Ein Kollege erzählte mir vor einigen Jahren, dass unser »Lebenswerk«, welches wir hinterlassen, das Wichtigste für uns sein sollte. Unsinn, hätte ich da am liebsten erwidert. Marlene Dietrich hatte sich, um ihren Mythos unbeschädigt zu lassen, das letzte Jahrzehnt ihres Lebens in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Sie starb einsam und krank.
Katherine Hepburn hingegen trat, selbst als sie alt und gebrechlich war, vor die Kamera. Fragt man heute einen Zwanzigjährigen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er weder von Dietrich noch von Hepburn je etwas gehört hat.
Ein anderes Beispiel ist der amerikanische Cartoonist Al Capp, der vor ein paar Jahren 100 geworden wäre. Doch dieses Jubiläum ging ins Land, ohne dass es seinen Landsleuten auffiel – was erschreckend ist. Capps Comic Strip Li’l Abner erreichte zwischen 1934 und 1977 rund 60 Millionen Leser. Der Zeichner wurde in seiner großen Zeit als neuer Jonathan Swift gefeiert. Sein Strip war bei den Intellektuellen Tagesgespräch. John Steinbeck schlug ihn gar für den Literaturnobelpreis vor.
Li’l Abner, der mit seiner Hillbilly-Familie in einem ominösen Kaff namens Dogpatch hauste, war das Urbild des etwas depperten, doch letzlich gutmütigen Amerikaners. Vierzig Jahre parodierte der Zeichner in seinem Strip mit ätzendem Humor den American Way of Life. Mit immensen Erfolg. Li’l Abner wurde mehrmals verfilmt. Es gab tonnenweise Merchandising-Produkte. In den 50ern gab es sogar ein Hit-Musical. In Deutschland erschienen in den 70ern einige Episoden im Satiremagazin »Pardon«.
Al Capp war einer der wenigen Zeichner, der fast den Bekanntheitsgrad seiner Schöpfung erreichte. Er schaffte es auf das Cover des Time Magazine, hatte eine eigene Radio Show, trat später regelmäßig im Fernsehen auf, hielt politische Reden und wurde in den späten Sechzigern als Gegenkandidat von Ted Kennedy gehandelt. Doch dann fiel sein Leben zusammen.
Der einstige Liebling der Liberalen entwickelte sich in seinen letzten Jahrzehnt zu einem erzkonservativen Reaktionär, der die aufkeimende Studentenbewegung bekämpfte wie kein Zweiter. Ein beliebtes Ziel war die Folksängerin Joan Baez, die er als »Joanie Phonie« ins Visier nahm. Baez schrieb später in ihrer Autobiografie, dass Capps Spott sie damals schier in den Wahnsinn trieb. Mit solchen Aktionen vergraulte der streitbare Cartoonist seine treuesten Fans, zu denen gerade die Studenten zählten.
Schlimmer war jedoch sein Ruf, jungen Frauen gegenüber sexuelle Avancen zu machen. Auch die spätere Fürstin Grace Kelly und die junge Goldie Hawn zählten zu seinen Opfern. Je mehr er in die Öffentlichkeit trat, umso schwieriger wurde es für seine Freunde diese Übergriffe zu vertuschen. Als er 1971 deswegen schließlich vor Gericht landete, verbannten Hunderte von Zeitungen seinen Strip aus ihren Seiten. Selbst Präsident Nixon distanzierte sich von seinem einstigen Günstling. Ein paar Jahre später setzte sich Capp, nun zur Unperson geworden, zur Ruhe und starb 1979 an einem Lungenemphysem.
Heute ist es kaum vorstellbar, wie unglaublich populär Capp und Li’l Abner in den USA waren. Und das über 43 Jahre hinweg! Allerdings reichten drei Jahrzehnte, um beide in der Obskurität verschwinden zu lassen. Ja, er war ein chauvinistischer Drecksack, doch das war Picasso schließlich auch. Trotzdem hinterließ er ein außergewöhnliches Lebenswerk.
Was ist so ein Lebenswerk also wert? Nicht viel offensichtlich. Wahrscheinlich ist das Leben selbst – und wie wir es meistern – wichtiger als alle Werke, die wir hinterlassen. Was lernen wir daraus: 1.) Die Nachwelt ist extrem wählerisch. 2.) Unsterblichkeit dauert oft kürzer, als man denkt.

[...] wir hinterlassen, das Wichtigste für uns sein sollte. Unsinn, hätte ich da am liebsten erwidert. Weiter zum Blogeintrag auf blog.wortmax.de vom [...]