Dienstanweisung Internet

wortmax am 20. August 2012 in Leservat

Dienstanweisung InternetAn glühend heißen Wochenenden wie dem letzten kann man eigentlich nichts anderes machen, als sich – ausgestattet mit einem kühlen Getränk – ein ruhiges, schattiges Plätzchen zu suchen und zu lesen. Wie gut, dass der Postmann am Freitag ein frisches Bücherpaket vom Reiffer Verlag in meinen Briefkasten stopfte – mit kleinen lexikalischen Ratgebern, die ich hier in der nächsten Zeit nach und nach vorstellen werde.

Als webaffiner Mensch habe ich mir natürlich zuerst die »Dienstanweisung Internet« gegriffen, auch weil ich ein großer Fan der Tweets von Gerald Fricke bin, der für dieses Büchlein verantwortlich zeichnet. Fricke, bei Twitter unterwegs als @Ballkultur, ist Akademischer Geheimrat (Dr. rer. pol.), forscht zur Webgesellschaft und hat bereits Artikel für Titanic, taz, FR und Rolling Stone verfasst. Als Buchautor beglückte er uns u.a. mit dem Werk »Für alles gibt’s ein erstes Mal« (gemeinsam mit Frank Schäfer).

In seiner »Dienstanweisung Internet« verquickt Fricke auf gekonnte Weise bürokratischen Witz mit intellektuellen Nonsens à la Monty Python. (Na, Sie wissen schon, Knick Knack.) Er gibt uns aber auch Einblicke in seine Forschungsarbeit, verschießt Giftpfeile an Leute, die im Web 1.0 kleben geblieben sind, und übergiesst als lustiger Chefkoch alles mit einer popkulturellen Soße, die angerührt wurde, als ein Klaus Fischer noch mit Fallrückziehern durch die gegnerischen Strafräume segelte.

Wer also wie ich den Sprung aus der 80er Jahre Spaßgeneration hin zum postadoleszenten Digital Native mit iPhone und mehr als 1.000 Followern erfolgreich gemeistert hat, kommt bei der Lektüre dieses Buches voll auf seine Kosten.

Herausragend beispielsweise, wie Gerald Fricke uns den Begriff »Followerpower« erklärt, nämlich indem er seine Leserinnen und Leser fragt, ob Herman van Veen eigentlich noch in dieser Windmühle lebt? »Palim, Palim!«, ulkt der Autor ein paar Seiten später und bestellt sich eine Flasche Social Media.

Wie man sieht: Die meisten Texte, die Fricke hier zu Papier brachte, hat er schon mal getwittert. Aber nicht alle konnten rechtzeitig »gefavt« werden, und deshalb ist es schön, sie in diesem Buch noch einmal in Ruhe nachlesen zu können. Dazu gehört dann auch Frickes Lieblingstweet von Ernst Jünger: »Um 7 Uhr in Sedan Erbsensuppe bekommen. Stimmung war fidel.«

Ausführlicher, aber nicht minder erheiternd, wird’s, wenn Fricke unter dem Buchstaben N von seiner ersten Putzfrau in der New Economy berichtet:

»Ich radelte morgens los, kam abends zurück und alles war wie geleckt. Wie von der ukrainischen Zauberzunge! Die Kaffeemaschine empfing mich mit einem frischen Filter, keine Bartstoppeln weit und breit, sogar das erste Blatt der Klopapierrolle war neckisch gefaltet. Als wenn es sich auf mich freute.«

Tja, und damit wäre er dann geschafft, der Übergang von diesem Zitat zur Empfehlung des Buches als wunderbare Klolektüre, zumindest dann, wenn nicht – wie am vergangenen Wochenende – die Sonne glühend heiß vom Himmel brennt, man aber dringend ein kleines, handliches Büchlein benötigt – für den Erfrischungslacher zwischendurch.

»So out wie ein Faxgerät«

wortmax am 16. Mai 2011 in Netzball

faxLetzte Woche veröffentliche die bekannte Schriftstellerin, Journalistin, Fernsehmoderatorin und Twitter-Ikone(?) Else Buschheuer auf den Seiten der Berliner Zeitung einen lesenswerten Artikel, in dem sie verkündet, dass ihre Website – www.else-buschheuer.de – ab sofort geschlossen ist. Sie erklärt in dem Artikel auch, warum: »Ich führte seit Jahren Besucher durch eine Wohnung, die niemand mehr bewohnte.«

Else Buschheuer hat sich im Laufe der Jahre verändert und festgestellt, dass ihre Website nicht mehr das repräsentiert, was sie heute ist und wie sie sich heute sieht. Man kann ihr dazu nur gratulieren. Ich finde, es ist ein gutes Zeichen, wenn man sich irgendwann nicht mehr mit dem identifizieren kann, was man vor fünf oder zehn Jahren gemacht hat. Es zeigt: Man ist noch am Leben, es passiert noch etwas, und es bleibt spannend.

Auch wenn sich die Dinge nicht immer gleich zum Besseren wenden: Schlimmer wäre der absolute Stillstand. Oder man würde das, was man macht, ständig nur verbessern wollen. Der von mir verehrte Volker Remy (siehe auch Blogroll) bezeichnet Optimierung in seinem Buch »Der Imperator im Damensattel« provozierend als Leichenschändung und zitiert Graf Dracula: »Wenn sich etwas nicht mehr bewegt, ist es möglicherweise tot.«

Als ich den Artikel von Frau Buschheuer las, musste ich über www.wortmax.de nachdenken. Die Domain wurde ursprünglich angemeldet, um als Werbetexter im Web präsent zu sein. Doch dann kam alles ganz anders. Statt einer eigenen 08/15-Online-Visitenkarte (meine Vita, meine Leistungen, meine Referenzen) wurde wortmax.de für mehrere Jahre zu einem Treffpunkt für Fans des Computerspiels Starship Titanic von Douglas Adams – bis sich auf den Seiten nichts mehr bewegte.

wortmax.de hat sich danach in ein kleines Autorennetzwerk verwandelt, wurde um diesen Blog ergänzt und ist seit 2009 auch virtueller Anlaufpunkt für die Freundinnen und Freunde der Braunschweiger Lesebühne »Bumsdorfer Auslese«. Kommenden Freitag gibt es die achte Ausgabe dieser Veranstaltung. Vielleicht werden wir danach wissen, wie es um die Zukunft von wortmax.de bestellt sein könnte. Denn das vorgegebene Thema lautet: »Bumsdorf in 50 Jahren«.

Um die Zukunft einer anderen von wortmax-Autoren betreuten Website geht es heute abend, wenn wir www.tcboyle.de vor ca. 40, 50 Webexperten auf dem 2. Braunschweiger Webmontag vorstellen. Der Vortrag ist gegliedert in drei Kapitel: Entstehung der Website, Erfahrungen mit der Website und Zukunft der Website. Hinter dem dritten Kapitel steht ein dickes Fragezeichen. Ich hoffe auf Anregungen, die über eine »Leichenschändung« hinausgehen …

Else Buschheuer schreibt am Ende ihres Artikels: »Vielleicht ist die Zeit der persönlichen Websites überhaupt vorbei. Vielleicht sind Websites out, so wie ein Faxgerät, so wie ein Festnetzanschluss. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook haben die gute alte Homepage abgelöst.«

Gut möglich, dass persönliche Websites bereits ihrem Ende entgegen taumeln. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und dabei ruhig auch mal das Haltbarkeitsdatum von Twitter und Facebook zu hinterfragen.

Letzten Donnerstag, als Dr. Gerald Fricke in den Räumlichkeiten der Evangelischen Studierendengemeinde in Braunschweig über »unseren« Weg in die Webgesellschaft referierte, meinte jemand, die große Zeit von Twitter sei vorüber. Ich habe dem nicht zugestimmt, wollte aber auch nicht widersprechen.