Als Donaldisten die Erde beherrschten

Weyershausen am 28. März 2011 in Reisenotizen

kw_ordenMehr kann ein Künstler eigentlich nicht velangen: Zehn Jahre nach seinem Ableben trafen sich in Hildesheim über 120 Mitglieder der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus (kurz: D.O.N.A.L.D.), um über das Entenhausen von Carl Barks zu referieren. Drei Jahrzehnte lenkte der geniale Zeichner die Geschicke der berühmtesten Ente der Welt und schuf so ein einzigartiges Universum, das natürlich nach den Regeln der Wissenschaft gründlich erforscht werden muss.

Der mittlerweile 34. Jahreskongress deutscher Duck-Forschung fand im ehrwürdigen Roemer- und Pelizaeus-Museum statt, in der auch die »Duckomenta«-Ausstellung läuft.

Im Untergeschoss des Gebäudes wurde am 26. März über den Islam im Duckschen Kosmos referiert, das postfeministische Frauenbild der Entenhausenerinnen hinterfragt oder über die Kopf- und Körpergröße Donalds diskutiert. Die Vorträge wurden meist mit einem begeisterten »Klatsch, klatsch, klatsch« honoriert.

Während der gemeine Wald- und Wiesendonaldist auch mal mit einer kecken Matrosenmütze durchs Bild lief, hielt PaTrick Bahners, Ehrenmitglied der »Donaldistischen Akademie der Wissenschaft« und Feuilletonchef der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, sein einstündiges Referat »Grenzen der Toleranz« im klassischen Dreiteiler. Bahners hatte jüngst mit seinem Anti-Sarrazin-Buch »Die Panikmacher« für Aufsehen gesorgt. Auch sein Vortrag wurde mit Spannung erwartet. Als Zeichner des diesjährigen Plakatmotivs war auch ich diesmal vor Ort – und staunte.

Ganze acht Stunden dauerte die wissenschaftliche Forschungsarbeit – nur durch eine kurze Kaffeepause unterbrochen. Ein Donaldist muss wohl vor allem Sitzfleisch besitzen. Dann schließlich gab es Pfundweise Orden für alle Helfer und Helferlein – natürlich begleitet von der donaldistischen Hymne, dem »Lied vom rührseligen Cowboy«, das Herr Duck dereinst höchstselbst komponierte. Oder war es Carl Barks? Oder gar seine kongeniale Übersetzerin Dr. Erika Fuchs?

Man weiß so wenig, würde da ein Duck-Forscher sagen. Jedenfalls kehrte auch ich mit donaldistischen Ehren ausgezeichnet zurück. Was beweist: Entenhausen ist überall, manchmal sogar im verschlafenen Hildesheim.

Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 11

Weyershausen am 15. März 2010 in Netzball

DatenautobahnObwohl ich im Geiste schon in einem gewissen Restaurant in Leipzig sitze, in dem die beste Pizza Deutschlands serviert wird, habe ich auch diesmal wieder einiges Interessantes entdeckt. Und das, obwohl mein Hirn zur Zeit nur mit halber Kraft arbeitet, da ja die andere Hälfte mit der leckeren Pizza beschäftigt ist. Schon allein über Google findet man tausende von Seiten, deren Besuch lohnenswert wäre. Wer aber hat die Zeit dazu? Doch das Thema hatten wir ja schon.

Hansels Humpink

Kaum hatte Christoph Waltz den Oscar für seine Darstellung des fiesen Nazis Hans Landa in »Inglourious Basterds« gewonnen, da zeigte er sich in der US-Late Night Show »Jimmy Kimmel Live« von einer ganz anderen Seite. In dem Kurzfilm »Der Humpink« parodiert er nicht nur das populäre youtube-Video »Trololo« des russischen Baritons Eduard Khil, sondern auch alle pompösen, pseudointellektuellen Schauspieler. Dazu treibt es der Mime mit einer Lampe, einem Telefon, einer Ukulele sowie einer Schafherde. That’s a Bingo!

Schundige Streifen

Wenn man die trashigen Plakate und Anzeigen des Temple of Schlock betrachtet, könnte man fast meinen, die Siebziger Jahre bestanden nur aus Sex und Gewalt. Leider war dem nicht so. Stattdessen regierten damals Abba, fiese Koteletten, kunterbunte Polyesterhemden, Schlaghosen und John Travolta die Welt. Die schamlos billig heruntergekurbelten Schrottfilme dieser Seite liefen lediglich in diversen Bahnhofskinos. Seltsamerweise üben sie heute eine geradezu unerklärliche Faszination aus – fast so wie ein Zugunglück.

Bild-Bank

Wenn Cartoonisten Ideen klauen, dann immer von der Quelle. Die heißt in unserem Fall »The New Yorker«, und ist seit Jahrzehnten das Weltblatt aller intellektuellen Snobs. Cartoonisten, die hier veröffentlichen, haben’s geschafft. Auf der Website des Blattes, der sogenannten Cartoon Bank, lassen sich alle Illustrationen aus sieben Jahrzehnten abrufen: Rund 70.000 Stück. Diese Cartoons kann man kaufen, auf nette Merchandising-Produkte drucken lassen oder für die eigene Kegelzeitung nutzen (sofern man die Lizenz erworben hat). Deutsche Kollegen benutzen die Seite dagegen oft zur … (hüstel!) … Inspiration.

Carls Comics

Fast jeder von uns ist mit den legendären Donald Duck-Geschichten aus der Feder von Carl Barks aufgewachsen. Seine Schöpfungen wie Daniel Düsentrieb, die Panzerknacker und Dagobert Duck sind mittlerweile unsterblich. Wenig bekannt ist jedoch, was Barks vor und nach seiner Zeit als Disney-Zeichner bewerkstelligt hat. Auf dieser Seite findet man eine schöne Auswahl aus allen Schaffensperioden des genialen Zeichners.

w4_doenerBonus-Tipp: Döner mit Braunkohl und Bier

Wilhelm Raabe machte sich über Braunschweig lustig, indem er die Stadt als »Bumsdorf« bezeichnete. Axel Klingenberg greift diesen Spott auf und lässt Urmenschen im Zeitraffer zu echten Braunschweigern heranreifen. Am Ende haben sie alles, was sie brauchen: die Eintracht, den Karneval und ein Schloss zum Shoppen. Und da ich wie Axel ebenfalls in dieser merkwürdigen Stadt weile, habe ich schon aus Solidarität das Cover für ihn gezeichnet.

Deshalb: Kaufen! Kaufen! Kaufen!

Der Tag, an dem der King starb

Weyershausen am 28. Juni 2009 in Plattenkiste

endederweltSchon wieder ein Moment, an den man sich erinnern muss: Wo warst Du, als Michael Jackson starb? Ich erinnere mich noch an jenen Tag, als ein anderer King den Löffel abgab.

1977, als ich erfuhr, dass Elvis in die ewigen Jagdgründe abgewandert ist, stand ich gerade am Fahrradstand meiner Schule. Der Rest des Tages verlief auch nicht besser, denn ich hatte wie so oft meine Hausaufgaben nicht gemacht. Erschüttert hat mich die Nachricht damals nicht sonderlich. Elvis war für mich nur ein Mann, der in seltsamen alten Filmen auftrat, in denen viel gesungen wurde. John Lennons Ende traf mich ein paar Jahre später schon erheblich schwerer.

Noch schlimmer fand ich es, als Carl Barks, der geistige Vater von Dagobert Duck das Zeitliche segnete. Der »Entenmann« verließ im zarten Alter von 99 diese Welt. Er starb meiner Meinung nach viel zu früh!

Und Michael Jackson? Wahrscheinlich tragen die Mitspieler im Medienzirkus jetzt Trauer – war er doch ein gefundenes Fressen für alle Kolumnisten, Comedians und Cartoonisten. Hier ein paar Impressionen aus der Welt der bunten Bilder:

Darf der das?

Kein anderer Cartoonist kommentierte den Tod des King of Pop so ätzend wie Mike Luckovich. Der Hauscartoonist des »Atlanta Journal« erntete dafür viel Kritik. So viel Kritik, dass die Leser der altehrwürdigen Washington Post auf der Website der Zeitung abstimmen sollen, ob der Zeichner nun zu weit gegangen ist oder nicht. Ist er?

Little Michael

Schön war die Zeit, in der der bekennende Comic-Fan Jackson noch die Nase hoch tragen konnte. 1970 war der junge Michael der Liebling der amerikanischen TV-Nation. Die Jackson Five schafften es sogar auf das Cover des kurzlebigen Satireblatts »Spoof« aus dem Hause Marvel, das die fünf Racker neben den Beatles, den Rolling Stones und Elvis abbildete. Damals war Teenie-Idol David Cassidy der King of Pop. Nie gehört? So viel zum Thema Unsterblichkeit.

Show Respect to Michael Jackson!

Bei aller Lästerei sollte man nicht die Leistungen des Mannes vergessen, der in den Achtzigern wie kein Zweiter die Welt der Popmusik beherrschte. Independent-Cartoonist James Kochalka forderte jedenfalls in seinem Blog alle Leser auf, den Verblichenen zu ehren und eine Runde zu moonwalken – vielleicht beim Gassi gehen mit dem Hund. So sehr beschäftigte ihn der Tod des Meisters, dass er sogar den Song »Show Respect to Michael Jackson« intonierte. Let’s hear it, James!

Der ultimative Nachruf

Das letzte Wort hat Cartoonist John Campbell, der am treffendsten belegt, was in der letzten Woche abgelaufen ist. Dummes Geschwafel von B-Prominenten, die Jackson nicht mal kannten, Gerüchte, unhaltbare Spekulationen und schlampige Recherchen – all das erwartet uns, wenn ein Prominenter unerwartet abtritt. Oder wie TV-Urgestein Hans-Joachim Kulenkampff es einst formulierte: »Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden.«

Im Falle Jacksons hat man jedenfalls den Eindruck, dass die Medien-Vampire eines ihrer liebsten Opfer am Ende bis zum letzten Blutstropfen ausgesaugt haben.

Programmtipps

Weyershausen am 14. Juli 2008 in Netzball

batmanNeulich schrieb ich ein paar Zeilen über das gemeine Internet und wie es uns die Zeit stiehlt. Ständig findet man interessante Dinge, die man eigentlich gar nicht gesucht hat. Als Untermauerung für diese These habe ich für die Freunde nutzlosen Wissens hier drei Links.

Retro-Mickey

Cartoonist Carl Barks ist inzwischen weithin als der wahre Ziehvater Donald Ducks bekannt. Der Ziehvater von Micky Maus heißt Floyd Gottfredson und ist dagegen noch immer fast unbekannt. Wie Barks hatte auch Gottfredson im Ruhestand die Schlüsselmomente seiner zurückliegenden Comic-Karriere in großformatigen Bildern verewigt. Auf dieser Seite findet man einige schöne Aquarelle des Altmeisters.

Kubricksche Kartons

Auch Genies sind sentimental. In einem Artikel des Daily Telegraph wird vom Nachlass des legendären Regisseurs Stanley Kubrick berichtet, den der verschrobene Perfektionist über Jahrzehnte in 900 Kisten und Kartons eingelagert hatte. In einigen Pappkartons fand man kuriose Requisiten aus seinen Filmen, wie zum Beispiel einen abgerissenen Kopf aus dem Kriegsepos »Full Metal Jacket«.

Schinken in Öl

Ich liebe alte Illustrationen! Heute haben Fotografen die Illustratoren alter Schule gänzlich abgelöst. Schade, denn die kunstvoll gemalten Figuren strahlen eine Lebensfreude aus, die den gekünstelten Fotos neuzeitlicher Prägung gänzlich abgeht. Auf realretrosource.com kann man einige Prachtstücke dieser fast ausgestorbenen Spezies besichtigen.

Der Urknall

Weyershausen am 29. Oktober 2007 in HiStory

urknallWann hat eigentlich alles angefangen? Natürlich mit dem Urknall, ist doch klar! Für mich war dieser Urknall ein unscheinbares Comicheft. Eines Tages ging ich mit meiner gestressten Mutter an einem etwas heruntergekommenen Zeitschriftenladen vorbei. Im Schaufenster hingen diverse Comics und Romanhefte, die sofort meine Aufmerksamkeit erregten. Mit fatalen Folgen für meine Mutter.

Als hyperaktiver Quälgeist, der ich war, quengelte ich so lange, bis ich mir ein Heft aussuchen durfte. Ich war damals einer der talentiertesten Quengler westlich des Rio Pecos. Naja … zumindest westlich der Oker. Das Heft trug den Titel Die Fantastischen Vier, und erschien in der Reihe »Hit-Comics«, von der ich ebenfalls noch nie etwas gehört hatte.

Mein armer zehnjähriger Verstand konnte ums Verrecken nicht begreifen, was in den Seiten dieses Heftes vor sich ging. Als ob ich mitten in eine Kinovorführung geriet, die bereits zur Hälfte um war. Alles daran war exotisch – das billige Papier, die Zeichnungen, selbst der Geruch der Druckfarbe. Als Zweitgeschichte konnte man ein Abenteuer des Donnergottes Thor lesen. Was für ein dämlicher Name! Donnergott? Was war das denn? Da kehrte ich doch lieber ins behagliche Entenhausen zurück.

Wie fast alle anderen Kinder meines Alters war ich ein eifriger Comic-Leser. Zack, Asterix, Fix & Foxi, Micky Maus u.s.w. »Ich habe sie alle gehabt!«, konnte ich bereits als Grundschüler weltmännisch von mir behaupten. Trotzdem bewegte sich mein Comicverschleiß in normalen Bahnen. Ich war nie ein Sammler. Dieses Heft aber beschäftigte mich, weil ich es nicht verstand. Auch heute noch habe ich schlaflose Nächte, wenn ich etwas nicht kapiere (was leider sehr oft vorkommt).

Es dauerte mehrere Monate, bis ich eine weitere Ausgabe dieses mysteriösen Comics in den Händen hielt. Mein Klassenkamerad Reinhard H., offensichtlich ein echter Feinschmecker in Sachen Kultur, lieh es mir. Diesmal war ein grünhäutiger Kauz namens »Halk« Held der Zweitgeschichte. Außerdem trat ein Typ namens »Silber Surfer« auf, der auf einem Surfbrett durchs All bretterte. »Die spinnen, die Amis«, dachte ich.

Mehrere Monate später war mein Intellekt so weit gereift, dass ich unbedingt ein weiteres Heft der Fantastischen Vier haben musste. Doch wie alles im Leben hatte auch dies seinen Preis und der hieß: Goodbye »Micky Maus«, da meine Mutter partout nicht einsehen wollte, dass ihr Filius ein weiteres Comicheft pro Woche benötigte. Was beweist, dass selbst in den Swinging Seventies Eltern äußerst uncool waren.

In der Zwischenzeit hatte sich jedoch einiges in der Comicwelt geändert. Die »Hit-Comics« gab es nun nicht mehr. Das fantastische Quartett erschien plötzlich unter dem Label Marvel Comics. Auch der seltsame Donnergott hatte jetzt seine eigene Heftserie. Ebenso wie unser Freund »Halk«, der zwar noch immer grün war, aber sich nun Hulk nannte. Des Weiteren entdeckte ich die Spinne, die Rächer, das X-Team und andere seltsame Gestalten.

Machen wir’s kurz: Ich war innerhalb kürzester Zeit »angefixt«. Jeden Montag, noch vor Schulbeginn, radelte ich zum Bahnhofsbuchhändler, der als einziger in meiner Umgebung diese merkwürdigen Hefte führte. Bald nannte ich sämtliche Druckerzeugnisse des Hauses Marvel mein eigen. Zum Erschrecken meiner Eltern steigerte sich mein Comic-Konsum in der Folgezeit stetig. In jeder freien Minute saß ich am Boden und kritzelte die eine oder andere Marvel-Figur. Die Weichen für meine Zukunft waren gestellt. Lautete nicht eines der besten Marvel-Epen »Wenn dies mein Schicksal ist«?

Diese farbenfrohen Fluchtwelten waren weit spannender als die trübe niedersächsische Realität meines Schulalltags. Mit fünfzehn entdeckte ich Andreas C. Knigges legendäres Fachblatt »Comixene«. Inzwischen war ich diesem wunderbar fantasievollen, großartig verspielten Medium mit Haut und Haaren verfallen. Ich entdeckte ständig neue Zeichner, neue Comicwelten, verborgene Schätze und vor allem meine Fähigkeit selbst zu zeichnen.

Aus einem kleinen dummen Jungen wurde so ein großer dummer Junge. Oder besser: Je mehr ich lernte, desto mehr wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich weiß.

Warum ich all dies schreibe? Gestern abend sah ich auf arte eine Dokumentation über den großartigen Zeichner Moebius (alias Jean Giraud), die mich sehr nachdenklich stimmte. Die Zeit rast! Als ich das erste Mal eine Zeichnung Girauds sah, war er noch ein junger Wilder und ich ein alter Grundschüler. Nun ist er ein alter Wilder, und ich bin selbst Cartoonist. In Moebius Redux kam auch ein anderer alter Herr zu Wort: Stan Lee, einstiger Autor und Miterfinder der Fantastischen Vier.

Stan Lee, Jack Kirby, Carl Barks, André Franquin … mit ihnen fing für mich alles an. Irgendwie betrachte ich sie noch heute als meine künstlerischen Väter. Nur Schade, dass sie nie Alimente gezahlt haben …