Die Ungnade der späten Geburt

Weyershausen am 6. September 2010 in Befindlichkeiten

KalenderJedes Jahr im August gibt das Beloit College in Wisconsin die sogenannte »Beloit College Mindset List« heraus, die dem Lehrkörper einen Blick auf den kulturellen Horizont der Studenten vermitteln soll. Die Ergebnisse dieser Studie sind schon faszinierend.

Viele Schüler des Jahrgangs 1992 haben zum Beispiel noch nie einen Brief geschrieben. Überhaupt können die meisten nur in Druckbuchstaben schreiben. Schreibschrift ist ihnen unbekannt. Clint Eastwood ist für sie kein Westernheld, sondern ein Regisseur feinsinniger Filme; Beethoven der Name eines Hundes und Fergie ist eine Sängerin, statt ein Mitglied der britischen Königsfamilie.

Da bin ich mal wieder froh, ein alter Sack zu sein! Eine Kindheit in den 90ern stelle ich mir furchtbar vor. Die kontinuierliche Verblödung der Medien hatte damals den ersten Höhepunkt erreicht. Meine letzten wissenschaftlichen Studien lassen kein anderes Urteil zu: Das ideale Geburtsjahr im letzen Jahrhundert wäre 1950 gewesen! Warum ausgerechnet 1950 und nicht etwa 1968 oder 1984, höre ich jetzt einige Zweifler fragen. Doch gemach, liebe Freunde, meine These ist wohl durchdacht!

Wieso also ist 1950 das ideale Geburtsjahr?

Ganz einfach: Um von beiden Weltkriegen verschont zu bleiben, kommt nur die Zeit nach 1945 in Frage. 1950 waren die schlimmsten Schäden des Krieges beseitigt. Als Kind wäre man wohlbehütet mit Heinz Erhardt im Wirtschaftswunderland aufgewachsen, in dem alles Unangenehme unter den Teppich gekehrt wurde. Dann, im Teenageralter, hätte man zu den Klängen der Beatles den ersten Kuss bekommen und wäre mit den Rolling Stones auf die Barrikaden gestiegen.

Besonders die Studienzeit hätte es in sich gehabt. In den Siebzigern wäre man – unbelastet von AIDS, Arbeitslosigkeit und anderen unschönen Dingen – lange Jahre mit Drogen und freier Liebe beschäftigt gewesen, nur um rechtzeitig zur Midlife-Krise den Mauerfall zu erleben. Klar, ich hätte eklige bunte Polyesterhemden tragen müssen, dafür wäre die schlimmste Krise meines Lebens die Ölkrise von 1973 gewesen. Heute wäre ich 60 und könnte mit etwas Glück bis zum endgültigen Zusammenbruch des Sozialsystems sogar noch etwas Rente kassieren. Die Klimakatastrophe würde mir komplett am Arsch vorbeigehen, weil es mich dann nicht mehr gibt.

Stattdessen bin ich mit Abba, den Bay City Rollers, Yps mit Gimmick, Boy George und Costa Cordalis aufgewachsen. Kein Wunder, dass nichts Gescheites aus mir werden konnte. Zu meiner Teenagerzeit liefen alle Mädchen mit Dauerwellen, gigantischen Schulterpolstern und in Karottenjeans durch die Gegend. Da hätte ich die freie Liebe nicht mal geschenkt haben wollen! Dazu musste ich die ganze Ära Helmut Kohl bei vollem Bewusstsein miterleben. Nicht mal der RAF konnte ich beitreten!

Aber es hätte schlimmer kommen können: Wäre ich zum Beispiel nur ein Jahrzehnt später zur Welt gekommen, wäre mein wichtigstes TV-Erlebnis eventuell »Tutti Frutti« mit Hugo Egon Balder gewesen. Vermutlich würde ich heute auf Ü30-Partys abhängen, Heinz Rudolf Kunze hören und zum Anzug prinzipiell keine Socken tragen, weil Don Johnson so etwas ja auch nie tat.

Noch grauenhafter wäre wohl wirklich nur das Geburtsjahr 1992. Dann hätten mir meine Eltern bestimmt ein Sparbuch für das Weglasern meiner Tattoos eingerichtet. Statt Cartoonist wäre ich sicher Sprayer, der zu den Klängen seines Ghettoblasters den lieben langen Tag auf Parkplätzen an seinen Sprühdosen schnüffelt. Ich würde seit meiner Kindheit GZSZ gucken, jeden Satz mit »Ey, Alter …« beginnen und Thomas Gottschalk für den lieben Gott halten.

Aber das ist natürlich nur eine kleine Liste böser Klischees, die ich nicht äußern würde, wenn ich im Heile-Welt-Jahr 1950 zur Welt gekommen wäre. Denn dann hätte ich sicher an etlichen Selbsterfahrungsgruppen teilgenommen, befände mich auf einer spirituell viel höheren Ebene und wäre zufrieden im Hier und Jetzt.