Armin

Weyershausen am 13. August 2012 in Leservat

Armin AbmeierIm Herbst 2005 trat während der Frankfurter Buchmesse der legendäre Bukowski-Entdecker Carl Weissner auf. Mein Kollege Holger Reichard hatte vor, dort einen gewissen Armin Abmeier zu treffen, mit dem er seit einiger Zeit in Verbindung stand. »Komm doch mit. Das könnte auch für Dich ganz interessant sein«, köderte mich Holger. Und wie so oft hatte er recht.

Es stellte sich heraus, dass Weissner und Abmeier alte Freunde waren. Als langjährige Weggefährten Bukowskis besuchten sie auch dessen Hochzeit. Bukowskis Texte hatten auch mich in meiner Jugend sehr beeindruckt, daher wurde es ein denkwürdiges Treffen. Nachdem sich Weissner von uns verabschiedet hatte, tranken wir noch einen Kaffee mit Abmeier, der uns mit Anekdoten geradezu überhäufte. Viele weitere gemeinsame Koffein-Exzesse sollten in den nächsten Jahren folgen.

Abmeier gehörte weder zu den vergeistigten Soziopathen noch zu den aalglatten Snobs, über die man sonst auf der Buchmesse stolpert. Im Gegenteil: Er war herzlich und interessiert. Ein äußerst dynamisch wirkender älterer Herr mit weißem Vollbart, Brille und einem stets verschmitzten Lächeln, hinter dem eine wildbewegte Vergangenheit aufblitzte. Armin hatte einst als Verlagsvertreter angefangen und unterwegs so einiges erlebt. Ich mochte ihn auf Anhieb. Auf seinem Revers prangte damals eine kleine »Mr. Natural«-Figur von Underground-Legende Robert Crumb, ebenfalls ein alter Bekannter, wie er beiläufig erwähnte. Abmeier war nicht nur ein Büchernarr, sondern – noch besser – auch ein Comicnarr mit einem exquisiten Geschmack.

Es stellte sich heraus, dass unser neuer Freund eine der schillerndsten Gestalten des Buchmarkts war. Armin war eine jener Persönlichkeiten, die auf der Messe keine fünf Schritte gehen konnten, ohne angesprochen zu werden. Seine nicht minder schillernde Lebensgefährtin Rotraut Susanne Berner illustrierte höchst populäre Wimmelbücher, die von einigen scherzhaft »Pimmelbücher« genannt wurden, da sich in jedem Buch ein nackter Junge verbarg. Das sorgte bei den prüden Amerikanern sogar für einen Eklat. Außerdem tauchte in ihren Büchern oft ein Brillenträger mit weißem Vollbart auf, der eine nicht zufällige Ähnlichkeit mit ihrem Partner besaß.

Armins Lieblingskind waren die »Tollen Hefte«, die er für die Büchergilde herausgab, eine mustergültige Reihe, die auch international ihresgleichen sucht. Für einen Künstler kam das Angebot, ein »tolles Heft« zu illustrieren, einem Ritterschlag gleich. Um vielversprechende Illustratoren aufzuspüren, war Armin keine Reise zu weit. Für einen Mann, der auf die 70 zuging, verfügte er über eine enorme Energie.

In den nächsten Jahren gehörte ein gemeinsames Treffen auf jeder Leipziger und Frankfurter Buchmesse quasi zum Pflichtprogramm. Zuerst war ich dabei nur ein Zaungast, während Holger und Armin ein gemeinsames Projekt in der Mache hatten, das, wie sich unglücklicherweise herausstellen sollte, im Sande verlief. Doch dies tat unserer Freundschaft keinen Abbruch.

Ein Gespräch mit Armin war wie eine Wundertüte – ganz wie sein ewig präsenter Rucksack, der stets mit interessanten Büchern oder Grafiken gefüllt war, von denen er uns vorschwärmte. Ständig berichtete er von neuen Talenten, die er zum Beispiel in New York auf einer Party von Art Spiegelman entdeckt hatte. Er führte schon ein abwechslungsreiches Leben. Heute in Los Angeles, morgen auf der Kinderbuchmesse in Bologna. Zu jedem Autor, jedem Buch, konnte er eine amüsante Geschichte beisteuern.

Legendär war auch unser Treffen mit T.C. Boyle, der vor drei Jahren mit seiner Tochter Leipzig besuchte. Natürlich war Armin ein alter Freund der Familie, was die etwas steife Atmosphäre sehr entspannte. Es war ein weiterer denkwürdiger Abend, den Holger Reichard, geistesgegenwärtig wie immer, auf einem Foto verewigte.

»Na Jungs, was gibt’s Neues?«, fragte er Holger und mich bei jedem Treffen erwartungsfroh. Bei so viel Tatendrang konnte man schon Schuldgefühle bekommen, wenn man grad kein neues Projekt am Start hatte. Oft beschlich mich das ungute Gefühl, dass wir die Alten waren, und er der junge Hüpfer. Als er auch noch ankündigte, in seiner Heimat München eine Galerie zu eröffnen, staunten wir nicht schlecht.

Vor einiger Zeit jedoch riss der Kontakt ab. Wir schrieben es seinem Arbeitspensum zu. Doch dann kam überraschend ein Lebenszeichen. Armin hatte eine Chemotherapie überstanden und freute sich auf ein Aufleben unserer rituellen Kaffeerunde. Es sollte nicht dazu kommen. Am 24. Juli 2012 verstarb er. Es ist vielleicht nicht so wichtig, wie lange man einen Menschen gekannt hat, sondern wie sehr man ihn vermisst. Die Buchmesse wird ohne Armin Abmeier jedenfalls nicht mehr dieselbe sein.

Frühling in Frankfurt

wortmax am 13. Oktober 2010 in Reisenotizen

fbm2010Dicke Jacken, graue Bahnhöfe, nasskaltes Wetter, Schweinegrippe. Meteorologisch gesehen waren die Buchmessen in Frankfurt selten ein Vergnügen. Doch in diesem Jahr war es anders. Milde 20 Grad, Sonnenschein, viele bunte Bäumchen. Und auch was die Gespräche und Begegnungen auf der Messe betrifft, konnte man dieses Mal echte Frühlingsgefühle bekommen.

Angereist war ich wie immer mit dem Cartoonistenfreund Karsten Weyershausen, und zwar entgegen der ursprünglichen Planung schon am Dienstagabend. Es war der einzige Abend, an dem wir unsere lieben Gastgeber in Friedberg zum traditionellen Buchmessen-Eröffnungsessen beim Griechen einladen konnten. Dem Wirt, so erfuhren wir, ging es gesundheitlich leider gar nicht gut, der überbackene Schafskäse schmeckte jedoch wie immer – hervorragend.

Um die Mittagszeit herum standen sowohl am Mittwoch als auch am Donnerstag interessante Vorträge zu den Themen Buchcamp und Social Media an. Viel Neues erfuhr ich dort nicht, was aber vor allem darauf zurückzuführen ist, dass mir diese Welten schon ein wenig vertraut sind. Den Nutzen dieser Veranstaltungen für mich selbst sah ich eher darin, Bestätigung zu erfahren und endlich einige liebgewonnene Follower und Freunde von Twitter und Facebook persönlich kennenzulernen.

Vor zwei, drei Jahren sah alles noch ganz anders aus. Ich erinnere mich daran, wie ich auf der Buchmesse den Themenbereich »Neue Medien« in nur einer Stunde abhaken konnte, weil er im wesentlichen darin bestand, dass mir zwei arrogante WDR-Rundfunkmoderatoren, deren Namen ich glücklicherweise längst vergessen habe, mit genervter Stimme erklärten, Audio-Podcasts seien nur etwas für ausgebildete Hörfunk-Profis. Alle anderen sollten gefälligst die Finger davon lassen.

Die Zeiten haben sich geändert. Während ich die Frankfurter Buchmesse in den vergangenen Jahren ausschließlich wegen www.tcboyle.de und eigenen Publikationsmöglichkeiten besuchte, drehte sich für mich im Herbst 2010 alles ums Social Web, und zwar so vehement, dass man den Begriff »Social Web« am Ende von drei erlebnisreichen Messetagen – auf der Party der jungen Verlage – gar nicht mehr in den Mund nehmen wollte.

Ich werde eine kleine Pause benötigen, dann aber die zahlreichen interessanten und wunderbar inspirierenden Gespräche mit Wibke Ladwig, Carsten Raimann, Carsten Tergast, Richard K. Breuer, Marvin Kleinemeier und vielen anderen sympathischen Büchermenschen mindestens ebenso zu schätzen wissen wie das leider viel zu kurze Wiedersehen mit alten Freunden und Bekannten, wie z. B. der Papier- und Buchkünstlerin Marlis Maehrle oder dem tollen Herausgeber Armin Abmeier, der übrigens Anfang des Jahres in München eine neue tolle Galerie eröffnet hat.

Sehr schön auch die doppelte Portion Michaela von Aichberger, besser bekannt als @frauenfuss, die ich auf ihrer Ausstellung »Ich male meine Follower« im Kölner Kulturbunker, im Dezember 2009, kennengelernt und das letzte Mal gesehen hatte. Damit sie mich in Frankfurt nicht übersieht, hatte ich mich extra in ihr »Holger-die-Waldfee-Shirt« geworfen. Es hat gewirkt: Am Mittwoch plauderten wir über eine Stunde lang im Café Filu, und am Freitag tauchte sie dann noch ein weiteres Mal auf, bei der Krönung von Miss und Mister Book Fair, die ich mit einer kleinen Rede eröffnen durfte.

Die Wahl von Wibke Ladwig und Philipp »DonBrandy« Weinbrenner zu Miss und Mister Book Fair 2010 war für mich schließlich auch der Höhepunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Dafür möchte ich mich bedanken, bei allen Kollegen im Organisationsteam, insbesondere bei Gesine von Prittwitz und Stefan Möller, sowie bei allen Kandidatinnen, Kandidaten und Facebook-Freunden, ohne die aus der spontanen Aktion nie so ein Mordsspaß geworden wäre, der überdies einige Beachtung in Medien und Blogosphäre fand: Bayerischer Rundfunk, Frankfurter Buchmesse, Lesekreis und viele mehr berichteten …

Fazit: Wenn sich auf der Frankfurter Buchmesse 2011 ähnliche Gesprächs- und Kontaktmöglichkeiten ergeben, werde ich arge Zeitprobleme bekommen. Denn wahrscheinlich wird dann auch T.C. Boyle auf der Messe sein und meine Agenda nicht unerheblich mitgestalten. Wie ich das dann alles in drei Messetagen schaffen soll, ist mir ein Rätsel. Hilfreich vielleicht, dass Eckart von Hirschhausen mich am Messe-Donnerstag beim feierabendlichen Getränke-Ausschank zwischen Kunstmann und Wagenbach Verlag angerempelt hat. Man sagte mir, das soll Glück bringen.

Nur keine Erwartungen

wortmax am 21. Oktober 2009 in Reisenotizen

fbm09Mittwoch, 14. Oktober 2009, Frankfurt am Main, die Sonne scheint, die Frisur sitzt. »Sieh nur«, sagte der Kollege Weyershausen auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Messegelände, »das schöne Wetter, das ist ein Zeichen!«

Tatsächlich geht man immer mit gewissen Erwartungen in so eine Buchmesse, obwohl schon Groucho Marx warnte, es sei besser, keine Erwartungen zu haben, weil diese immer alles kaputt machen. Hatte ich Erwartungen von der Frankfurter Buchmesse 2009? Ja, natürlich hatte ich die, auch wenn ich sie dem weisen Rat Grouchos folgend zu unterdrücken versuchte.

Schön wäre es gewesen, mit einer neuen konkreten Buchidee aus Frankfurt zurückzukehren, den Autorenvertrag eigentlich schon in der Tasche. So wie auf der Buchmesse in Leipzig im Frühjahr 2008, als ich mit der Idee zu den »111 Gründen, sich selbst zu lieben« an meinen Schreibtisch zurückkehrte. Schön wäre es gewesen, endlich einen entscheidenden Impuls für die Fortsetzung des www.tcboyle.de Kurzgeschichtenwettbewerbs zu bekommen. Und schön wäre es gewesen, Roger Willemsen hätte mich wieder angehustet, worauf ich eine Woche lang krank hätte feiern und behaupten können, ein Intellektueller habe mich angesteckt.

Nichts von alledem erfüllte sich. Ein neues Buchprojekt liegt in der Luft, aber noch kann ich es nicht benennen. Für den Short Story Wettbewerb zeichnet sich noch gar keine Lösung ab. Zudem fielen dieses Mal mehrere vielversprechende Messetermine aufgrund von Krankheit und unbegründeter Nichtanwesenheit der zu treffenden Leute ins Wasser. War die Buchmesse 2009 in Frankfurt deshalb – im Gegensatz zu den Frühjahrs- und Herbstbuchmessen der vorangegangenen Jahre – ein Reinfall?

Sicher nicht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Einige Begegnungen, die ich vor fünf Jahren noch als außergewöhnlich empfand, nehme ich heute wohl als selbstverständlich hin. Obwohl sie es nicht sind. So kann ich nach reiferer Überlegung sagen, es gab auch dieses Mal wieder viele interessante Gespräche, die ich nicht missen möchte und die gleichsam die Hoffnung wecken, dass daraus irgendwann etwas Neues, Positives erwachsen wird.

Impressionistisch möchte ich hier mein erstes Twittagessen erwähnen – mit sympathischen Autoren und Verlagsangestellten, allerdings auch mit einer schweineteuren Kartoffel-Lauch-Creme-Suppe; oder den leckeren Weißwein am mare-Stand, begleitet von anregenden Gesprächen über Kinder- und Jugendliteratur, Harry Rowohlt und Gott und die Welt; oder einem wieder mal sehr aufschlussreichen Treffen mit dem Verleger Armin Abmeier – im Schatten eines omnipräsenten Frank Schätzings (sogar in Unterhosen auf mindestens zwei mal vier großen Plakatwänden); und nicht zu vergessen, die stimmungs- und humorvollen Partys am Abend, die mit Go-Go-Girls am Willy-Brandt-Platz und hessischem Senftöpfchen in Sachsenhausen gegensätzlicher nicht hätten sein können.

Fazit: Auch die Herbstbuchmesse 2009 war nicht umsonst. Sie hat mich viel Geld gekostet. Dort gewesen zu sein, wird mir sicherlich etwas bringen. Ich weiß nur noch nicht, was.

Bestseller und Bratkartoffeln

Weyershausen am 19. Oktober 2009 in Reisenotizen

messe09Reisen bildet. Erst seit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse weiß ich zum Beispiel, dass ohne Handy gar nichts geht. Außerdem, so wurde mir gesagt, sei die Selbstbedienungs-Restaurantkette »Vapiano« nur ein »McDonald’s« für Neureiche und Angeber.

Nicht zuletzt hatte ich den Eindruck, dass Läster-Diva Désirée Nick ungestylt aussieht wie jede beliebige 50-jährige Nicht-Diva.

In diesem Jahr hatte ich vorsichtshalber einen Regenschirm in der Tasche. Klar, dass die ganze Zeit die Sonne schien. Dies war wohl ein Vorzeichen: An jeder Ecke warteten unangenehme, aber auch angenehme Überraschungen auf Herrn Reichard und mich. Termine wurden abgesagt. Dinge, auf die man sich gefreut hatte, wurden zu einer Enttäuschung. Ein echtes Kontrastprogramm eben. Dass wir zum Beispiel an einem Abend auf einer hippen After-Work-Party landen würden, um nur einen Tag später bei Äppelwoi und Bratkartoffeln unter riesigen Hirschgeweihen im »Gemalten Haus« zu sitzen, hätten wir nicht gedacht.

Überhaupt stand die Buchmesse ganz im Zeichen von Frank Schätzing, Dan Brown und Til Schweiger. Besonders vor Schätzing gab es kein Entkommen. Selbst unser alljährlicher Plausch mit Herausgeber Armin Abmeier wurde vom umschwärmten Schwarm-Schreiber überschattet, der nur wenige Meter weiter lautstark vom Mut zum Misserfolg predigte, den man als Autor gefälligst haben sollte.

Heiß diskutiert wurde auch die Digitalisierung von Inhalten, die weltweit Buch-Macher in zwei Lager spaltet. Der Nachwuchs sieht dies als Chance, denn schließlich hat er nichts zu verlieren. Die Etablierten befürchten indes – mit Blick auf den desolaten Zustand der Musikindustrie – den Niedergang des Buchhandels, wie wir ihn kennen.

To Kindle oder not to Kindle, das ist hier die Frage. Diese Buchmesse zeigte wie keine zuvor, dass sich große Veränderungen abzeichnen. Beim gemeinsamen »Twittagessen« saßen gestandene Autoren neben hoffnungsvollen Nachwuchsschreibern an einem Tisch. Das Internet als großer Gleichmacher? Was das alles bringen soll, wusste wohl niemand, aber andererseits wollte sich auch keiner vor den Neuerungen des World Wide Web verschließen, sondern dabei sein, bevor der Zug abfährt.

Dramatisch dagegen sind die stetig sinkenden Verkaufszahlen. Selbst große Verlage fahren heute Auflagen, die vor wenigen Jahren Kleinstverlegern vorbehalten waren.

Für mich persönlich war es die erste stressfreie Buchmesse. Während ich gegen Mittag übernächtigt die Hallen betrat, hatte mein neuer Agent bereits mehrere Geschäfte für mich getätigt. So blieb mir nur, mit meinem Verleger Dieter Sekt zu trinken und meiner Lektorin Nadine die Kekse wegzuessen.

Ansonsten traf man an jeder Ecke auf die üblichen Verdächtigen. Selbst Roger Willemsen, der sich im letzten Jahr scheinbar versteckt hatte, saß in der Sonne, um sich angeregt mit einer attraktiven Blondine zu unterhalten. Das einzige, was ich dagegen vernaschen durfte, war – wie so oft – ein Hot Dog mit Röstzwiebeln.