Auf dem Sofa mit Herrn Rettich

Weyershausen am 6. Mai 2011 in HiStory

RettichAls ich über Ostern meinen Keller ausräumte, entdeckte ich eine Karte, die ich im Juli 2004 vom Kinderbuchillustrator Rolf Rettich erhalten hatte. Ein paar Wochen zuvor war gerade »Das Astrid Lindgren Lexikon« erschienen.

Ein halbes Jahr vorher saßen meine Co-Autorin und ich auf dem Sofa des großen Mannes, tranken Tee, knabberten Selbstgebackenes und lauschten seinen Geschichten. Hinter uns bedeckte eine riesige Ahnengallerie die ganze Wand. Die Katze des Meisters war gerade krank, was dazu führte, dass er an jenem Nachmittag etwas neben der Spur war.

Dass Rolf Rettich zu den ganz Großen gehörte, wurde uns schon bei unseren Recherchen klar. Als Astrid Lindgrens »Michel«-Bücher ins Deutsche übertragen wurden, war er es, der die Aufgabe erhielt, den Querulanten aus Lönneberga ins Bild zu setzen. Und auch bei der Gesamtausgabe von »Pippi Langstrumpf« verlieh ihr Rettich ein zeitgemäßeres Aussehen.

Rettichs moderner Stil war in den 60ern geradezu sensationell. James Krüss, Astrid Lindgren, Michael Ende und Christine Nöstlinger – alle Kinderbuchautoren von Rang und Namen arbeiteten irgendwann mit ihm zusammen. Fast jedes Kind kannte seine Illustrationen. Auch in meinem Regal stand ein Band mit orientalischen Märchen, die farbenfroh von ihm illustriert waren. Als Kind war es eines meiner Lieblingsbücher.

Da der Oetinger Verlag gerne Treffen seiner Künstler forcierte, entstand eine Freundschaft zwischen dem Ehepaar Rettich und Astrid Lindgren. Rettich erzählte von einer nächtlichen Kutschfahrt im Schnee, bei der sie sich kennenlernten. Doch die Freundschaft wurde arg strapaziert, als Lindgren durchsetzte, dass bei einer Neuauflage der Michel-Bände die Illustrationen Rettichs gegen die ihres Landsmannes Björn Berg ausgetauscht wurden, dessen Zeichenstil ihr passender erschien. Doch das wussten wir damals nicht, als wir unseren Interviewtermin machten. Daher waren wir etwas verwundert, als Rettich die Rolle »Frau Lindgrens« in seiner Karriere herunterspielte und verdächtig wenig über sie zu sagen hatte.

»Die schlimmste Form der Eitelkeit ist die Bescheidenheit«, sagte Oscar Wilde einmal. Dieses Zitat traf gerade auf Rettich zu. Mit jedem Satz spürte man den Stolz auf das Erreichte, die eiserne Disziplin, die ihn auch im fortgeschrittenem Alter an den Zeichentisch trieb und ein wenig die Verachtung für eine junge Generation von Künstlern, die seine Arbeitsmoral nicht teilte.

Als wir gingen, forderte er mich auf, ihn im Sommer zu besuchen. Es war keine bloße Höflichkeitsfloskel. Doch Rettich suchte keinen Gesprächspartner, sondern einen Stichwortgeber. Dazu war mir jedoch die eigene Eitelkeit im Wege. Dann, fünf Jahre später, las ich in der Zeitung, dass Rettich gestorben war.

Damals, während unseres Besuches, wirkte er für seine 74 Jahre sehr dynamisch. Er nahm sich viel Zeit für uns und war in bester Plauderlaune (die Berufskrankheit all jener, die den ganzen Tag einsam an einem Zeichentisch mit sich allein sind). Er hatte eigentlich alles erreicht, trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass er ohne seine Arbeit ein verdammt leeres Leben führte. Wahrscheinlich ist es die große Kunst, bei der Kunst, auch ein Leben jenseits der Kunst zu führen.

Die Vorleserin

Weyershausen am 18. Oktober 2010 in Leservat

pixiEigentlich wollte ich immer mal einen Text mit den Worten beginnen: »Früher, als ich noch jung und schön war«. Aber ich war nie schön – und möglicherweise nie jung. Deshalb schreibe ich vielleicht besser: »Früher, als ich klein war.«

Damals war ich jedenfalls kein großer Leser. Das erste Buch, das ich geschenkt bekam, war ein Bilderbuch mit dem Titel »Onkel Tobis Landpartie«. Die großflächigen Illustrationen des Buches, die angeblich sooo kindgerecht waren, konnte ich schon da nicht leiden. Viel lieber mochte ich Bilder mit vielen Details, in denen das Auge spazierengehen konnte. Ich könnte jetzt vielleicht behaupten, dass mir Onkel Tobi die Lust am Lesen vermiest hat, aber dem war nicht so. Ich war einfach nur faul. Meine große Schwester verschlang indes ein Buch nach dem anderen.

Ich dagegen fand Comics wesentlich spannender als Romane. Die vielen Buchstaben sahen nach Arbeit aus und nicht nach Vergnügen. Fast alle Bücher, die ich als Kind geschenkt bekam, wanderten ungelesen ins Regal.

Zum Glück war die Liebe meiner Schwester zu den Büchern so groß, dass sie mir jeden Abend, bevor wir schlafen gingen, vorlas. Wenn ich so daran zurückdenke, muss sie mich sehr gemocht haben, denn ich kann mich an unzählige Buchtitel erinnern, die sie mir nahebrachte. Zu ihren Lieblingsautoren zählten damals Astrid Lindgren, Jules Verne, Karl May und Carolyn Keene. Keenes Heldin, die Amateurdetektivin Susanne Langen, hatte es ihr besonders angetan. »Die verborgene Treppe« war lange Zeit ihr erklärtes Lieblingsbuch.

Oft protestierte ich, wenn meine Schwester an einer besonders spannenden Stelle abbrechen wollte. Doch es nutzte nichts. Als Nichtleser war ich ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Trotzdem war ich als heimlicher Nutznießer ihrer Leidenschaft stets froh, wenn meine Oma ihr ein neues Buch dieser Reihe schenkte.

Jahre später fand ich heraus, das Susanne Langen eigentlich Nancy Drew hieß und Carolyn Keene das Pseudonym eines Konglomerats von Fließbandschreibern war. Das größte Rätsel war allerdings, dass die Titelzeichnerin der Reihe einmal Aiga Rasch hies, dann Aiga Naegele. Dass Frauen, wenn sie heiraten, manchmal ihren Namen ändern, kam mir damals nie in den Sinn. Dummes Kind!

Meine Schwester verlangte am Ende einer Lesestunde immer, dass ich mir den letzten Satz merkte, den sie vorgelesen hatte. Einmal, nach einem besonders heftigen Streit zwischen uns, war es eine ganze Zeit aus, mit der allabendlichen Lesestunde. Damals stand gerade »Der Kurier des Zaren« auf dem Programm. Der Satz »Die beiden Journalisten gingen unter Deck, um ihren Waffenstillstand zu begießen.« hat sich mir bis heute eingeprägt.

Doch wie alle guten Dinge währte auch unsere Lesestunde nicht ewig. Das erste Buch, dass ich aus eigener Kraft bewältigte, war ausgerechnet »Der Herr der Ringe«. Und das erst nach mehreren Anläufen. Bilderbücher wie »Die faule Maus« und »Das kleine alte Auto« zähle ich hier nicht mit. Zu dieser Zeit hatte meine inzwischen pubertierende Schwester Besseres zu tun, als ihren kleinen Bruder Geschichten vorzulesen. Es dauerte lange, bis ich meinen Widerwillen überwand und mir das Lesen langer Texte Spaß bereitete.

Noch heute liebe ich es, wenn wenn mir jemand vorliest. Deshalb habe ich im Gegensatz zu einigen Zeitgenossen auch nichts gegen Hörbücher. Es ist fast wie auf dem Rücksitz mitzufahren, statt selbst am Steuer zu sitzen. Irgendwie behaglich. Vermutlich, weil es an die Kindheit erinnert. Vorlesen ist eine Kunst. Ein guter Erzähler kann eine Geschichte durch den bloßen Klang seiner Stimme lebendig werden lassen. Schließlich haben unsere Vorfahren am Lagerfeuer auch nichts anderes gemacht. Und unsere großen Schwestern natürlich.

Pippi, Mon Amour

Weyershausen am 30. August 2010 in Leservat

PippilottaWar es ein Fingerzeig? Etwa vor 100 Jahren, als die Katze meiner Lieblingsoma Junge bekam, war ich ganz aus dem Häuschen. Eines dieser plüschigen kleinen Wesen hatte es mir besonders angetan. Das Kätzchen hatte rotes Fell, war ziemlich frech und ließ sich nur ganz schwer einfangen. Doch gerade das machte wohl die Anziehung aus. Trotz aller Quengelei blieben meine Eltern hart: Ich durfte das Kätzchen nicht behalten. Nur kurze Zeit später sollte ein anderes rothaariges Wesen meinen Weg kreuzen.

Sonntag Nachmittags, immer bevor meine Mutter selbstgebackenen Kuchen auftischte, lief im Fernsehen die sogenannte Kinderstunde. Meist waren es Sendungen der Augsburger Puppenkiste, oder mit Pan Tau, den ich damals über alles liebte. An jenem Tag aber ritt ein rothaariges Mädchen auf einem riesigen gepunkteten Pferd über dem Bildschirm. Und singen tat es auch noch:

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt und Drei macht Neune!
Ich mach’ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

Allein das Lied klang für meine Ohren geradezu revolutionär. Man kann sagen, dass danach die Welt nie wieder so war wie vorher. Pippi Langstrumpf war für mich eine Offenbarung. Vorher fand ich Mädchen irgendwie doof, weil sie sofort heulten und ständig »Vater, Mutter, Kind« spielen wollten statt »Cowboy und Indianer«.

Pippilotta Viktualia Rollgardina Schokominza Efraimstochter Langstrumpf war jedoch aus einem anderen Holz geschnitzt. Dass Pippi ganz wie ich wenig Interesse an der »Plutimikation« zeigte, machte sie nur sympathischer. Bis heute sind mir Menschen, die gern mit Zahlen hantieren, höchst suspekt. Wie Pippi beschloss ich, in Zukunft meinen eigenen Weg zu gehen und nicht darauf zu hören, »was die Leute sagen«. So etwas ist natürlich leichter, wenn eine Tasche voller Goldmünzen vom alten Herrn unterm Bett steht. Doch das waren Kleinigkeiten.

Pippi hatte ein Haus, einen Affen und ein Pferd. Was braucht man mehr? Die Schule und sämtliche Erwachsenen konnten ihr gestohlen bleiben. Wer ihr dumm kam, bekam tüchtig auf die Zwölf. Pippi machte aus jedem Tag ein Abenteuer.

Nur: Warum verplemperte sie ihre Zeit mit diesen Oberlangweilern Tommi und Annika? Zum Glück hatte meine große Schwester alle Pippi Langstrumpf-Bücher, deren brave Illustrationen ich – nebenbei gesagt – nie so richtig mochte. Pippi war für mich auf ewig mit dem Gesicht Inger Nilssons verbunden. Kein anderes Mädchen konnte so herrlich lachen.

Heute weiss ich ganz sicher, dass Pippi mein Frauenbild extrem geprägt hat. Selbstbewusste freche Frauen mit Humor haben bei mir sofort einen riesigen Sympathiebonus. Am wichtigsten ist mir jedoch noch immer das Lachen eines Menschen. Wenn beim Lachen eines Erwachsenen das innere Kind sichtbar wird, schmelze ich sofort dahin. Ein schönes Gesicht besagt gar nichts. Nicht die Augen sind das Fenster zur Seele, es ist das Lachen.

Jahrzehnte später sah ich ein Interview mit Inger Nilsson. Zu meiner Überraschung war sie in Wirklichkeit blond und ohne eine einzige Sommersprosse. Viel schlimmer fand ich jedoch, dass sich in ihrem Gesicht die gleiche Unzufriedenheit eingegraben hatte, die ich bei den meisten meiner Mitmenschen sehe. Selbst ihr Lachen wirkte nun gedämpft. Pippi war erwachsen geworden.

Später schrieb ich sogar an einem Buch über Astrid Lindgren und Pippi Langstrumpf mit. Eine rothaarige Freundin mit Sommersprossen hatte ich indes nie. Es hat sich nie ergeben. Irgendwann würde ich jedoch gern wie Pippi in einem alten Holzhaus wohnen. Doch statt eines Pferdes würden sich ganz viele Katzen auf der Veranda herumlümmeln.

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Pippis Patentante

Weyershausen am 11. Oktober 2009 in HiStory

lindgren»Die arme Astrid! Jetzt versucht wohl anscheinend jeder mit ihrem Namen Geld zu machen«, erklärte Heidi Oetinger barsch, als Manuela und ich ihr Haus betraten.

Selbst meine sonst so forsche Co-Autorin erbleichte, ließ sich aber nichts anmerken. Eigentlich hatten wir einen netten Plausch erwartet. Heidi Oetinger war zu diesem Zeitpunkt bereits 95 Jahre alt. Sie hatte gerade einen Oberschenkelhalsbruch erlitten. Für die meisten Menschen ihres Alters wäre dies das gesundheitliche Aus gewesen. Wir hatten daher eine gebrechliche alte Dame erwartet. Frau Oetinger spazierte jedoch nur wenige Wochen nach ihrer Operation energisch mit einem Krückstock durchs Haus.

Nervös erklärten wir, wieso die Welt ein »Astrid-Lindgren-Lexikon« braucht. Klar, Geld wollten wir auch gern damit verdienen. In erster Linie aber waren wir große Bewunderer der schwedischen Autorin und wollten die Lücken füllen, die andere Publikationen unserer Meinung nach aufwiesen. Das stellte sie erst mal zufrieden.

Als wir mit der Arbeit an unserem Buch begannen, war uns klar, dass wir an einem Gespräch mit Heidi Oetinger nicht herumkommen würden. Sie und ihr Mann waren es, die mit Autoren wie Astrid Lindgren den trüben Mief der Nachkriegsära aus den deutschen Kinderzimmern blies. Sie machten uns mit Janosch bekannt, der uns zeigte, wie schön Panama ist. Zusammen mit Autoren wie Paul Maar, Kirsten Boie und dem heute fast vergessenen James Krüss ist der Name Oetinger seit über sechs Jahrzehnten ein Garant für hochwertige Kinderbücher. Wenn Astrid Lindgren Pippi Langstrumpfs Mutter war, war Heidi Oetinger ihre deutsche Patentante.

Der Verleger Friedrich Oetinger wollte eigentlich sozialkritische Autoren wie Upton Sinclair verlegen. Damit war im Nachkriegsdeutschland jedoch kein Blumentopf zu gewinnen. Als er 1948 das schwedische Kinderbuch »Pippi Långstrump« entdeckte, ergriff er, wie man so schön sagt, das Glück beim Schopfe.

Astrid Lindgren beschrieb ihn folgendermaßen: »Ein sanftmütig blickender, braunäugiger, freundlich lächelnder Mann, der Franz Schubert auffallend ähnlich sah.« Seine Sekretärin, die im Krieg verwitwete Heidi von Hacht, Mutter einer kleinen Tochter, war fast von Anfang an dabei. Die beiden heirateten 1952. Auch wenn sie selbst es gern abstritt: Es war vor allem Heidi Oetinger, die über Jahrzehnte die Geschicke des Kinderbuchverlages mitprägte. James Krüss bezeichnete sie als »Mutter des Verlags«. Die beiden arbeiteten und mühten sich zusammen ab »wie Ochsen unter dem gleichen Joch«, so Lindgren. Als ihr Mann sich zurückzog, leitete sie den Verlag allein.

Selbst mit 95 Jahren war sie über alles, was in ihrem Haus passierte, bestens informiert und fuhr noch immer zur Frankfurter Buchmesse. Ihre Tochter Silke Weitendorf, die wir ebenfalls kennenlernen durften, hatte in Schweden (wo sie neben Astrid Lindgren arbeitete) das Verlagsgeschäft erlernt, bevor sie die Geschicke des elterlichen Betriebs übernahm. Der Apfel fiel in diesem Fall nicht weit vom Stamm.

Der Oetinger Verlag ist nicht das riesige Kinderbuch-Imperium, wie man es sich vielleicht vorstellt, sondern wirkt wie ein sympathischer kleiner Familienbetrieb, mit hilfsbereiten, freundlich dreinblickenden Mitarbeitern. Heidi Oetinger lebte nur einen Steinwurf vom Verlagsgebäude entfernt.

Viele Fragen, die wir ihr stellten, hatte sie sicher hunderte Male beantwortet, doch geduldig und ohne mit ihrer Meinung hinterm Berg zu halten, gab sie Auskunft. Klatsch und Tratsch dufte man von dieser Frau nicht erwarten. Spürbar war indes ihre Liebe zur Literatur, zu ihrer Familie und natürlich zu ihrer verstorbenen Freundin Astrid. Auf ihrem Schreibtisch türmten sich Bücher, einige Briefe und die Übersetzung eines skandinavischen Bandes, die sie speziell zur eigenen Lektüre anfertigen ließ. Daneben lag eine große Leselupe.

Dass ihre Freundin Astrid Lindgren nach dem Tod ihres Sohnes den Lebensmut verlor, verstand sie nie: »Warum altert Astrid so? Muss das denn nun sein?« fragte sie einmal konsterniert. Sie selbst hätte wahrscheinlich die Zähne zusammengebissen und weitergemacht.

Nach zwei Stunden mit ihr bekam man das Bild einer eisernen Lady, die vergessene Tugenden wie »Fleiß«, »Disziplin« und besonders »Loyalität bis über den Tod hinaus« verkörperte. »Ich habe immer gearbeitet«, sagte sie, »und wer arbeitet, hat wenig Zeit, sich Gedanken ums Kranksein zu machen.«

Während unseres Gesprächs betonte sie ausdrücklich die Rolle, die ihr Mann im Verlag inne gehabt hatte. Unter der rauen Schale konnte man die Warmherzigkeit eines Menschen spüren, dessen Freundschaft, wenn man sie erst gewonnen hatte, unverbrüchlich war – sehr hanseatisch eben. Allein dass Astrid Lindgren sie zu ihren engsten Vertrauten zählte, machte sie in unseren Augen über jeden Zweifel erhaben. Als wir die Stufen ihres Hauses herabschritten, schwiegen wir eine Weile. Die Bandaufnahme unseres Gesprächs habe ich heute noch.

Ihr Rezept für ein langes Leben lautete: »Wer liest, der hat immer mehrere Leben, nämlich in Büchern.« Am 5. Oktober 2009, einen Monat vor ihrem 101. Geburtstag, verließ sie uns. Kinderbücher und deren Verleger spielen im Literaturbetrieb leider keine bedeutende Rolle. Noch immer werden sie vom Feuilleton weitgehend ignoriert. Dabei haben gerade Menschen wie Heidi Oetinger unser aller Leben elementar beeinflusst, denn sie waren es, die uns die Freude am Lesen geschenkt haben.

Astrid L. von A bis Z

Weyershausen am 3. Dezember 2007 in Leservat

lindgrenBeinahe hätte ich vergessen, ausgerechnet im Lindgren-Jahr über das Astrid Lindgren Lexikon zu schreiben. Aber so etwas kann man ja beheben:

Wie die meisten Kinder meiner Generation wuchs auch ich in Bullerbü auf, hatte Ärger mit der Plutimikation und hätte zu gern Ferien auf Saltkrokan gemacht. Leider reichte es bei mir nur zu einem Ausflug ins »Legoland«. Am liebsten ließ ich mir die Lindgren-Bücher von meiner großen Schwester vorlesen. Eine Kindheit ohne Astrid Lindgren? An Attila dem Hunnen, Charles Manson und Britney Spears sieht man ja, wohin das führt!

Vor sechs Jahren kam mir die Idee, ein Buch über die Lindgren-Filme zu machen. Aber warum nur über die Filme? Warum nicht auch die Hintergründe über die Entstehung aller Bücher aufzeigen? Als ich mit meinem Verleger über diese Idee sprach, sagte er auf der Stelle zu. »Ein richtig dicker Klopper« sollte es laut Oliver S. werden. Immerhin brachten wir es auf fast 550 Seiten.

Zum Glück hatte ich die beste Co-Autorin von allen an meiner Seite. Sie und ich teilten alle Themen fein säuberlich untereinander auf. In den kommenden drei Jahren beackerte jeder sein Gebiet. Zu zweit ein Buch zu schreiben, ist komplizierter als man denkt; denn es ist schon so manche Freundschaft zerbrochen, wenn die Arbeitsauffassungen zu verschieden sind.

Auf der anderen Seite kann eine gute Zusammenarbeit ungemein beflügeln. Die größte Schwierigkeit bestand bei uns darin, die Lindgrenschen Bücher wieder aus der Hand zu legen. Wenn ich zum Beispiel »Immer dieser Michel« aufschlug, um etwas zu überprüfen, blieb ich garantiert an meiner Lieblingsstelle hängen. Krösa-Maja: »Keine Angst, Michel! Alfred ist bald wieder gesund.« Und dann: »Hmm … ob der Sarg durch die Tür passt?« Meiner Co-Autorin ging es da nicht anders.

Fast jeder wollte uns bei diesem Projekt unterstützen. Der Name Astrid Lindgren öffnete alle Türen. Nigel, ein Sammler aus England, schickte uns sogar ein riesiges Paket mit wertvollen Plakaten und Fotos, ohne uns überhaupt zu kennen. Unglaublich, nicht?

Auch der vielbeschäftigte Kinderbuchillustrator Rolf Rettich nahm sich die Zeit, um sich von uns ausfragen zu lassen. Der Arbeitseifer dieses alten Herrn beeindruckte mich so sehr, dass meine Co-Autorin ihn fortan nur noch schnippisch als meinen »Mentor« bezeichnete. Frauen können sooo gemein sein.

Spannend war es auch, als wir zum Oettinger Verlag fuhren, um dort das Archiv zu sichten. Hier fanden wir sehr viel Interessantes, wie zum Beispiel die Original-Partitur des Kalle-Blomquist-Liedes aus den 50ern sowie einen dicken Stapel zeitgenössischer Rezensionen. Einige Kritiker konnten damals mit den vorwitzigen Kindern der Lindgren-Bücher gar nichts anfangen. »Kinder, die einem Erwachsenen widersprechen? Wo gibt es denn so was?«, entrüstete sich ein verknöcherter Pädagoge.

Die Oetinger-Chefin Silke Weitendorf nahm sich extra Zeit, um Seite für Seite das gesamte Manuskript mit mir durchzugehen. Ein netter Zug, wie ich fand. Schlichen sich in die Erstausgabe trotz aller Sorgfalt noch einige Fehler ein, war bei der zweiten Auflage nahezu alles perfekt.

Wir hatten damals eigens einen Feuerwerkskörper aufgehoben, den wir nach Abgabe unseres Manuskripts in die Luft jagen wollten. Als der Tag kam, waren es eher gemischte Gefühle, die uns beherrschten. Nach fast drei Jahren war unser Buch fertig. Eine lange Zeit, die wir mit Astrid Lindgren verbrachten. Nun war sie vorbei.

Die positive Resonanz war groß. Die erste Auflage verkaufte sich innerhalb weniger Wochen. Wir selbst bekamen allerdings nicht viel davon mit. Eines abends, als ich vorm Fernseher sitzend durch die Sender zappte, sah ich plötzlich Paul Kersten, wie er als Pippi Langstrumpfs Vater verkleidet im Kulturjournal unser Buch vorstellte – einer jener surrealen Momente, die man nur schwer einordnen kann.

Es gab natürlich auch negative Stimmen, doch die konnte man an einer Hand abzählen und hatte dabei noch genug Finger übrig, um den Flohwalzer zu spielen. Oder um wie Karlsson vom Dach zu sprechen: »So etwas stört doch keinen großen Geist!« Besonders gefreut hat es uns, als Astrid Lindgrens Tochter das Buch haben wollte, um es ihren Enkeln zu schenken. Hoffentlich hat es ihnen gefallen.

So war das also, mit Astrid Lindgren und uns.

Als wir mit dem Buch anfingen, weilte sie noch unter uns. Wir gingen damals fest davon aus, dass die unverwüstliche Autorin ihren 100. Geburtstag erleben wird. Doch die alte Dame, der jedweder Rummel um ihre Person schon immer verhasst war, verabschiedete sich lieber still und leise.

Es sind nicht die Politiker, Popstars oder Wissenschaftler, die unsere Welt verändern – es sind Menschen wie Astrid Anna Emilia Ericsson – und sie tun dies auf geradezu subversive Weise, indem sie unserer Geographie fast unmerklich neue Orte hinzufügen, wie Bullerbü, Saltkrokan oder Lönneberga. Orte, die uns bewegen, verändern und die wir nie vergessen werden.