Der Urknall

Weyershausen am 29. Oktober 2007 in HiStory

urknallWann hat eigentlich alles angefangen? Natürlich mit dem Urknall, ist doch klar! Für mich war dieser Urknall ein unscheinbares Comicheft. Eines Tages ging ich mit meiner gestressten Mutter an einem etwas heruntergekommenen Zeitschriftenladen vorbei. Im Schaufenster hingen diverse Comics und Romanhefte, die sofort meine Aufmerksamkeit erregten. Mit fatalen Folgen für meine Mutter.

Als hyperaktiver Quälgeist, der ich war, quengelte ich so lange, bis ich mir ein Heft aussuchen durfte. Ich war damals einer der talentiertesten Quengler westlich des Rio Pecos. Naja … zumindest westlich der Oker. Das Heft trug den Titel Die Fantastischen Vier, und erschien in der Reihe »Hit-Comics«, von der ich ebenfalls noch nie etwas gehört hatte.

Mein armer zehnjähriger Verstand konnte ums Verrecken nicht begreifen, was in den Seiten dieses Heftes vor sich ging. Als ob ich mitten in eine Kinovorführung geriet, die bereits zur Hälfte um war. Alles daran war exotisch – das billige Papier, die Zeichnungen, selbst der Geruch der Druckfarbe. Als Zweitgeschichte konnte man ein Abenteuer des Donnergottes Thor lesen. Was für ein dämlicher Name! Donnergott? Was war das denn? Da kehrte ich doch lieber ins behagliche Entenhausen zurück.

Wie fast alle anderen Kinder meines Alters war ich ein eifriger Comic-Leser. Zack, Asterix, Fix & Foxi, Micky Maus u.s.w. »Ich habe sie alle gehabt!«, konnte ich bereits als Grundschüler weltmännisch von mir behaupten. Trotzdem bewegte sich mein Comicverschleiß in normalen Bahnen. Ich war nie ein Sammler. Dieses Heft aber beschäftigte mich, weil ich es nicht verstand. Auch heute noch habe ich schlaflose Nächte, wenn ich etwas nicht kapiere (was leider sehr oft vorkommt).

Es dauerte mehrere Monate, bis ich eine weitere Ausgabe dieses mysteriösen Comics in den Händen hielt. Mein Klassenkamerad Reinhard H., offensichtlich ein echter Feinschmecker in Sachen Kultur, lieh es mir. Diesmal war ein grünhäutiger Kauz namens »Halk« Held der Zweitgeschichte. Außerdem trat ein Typ namens »Silber Surfer« auf, der auf einem Surfbrett durchs All bretterte. »Die spinnen, die Amis«, dachte ich.

Mehrere Monate später war mein Intellekt so weit gereift, dass ich unbedingt ein weiteres Heft der Fantastischen Vier haben musste. Doch wie alles im Leben hatte auch dies seinen Preis und der hieß: Goodbye »Micky Maus«, da meine Mutter partout nicht einsehen wollte, dass ihr Filius ein weiteres Comicheft pro Woche benötigte. Was beweist, dass selbst in den Swinging Seventies Eltern äußerst uncool waren.

In der Zwischenzeit hatte sich jedoch einiges in der Comicwelt geändert. Die »Hit-Comics« gab es nun nicht mehr. Das fantastische Quartett erschien plötzlich unter dem Label Marvel Comics. Auch der seltsame Donnergott hatte jetzt seine eigene Heftserie. Ebenso wie unser Freund »Halk«, der zwar noch immer grün war, aber sich nun Hulk nannte. Des Weiteren entdeckte ich die Spinne, die Rächer, das X-Team und andere seltsame Gestalten.

Machen wir’s kurz: Ich war innerhalb kürzester Zeit »angefixt«. Jeden Montag, noch vor Schulbeginn, radelte ich zum Bahnhofsbuchhändler, der als einziger in meiner Umgebung diese merkwürdigen Hefte führte. Bald nannte ich sämtliche Druckerzeugnisse des Hauses Marvel mein eigen. Zum Erschrecken meiner Eltern steigerte sich mein Comic-Konsum in der Folgezeit stetig. In jeder freien Minute saß ich am Boden und kritzelte die eine oder andere Marvel-Figur. Die Weichen für meine Zukunft waren gestellt. Lautete nicht eines der besten Marvel-Epen »Wenn dies mein Schicksal ist«?

Diese farbenfrohen Fluchtwelten waren weit spannender als die trübe niedersächsische Realität meines Schulalltags. Mit fünfzehn entdeckte ich Andreas C. Knigges legendäres Fachblatt »Comixene«. Inzwischen war ich diesem wunderbar fantasievollen, großartig verspielten Medium mit Haut und Haaren verfallen. Ich entdeckte ständig neue Zeichner, neue Comicwelten, verborgene Schätze und vor allem meine Fähigkeit selbst zu zeichnen.

Aus einem kleinen dummen Jungen wurde so ein großer dummer Junge. Oder besser: Je mehr ich lernte, desto mehr wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich weiß.

Warum ich all dies schreibe? Gestern abend sah ich auf arte eine Dokumentation über den großartigen Zeichner Moebius (alias Jean Giraud), die mich sehr nachdenklich stimmte. Die Zeit rast! Als ich das erste Mal eine Zeichnung Girauds sah, war er noch ein junger Wilder und ich ein alter Grundschüler. Nun ist er ein alter Wilder, und ich bin selbst Cartoonist. In Moebius Redux kam auch ein anderer alter Herr zu Wort: Stan Lee, einstiger Autor und Miterfinder der Fantastischen Vier.

Stan Lee, Jack Kirby, Carl Barks, André Franquin … mit ihnen fing für mich alles an. Irgendwie betrachte ich sie noch heute als meine künstlerischen Väter. Nur Schade, dass sie nie Alimente gezahlt haben …

Hinterlasse einen Kommentar