Vom Suchen und Finden

Weyershausen am 21. Juni 2011 in Befindlichkeiten

thinking»Ein Künstler darf nie das Gefühl haben angekommen zu sein. Er muss versuchen, sich permanent im Zustand des Werdens zu befinden. Dann ist alles gut.« Diese weisen Worte stammen von Bob Dylan. Er hat sie beherzigt wie kein Zweiter.

Eigentlich sollte jeder Künstler diese Maxime befolgen. Doch hat man einmal ein Erfolgsrezept gefunden, das sich verkauft, muss man es endlos wiederholen. Sir Arthur Conan Doyle konnte seinen Helden Sherlock Holmes bereits nach einem Dutzend Geschichten nicht mehr sehen. Die letzten Abenteuer schrieb er nur des Geldes wegen. Seinem Kollegen Georges Simenon erging es mit Kommissar Maigret (Simenon: »Ein Spießer, einer von uns. Wahrscheinlich der Grund, warum ihn alle Spießer der Welt so lieben.«) ähnlich.

Der Zeichner Morris (bürgerlich: Maurice de Bévère) blieb fünf Jahrzehnte der Gefangene seines Erfolges, den er mit seinem Cowboy Lucky Luke erzielte, obwohl er oft bedauerte auf diese Figur festgelegt zu sein. Und wenn wir schon bei den Comics sind: Der Franzose Jean Giraud wollte den Zwängen einer Fließbandproduktion entkommen und begann unter dem Pseudonym Moebius eine zweite Karriere im Fantasy-Genre. Nachdem er den Geschmack der künstlerischen Freiheit gekostet hatte, änderte er alle paar Jahre seinen Stil – sehr zum Verdruss der Fans.

Ach ja, die Fans! Der bereits erwähnte Mr. Dylan wurde tüchtig ausgebuht, als er sich vom Folksänger zum Rockstar mauserte, dann – nach einem Intermezzo als Countrymusiker – zum religiösen Eiferer entwickelte und schließlich wieder zurück zum Folksänger. Fans mögen es gar nicht, wenn man ihre Erwartungshaltung enttäuscht. Viel lieber haben sie es, wenn ein Künstler seinen Erfolg auf ewig reproduziert. Den Verlegern kann dies nur recht sein, denn nur Kontinuität (= künstlerische Stagnation) ist ein Garant für stetig klingelnde Kassen.

Man wird ermutigt, einen klar erkennbaren Stil zu entwickeln – und gefälligst dabei zu bleiben. Es gibt viele Künstler, denen das leicht fällt. Den meisten Menschen kommt das Potenzial zur Veränderung recht früh abhanden. In dem Maße, wie sich unser Charakter verfestigt, verfestigen sich nun mal auch unsere Gewohnheiten. Irgendwann befinden wir uns nicht mehr auf der Suche, sondern bewegen uns nur noch im Kreis, wie ein Zirkuspferd.

Dabei ist die Suche der eigentliche Grund, wieso man das kreative Metier gewählt hat. Der Moment des Findens ist gewiss befriedigend, aber im Grunde ist es ein trauriger Moment, denn was dann einsetzt, ist Routine. Viel spannender wäre es, ein Suchender zu bleiben, ein Forscher und Entdecker, der experimentiert und mutig nach vorn prescht, wo Engel furchtsam weichen – sei es mit Worten, mit einer Gitarre oder mit einem Farbstift.

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Love is Hell

Weyershausen am 13. September 2010 in Befindlichkeiten

HerzAlle haben Liebeskummer! Wohin ich auch blicke, sind die Beziehungen am Kriseln oder sogar mitten im Auflösungsprozess. Dies ist fürwahr ein Jahr der Veränderungen.

Mir tun alle Betroffenen nur herzlich leid. Vor ein paar Jahren, als ich mit Herrn Völkel am Trennungströstbuch »Schade, dass Du endlich weg bist!« arbeitete, gehörte auch ich zu jenen armen Seelen. Mir ging es so schlecht, dass ich stundenlang ziellos durch die Stadt lief – was in einem kleinen Kaff wie Braunschweig gar nicht einfach ist.

Im Trennungströstbuch kann man vom Dichter Joe Orton lesen, der von seinem eifersüchtigen Partner mit dem Hammer erschlagen wurde. Oder von Woody Allen, der seine Freundin mit deren Adoptivtochter betrog. Nett auch die Geschichte von Steve McQueen, der es lautstark mit zwei Frauen trieb, während sein angetrautes Eheweib im Zimmer nebenan lag. Am nächsten Morgen fragte er unbekümmert, ob sie ihm Frühstück macht. Und das tat sie. Die Liebe ist eine zerstörerische Kraft.

Das beste Stück über Liebesleid ist meiner Meinung nach »Love Sick« von Bob Dylan. Wer diesen Song hört, kann sich sofort wieder erinnern, wie sich Liebeskummer anfühlt. Der beste Liebeskummerfilm ist »Die Geschichte der Adéle H.« von François Truffaut, in dem die Tochter des Dichters Victor Hugo (gespielt von Isabelle Adjani) an einer unerwiderten Liebe zerbricht. Allerdings sollten akut Betroffene scharfe Messer und Rasierklingen wegpacken, bevor sie diesen beiden Empfehlungen folgen. Da sollte man vielleicht schon eher zu »High Fidelity« von Nick Hornby greifen, weil es in diesem Buch am Ende wieder einen Hoffnungsschimmer gibt.

Eine Psychologin klärte mich vor Jahren auf:

    a.) Die meisten Menschen sind nicht fähig, tief zu empfinden.
    b.) Jeder sollte sich freuen, wenn er zumindest einmal in seinem Leben richtig verliebt ist.
    c.) Freundschaft ist vielleicht die solidere Basis für eine Beziehung.

Früher habe ich über all die Leute, die Liebeskummer haben, nur gelacht. Wie ich diese Zeit vermisse! Die Sache mit Charlie Brown und dem kleinen rothaarigen Mädchen hätte mir eine Warnung sein müssen.

Dann schon lieber ein verbitterter alter Mann werden, der beim Anblick eines verliebten Pärchens »Humbug!« knurrt. Wahrscheinlich bin ich auf dem besten Wege dahin. Zumindest liebe ich meine Arbeit, denn die kann man am besten im Zustand völliger »Lieblosigkeit« (= Ruhe?) verrichten. Doch wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder mitmische in diesem blödsinnigen Spiel. Und ich gebe zu: Ein wenig bin ich darauf gespannt! Shakespeare hätte jetzt wohl gesagt: Lord, what fools these mortals be!

Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 7

Weyershausen am 2. November 2009 in Netzball

datenautobahnEigentlich wollte ich letzte Woche mit meiner patentierten Dr. Frankenstein-Zombie-Maske das Nachtleben unsicher machen. Schließlich war Halloween. Doch dann beschloss meine ungehorsame Nase impertinenterweise, ihren Geist aufzugeben. Stattdessen hockte ich am Wochenende mit Taschentüchern und etlichen Litern Tee sowie mit meinem Laptop bewaffnet auf dem Sofa. Was ich dort alles entdeckte, kann man in den folgenden Zeilen nachlesen.

Dürftige Darsteller

Die meisten von uns kennen Ed Wood aus dem gleichnamigen Film von Tim Burton. Wood gilt allgemein als schlechtester Regisseur aller Zeiten. »Glen or Glenda«, »Bride of the Monster« und sein bekanntestes Machwerk »Plan 9 from Outer Space« dürfen in keiner Trash-Sammlung fehlen. Genau so trashig wie Eds Filme waren auch die Darsteller, die in ihnen auftraten. Die TV-Moderatorin Vampira, der ehemalige Catcher Tor Johnson und der Wahrsager Crisswell sind heute Kultfiguren. So schaurig schön waren sie, dass man ihnen vor einigen Jahren eine Sammelkarten-Serie gewidmet hat. Illustriert hat sie der geniale Zeichner Drew Friedman, der selbst bekennender Fan des woodschen Œuvres ist. Noch mehr über Wood findet man hier.

Fern-Ostalgie

Während amerikanische, französische und deutsche Filmplakate vergangener Jahre fast alle aussahen wie die Titelbilder billiger Groschenromane, hatten sowjetische Filmplakate echte Klasse. Grafisch – vor allem typografisch innovativ und ihrer Zeit weit voraus – zeigten sie beeindruckend auf, dass die Plakate manchmal größere Kunstwerke waren als die Filme, die mit ihnen beworben wurden. Hier eine kleine Auswahl.

Diese Altneunundsechziger!

Vor vierzig Jahren, als Sozialpädagogen die Welt beherrschten, alles bei Käse und Rotwein (und zum Klang einer Wandergitarre) ausdiskutiert wurde und »Humor« in Deutschland oft mit »Tumor« verwechselt wurde, gab es eine Filmzeitschrift, die den treffenden Namen FILM trug. Das klang logisch. Wer wissen möchte, wie in jener Zeit Zeitschriften gemacht wurden, sollte unbedingt einen Blick auf diese Seiten werfen. Humor ist vergänglich, sagte der große René Goscinny einmal. Unfreiwilliger Humor wird dagegen mit den Jahren immer schöner!

Bob, der Klauberger

Als ich neulich zum ersten Mal Nat King Coles Edelschnulze »Red Sails in the Sunset« hörte, wurde ich stutzig. Hatte ich diese Melodie nicht schon mal irgendwo gehört? Ein Griff in meine CD-Kiste brachte Klarheit. Tatsächlich, die Melodie ist nahezu identisch mit dem Stück »Beyond the Horizon« von Bob Dylan, welches man auf seiner hochgelobten CD »Modern Times« findet. Ein dreistes Plagiat, eine Hommage, oder war »his Bobness« einfach nur bekifft? Werden wir es je erfahren? Ich find’s jedenfalls witzig!

Go East!

Weyershausen am 8. März 2009 in Reisenotizen

leipzig08_2Endlich ist es wieder soweit: Mein Kollege Herr wortmax und ich brechen in dieser Woche wie in jedem Jahr leichten Herzens und mit klarem Blick auf, um im Land der aufgehenden Sonne (Sachsen) unser Glück zu machen. Oder schlichter formuliert: Wir fahren zur Leipziger Buchmesse! Wird die Pizza an der Thomaskirche wieder so lecker schmecken? Werden wir im Leipziger Nachtleben unter die Räder kommen? Winkt der große Durchbruch? Und viel wichtiger: Wird der große Durchbruch unsere zarten Kinderseelen verderben. Das alles und noch viel mehr erfahrt Ihr in einer Woche!

10 x Bob

Für die einen ist er eine lebende Legende, für die anderen ist er ein alter Mann mit chronisch verstopfter Nase: Bob Dylan – entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn. Ich persönlich liebe ihn. Für seltsame Interviews ist er ja bekannt, der gute Bob. In diesen zehn Ausschnitten schwafelt Dylan jedoch so sinnentleert vor sich hin, dass es eine wahre Freude ist. Augepasst, liebe Kinder: Hier sieht man mal wieder, zu was der Konsum illegaler Substanzen führt. Echte Dylanologen werden jedoch trotzdem viel Kluges hineininterpretieren.

Manchmal, aber nur manchmal …

… haben Cartoonisten ein wenig Haue gern. Zumindest wenn jemand anders als sie das Ende des Lederriemens zu spüren bekommt. Bevor Zeichner Joe Shuster 1938 mit »Superman« den Urvater aller Superhelden kreierte, musste sich das erfolglose Jungtalent an dubiose Schundblätter verdingen, um sich in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise einen Teller warmer Suppe leisten zu können. Shuster starb 1992 verarmt und blind in einem Pflegeheim in Los Angeles. Erst jetzt grub ein findiger Lektor diese rührend anmutenden Fetisch-Illustrationen aus, um sie in einem opulenten Hardcoverband heraus zu bringen. Die offizielle Website des Schmökers bringt viele kuriose Bildbeispiele. Aua!

That’s LIFE!

Zwischen 1936 und 1972 wurde braven Amerikanern jede Woche die Welt erklärt, ohne dass sie dafür ihren Hintern vom heimischen Sofa erheben mussten. Eine unterhaltsame Mischung aus Klatsch, Interviews, plus etwas Politik und Zeitgeschehen machte LIFE zum erfolgreichsten Magazin der Welt. Wer in diesen Seiten auftauchte, hatte es geschafft. Dank Google kann man jetzt nach Lust und Laune das riesige Fotoarchiv von TIME/LIFE durchforsten und in vernünftiger Auflösung einige der eindrucksvollsten Fotos des letzten Jahrhunderts genießen.

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Remember the Seventies!

Weyershausen am 15. August 2008 in Plattenkiste

seventiesDank arte fühle ich mich wie ein Ertrinkender. Mein ganzes Leben zieht vor meinem inneren Auge vorbei. Blaxploitation, Top of the Pops, Geschlechterkampf und die RAF – der Kultur-Heimatsender fährt zur Zeit das große Retro-Aufgebot auf.

Normalerweise hasse ich die Musik meiner Kindheit. Wenn Abba, Gary Glitter, Sweet oder andere plateaubesohlten 70er-Ikonen den Raum beschallen, verlasse ich den selbigen möglichst schnell. Es reicht, wenn man bereits in seiner Kindheit die Zeit der Polyesterhemden, Schlaghosen und Riesen-Koteletten durchlitten hat, finde ich. Ab und zu kommt es jedoch vor, dass man dank solcher Retrospektiven zu neuen Einsichten gelangt.

Vor kurzem gab es auf arte die dreistündige Dokumentation No Direction Home: Bob Dylan, von Martin Scorsese, über die Anfangsjahre Dylans. Der Film hatte zwar mit den 70ern nicht viel zu tun, aber artes Wege waren ja schon immer unergründlich.

Ich selbst entdeckte den Meister lange nach seiner Glanzzeit. Damals sah ich in ihm nur einen näselnden alten Kauz, der mit seinem krächzenden Gesang jedem Song die Melodie austreiben konnte.

In einigen Interviews, die er in den 90ern gab, wirkte die leicht angestaubte Legende – mit Verlaub gesagt – ziemlich stoned. Selbst der Klassiker Don’t Look Back konnte mich nicht zum Dylantantismus bekehren – auch wenn ich den Film als Zeitdokument sehr faszinierend fand.

Wenn man jedoch nach einer dreieinhalbstündigen Dokumentation mit Untertiteln Lust auf mehr bekommt, muss dies wohl etwas bedeuten. In meinem Fall bedeutet es, dass sich auf dem Speicher meines mp3-Players seit geraumer Zeit besagter Herr Dylan breit macht. Obwohl ich mit seinen späteren Produktionen wenig anfangen kann, spürt man bei seinen Frühwerken heute noch die Aufbruchstimmung, die sie vermittelten.

Der Dylan-Klassiker »Don’t Think Twice« wirkt geradezu bahnbrechend, wenn man ihn mit den Machwerken jener Jahre vergleicht. Nicht einmal die Beatles konnten Freewheelin’ Bob – zumindest was die Texte betraf – das Wasser reichen. Was ihn aber so richtig interessant macht, ist die Tatsache, dass er sich allen Versuchen, ihn festzulegen, erfolgreich entzog.

Folksänger, Weltverbesserer, Opportunist, Rockstar, religiöser Eiferer. All das war er. Während seine einstigen Rivalen inzwischen tot oder zumindest scheintot sind, schaffte es Dylan mit Modern Times selbst im Rentenalter noch die Charts zu stürmen. Respekt!

Deshalb werde ich in den nächsten Wochen sicher das eine oder andere Buch über den rätselhaften Mr. Zimmerman lesen. Danke arte, Du alter Snob-Sender!

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