Wussten Sie schon, dass John Wayne das Dach seines Autos ein paar Zentimeter anheben ließ, damit er hinterm Steuer seinen Cowboyhut tragen konnte? Irgendwann wird mir dieses Wissen vielleicht die entscheidenden Punkte bei Trivial Pursuit bringen. So hoffe ich zumindest.
Auf der anderen Seite: Es gibt Dinge, die ich vielleicht lieber gar nicht gewusst hätte. Wenn Marilyn Monroe zum Beispiel von Depressionen heimgesucht wurde und ihre Periode hatte, vergaß sie oft Tampons zu benutzen – was einen unschönen Eindruck bei ihren Besuchern hinterließ.
Kein Wunder, wieso es zwischen Frank Sinatra und ihr nicht klappen konnte, obwohl die beiden eine kurze Liebschaft verband. Der Sänger war nämlich so pedantisch, dass er schon eine neue Hose anzog, wenn sie nach längerem Sitzen Falten bekam. Zudem sprang er mindestens vier Mal am Tag unter die Dusche, während die etwas nachlässige Diva wohl eher vier Tage verstreichen ließ, um etwas Wasser und Seife an ihre Haut zu lassen. So erzählt es zumindest Sinatras ehemaliger Diener in seiner Autobiografie.
Ich liebe Biografien. Besonders von exzentrischen Persönlichkeiten, die ein spannenderes Leben führten als ich. Wie zum Beispiel die Autobiografie von Keith Richards, in der er erzählte, wie er völlig zugedröhnt mit seinem kleinen Sohn Auto fuhr und dabei fast einen fatalen Unfall baute. Jeder andere wäre nach Erscheinen des Buches von der Presse als verantwortungsloser Vater an den Pranger gestellt worden. Nicht Richards. Offenbar genießt er inzwischen absolute Narrenfreiheit. Das ausgerechnet der wilde »Keef« ein begeisterter Pfadfinder war, gefiel mir bei seinen Erinnerungen am besten.
Auch wenn sich Biografien im allgemeinen zwischen kritikloser Heldenverehrung und skandalträchtiger Hinrichtung bewegen, das ist mir das egal. Autobiografien sind sogar noch schlimmer. Wer zum Beispiel wissen möchte, wieso sich Dean Martin und Jerry Lewis getrennt haben, bekommt von diversen Chronisten gleich mehrere Versionen aufgetischt, wobei gerade die Memoiren von Jerry Lewis höchst revisionistisch sind. Doch was ist Wahrheit? Gibt es sie überhaupt?
Auch wer die Wahrheit über William Shakespeare oder Oscar Wilde erfahren möchte, sollte besser gleich zu mehreren Büchern greifen, um sich seinen eigenen Reim darauf zu machen. Die Wahrheit ist anscheinend sehr flexibel. Biografien lesen ist wie Detektivarbeit und Psychoanalyse.
Natürlich wird man gerade in Biografien mit schrägen Anekdoten belohnt, wie bei Carrie Fisher, die in ihrem Buch »Wishful Drinking« von ihrem Vater erzählt, der eines Tages seine ultra-winzigen Hörgeräte verschluckte, weil er sie irrtümlich für Tabletten hielt. Solche Geschichten sind natürlich banal, platt und völlig unwichtig.
Ein wenig schäme ich mich schon dafür, meine Zeit mit solchen Büchern zu verplempern, statt meine immensen Bildungslücken mit großer Literatur aufzufüllen. Andererseits könnte sich mein unnützes Wissen als nützlich erweisen, um die Zeit zu überbrücken, falls ich mal in einem Fahrstuhl feststecke oder in Geiselhaft gerate. Unnützes Wissen ist immerhin besser als gar keines. So hoffe ich zumindest.
Ein wenig rümpfe ich schon die Nase, wenn ich in der Schlange im Supermarkt anstehe und am Zeitschriftenstand diverse Klatschblätter sehe. Fragen wie »Lügt Liliana Matthäus?«, »Kachelmann: Opfer einer Verschwörung?« oder »Startet Mehrzad Marashi jetzt ohne Dieter Bohlen durch?« scheinen Millionen von Menschen zu bewegen. Doch selbst wenn ich die Nase rümpfe: Warum überfliege ich diese Schlagzeilen, statt mir die Sonderangebote im Nebenregal anzuschauen?
Ich gebe es nur ungern zu, aber: Auch ich liebe Klatsch. Aber hallo! Allerdings sind mir Mette-Marit und Konsorten piepschnurz, denn am liebsten mag ich ganz alten Klatsch, für den sich heute kaum jemand interessiert. Den fördere ich in alten Biografien zutage, die ich geradezu verschlinge. Ein schönes Beispiel sind die Erinnerungen der Bravo-Korrespondentin Frances Schoenberger, die bei einem Treffen mit John Lennon hauptsächlich über Haarprobleme und Diäten mit ihm palaverte. Statt mit bewusstseinserweiternden Drogen experimentierte Lennon damals gerade mit einem Lockenstab, um die dünner werdende Mähne aufzufüllen.
Legenden sind halt auch nur Menschen, denkt sich da der Leser. Gut zu wissen, so was. Von hohem Informationsgehalt war auch jene Stelle in den Memoiren von Jerry Lewis, in der er explizit schilderte, wie sein damaliger Partner, der Schmusesänger Dean Martin, das Gemächte des jungen Komikers nach Filzläusen absuchte. Sehr appetitanregend finde ich auch die Geschichte von Shirley MacLaine, die Plätzchen für Robert Mitchum buk, um so sein Herz zu erobern. Allerdings hatte sie als eine Art »Liebeszauber« ihre klein gehackten Schamhaare in den Teig hinein gerührt. Ohne durchschlagenden Erfolg übrigens.
Wenn wir schon bei den niederen Körperregionen sind. Andy Warhol trug zu Lebzeiten stets ein Aufnahmegerät in der Jackentasche. Viele Privatgespräche, die er auf Parties mit Prominenten führte, landeten in seinem Magazin »Interview«. Da die Größen in Kunst und Showbusiness in Warhol einen Freund sahen, plauderten sie frei von der Leber weg – nur um ihre geistigen Ergüsse ungefiltert in Warhols Magazin wiederzufinden. Mick Jagger hätte sonst wohl sicher nicht so freimütig von seinen Hämorrhoiden erzählt.
Mein liebstes Klatschbuch ist »Personenbeschreibung« von Georg Stefan Troller, wo das Banale neben dem Hellsichtigen steht. In diesem wunderbaren Tagebuch skizziert Troller in knappen Sätzen die Persönlichkeiten, die in einem langen Journalistenleben seinen Weg kreuzten. Ezra Pound, Roman Polanski, Jean-Paul Sartre, Alain Delon und Woody Allen – sie alle werden mit gnadenlosem Auge seziert. Am schönsten ist das Portrait von Muhammad Ali.
Enttäuschend dagegen ist »Karambolagen« von Hellmuth Karasek, in dem man nachlesen kann, wem der knautschige Kulturbeutel so die Hand geschüttelt hat. Ein Leben im Dunstkreis der Reichen und Berühmten lässt wohl auch auch das eigene Dasein wichtiger erscheinen. Die Einsichten, die Karasek hierbei gewann, haben die Tiefe eines Schlagertextes von Michael Wendler. Da bekommt der Stempelaufdruck »Mängelexemplar«, der mein Exemplar ziert, eine ganz neue Bedeutung.
Die letzte Biografie, die ich in einem Rutsch weggelesen habe, handelt vom legendären Regisseur John Ford, der selbst einem harten Macker wie John Wayne so zusetzen konnte, dass dieser auf dem Set heulte wie ein Baby. Aber der Mann hatte auch Humor. Meine Lieblingsstelle: Ford auf der Beerdigung eines alten Freundes zum Charakterdarsteller Andy Devine: »Jetzt bist DU das größte Arschloch, das ich kenne!«
Eine wichtige Sache ist mir beim Lesen solcher Bücher allerdings klar geworden: Die spannendsten Lebensgeschichten sind immer die tragischen. Deshalb sollte man froh sein, wenn das eigene Leben möglichst langweilig dahinplätschert. Zumindest sollte man für seine eigene Biografie eines beherzigen: Es ist es immer besser, ein verkannter Millionär zu sein als ein verkanntes Genie.
Seit Weihnachten hocke ich fast jeden Tag mehr als zehn Stunden vor dem Rechner, um die Farben meiner alten Cartoons zu ändern.
Damit die Hirnzellen bei solch stumpfsinniger Tätigkeit nicht vollends absterben, höre ich dabei seit einigen Tagen alte Aufzeichnungen aus der goldenen Zeit des amerikanischen Radios (die 30er und 40er Jahre). Woody Allen hat dieser Ära in seinem Film »Radio Days« ein wunderbares Denkmal gesetzt.
Es ist schon merkwürdig, die Werbung jener Jahre, die Witze über Lebensmittelmarken und die patriotischen Aufrufe zu hören. Gerade während des Zweiten Weltkriegs war das Radio das Medium, das alle miteinander verband. Die Macher jener Sendungen waren damals ebenso bekannt wie Filmstars. Folgerichtig traten viele Filmstars auch im Radio auf, um ihre Popularität zu steigern. Für Wortakrobaten wie Jack Benny, Bob Hope und Groucho Marx war es die ideale Plattform, um sich auszutoben.
Buchadaptionen, Quizshows, Sitcoms und viel Musik natürlich – alles, was man heute im Fernsehen sieht, konnte man auch damals live im Radio erleben. Nur damals waren die Ideen tatsächlich neu. Das Fernsehen war es auch, das jener goldenen Epoche ein Ende bereitete. Schade, denn vieles, was den Radiohörern vor siebzig Jahren geboten wurde, ist weitaus unterhaltsamer, als die monotone Unterhaltungspampe unserer Fernsehsender. Das Fernsehen sei eine »Phantasieprothese« las ich neulich. Ich denke eher, dass es uns alle erst zu »Phantasiekrüppeln« macht.
Der König des Radios war Multitalent Orson Welles. Mit dem legendären Hörspiel »Krieg der Welten« versetzte er ganz Amerika in Angst und Schrecken. Selbst Hitler ging in einer Rede auf dieses Ereignis ein. Bevor Welles nach Hollywood verschwand, um sein Meisterwerk »Citizen Kane« zu drehen, war er Woche für Woche mit seinem »Mercury Theatre On The Air« (später das »Campbell Playhouse«) in den amerikanischen Wohnstuben zu Gast, um klassische Theaterstücke, Filme oder populäre Romane fürs Radio zu adaptieren. Welles’ Bildungsprogramm war dabei alles andere als langweilig, denn er und seine Truppe waren, wenn es sein musste, hemmungslose Schmierenkomödianten, die vor nichts zurückschreckten. Als Gastmoderator der »Jack Benny-Show« konnte Welles hingegen beweisen, dass er auch komisch sein konnte. Im Museum Of Orson Welles findet man etliche Sendungen aus jener Schaffensperiode des Meisters.
Die wortgewaltigste und schillerndste Figur des Radios war zweifelsohne Groucho Marx. Als die Filmkarriere der Brüder Marx in den Vierzigern abebbte, startete der geschäftstüchtige Groucho eine lange Solokarriere als Quizmaster. Allerdings war »You Bet Your Life« keine altbackene Sendung mit dauergrinsendem Moderator, wie wir sie heute kennen. Groucho benutzte seine Gäste eher wie heute Kurt Krömer: als Stichwortgeber – nur viel, viel witziger. Später, als das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, wechselte er das Medium und hatte auch dort über viele Jahre immensen Erfolg. Einige seiner komischsten Radiosendungen findet man hier.
Bevor Dean Martin und Jerry Lewis die Leinwand eroberten, konnten sie 1948 ihre Familientauglichkeit in einer (recht formelhaften) Radiosendung perfektionieren. Bis dahin traten sie mit wesentlich zotigerem Material hauptsächlich in Nachtclubs auf. Das Interessanteste an ihren Sendungen waren die illustren Gaststars, die sich Woche für Woche die Klinke in die Hand gaben: Marlene Dietrich, Boris Karloff, Frank Sinatra und Burt Lancaster sind nur einige von ihnen. Wer Jerry Lewis jedoch im Original gehört hat, kann verstehen, dass die Hälfte der Amerikaner ihn am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Hier einige Episoden.
Selbst Stan Laurel und Oliver Hardy versuchten sich während ihrer letzten Jahre in Hollywood an einer eigenen Sendung. Doch ihre Popularität in Amerika war damals auf dem Tiefpunkt. So entstand lediglich eine Pilotsendung mit dem Titel »Mr. Slater’s Poultry Market« (1943), in der unsere Freunde mit zwei Profikillern verwechselt werden. Unglücklicherweise ist der Humor dieser Sendung genau so nett und harmlos wie in ihren letzten Filmen. Die Komik von Mr. Laurel und Mr. Hardy ist nun mal zum großen Teil rein visueller Natur und daher fürs Radio nur bedingt geeignet. Trotzdem bleibt es ein nettes Fundstück, das über Jahrzehnte als verschollen galt.
Vor einiger Zeit schrieb ich an dieser Stelle über »Dean & Me« von Jerry Lewis. In diesen Buch erzählte Lewis von dem schwierigen Verhältnis zu seinem einstigen Partner Dean Martin, mit dem er zehn Jahre lang der heißeste Act im Showgeschäft war. Auf der Bühne gab Jerry den Spaßvogel, während Dean den Stichwortgeber spielte. Privat waren die Rollen genau andersherum verteilt. Lewis sprach, wenn er seine Rolle als Trottel abgelegt hatte, von sich selbst stets in der dritten Person und hielt sich für ein Genie, während sich Martin nach Aussagen seiner Freunde nie besonders ernst nahm und eine unglaubliche Schlagfertigkeit bewies. Trotz all seiner Schwächen als Mensch brachte Lewis die Menschen jedoch zum Lachen. Für mich war er lange Zeit noch witziger als Didi Hallervorden. Doch damals war ich erst zwölf …
Kariöse Komiker
Viel witziger als die frühen Filme des Duos war ihre Fernsehshow, die »Colgate Comedy Hour«. Hier ließen Dean und Jerry, so ganz ohne festes Drehbuch, ihren Improvisationstalenten einfach freien Lauf. Fast so, wie sie es auf der Bühne taten. In den Filmen verkümmerte Martin nur zu oft zum braven Schnulzenheini. Ein Grund, wieso ihre Partnerschaft später in die Brüche ging.
Gag-Recycling
The Typewriter, eine der berühmtesten Nummern Jerrys, hatte ihren Ursprung in der »Colgate Comedy Hour«. Ein Jahrzehnt später brachte Lewis den Sketch rein pantomimisch in seinem Film »Der Ladenhüter«. Humor ist zwar vergänglich, aber auf der anderen Seite: Man sollte nichts wegwerfen, was funktioniert.
Knutschende Kumpels
Nachdem Jerry und Dean fast zwanzig Jahre kein Wort miteinander gewechselt hatten, brachte Frank Sinatra das Paar 1976 wieder zusammen – live und im Fernsehen. Jerry war davon so überrumpelt, dass er trotz laufender Kameras Sinatra fast unhörbar als Hurensohn bezeichnete. Mehr als zehn Jahre später revanchierte sich Lewis und überraschte Martin zu seinem 72. Geburtstag live auf einer Bühne in Las Vegas. Es sollte ihr letztes Zusammentreffen bleiben.
Solo-Talent
Jerry, was haste Dir verändert! In späteren Jahren legte Lewis die Rolle des liebenswerten Trottels ab und entwickelte auf der Bühne eine zuweilen recht aggressive Komik. Vom Charme der frühen Filme ist nichts mehr geblieben. 1984 hatte Lewis mehr Tiefen als Höhen durchschritten. Inzwischen hatte ihn eine neue Generation von Comedians längst abgelöst. Doch Jerry blieb immer am Ball. Selbst heute noch. Vielleicht ist er ja wirklich der King of Comedy … gleich hinter Didi Hallervorden, natürlich!
Ich war ein kleiner Junge und konnte noch kein Wort Englisch, als ich zum ersten Mal mit dem Begriff »Talkshow« konfrontiert wurde. Das war Anfang/Mitte der 70er Jahre. Ich studierte damals in einer Fernsehzeitung das Spätabendprogramm, das ich noch nicht sehen durfte, und rätselte darüber, was mit »talk« wohl gemeint sein könnte.
Was Shows sind, war mir bekannt. Die von Jerry Lewis und Dean Martin waren echte Highlights im ZDF-Nachmittagsprogramm der 70er. Nur mit dem Wörtchen »talk« konnte ich nichts anfangen, ebenso wenig mit dem Namen Reinhard Münchenhagen. Er war der Talkmaster, und ich stellte ihn mir vor als eine Mischung aus Jerry Lewis und Dean Martin – Kinderlogik.
Letzte Nacht sah ich auf WDR den ersten Teil einer Dokumentation über 30 Jahre Talkshow im deutschen Fernsehen. Inzwischen weiß ich natürlich, was eine Talkshow ist. Die Leute, die in der Doku zu Wort kamen, hatten es mir 30 Jahre lang vermittelt. Von Schönherr bis Schlingensief. Obwohl ich mit Talkshows nicht mehr viel anzufangen weiß, seitdem jeder in einer solchen auftreten kann und sie zu 95 Prozent von Johannes B. Kerner moderiert werden, hat mir der Streifzug durch die Geschichte des deutschen Fernsehens gefallen.
Besonders die Äußerungen von Roger Willemsen, der meines Erachtens rechtzeitig erkannt hat, dass Talkshows in zu großen Mengen und auf Dauer in einem nicht unerheblichen Umfang verblöden. Ganz gleich, ob man lethargisch vor der Kiste sitzt oder schwafelnd darin.
Den zweiten und dritten Teil der Talkshow-Dokumentation werde ich mir jedenfalls nicht entgehen lassen. Nur um mir bestätigen zu lassen, dass es besser ist, sich Talkshows nur dann anzusehen, wenn darin Leute etwas erzählen, die auch etwas zu erzählen haben.

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