An glühend heißen Wochenenden wie dem letzten kann man eigentlich nichts anderes machen, als sich – ausgestattet mit einem kühlen Getränk – ein ruhiges, schattiges Plätzchen zu suchen und zu lesen. Wie gut, dass der Postmann am Freitag ein frisches Bücherpaket vom Reiffer Verlag in meinen Briefkasten stopfte – mit kleinen lexikalischen Ratgebern, die ich hier in der nächsten Zeit nach und nach vorstellen werde.
Als webaffiner Mensch habe ich mir natürlich zuerst die »Dienstanweisung Internet« gegriffen, auch weil ich ein großer Fan der Tweets von Gerald Fricke bin, der für dieses Büchlein verantwortlich zeichnet. Fricke, bei Twitter unterwegs als @Ballkultur, ist Akademischer Geheimrat (Dr. rer. pol.), forscht zur Webgesellschaft und hat bereits Artikel für Titanic, taz, FR und Rolling Stone verfasst. Als Buchautor beglückte er uns u.a. mit dem Werk »Für alles gibt’s ein erstes Mal« (gemeinsam mit Frank Schäfer).
In seiner »Dienstanweisung Internet« verquickt Fricke auf gekonnte Weise bürokratischen Witz mit intellektuellen Nonsens à la Monty Python. (Na, Sie wissen schon, Knick Knack.) Er gibt uns aber auch Einblicke in seine Forschungsarbeit, verschießt Giftpfeile an Leute, die im Web 1.0 kleben geblieben sind, und übergiesst als lustiger Chefkoch alles mit einer popkulturellen Soße, die angerührt wurde, als ein Klaus Fischer noch mit Fallrückziehern durch die gegnerischen Strafräume segelte.
Wer also wie ich den Sprung aus der 80er Jahre Spaßgeneration hin zum postadoleszenten Digital Native mit iPhone und mehr als 1.000 Followern erfolgreich gemeistert hat, kommt bei der Lektüre dieses Buches voll auf seine Kosten.
Herausragend beispielsweise, wie Gerald Fricke uns den Begriff »Followerpower« erklärt, nämlich indem er seine Leserinnen und Leser fragt, ob Herman van Veen eigentlich noch in dieser Windmühle lebt? »Palim, Palim!«, ulkt der Autor ein paar Seiten später und bestellt sich eine Flasche Social Media.
Wie man sieht: Die meisten Texte, die Fricke hier zu Papier brachte, hat er schon mal getwittert. Aber nicht alle konnten rechtzeitig »gefavt« werden, und deshalb ist es schön, sie in diesem Buch noch einmal in Ruhe nachlesen zu können. Dazu gehört dann auch Frickes Lieblingstweet von Ernst Jünger: »Um 7 Uhr in Sedan Erbsensuppe bekommen. Stimmung war fidel.«
Ausführlicher, aber nicht minder erheiternd, wird’s, wenn Fricke unter dem Buchstaben N von seiner ersten Putzfrau in der New Economy berichtet:
»Ich radelte morgens los, kam abends zurück und alles war wie geleckt. Wie von der ukrainischen Zauberzunge! Die Kaffeemaschine empfing mich mit einem frischen Filter, keine Bartstoppeln weit und breit, sogar das erste Blatt der Klopapierrolle war neckisch gefaltet. Als wenn es sich auf mich freute.«
Tja, und damit wäre er dann geschafft, der Übergang von diesem Zitat zur Empfehlung des Buches als wunderbare Klolektüre, zumindest dann, wenn nicht – wie am vergangenen Wochenende – die Sonne glühend heiß vom Himmel brennt, man aber dringend ein kleines, handliches Büchlein benötigt – für den Erfrischungslacher zwischendurch.
Braunschweig, 17. Dezember 2010
Liebes Tourtagebuch, wir haben uns heute viel vorgenommen. Unser Tagesziel ist es, einem Haufen zwielichtiger Satanisten (und ihren Schülerinnen, denn ein Lehrer mitsamt seiner Klasse ist heute auch erschienen) ein bisschen weihnachtliche Besinnlichkeit in den langbehaarten Schädel zu prügeln. Der Schauplatz dieses Verbrechens ist wieder einmal das wunderbare Café Riptide – der Täter kehrt bekanntlich immer wieder an den Tatort zurück.
Wir drei Read em all-Members lesen wie immer einen bunten Strauß von Evergreens, Raries, Outtakes und aktuellen Charthits. Unter anderem trage ich auch aus meinem Tourtagebuch vor – Till echauffiert sich ein wenig, da er meint, es ginge nicht, dass man in einem literarischen Werk die eigenen Bücher erwähnt, z. B. meinen Bestseller »Lasst dort Rock sein«.
Deswegen werde ich an dieser Stelle auch sein Hörbuch »Tillicus Glossicus Metallicus« weitestgehend verschweigen. Da es auf Scorpions-Lateinisch eingesprochen ist (der Titel deutet es ja schon an), kann es ja sowieso niemand verstehen – mit Ausnahme des Germanisten und Hobby-Altphilologen Dr. Frank Schäfer vielleicht, der übrigens heute sein neues Buch »111 Gründe, Heavy Metal zu lieben« vorstellt. Aber ich bin ja schon ruhig …
Gesprächsbedarf gibt es anscheinend auch über die Bedeutung der Thrash Metal-Band Hallows Eve – Herr Burgwächter meldet jedenfalls Gesprächsbedarf an, als ich sie in einem meiner Texte lobend erwähne. Auf der Vereinssitzung unseres Heavy Metal-Fanclubs »Dragon Slaughters and Dwarfs Daughters« wird dies sicherlich ein wichtiges Thema sein. Ich werde es jedenfalls auf die Tagesordnung setzen lassen.
Und einen – Trommelwirbel! – Special Guest haben wir heute Abend auch. Der Metal-DJ und Slam Poet Micha-El Goehre aus Bielefeld ist zu Gast. Er stellt wieder einmal unter Beweis, dass er einer der ganz großen deutschen Entertainer ist, dessen »Black Metal«-Textzyklus in der Sekundärliteratur übigens völlig zu Recht als in der Tradition von Dantes »Inferno« und Wolfgang Petrys »Hölle, Hölle, Hölle« stehend eingeordnet wird. Micha-El Goehre ist GOTT … Verzeihung … SATAN.
Nachtrag: Heute (19. Dezember) spielen Saint Vitus in Braunschweig. Hier zeigt sich wieder einmal, warum Heavy Metal einfach nicht tot zu kriegen ist. Wobei Saint Vitus ja eigentlichen keinen Heavy Metal machen, sondern Doom Metal. Damit sind sie truer als true. Und sogar traditioneller als ihre Vorbilder Black Sabbath. Insbesondere der Gitarrist wirkt auch weniger wie ein gestandener Metalhead, sondern mehr wie ein verkappter Hippie. Und das ist sicherlich kein Zufall, denn Saint Vitus betreiben ja seit Jahrzehnten die doppelte Aufhebung (im Sinne der Hegelschen Dialektik) der Hippie-Ideale von Liebe und Frieden. Man erklärt sie für obsolet, um sie gleichzeitig weiter zu propagieren. Das steht hier nicht nur, weil es stimmt, sondern weil ich auch mal viele Fremdwörter benutzen wollte.
Euphorie vermögen Saint Vitus an diesem Abend allerdings nicht hervorzurufen – für mehr als ein ekstatisches Kopfnicken reicht es bei den meisten Zuschauern nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Musiker so wirken, als würden sie Dienst nach Vorschrift machen. Wenn man bedenkt, dass ihr ehemaliger Schlagzeuger wenige Wochen vorher gestorben ist und damit jedes Konzert eine Art Requiem für ihn darstellt, ist dies vielleicht nicht weiter verwunderlich. The show must go on.
Aufstehen. Lesen. An den Strand gehen. Zeltmuschel aufbauen. Lesen. Ins Meer hüpfen. Lesen. Zeltmuschel abbauen. Fisch essen. Übers Leben nachdenken. Lesen. Schlafen. Und das alles 14 Tage lang. So ein Urlaub in Südspanien ist doch etwas Feines. Schade, wenn er vorbei ist.
Bei einem solchen Tagesablauf gibt es natürlich nicht viel zu berichten, außer dass ich mit dem Lesen von Kapielskis Gottesbeweisen und mehreren Murakami-Büchern bedenkliche Bildungslücken schließen konnte. Und dass ich eines Abends mit rund 80 spanischen Senioren in einem Strandlokal an der Costa Blanca vor einer komischen Leinwand saß und Bingo spielte. Man muss ja alles einmal ausprobieren. Um mitreden zu können und um Eindrücke zu sammeln, die man in den Geschichten verbraten kann, welche man hier im Blog und auf den hiesigen Lesebühnen vorzustellen gedenkt.
Die Sommerpause 2010 erkläre ich hiermit offiziell für beendet. Meine Kollegen und ich stehen schon wieder voll im kreativen Saft. Müssen wir ja auch. Denn mit der Braunschweiger Kulturnacht 2010 am 28. August steht für die bei wortmax beworbenen Künstler ein wichtiges Heimspiel an.
- Kollege Weyershausen und meine Wenigkeit werden in jener bewegenden Nacht unsere »111 Gründe« zum Besten geben. Ab 23.00 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters (U22). Musikalisch begleitet werden wir von der britischen Psychedelic-Rock-Legende Robert »Watson« Wood – solo an der E-Gitarre.
- Kurz vorher, ab 21.00 Uhr, werden Herr Klingenberg, Herr Burgwächter und Herr Schäfer das Café Riptide aufmischen – mit ihrer bundesweit erprobten Heavy-Metal Lesung Read’em all.
- An der Ferdinand-Brücke ist unsere liebe Freundin Julia Wally Wagner im Einsatz.
- Die Ateliersgemeinschaft Tatendrang-Design bietet eine Sonderausstellung und Theater.
- Hardy Crueger liest ab 20.15 Uhr am Bootssteg am Theaterpark aus seinen Okergeschichten.
- Und vor dem Thalia-Buchhaus präsentieren Stefan Jakobs & Co. aus Helmstedt ihre arbeitsmarktpolitisch-mathematische Perfomance »1EDV – Die 1 Euro Datenverarbeitung«.
Das ganze Programm zur Braunschweiger Kulturnacht 2010 findet Ihr hier.
Sollten wir alle unversehrt durch diese Nacht kommen, bleibt uns nicht viel Zeit zum Ausruhen. Denn am Freitag, den 10. September, beendet auch unsere Lesebühne »Bumsdorfer Auslese« ihre Sommerpause.
Auskommen müssen wir ohne Wiebke Saathoff und MarcD. aus W., die an diesem Abend ausnahmsweise einmal Wichtigeres zu erledigen haben. Dafür hat unser Chef-Organisator Herr Klingenberg mit Christian Friedrich Sölter aus Hannover wieder einen hochkarätigen Gast für unsere Auftrittsreihe in der KaufBar shanghaien können. Das Thema des Abends lautet: Ringelpiez und Eurythmie. Was jeder von uns darunter versteht, wird man sehen und hören.
Also, es gibt viel zu tun. Lassen wir es und uns nicht länger herumliegen!

»Schlaf ist eine Unhöflichkeit gegenüber der Nacht«, schrieb einst der deutsche Aphoristiker Hans Kudszus. Ich adaptiere diese komische Feststellung mal für mein Urteil über Jahreszeiten: »Der Winter ist eine Unhöflichkeit gegenüber den Rest des Jahres«. Zum Glück ist er jetzt vorbei, der Winter, nicht der Rest des Jahres.
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