel in der ersten Reihe stehen, obwohl sie sich gar nicht für Fußball interessieren. Menschen, die mit schwarz-rot-goldenen Flaggen oder schwarz-rot-goldenen Außenspiegelüberziehern an ihrem Auto gerade dann durch die Gegend kurven, wenn Schweinsteiger und Co. gegen den Ball treten, sind mir äußerst suspekt – nicht nur während der WM, sondern auch darüber hinaus.

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1 Response » to “Ausnahmezustand”

  1. angst sagt:

    ich bin nur froh, dass die wm nicht ewig dauert.
    aber wie heißt ein spruch der anonymen alkoholiker: du kannst alles ertragen, solange du es nur für einen tag erträgst. und dann am nächsten das gleiche.
    oder so.

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