Meine allerliebsten Comic-Käuze – Teil 3

Weyershausen am 15. November 2011 in HiStory

ditkoDas Geschäft mit den Comics ist leider alles andere als komisch – besonders in den USA. Lange Stunden am Zeichentisch, keinen Urlaub, ohne Kranken- oder Altersversicherung. Viele Karrieren enden traurig. Zeichner Dave Cockrum starb zum Beispiel in völliger Armut. Dabei war er einer derjenigen, die den späteren Filmerfolg »X-Men« aus der Taufe hoben. Comics liebte er bis zum Schluss: Cockrum wurde in seinem Superman-Pyjama beigesetzt. Die meisten Künstler sind leider keine Geschäftsleute, sondern deren Opfer.

Auch Steve Ditko gehört zu jenen, die im Alter mit leeren Händen dastehen, obwohl er eine der berühmtesten Comicfiguren der Welt ersonnen hat: Spider-Man. Obwohl sein Name im Vorspann der Filme nur an zweiter Stelle steht: Von Ditko stammen das unverwechselbare Kostüm, die Nebenfiguren sowie die ausgefallenen Feinde des erstaunlichen Spinnenmenschen. Autor Stan Lee steuerte lediglich Namen und Dialogtexte bei.

Seine letzten 18 Hefte produzierte der Zeichner sogar, ohne überhaupt mit Lee gesprochen zu haben. Doch während Lee heute ein gefeierter Millionär ist, haust Ditko, mittlerweile 84, in einem bescheidenen Apartment in Manhattan, trägt Schuhe, deren Sohlen von Isolierband zusammengehalten werden, und lebt von seiner Sozialversicherung.

Dabei könnte Ditko ein wohlhabender Mann sein. Seine Fans würden ein Vermögen für eine neue Zeichnung von Spider-Man zahlen. Obwohl er in seinem Studio einen Stapel seiner alten Comicseiten, von denen jede einzelne Tausende von Dollars Wert ist, aufbewahrt, zieht er es vor, aus seinem Ruhm kein Kaptal zu schlagen. Der Zeichner gibt seit über vierzig Jahren keine Interviews; es sind lediglich drei alte Fotos von ihm in Umlauf. Unangemeldete Besucher lässt er vor der Tür stehen. Kein Zweifel: Ditko ist der »Man of Mystery« der Comicwelt.

Schuld daran ist vielleicht die Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand, deren Vorträge der junge Ditko einst besuchte. Die notorische Kommunistenhasserin, die mit »The Fountainhead« (1943) einen Weltbestseller lancierte, war Verfechterin des »Objektivismus«, einer Lehre, die einen radikalen Individualismus propagierte. Diese Lehre machte sich der aufstrebende Künstler mit den Jahren immer mehr zu eigen. Ditkos Welt besteht aus schwarz oder weiss, gut oder böse. Dazwischen gibt es nichts. Eine denkbar schlechte Einstellung in einer Branche, in der gebrochene Versprechungen an der Tagesordnung sind.

Als der liberale Stan Lee aus Spider-Man einen Befürworter der aufbegehrenden Studentenbewegung machte, war das für den erzkonservativen Ditko zu viel. Er schmiss den wohl lukrativsten Job seiner Karriere. Ein Muster, das sich in den nächsten Jahrzehnten ständig wiederholte. Zum Beispiel 1992, als er die Arbeit an einer Serie einstellte, weil die Titelfigur seiner Ansicht nach eine Philosophie vertrat, die auf Plato beruhe, er aber ein Anhänger von Aristoteles sei.

Ruhm und schnöder Mammon schienen dem pragmatischen Künstler nichts zu bedeuten. Kein Wunder, dass er selbst seinen Kollegen etwas unheimlich ist. Als der Brite Jonathan Ross vor vier Jahren im Auftrag der BBC eine Dokumentation über sein Idol drehen wollte, wurde er brüsk abgewiesen. Seine Arbeit sage alles, was es zu sagen gibt, erklärt Ditko seit Jahren. Statt mit einem Interview wurden Ross und sein Mitstreiter Neil Gaiman mit einem Stapel Comics nach Hause geschickt.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass Ditko seine Einstellung ändern wird. Ein Kompromiss ist für ihn der größte Frevel, den sich ein Mensch erlauben kann. In einer Welt, die nur schwarz oder weiss duldet, steht grau für Korruption. Auch heute ist Ditko – inzwischen eine lebende Legende und im Ruhestand – aktiv wie eh und je. Seit einem Jahrzehnt zeichnet er philosophische Pamphlete, die er in unregelmäßigen Abständen unters Volk bringt. Ohne durchschlagenden finanziellen Erfolg. In dieser Zeit spielte die Spider-Man-Trilogie in den Kinos eine Gesamtsumme von 2,5 Milliarden US-Dollar ein. Trotz seines Alters wird er nie müde seine Weltsicht zu verbreiten, als freundlicher Exzentriker von nebenan: Was soll es sein? Gut oder böse? Du hast die Wahl!