Alle Jahre wieder beginnen Kolumnen zur Weihnachtszeit mit den Worten »Alle Jahre wieder«. Manchmal enden sie auch so. Manchmal aber auch so: »Einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr wünscht…«. Dann kommt ein Name, z. B. Herbert Ribbentropp, Wolli »Weihnachtsmann« Wanker oder Helga-Eugenie Putz-Teuffel. Und damit ist das ganze Dilemma der Adventszeit auch ganz gut auf den Punkt gebracht. Es ist die Wiederkehr des Immergleichen. Weihnachtsfeiern, Kekse backen, noch schnell Geschenke kaufen, hoffen, dass man das Richtige gefunden hat, Krippenspiel in der Kirche, Familienstreit unterm Christbaum, Geschenke umtauschen an den Tagen danach…
Bin ich damit ein »Weihnachtsmuffel« oder gar ein ‚»-hasser«? Nein, in diese schäbige Schublade möchte ich mich selbstredend nicht einsortieren lassen, obwohl ich mich als Gottesleugner dort durchaus zeitweise wohl zu fühlen vermag, aber immer möchte ich hier nicht lagern. Denn diese Feiertage haben doch auch schöne Seiten: Weihnachten ist zwar nicht der Geburtstag von Jesus, wohl aber die Zeit, in der der Mensch in der nördlichen Hemisphäre in eine Art Winterstarre fällt. Man will sich nicht unnötig bewegen, das Haus verlassen sowieso nicht, nur Kaubewegungen fallen leicht, deshalb isst man viel und läuft wenig, bis man sich eine schöne Speckschicht angefuttert hat, die einem hilft, nicht den bitteren Kältetod in dem mehrere Wochen währenden Schneesturm im Januar und Februar zu erleiden.
Hat man das dann glücklich überstanden, folgt die Frühjahrsmüdigkeit, die Sommerträgheit und eine nur im Bett auszukurierende, zärtliche Herbstdepression. So hat man immer einen Grund, sich dem Müßiggang hinzugeben und sein Leben in einem angenehmen Völlegefühldämmerzustand zu verbringen. Das jedoch ist heutzutage nicht mehr angesagt. Die modernen Zeiten verlangen fleißige und wetterfeste Menschenbienlein, die rund um die Uhr und zu jeder Jahreszeit schaffen wollen und stets fit for job und fit for fun sind. Fat for fun darf niemand sein.
Von Weihnachtsgeschenken habe ich ja schon gesprochen. Auch ich verbringe viel Zeit damit, mir Gedanken zu machen, womit ich wem eine Freude machen könnte. Gerne mache ich z. B. meinem Nächsten ein Buch zum Präsent. Es hat viele Vorteile. Man kann es lesen und sich anschließend sogar ins Regal stellen, wo es die Wohnung verschönt. Man kann sich dann auch Gäste einladen und sie eine viertel Stunde lang unter dem Vorwand, sich kurz noch mal frisch machen zu wollen, im Wohnzimmer alleine lassen. Sie werden dann vermutlich die Zeit damit verbringen, den Raum zu durchsuchen. Wenn sie die Schubladen aufreißen (z. B. die mit den Weihnachtsmuffeln und -hassern), haben Sie einen guten Grund, diese Leute nie wieder einzuladen. Wenn sie jedoch ans Bücherregal gehen, sollten Sie erst kontrollieren, welche Bücher zwecks Durchblätterns herausgezergelt worden sind. Menschen, die sich an Sacha Brohms Schatzkästlein voller funkelnder Alltagsmärchen oder am neuen Punchliner festlesen, sind gute Menschen. Erträgt aber jemand Peter Hahnes Opus Magnum »Schluss mit lustig« länger als zwei Seiten, sollten Sie ihm ohne zu zögern die Freundschaft kündigen.
Außerdem brauchen Sie jetzt eine gute Ausrede, warum sich das letztgenannte Büchlein eigentlich in Ihrem Besitz befindet. Ich sage in solchen Fällen immer: Weil ich auf diese Weise erfahre, welcher meiner Bekannten Geschmack und Stil hat und welcher nicht. Dieses Buch ist eben nicht einfach Buch, sondern ein Freundschaftssieb. Ich denke, ich werde versuchen, Tiki Küstenmacher diesen Tipp zu verkaufen. Vielleicht werde ich dann endlich reich.
Das ist doch mal ein wirklich guter Vorsatz für das nächste Jahr. In diesem Sinne: Frohe Festtage (was auch immer Sie feiern) und einen guten Rutsch!
