Schlimm genug, dass ich von einigen böswilligen Zeitgenossen wegen meiner Technikfeindlichkeit als »Retro-Man« bezeichnet werde. Jetzt musste ich erfahren, dass selbst Gott, der bekanntlich ein paar Jährchen mehr als ich auf dem Buckel hat, eine eigene MySpace-Seite betreibt. Falls Allah demnächst einen eigenen Chatroom einrichtet, werde ich vielleicht doch noch umdenken müssen …
Lino, der große Schweiger
Für eines muss man dem Spartensender aller alternden Sozialpädagogen dankbar sein: Ohne arte wären die französischen Filmklassiker bei uns längst völlig von der Bildfläche verschwunden. Selbst Publikumserfolge wie »Die fabelhafte Welt der Amelie« fanden bei ihrer TV-Premiere erst um Mitternacht einen Sendeplatz.
Da Lino Ventura in diesem Jahr 90 geworden wäre, gibt sich arte zur Zeit spendabel. In den nächsten Tagen laufen ein paar Oldies, die man unbedingt gesehen haben sollte. Da zieht es selbst notorische Fernsehmuffel wie mich vor die Glotze.
Am 10. August laufen »Die Abenteurer«, einer der absoluten Meilensteine des französischen Films. Robert Enricos Geschichte beginnt auf einem Schrottplatz und endet im Meer. Die Freunde Roland, Manu und die schöne Laetitia sind drei Tagträumer, die vor der Küste Afrikas einen versunkenen Schatz heben wollen. Am Ende müssen sie erkennen, dass Geld nicht unbedingt glücklich macht. Ein wunderbar poetischer Film über Freundschaft, Freiheit und der Lust am Leben.
Die großartige Filmmusik von Francois de Roubaix geht einem nicht so schnell aus dem Kopf. Der junge Alain Delon, der fast junge Lino Ventura und die wunderbare Joanna Shimkus – was will man mehr? Ich für meinen Teil bin bei diesem Streifen wunschlos glücklich.
Am 17. August läuft »Der zweite Atem« von Jean-Pierre Melville. Gangsterfilme wie diese haben Ventura berühmt gemacht. Trotzdem war dies die letzte Zusammenarbeit mit dem Meisterregisseur. Grund: Dem bodenständigen Ventura gingen die Macken des Meisters langsam auf die Nerven. Melville trug stets eine Sonnenbrille, einen Hut (um eine kahle Stelle zu verbergen) und verdunkelte am Tag alle Fenster. »Der zweite Atem« thematisiert ein Lieblingsmotiv Melvilles: Die Ehre unter Gangstern.
Am 3. August gibt es »Der Komissar und sein Lockvogel«. Ein blöder Titel, ich weiß … Der Originaltitel bedeutet sinngemäß »Letzte bekannte Adresse«. Hier steht Ventura mit Marlene Jobert vor der Kamera, die heute wohl kaum noch jemand kennt. Als »Inspecteur principal Marceau Leonetti« verkörpert Ventura einen zynischen Bullen, der längst die Hoffnung aufgegeben hat. Eine Paraderolle für den wortkargen Charaktermimen. Auch hier stammt der ungewöhnliche Soundtrack von Francois de Roubaix, der seiner Zeit weit voraus war. Was haben all diese Filme gemeinsam? Den Mut auf ein konventionelles Ende zu verzichten. Gerade das macht sie unvergesslich.
