Die erste nackte Frau in meinem Leben hatte eine Heftklammer im Bauchnabel. Außerdem war sie gut zehn Jahre älter als ich, Arzthelferin und mit den Traummaßen 90-60-90 gesegnet. Miss Juni ging gern tanzen und aß bevorzugt chinesisch.
All das konnte man im obligatorischen Fragebogen nachlesen, der auf jeder Rückseite des legendären Centerfolds, das wohl immer noch das Highlight jeder Playboy-Ausgabe darstellt, abgedruckt war. Daneben gab es Fotos, die Miss Juni als Kind zeigten, im Urlaub und in der Schule. Fast hatte man das Gefühl sie zu kennen. Miss Juni mochte Musicals, spät aufstehen und »Freunde schminken« – was immer das auch sein mochte. Was sie hasste, waren Angler und alleine sein.
Auf dem Schulhof spekulierten wir oft über die Beschaffenheit der weiblichen Anatomie. Näheres wusste jedoch keiner. Vom öffentlich rechtlichen Fernsehen durfte man keine Hilfe erwarten; höchstens, wenn Ingrid Steeger die eine oder andere Brust aus dem Ausschnitt hüpfte. Dr. Sommer in der Bravo war da wesentlich konkreter. Allerdings war ich da noch zu jung, um mich für unsere diversen Körperflüssigkeiten zu begeistern. Selbst die barbusigen Mädels der BILD-Zeitung waren damals nur schwarz-weiß. So wurde ich schon mit zwölf zu einem Opfer der sexuellen Revolution – von der ich im übrigen nicht das Geringste mitbekam.
Miss Juni war nicht gerade billig. Für eine Playboy-Ausgabe konnte man damals immerhin drei Superman-Hefte bekommen. Doch als mich Miss Juni vom Zeitungskiosk her anlächelte, wurde ich schwach wie Superman in der Gegenwart grünen Kryptonits.
Aha, so war das also, dachte ich, als ich das Heft öffnete. Jetzt wusste ich, wie der Hase läuft. Doch ich wusste gar nichts. Und selbst heute, mehr als 30 Jahre später, denke ich oft (nein, ich bin mir sogar sicher), dass ich nicht das Geringste weiß. Am Allerwenigsten über Frauen.
Miss Juni und ihre Nachfolgerinnen haben mein Frauenbild stark geprägt. Als ich schließlich älter wurde, war ich zunächst bitter enttäuscht, dass nicht alle Frauen unbekleidet aussehen wie sie. Doch echte Frauen konnte man anfassen. Und sie waren an einigen markanten Stellen nicht retuschiert.
Als vor fast sechs Jahrzehnten die ersten Ausgaben des Playboy erschienen, hatten die Playmates hohe Betonfrisuren, waren kräftiger geschminkt als Zirkusclowns und so erotisch wie eine Kakerlake im Käsekuchen. Das änderte sich erst in den späten 60ern, als Natürlichkeit gefragt war. Plötzlich glichen die Playmates jenen Mädchen, die man auch auf der Straße antraf. Und ich meine jetzt nicht die Straßen an der tschechischen Grenze. Doch das ist inzwischen Vergangenheit.
Heute dominieren dickbrüstige Blondinen mit Brustimplantaten das Blatt. Die Playmates wirken wieder so künstlich wie vor fünf Jahrzehnten. Und nicht nur das. Früher konnte man in den Seiten des Heftes Kurzgeschichten von Autoren wie John Updike lesen, über die vielen Cartoons lachen und das schon klassische Playboy-Interview lesen, das sich oft über 30 Seiten erstreckte. »Ohne die Nacktfotos wäre Playboy ein Literaturmagazin«, behauptete der damalige Playboy-Herausgeber oft frech. Das war einmal.
Heute ist der Playboy zum bloßen Lifestylemagazin mit stetig sinkender Auflage verkommen. Tatsächlich hat es in einer Zeit, in der jedes Kind zu jeder Stunde mit billigster Pornografie bombardiert wird, etwas geradezu rührend Altmodisches. Das Heft, das ich damals an meinen Eltern vorbeischmuggeln musste, würde heute selbst einem Fünfjährigen nur ein müdes Gähnen entlocken.
Der klassische Playboy-Leser, jener Mann also, der hip, unkonventionell und smart war – irgendwo eine Mischung aus Plato und Casanova – gab es ihn je?
In meiner Teenagerzeit stand das Magazin noch für etwas anderes. Es stand als Vorgeschmack für das Abenteuer des Erwachsenwerdens, das uns alle erwartete. Der Moment, wenn man zum ersten Mal sein Geld für diese Eintrittskarte hinblätterte, war ein zögernder Schritt in jene verbotene Welt. Das Magazin gab uns die Gewissheit, dass dort draußen, jenseits des Schulhofs, Dinge auf uns warteten, die wir noch nicht verstanden. Dass es sich vielleicht doch lohnen würde, das Paradies der Kindheit zu verlassen. Es war eine Welt des Luxus, voller schöner Frauen, ohne das enge Moralkorsett unserer Eltern. Vielleicht waren die Vorstellungen und Träume dieser Glitzerwelt unrealistisch, doch wenn dem so war, würden wir es früh genug erfahren. Vielleicht war es all dies zusammen. All dies und das Wunder, das Miss Juni bot.
