Am 20. Juni – ich war gerade dabei, mich an einem spielfreien EM-Tag durch das Fernsehprogramm zu zappen – wurde ich Zuschauer und Zeuge eines ganz besonderen (wenn auch regelmäßig stattfindenden) Schauspiels, denn der WDR übertrug die Prix Pantheon-Gala aus der Bonner Oper, bei der auch der gleichnamige Preis verliehen wurde. »Toll«, dachte ich, »das Beste aus dem deutschen Kabarett in einer Abendshow. Das wird ganz großes Kino!«
Wurde es aber nicht. Leider. Und wenn das ein »Best of« war, bleibt mir nur der Rückschluss, dass sich die hiesige Kleinkunst-Szene in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet. Wobei natürlich der Begriff »Kleinkunst« – den der kamillenteeartig moderierende Eckart von Hirschhausen beharrlich benutzte – ja auch nichts Großartiges erwarten lässt.
Und so ist es auch nicht verwunderlich, welche Preisträger dort auserkoren worden sind: Mag man Christine Prayon und das Reptil mit seinem sprechenden Michael Hatzius (die Sieger in der Kategorie »Frühreif & Verdorben«) noch ganz amüsant finden, vergeht einem beim »Reif & Bekloppt«-Sonderpreisträger Konstantin Wecker dann das Lachen, denn dieser geht einem mit seinem Betroffenheitsgestus doch schon mächtig auf seinen Nachnamen. Schlimmer ist nur noch Roger Willemsen, das personifizierte Gesamtgewissen aller Bildungsbürger, der deshalb folgerichtig auch in der Kategorie »Geben & Nehmen« ausgezeichnet wurde – also für karitatives Engagement, nicht für Komik.
Schön, dass wenigstens das Publikum weiß, was gut ist und deshalb den Hauptpreis »Beklatscht & Gevotet« an Maybebop verlieh, die immerhin zumindest eines waren: verdammt lustig. Bei der Gala brillierten sie mit der Rammstein-soundalike-Version des Comedian Harmonists-Klassikers »Mein kleiner grüner Kaktus«. Man vergleiche hiermit übrigens ihre Coverversion des Rammstein-Songs »Engel« – da gehen sie den umgekehrten Weg und zeigen, wie nah an der Rührseligkeit die Martialität der Neuen Deutschen Härte doch eigentlich ist.
Insgesamt wusste mich diese Galashow also nicht zu überzeugen. Weder Hennes Bender noch Hagen Rether oder Reinald Grebe waren mit ihren Programmauszügen (die vielleicht auch deshalb nicht wirkten, weil sie einfach aus dem Zusammenhang gerissen waren) wirklich witzig – fast freute man sich da schon über den Auftritt von Ingo Appelt (dass ich den mal loben werde, hätte ich auch nicht gedacht), der sich wenigstens bemühte, dem steifen Publikum den Stock aus dem Arsch zu ziehen. Den Stock hätte er übrigens gut gebrauchen können, um zwei grantelnde und zappelnde alte Männer, die als Statler und Waldorf für Anspruchslose fungierten, vom Balkon zu prügeln – und damit wenigstens für ein wenig Heiterkeit zu sorgen.
Also alles für den Arsch? Nicht ganz, denn immerhin zeigten Piet Klocke und der Stand up-Comedien Dave Davis, dass Kabarett (hier verstanden als Comedy für Leute mit Abitur) nicht gänzlich humorfrei sein muss (das hätte man angesichts der meisten anderen Gäste durchaus denken können), auch wenn es dann doch vielleicht ein wenig an Originalität mangelte. Gute Hausmannskost eher.
Immerhin bewies Horst Evers an diesem Abend, dass Kleinkunst sogar intelligent sein kann – auch wenn sich Hirschhausen in seiner Ankündigung quasi dafür entschuldigte, dass der Berliner Lesebühnen-Star seine Texte in der Regel abliest. Auswendiglernen ist in diesen Kreisen eben angesehener als Lesen. Mit anderen Worten: solides Handwerk ist wichtiger ist als der Inhalt des Dargebotenen.
Apropos Lesen: Horst Evers war der einzige Vertreter der blühenden Lesebühnen-Szene, und auch aus dem Slam Poetry-Bereich hatte man vorsichtshalber niemanden eingeladen. Vielleicht aus Furcht, dass die Slammer und Vorleser den Kabarettisten und Comediens die Schau stehlen könnten? Aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit bis das Kleinkunst-Allerheiligste zeitgemäßen Nachwuchs bekommt. Nur ein paar Jahrzehntchen noch, dann dürfen bspw. auch Tobias Kunze, Björn Högsdal oder Micha-El Goehre ihre Rollatoren auf die Bühne schieben …

»Schlaf ist eine Unhöflichkeit gegenüber der Nacht«, schrieb einst der deutsche Aphoristiker Hans Kudszus. Ich adaptiere diese komische Feststellung mal für mein Urteil über Jahreszeiten: »Der Winter ist eine Unhöflichkeit gegenüber den Rest des Jahres«. Zum Glück ist er jetzt vorbei, der Winter, nicht der Rest des Jahres.
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