Wiedererkennungswerte
Irgendwann vor ein paar Jahren scheinen einige Leute in den großen Rundfunkhäusern bemerkt zu haben, dass das so genannte Formatradio nicht das Gelbe vom Ei sein kann. Schön zwar (für den Radiomacher), wenn der Hörer anhand der gespielten Lieder sofort erkennt, welchen Sender er im Empfänger hat, doch das musikalische Programm auf nur wenige tausend oder gar hundert Stücke zu begrenzen, stellt nach einer gewissen Zeit den abgestumpftesten Radiokonsumenten auf die Geduldsprobe und kann jeden Musikredakteur, der seinen Beruf ernst nimmt, eigentlich nur in den Wahnsinn treiben, oder in den Selbstmord (im übertragenen Sinne).
Und deshalb kam man in den Rundfunkhäusern wohl auf die Idee, in sich ständig – bis zur Schmerzgrenze – wiederholenden Trailern eine »neue Vielfalt« zu verkünden. Oder dem geneigten Hörer im 20-Minuten-Takt mitzuteilen, man biete ihm »das Beste aus den 70ern, 80ern und 90ern«, wozu man – streng genommen – aber auch nur drei Lieder benötigt. Damit meine ich: Viel abwechslungsreicher und origineller ist das Musikprogramm auf der ultrakurzen Welle seither nicht geworden. Man behauptet inzwischen nur, es sei abwechslungsreich und originell.
Vielleicht täusche ich mich ja. Doch gefühlt nehme ich die Radiostationen immer noch so engstirnig wahr wie 1992. Damals war ich in einer vielgehörten Radiosendung zu Gast, die den Untertitel trug: »Hörer machen ein Musikprogramm«. Haha!
Tatsächlich hatte man mir wenige Wochen vor der Sendung einen Fragebogen zugeschickt, auf dem ich maximal 100 Musikwünsche äußern sollte. Eine schöne Aufgabe. Gespielt wurden innerhalb der einstündigen Sendung jedoch nur zwei Lieder aus meiner Liste: »You took the words right out of my mouth« von Meat Loaf und »Paperback Writer« von den Beatles. Als ich fragte, was mit meinen anderen 98 Wunschtiteln geschehen war, wurde mir mitgeteilt, dass die Musikauswahl des Senders wegen des Wiedererkennungswertes auf insgesamt 6.000 Stücke begrenzt sei. Meat Loaf und die Beatles würden dazugehören, die anderen Songs, die ich einen ganzen Abend liebevoll mit einem Freund zusammen ausgesucht hatte, nicht.
Die Playlist »meiner« Sendung wurde schließlich von der Musikredaktion des Senders komplettiert, unter anderem mit »Eloise« von Barry Ryan, ein Lied, das ich nicht einmal bei einer Million freien Musikwünschen ausgewählt hätte. Immerhin, der Wiedererkennungswert für den Sender war dadurch enorm. Nur ich hatte Schwierigkeiten, mich in der Sendung wiederzuerkennen.
Ein kleiner, aber schwacher Trost: Im Ausland nimmt man es mit dem Wiedererkennungswert noch genauer. In meinem diesjährigen Sommerurlaub hörte ich täglich Balearen-Radio: Kiss FM Durchschnittlich sechsmal am Tag dudelten dort Songs wie »Back to France« von Mike Oldfield, »Somebody to love« von Queen oder »Don’t stand so close to me« von The Police. (Vielleicht noch öfter. Ich saß nicht die meiste Zeit vorm Radio, sondern am Strand.) Aber es war erträglich. Weil so ein Sommerurlaub dauert ja nur zwei Wochen.

Letzte Kommentare