Social Dingsbums in voller Blüte

wortmax am 19. Oktober 2011 in Reisenotizen

fbm11_02Die meisten Menschen, die ich kenne, unterteilen das Jahr nach den Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Autoren und Verlagsmenschen ticken vielfach anders. Für sie beginnt das Jahr erst im März: mit der Frühjahrsbuchmesse in Leipzig. Zu Ende geht es für sie nicht mit Silvester oder Weihnachten, sondern schon ein paar Wochen vorher, im Oktober, mit der Herbstbuchmesse in Frankfurt.

Während der Buchmessen stehen diese Menschen in voller Blüte, in der Zeit dazwischen wurschteln sie relativ lautlos vor sich hin, oftmals nach dem Motto »Muss ja«. Und wer weiß? Vielleicht gehöre ich inzwischen auch zu diesem sonderbaren Menschenschlag.

Zum Glück war es letzte Woche wieder soweit: Das Jahr ging zu Ende. Die Ausstellungs- und Messe GmbH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels lud ein zur großen Bücherschau 2011 in Frankfurt. Rund 283.000 Menschen folgten der Einladung. Ich war einer von ihnen. Aus fünf guten Gründen.

1. Runter vom Bürostuhl, rein in die Messehalle

Autoren und Freelancer führen in der Regel ein ziemlich einsames Leben. Natürlich haben sie ihre Termine, Lesungen oder Präsentationen, ihre Stammtische, Bildungsreisen und andere Exkursionen. Einen Großteil ihrer Zeit allerdings arbeiten sie allein in ihren Ateliers und Home Offices und erleben Gesellschaft nur virtuell.

Die Buchmessen bilden da ein echtes Kontrastprogramm. Hier können die »Isolierten« in wenigen Tagen aufholen, was sie zuvor in fünf, sechs Monaten versäumt haben. Kontakte knüpfen und pflegen, sich dabei in die Augen schauen, plaudern, diskutieren, zum Kaffeee einladen, zum Kaffee eingeladen werden etc. Mein lieber Kollege Karsten Weyershausen stellte bei einer unserer nächtlichen Küchenpartys eine steile These auf. Er behauptete, ein Buchmessenbesuch ersetze in vielen Fällen die fehlende Bürogemeinschaft. Ich wollte ihm nicht widersprechen.

2. T.C. Boyle – What’s New?

Als Betreiber von www.tcboyle.de ist T.C. Boyle nach wie vor einer der Hauptgründe, warum ich Halbjahr für Halbjahr zur Buchmesse fahre. Wenn es etwas Neues über den von mir verehrten Schriftsteller gibt, erfährt man es in Leipzig oder Frankfurt zuerst. Okay, nicht immer, aber immer öfter.

Dieses Mal habe ich in Erfahrung bringen können, dass a. ) Boyles neuer Roman »When the Killing’s Done« bereits im Januar 2012 auf deutsch erscheint; b.) er bei seiner Lesereise durch Deutschland im Mai 2012 auch in kleineren Städten wie Freiburg oder Koblenz gastieren wird; c.) es eine neue Veranstaltungsreihe von der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag gibt, in der Boyle und sein neues Werk involviert sind; und d.) dass man am Stand des Hanser Verlages einen Kaffee serviert bekommt bzw. Coffee to go (je nachdem, wie voll es dort ist).

Ein besonderes Highlight in Sachen Boyle bot der Freitag, als es zu einem knapp zweistündigen Treffen mit dem Übersetzer Dirk van Gunsteren (Boyle, Pynchon, Roth, McCann usw.) kam. Es ist immer wieder spannend, Einblicke in die Arbeit von Literaturübersetzern zu bekommen, vor allem dann, wenn einem die Hintergründe von so sympathischen Menschen wie Dirk van Gunsteren erklärt werden.

Nicht weniger erfreuliche Treffen mit treuen Mitgliedern des tcboyle.de-Forums rundeten meine Boyle-Mission in Frankfurt ab. Gut, dass T.C. Boyle selbst nicht auf der Messe war. Für ihn hätte ich bei meinem vollen Terminplan gar keine Zeit gehabt.

3. Buchmessenbesucher im Klimakterium

Kollege Weyershausen meint ja immer, ich solle mich mehr um die eigene Autorenkarriere kümmern, statt einen Millionär in Kalifornien noch reicher zu machen, als er schon ist. Daran wollte ich mich dieses Mal halten, und ja, Herr Weyershausen hat recht: Wenn man einen neuen Buchvertrag in der Tasche hat, macht so eine Buchmesse gleich noch viel mehr Spaß.

Nicht missen möchte ich daher unseren Besuch beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, wo man nicht nur junge Sex-Göttinnen verlegt, sondern auch ältere Männer, die sich bereits in den Wechseljahren sehen. Dieses Jahr haben wir am Tisch des Verlegers Platz genommen, im nächsten Herbst dann hoffentlich wieder auch im Regal mit den Neuerscheinungen.

Und wehe, es macht mir jemand meine Midlife-Krise kaputt und behauptet, ich habe gar keine. Haha! So wie ich auf der Messe geschwitzt habe, muss das etwas mit den Wechseljahren zu tun haben, und nicht mit dem ewigen Hin- und Hergelatsche zwischen den Hallen 3, 4 und 6. Denn was Letzteres betrifft, bin ich nach sieben Messejahren in Folge wirklich gut konditioniert.

4. Die Twitter-Rasselbande

Keine Buchmesse ohne Twittagessen. Die twitternden Büchermenschen sind längst wie eine große Familie – und der Schrecken der Messegastronomie. Denn für über 50 Leute kann man keine Tische mehr reservieren, sondern nur ein Lokal komplett stürmen und alle Menschen ohne Smartphone mit Twitter-App rausschmeißen. Soweit ist es (noch) nicht gekommen. Vielleicht nächtes Jahr. 2012. Nach dem Kalendersystem der Maya soll dann die Welt untergehen, gemeint ist vielleicht aber auch nur ein Twittagessen, das aus allen Nähten platzt.

2011 traf sich die »Twitter-Rasselbande« wie im Vorjahr vor den Imbissbuden im Innenhof. Unmöglich, sich in nur einer Stunde mit allen Teilnehmern über 140 Zeichen hinaus zu unterhalten. Es sind einzelne und immer wieder andere nette Menschen, mit denen sich plötzlich längere, inspirierende Gespräche ergeben. In diesem Jahr u.a. – längst überfällig – mit @demipress, @emju und der Literaturblog-Kollegin @Buchgefluester.

5. Social Dingsbums

Der fünfte und wahrscheinlich nicht der letzte Grund, warum ich gern zur Buchmesse fahre, sind die Vortragsangebote im Bereich Social Dingsbums. Ja. Keine Ahnung, wie der richtige Überbegriff lautet. Den Begriff Social Media sollte man umgehen, wie ich seit Leander Wattigs Bullshit-Bingo weiß.

Was ich meine, sind Vorträge, Präsentationen und Gesprächsrunden für Menschen, die was mit Büchern machen, die über die Digitalisierung der Bücherwelt referieren und nachdenken und über die Bücherwelt im Internet, und die selbst zumindest einen Facebook-Account besitzen, der sich idealerweise weitgehend mit Büchern beschäftigt. Dass hier das Informationsangebot immer größer wird, haben wir Koryphäen wie Wibke Ladwig, Leander Wattig oder Holger Ehling zu verdanken. Oder auch umtriebigen Teams wie das von Bookrix, das früher mal, so vermute ich, in der Glückskeksbranche tätig war.

Nicht alles ist für jeden interessant, nicht jeder Vortrag gelungen. Doch die Veranstaltungen reihen sich mittlerweile im Viertelstundentakt aneinander, sodass man weniger Ansprechendes für kurze Gedanken- oder Plauschpausen nutzen kann und nicht lange warten muss, bis ein anderer Redner etwas Interessanteres zu erzählen weiß oder mit einem Kokolores-Button das Herz des wissbegierigen Messebesuchers gewinnt.

Mein persönliches Fazit

Noch nie hat die Buchmesse in Frankfurt so viel Spaß gemacht wie heute. Kritikern, die behaupten, das Buch an sich gerate immer mehr in den Hintergrund, kann ich nicht zustimmen. Bücher werden auf neue Art hergestellt, vertrieben und gelesen, und es wird anders darüber kommuniziert. Die Frankfurter Buchmesse spiegelt diese Entwicklung wider, das ist ihre Aufgabe. Unter anderem. Sie befindet sich also auf einem guten Weg. Ein weiterer Beleg dafür: Roger Willemsen sichtete ich in diesem Jahr gleich dreimal. Und ja, solange Roger Willemsen in Frankfurt unsere Wege kreuzt, müssen wir uns weder um ihn noch um die Buchmesse irgendwelche Sorgen machen.