Wer hat dieses Bild geklaut?

wortmax am 3. Juli 2012 in Befindlichkeiten

jujaxDass Banken überfallen werden und Kaufhausdetektive alle Hände voll zu tun haben, ist bekannt. Aber dass nun auch schon in Künstler-Ateliers eingebrochen wird und Bilder geklaut werden, ist neu. Und wirklich unschön. Denn betroffen sind damit Personen, die es ohnehin schon nicht so leicht haben, es sei denn, es stehen Namen wie Gerhard Richter oder Jonathan Meese auf ihren Klingelschildern. Aber das ist hier nicht der Fall.

Fangen wir von vorne an: In der Nacht vom 21. auf den 22. April 2012 wurde in das Atelier der Künstlerin Julia Wally Wagner in Barmke eingebrochen (bei Helmstedt, nahe der A2). Entwendet wurden geschätzt etwa 50 Bilder. Der Diebstahl wurde angezeigt und die Experten von der Spurensicherung spurten und sicherten, konnten einstweilen aber nichts entdecken, was zur Ergreifung des Täters geführt hätte.

Die genaue Anzahl der gestohlenen Kunstwerke lässt sich nur schätzen, da Julia Wagner nicht jedes gestohlene Bild fotografisch dokumentiert hat. Vermutlich war der Kunsträuber aber schon einmal im Atelier in Barmke zu Besuch, denn die Bilder, die er mitnahm, wurden offenbar gezielt aus den Schränken und Schubladen gezogen.

Für Julia Wagner ist dies natürlich ein harter Schlag. Wenn man sich einmal vor Augen führt, wieviel Arbeitsstunden und Material in einem einzigen Bild stecken und man das mit mindestens 50 multipliziert, dann tut das nicht nur der Künstlerin weh, sondern mindestens auch all jenen, die wie ich gut mit ihr befreundet sind. Hinzu kommt schließlich noch der ideelle Verlust, der sich schwerlich in Zahlen ausdrücken lässt.

Immerhin: Der Kunstklau erregte großes Aufsehen in der Lokalpresse. Auch in Kunstmagazinen wurde darüber berichtet, und die Solidarität mit der Künstlerin ist groß. Zuspruch kam von Privatpersonen, Unternehmen und der Stadt Helmstedt. Geholfen werden soll der Künstlerin jetzt mit einer Ghostvernissage, der sich ein Benefizkonzert anschließt.

Die Idee dazu hatte Norbert Dinter. Er schlug vor, die gestohlenen Arbeiten zu verkaufen. Eigentümer der derzeit verschollenen Bilder ist ja immer noch die Künstlerin, und dieses Eigentumsrecht wird nun zum Kauf angeboten, in Form eines Zertifikates. Das heißt: Werden die gestohlenen Unikate von der Polizei wiedergefunden, gehen sie an die Besitzer der Zertifikate über.

Die Anzahl der Zertifikate ist auf 43 begrenzt. Der Verkaufspreis von jeweils 200 Euro wurde als minimaler »Entschädigungswert« von den entwendeten Arbeiten errechnet. Es handelt sich hauptsächlich um Landschaften, farbliche Übungen und Zeichnungen. Mit einem Zertifikat erwirbt man nicht nur ein Anrecht auf ein gestohlenes Bild (im Falle des Wiederauffindens), sondern auch einen gerahmten Linoldruck der Künstlerin. Die Auflage der Linoldrucke beträgt ebenfalls 43.

Der Bürgermeister von Helmstedt, Wittich Schobert, hat schon ein Zeichen gesetzt und zugeschlagen, und er ist nicht der einzige. Die meisten Zertifikate möchten allerdings noch an den interressierten Kunstfreund gebracht werden, und das soll zur Ghostvernissage geschehen. Sie findet statt am 20. Juli 2012, direkt am Tatort, im Atelier von Julia Wally Wagner in Barmke, Dorfplatz 7. Die Veranstaltung beginnt um 17.00 Uhr, der Eintritt ist frei.

Nach der Vernissage gibt es ein Benefizkonzert, organisiert von der Agentur Songs & Whisper aus Bremen. Eingeladen sind die Band Sleepwalker’s Station (feinste Indie-Folk-Eigenkompositionen für einen gemütlichen Abend mit akustischer Musik) sowie Cajita, ein »multi-instrumentaler Singer-Songwriter – quasi die Ein-Mann-Band des 21. Jahrhunderts. Mit verschiedenen Instrumenten, einer Loop Station und seiner Stimme schafft er das, was ein Kritiker mit ›melancholischer, fußwippender, tanzbarer Liebenswürdigkeit‹ umschrieb.«

Also, es lohnt sich, am 20. Juli mal in Barmke vorbeizuschauen: um eines der Zertifikate zu erwerben oder einfach nur einem tollen Benefizkonzert beizuwohnen. Vielleicht kommt ja auch der Täter. Denn der soll bekanntlich immer an den Tatort zurückkehren. Der 20. Juli wäre dafür ein gutes Datum. Dann würden nämlich nicht nur Zertifikate und Linoldrucke den Besitzer wechseln, sondern auch die gestohlenen Bilder.

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