Jedes Jahr im August gibt das Beloit College in Wisconsin die sogenannte »Beloit College Mindset List« heraus, die dem Lehrkörper einen Blick auf den kulturellen Horizont der Studenten vermitteln soll. Die Ergebnisse dieser Studie sind schon faszinierend.
Viele Schüler des Jahrgangs 1992 haben zum Beispiel noch nie einen Brief geschrieben. Überhaupt können die meisten nur in Druckbuchstaben schreiben. Schreibschrift ist ihnen unbekannt. Clint Eastwood ist für sie kein Westernheld, sondern ein Regisseur feinsinniger Filme; Beethoven der Name eines Hundes und Fergie ist eine Sängerin, statt ein Mitglied der britischen Königsfamilie.
Da bin ich mal wieder froh, ein alter Sack zu sein! Eine Kindheit in den 90ern stelle ich mir furchtbar vor. Die kontinuierliche Verblödung der Medien hatte damals den ersten Höhepunkt erreicht. Meine letzten wissenschaftlichen Studien lassen kein anderes Urteil zu: Das ideale Geburtsjahr im letzen Jahrhundert wäre 1950 gewesen! Warum ausgerechnet 1950 und nicht etwa 1968 oder 1984, höre ich jetzt einige Zweifler fragen. Doch gemach, liebe Freunde, meine These ist wohl durchdacht!
Wieso also ist 1950 das ideale Geburtsjahr?
Ganz einfach: Um von beiden Weltkriegen verschont zu bleiben, kommt nur die Zeit nach 1945 in Frage. 1950 waren die schlimmsten Schäden des Krieges beseitigt. Als Kind wäre man wohlbehütet mit Heinz Erhardt im Wirtschaftswunderland aufgewachsen, in dem alles Unangenehme unter den Teppich gekehrt wurde. Dann, im Teenageralter, hätte man zu den Klängen der Beatles den ersten Kuss bekommen und wäre mit den Rolling Stones auf die Barrikaden gestiegen.
Besonders die Studienzeit hätte es in sich gehabt. In den Siebzigern wäre man – unbelastet von AIDS, Arbeitslosigkeit und anderen unschönen Dingen – lange Jahre mit Drogen und freier Liebe beschäftigt gewesen, nur um rechtzeitig zur Midlife-Krise den Mauerfall zu erleben. Klar, ich hätte eklige bunte Polyesterhemden tragen müssen, dafür wäre die schlimmste Krise meines Lebens die Ölkrise von 1973 gewesen. Heute wäre ich 60 und könnte mit etwas Glück bis zum endgültigen Zusammenbruch des Sozialsystems sogar noch etwas Rente kassieren. Die Klimakatastrophe würde mir komplett am Arsch vorbeigehen, weil es mich dann nicht mehr gibt.
Stattdessen bin ich mit Abba, den Bay City Rollers, Yps mit Gimmick, Boy George und Costa Cordalis aufgewachsen. Kein Wunder, dass nichts Gescheites aus mir werden konnte. Zu meiner Teenagerzeit liefen alle Mädchen mit Dauerwellen, gigantischen Schulterpolstern und in Karottenjeans durch die Gegend. Da hätte ich die freie Liebe nicht mal geschenkt haben wollen! Dazu musste ich die ganze Ära Helmut Kohl bei vollem Bewusstsein miterleben. Nicht mal der RAF konnte ich beitreten!
Aber es hätte schlimmer kommen können: Wäre ich zum Beispiel nur ein Jahrzehnt später zur Welt gekommen, wäre mein wichtigstes TV-Erlebnis eventuell »Tutti Frutti« mit Hugo Egon Balder gewesen. Vermutlich würde ich heute auf Ü30-Partys abhängen, Heinz Rudolf Kunze hören und zum Anzug prinzipiell keine Socken tragen, weil Don Johnson so etwas ja auch nie tat.
Noch grauenhafter wäre wohl wirklich nur das Geburtsjahr 1992. Dann hätten mir meine Eltern bestimmt ein Sparbuch für das Weglasern meiner Tattoos eingerichtet. Statt Cartoonist wäre ich sicher Sprayer, der zu den Klängen seines Ghettoblasters den lieben langen Tag auf Parkplätzen an seinen Sprühdosen schnüffelt. Ich würde seit meiner Kindheit GZSZ gucken, jeden Satz mit »Ey, Alter …« beginnen und Thomas Gottschalk für den lieben Gott halten.
Aber das ist natürlich nur eine kleine Liste böser Klischees, die ich nicht äußern würde, wenn ich im Heile-Welt-Jahr 1950 zur Welt gekommen wäre. Denn dann hätte ich sicher an etlichen Selbsterfahrungsgruppen teilgenommen, befände mich auf einer spirituell viel höheren Ebene und wäre zufrieden im Hier und Jetzt.
»Träume werden wahr«, hieß es in meinem Jahreshorrorskop für 2008. So ganz erfüllte sich diese Prophezeiung dann doch nicht, auch wenn es viele traumhafte Momente gab. Dafür gab es viel Arbeit (etwa 150 Cartoons und ein komplettes Buch) und viele Veränderungen.
Was bringt das nächste Jahr? Wohl noch mehr Arbeit und noch mehr Veränderungen. Macht aber nichts, denn Veränderungen sind immer gut. Damit sich auch auf dieser Seite wieder mal was ändert, habe ich zum Jahresausklang ein paar amüsante Links zusammengestellt.
Sing mit Popeye
Bei »King Features« waren früher alle großen Cartoonisten Amerikas zu Hause. Der Pressedienst versorgte die ganze Welt mit berühmten Strips wie »Blondie«, »Donald Duck« und »Prinz Eisenherz«. Auf dieser Seite kann man ein Heft mit Weihnachtsliedern bewundern, das 1949 eigens für PR-Zwecke von den Starzeichnern illustriert worden ist. Ein echtes Weihnachtsschmankerl für Fans!
Aus neu mach alt
Die Nostalgiker unter uns, die schon beim Anblick eines alten Fotos feuchte Augen bekommen, können aufatmen. Auf einer japanischen Website, kann selbst der größte Technik-Muffel ein farbenfrohes Digitalfoto in ein ausgeblichenes Kunstwerk von gestern verwandeln. Das Richtige für die Weihnachtsfotos vom Vorjahr.
Miese Weihnachtsmänner
Kitschig-süßliche Nikoläuse gibt es wie Santa am Meer. Gerade für Diabetiker kann so ein Weihnachtsfest tödlich enden. Passend zur Weihnachtszeit hat sich eine amerikanische Zeitung überlegt, wer wohl der schlechteste Weihnachtsmann der Kinogeschichte war. Die traurigen Fakten findet man hier.
Basil, Basil über alles!
Basil Wolverton war ein Unikat, das in keine Schublade passte. Obwohl viele seiner abseitigen Zeichnungen in Magazinen wie »MAD« erschienen, wurde Wolverton nie so populär, wie er es verdient hätte. Deshalb bin ich immer wieder froh, wenn ich im Internet Neues vom Altmeister des schlechten Geschmacks entdecke. Wie zum Beispiel hier.
Advanced Anagramming!
Wusste jemand, dass die Buchstaben des Namens »Clint Eastwood« in anderer Reihenfolge »Old West Action« ergeben? Irre was? So etwas nennt man Anagramm. Wer über die Feiertage nichts Besseres zu tun hat, kann auf dieser Seite mal nachschauen, was der eigene Name so hergibt. Viel Spaß dabei!
In diesem Jahr wäre Frank Sinatra 100 Jahre alt geworden. Komisch, denn zum Schluss wirkte er auf der Bühne, als wäre er bereits 110. Ups! Ich sehe gerade, dass ich mich geirrt habe … Frank ist nicht 100 geworden, sondern liegt seit zehn Jahren unter der Erde. Macht keinen großen Unterschied, oder? Auf jeden Fall ist er tot.
Seine Pionierleistungen sind vielfältig. So war Frankie einer der ersten, die auf der Bühne einen Teleprompter benutzten, weil er seine Texte nicht mehr behalten konnte. Außerdem zählte er zu den ersten Altstars, die sich einen grauen Wischmopp auf die Glatze tackern ließen.
Lassen wir doch einfach seinen alten Kumpel Peter Lawford zu Wort kommen: »Einmal auf einer Party in Palm Springs wurde Frank so wütend, dass er ein Mädchen durch eine Glastür stieß. Überall waren Blut und Glassplitter. Der Arm des Mädchens war fast abgetrennt … Frank gab ihr später Geld, und das Ganze wurde natürlich unter den Teppich gekehrt.«
Ein anderes Mal wurde ein Journalist kurz nach dem Erscheinen eines Schmähartikels über Sinatras Hochzeit mit der wesentlich jüngeren Mia Farrow von Gangstern zusammengeschlagen. Zufälle gibt’s …
Frankie-Boy war ein harter Hund. So hart, dass er selbst seine Spaghetti roh aß. Jeder, der Schwäche zeigte, wurde von ihm gnadenlos fertig gemacht. Edward G. Robinson kamen wegen Sinatra am Set sogar die Tränen.
Trotzdem konnte niemand so herzzerreißend ins Mikro schmachten, wie der Mann aus Hoboken, New Jersey. Wenn ein harter Hund Gefühle zeigt, so hat das nun mal seinen ganz besonderen Reiz.
Mein Lieblingssong? Früher war es »New York, New York«, weil ich immer vorhatte dorthin auszuwandern. Inzwischen hängt es von meiner Tagesform ab. In besonders größenwahnsinnigen Momenten kann ich sogar »Fly Me To The Moon« klimpern. Natürlich nur, wenn niemand in der Nähe ist. Selbstverständlich habe ich fast alle Klassiker des Großmeisters auf CD. Die unverzichtbare Musikbibliothek für den nächsten Liebeskummer.
Nur mit Frank S. kann man wirklich stilvoll in einer Bar versacken. Seine Songs verleihen selbst einer heruntergekommenen Dorfkneipe einen Hauch von Welt. Allerdings hasse ich es, wenn ein gealterter Sinatra Songs der Beatles trällert.
Von den Sinatra-Filmen liebe ich am allermeisten den Politthriller »The Manchurian Candidate« (dt.: Botschafter der Angst). Ein toller Streifen, bei dem in der deutschen Fassung die beste Sequenz brutal zusammengekürzt wurde. Man dachte damals, das Publikum sei zu blöd, um die progressive Schnittfolge zu kapieren.
Was Wenige wissen: Ursprünglich sollte Sinatra die Hauptrolle in dem Thriller »Dirty Harry« spielen. Als der Entertainer wegen einer Verletzung ausfiel, übernahm Clint Eastwood die Rolle und wurde so sein Image als Westernheld los. Umgekehrt durfte sich Eastwood im Musical »Paint Your Wagon« auch als Sänger versuchen. Allerdings erfolglos.
Also: Alles Gute zum zehnten Todestag, Mr. Sinatra! Ich freu mich jetzt schon auf den zwanzigsten!
In letzter Zeit lese ich mit Vorliebe Belangloses. Es ist so schön, wenn man mal nicht denken muss. Gerade sind es die Memoiren der ehemaligen BRAVO-Reporterin Frances Schoenberger, die den wunderbar belanglosen Titel Barfuss in Hollywood tragen. Das Werk sollte in keiner guten Badezimmer-Bibliothek fehlen.
Dank Frances S. erfährt man, dass Clint Eastwood gern spießige Schuhe mit Kreppsohlen trägt, Tony Curtis’ Haare schon immer aufgeklebt waren und Rosa von Praunheim einen großen Penis hat. Wurde auch Zeit, dass jemand diese Themen anpackt. Auf dem Cover: Ein Zitat der Literaturzeitschrift BUNTE. Passt. Es ist ein unterhaltsam geschriebenes Klatschbuch. Nicht mehr und nicht weniger.
Trotzdem: Es ist schon erstaunlich, dass sich immer wieder eine treue Seele findet, die ein Buch hochjubelt – egal wie grottig schlecht es geschrieben ist. In jüngeren Jahren (etwa 2003) illustrierte ich den Schmöker eines Hamburger Journalisten. Des Geldes wegen, denn die Texte selbst fand ich unterirdisch schlecht. Das Buch wurde ein Flop. Trotzdem sah ich später einen Zeitungsartikel, in dem der Wortwitz dieses Buches gelobt wurde. Schade, ich habe dieses witzige Wort wohl übersehen.
Meine eigenen Sachen wurden meist sehr wohlwollend besprochen. Bei etwa hundert Rezensionen waren vielleicht zehn Verrisse dabei. Glück gehabt. Die besten Kritiken gab es für das Lindgren-Lexikon.
Sogar das Kulturjournal brachte einen Bericht, in dem sich Paul Kersten als Pippi Langstrumpfs Vater Ephraim verkleidet hatte. Zwei Jahre später, auf der Frankfurter Buchmesse, saß er an einem pappigen Sandwich nagend neben mir. Ich überlegte, ob ich ihn anspreche, um mich für den wohlwollenden Bericht zu bedanken, entschied mich aber dagegen. Man ist ja Profi. Oder zumindest tut man so.
Die negativste Besprechung kam damals übrigens von Frau S., einer anderen Autorin, die sich von unserem Buch angegriffen fühlte. »Tja, dann müssen sie sich ja nicht wundern«, lachte die Verlegerin der besagten Frau S. nur, als ich dies ansprach. Damals merkte ich: Gekränkte Eitelkeiten spielen eine große Rolle.
Kritik tut weh. Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Bei den Sachbüchern macht sie mir nicht viel aus, denn sie haben mit meiner eigenen Person wenig zu tun. Wer jedoch meine Cartoons kritisiert, den trifft mein ewiger Zorn. Erst neulich sagte mir jemand, dass in diesen Zeichnungen sehr viel von mir selbst steckt. Mist. Durchschaut. Harte Kritik bedeutet daher also: »Ich mag Dich nicht.«
Ganz schlimm muss es wohl jemanden treffen, der einen autobiografischen Roman geschrieben hat. Ein Totalverriss bedeutet da wohl: »Ich mag Dich nicht, und Dein Leben finde ich auch scheiße!« Der geneigte Rezipient merkt: Ein Leben als ALDI-Kassierer hat durchaus seine Vorteile.
Früher einmal schrieb ich übrigens selbst gern Kritiken. Ja, es macht Spaß ein mieses Buch in die Pfanne zu hauen – ich gebe es zu. Irgendwie müssen die vielen Leser, die durch so ein Machwerk mehrere Stunden ihres Lebens vergeudet haben, ja gerächt werden.
Ab und zu, wenn der Redaktionsschluss nahte, habe ich ein Buch auch einfach nur »quer« gelesen und lieblos den Pressetext abgetippt – was übrigens sehr viel häufiger vorkommt, als man denkt. Deshalb erkenne ich heute sofort, ob ein Redakteur mein Buch gelesen oder sich (so wie ich manchmal) nur durchgemogelt hat. »Du fauler Penner!«, denke ich dann.

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