Natürlich interessiere ich mich auch für die Gegenwart, doch oft übt die Vergangenheit eine viel größere Faszination auf mich aus. Gerade in den Wintermonaten, in denen das kalte Wetter geradezu zum Herumstöbern im Internet einlädt. Große Männer wie Groucho Marx, Orson Welles oder John Huston, wo gibt es die noch? Oder welche Frauen können mit Karen Dinesen oder Katherine Hepburn konkurrieren?
Außergewöhnliche Menschen scheint man heutzutage nur in der Vergangenheit anzutreffen. Wir armen Seelen, die unsere traurige Existenz in der Gegenwart fristen, müssen uns mit Dieter Bohlen und Lady Gaga begnügen. Doch wie Humphrey Bogart sagen würde: »Uns bleibt ja immer noch Paris … Hilton.« Hier also wieder einige interessante Fundstücke aus der Vergangenheit.
Rackhams Recken
Der ehemalige Journalist Arthur Rackham war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Illustratoren Englands. Die prächtigen Zeichnungen, die er für »Peter Pan«, »Alice im Wunderland« oder den »Sommernachtstraum« schuf, gerieten in späteren Jahren leider in Vergessenheit. Vielen waren sie nicht mehr zeitgemäß genug. Dabei haben Rackhams Zeichnungen etwas geradezu Visionäres. Besonders die Illustrationen, die er 1910 zu Richard Wagners Epos »Der Ring des Nibelungen« zu Papier brachte, zählen mit zum Schönsten, was ich je gesehen habe.
Steinalte Stories
Wer sich für die legendären Marx-Brothers interessiert, findet auf der Seite »Marx Out of Print« steinalte Zeitschriften-Artikel und Interviews mit den Kult-Komikern, die bis ins Jahr 1937 zurückreichen. Darunter das Buch-zum-Film von »Eine Nacht in Casablanca« (1946) und einen interessanten Bericht über Harpos letzten Auftritt. Meist steht allerdings Groucho im Mittelpunkt des Interesses. Einige der Scans sind zwar eine Zumutung, doch einem geschenkten Gaul sollte man nicht ins Maul schauen.
Kommunikativer Komiker
In seinen letzten Lebensjahren traf man Filmkomiker Stan Laurel wohl meist vor seiner elektrischen Schreibmaschine sitzend an. Damals lebte er fast vergessen in einem bescheidenen Apartment in Santa Monica. Nur Jerry Lewis schickte ihm regelmäßig seine aktuellen Drehbücher, damit Stan Verbesserungsvorschläge machen konnte. Allerdings bekam auch jeder andere, der Laurel einen Brief schickte, garantiert eine Antwort. So entstanden tausende von Briefen, die er für Fans und Freunde tippte. Immerhin 927 dieser Dokumente kann man Online lesen. Liebevoll wurden sie vom Webdesigner nachempfunden. Sogar mit dem jeweiligen Briefpapier, das jeweils in einem gesonderten Link abrufbar ist. In seinen Briefen erzählte Laurel Tiefschürfendes, Banales und natürlich viel über seine Zeit mit Oliver Hardy. Für Fans ein Muss.
Seit Weihnachten hocke ich fast jeden Tag mehr als zehn Stunden vor dem Rechner, um die Farben meiner alten Cartoons zu ändern.
Damit die Hirnzellen bei solch stumpfsinniger Tätigkeit nicht vollends absterben, höre ich dabei seit einigen Tagen alte Aufzeichnungen aus der goldenen Zeit des amerikanischen Radios (die 30er und 40er Jahre). Woody Allen hat dieser Ära in seinem Film »Radio Days« ein wunderbares Denkmal gesetzt.
Es ist schon merkwürdig, die Werbung jener Jahre, die Witze über Lebensmittelmarken und die patriotischen Aufrufe zu hören. Gerade während des Zweiten Weltkriegs war das Radio das Medium, das alle miteinander verband. Die Macher jener Sendungen waren damals ebenso bekannt wie Filmstars. Folgerichtig traten viele Filmstars auch im Radio auf, um ihre Popularität zu steigern. Für Wortakrobaten wie Jack Benny, Bob Hope und Groucho Marx war es die ideale Plattform, um sich auszutoben.
Buchadaptionen, Quizshows, Sitcoms und viel Musik natürlich – alles, was man heute im Fernsehen sieht, konnte man auch damals live im Radio erleben. Nur damals waren die Ideen tatsächlich neu. Das Fernsehen war es auch, das jener goldenen Epoche ein Ende bereitete. Schade, denn vieles, was den Radiohörern vor siebzig Jahren geboten wurde, ist weitaus unterhaltsamer, als die monotone Unterhaltungspampe unserer Fernsehsender. Das Fernsehen sei eine »Phantasieprothese« las ich neulich. Ich denke eher, dass es uns alle erst zu »Phantasiekrüppeln« macht.
Der König des Radios war Multitalent Orson Welles. Mit dem legendären Hörspiel »Krieg der Welten« versetzte er ganz Amerika in Angst und Schrecken. Selbst Hitler ging in einer Rede auf dieses Ereignis ein. Bevor Welles nach Hollywood verschwand, um sein Meisterwerk »Citizen Kane« zu drehen, war er Woche für Woche mit seinem »Mercury Theatre On The Air« (später das »Campbell Playhouse«) in den amerikanischen Wohnstuben zu Gast, um klassische Theaterstücke, Filme oder populäre Romane fürs Radio zu adaptieren. Welles’ Bildungsprogramm war dabei alles andere als langweilig, denn er und seine Truppe waren, wenn es sein musste, hemmungslose Schmierenkomödianten, die vor nichts zurückschreckten. Als Gastmoderator der »Jack Benny-Show« konnte Welles hingegen beweisen, dass er auch komisch sein konnte. Im Museum Of Orson Welles findet man etliche Sendungen aus jener Schaffensperiode des Meisters.
Die wortgewaltigste und schillerndste Figur des Radios war zweifelsohne Groucho Marx. Als die Filmkarriere der Brüder Marx in den Vierzigern abebbte, startete der geschäftstüchtige Groucho eine lange Solokarriere als Quizmaster. Allerdings war »You Bet Your Life« keine altbackene Sendung mit dauergrinsendem Moderator, wie wir sie heute kennen. Groucho benutzte seine Gäste eher wie heute Kurt Krömer: als Stichwortgeber – nur viel, viel witziger. Später, als das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, wechselte er das Medium und hatte auch dort über viele Jahre immensen Erfolg. Einige seiner komischsten Radiosendungen findet man hier.
Bevor Dean Martin und Jerry Lewis die Leinwand eroberten, konnten sie 1948 ihre Familientauglichkeit in einer (recht formelhaften) Radiosendung perfektionieren. Bis dahin traten sie mit wesentlich zotigerem Material hauptsächlich in Nachtclubs auf. Das Interessanteste an ihren Sendungen waren die illustren Gaststars, die sich Woche für Woche die Klinke in die Hand gaben: Marlene Dietrich, Boris Karloff, Frank Sinatra und Burt Lancaster sind nur einige von ihnen. Wer Jerry Lewis jedoch im Original gehört hat, kann verstehen, dass die Hälfte der Amerikaner ihn am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Hier einige Episoden.
Selbst Stan Laurel und Oliver Hardy versuchten sich während ihrer letzten Jahre in Hollywood an einer eigenen Sendung. Doch ihre Popularität in Amerika war damals auf dem Tiefpunkt. So entstand lediglich eine Pilotsendung mit dem Titel »Mr. Slater’s Poultry Market« (1943), in der unsere Freunde mit zwei Profikillern verwechselt werden. Unglücklicherweise ist der Humor dieser Sendung genau so nett und harmlos wie in ihren letzten Filmen. Die Komik von Mr. Laurel und Mr. Hardy ist nun mal zum großen Teil rein visueller Natur und daher fürs Radio nur bedingt geeignet. Trotzdem bleibt es ein nettes Fundstück, das über Jahrzehnte als verschollen galt.
Mittwoch, 14. Oktober 2009, Frankfurt am Main, die Sonne scheint, die Frisur sitzt. »Sieh nur«, sagte der Kollege Weyershausen auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Messegelände, »das schöne Wetter, das ist ein Zeichen!«
Tatsächlich geht man immer mit gewissen Erwartungen in so eine Buchmesse, obwohl schon Groucho Marx warnte, es sei besser, keine Erwartungen zu haben, weil diese immer alles kaputt machen. Hatte ich Erwartungen von der Frankfurter Buchmesse 2009? Ja, natürlich hatte ich die, auch wenn ich sie dem weisen Rat Grouchos folgend zu unterdrücken versuchte.
Schön wäre es gewesen, mit einer neuen konkreten Buchidee aus Frankfurt zurückzukehren, den Autorenvertrag eigentlich schon in der Tasche. So wie auf der Buchmesse in Leipzig im Frühjahr 2008, als ich mit der Idee zu den »111 Gründen, sich selbst zu lieben« an meinen Schreibtisch zurückkehrte. Schön wäre es gewesen, endlich einen entscheidenden Impuls für die Fortsetzung des www.tcboyle.de Kurzgeschichtenwettbewerbs zu bekommen. Und schön wäre es gewesen, Roger Willemsen hätte mich wieder angehustet, worauf ich eine Woche lang krank hätte feiern und behaupten können, ein Intellektueller habe mich angesteckt.
Nichts von alledem erfüllte sich. Ein neues Buchprojekt liegt in der Luft, aber noch kann ich es nicht benennen. Für den Short Story Wettbewerb zeichnet sich noch gar keine Lösung ab. Zudem fielen dieses Mal mehrere vielversprechende Messetermine aufgrund von Krankheit und unbegründeter Nichtanwesenheit der zu treffenden Leute ins Wasser. War die Buchmesse 2009 in Frankfurt deshalb – im Gegensatz zu den Frühjahrs- und Herbstbuchmessen der vorangegangenen Jahre – ein Reinfall?
Sicher nicht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Einige Begegnungen, die ich vor fünf Jahren noch als außergewöhnlich empfand, nehme ich heute wohl als selbstverständlich hin. Obwohl sie es nicht sind. So kann ich nach reiferer Überlegung sagen, es gab auch dieses Mal wieder viele interessante Gespräche, die ich nicht missen möchte und die gleichsam die Hoffnung wecken, dass daraus irgendwann etwas Neues, Positives erwachsen wird.
Impressionistisch möchte ich hier mein erstes Twittagessen erwähnen – mit sympathischen Autoren und Verlagsangestellten, allerdings auch mit einer schweineteuren Kartoffel-Lauch-Creme-Suppe; oder den leckeren Weißwein am mare-Stand, begleitet von anregenden Gesprächen über Kinder- und Jugendliteratur, Harry Rowohlt und Gott und die Welt; oder einem wieder mal sehr aufschlussreichen Treffen mit dem Verleger Armin Abmeier – im Schatten eines omnipräsenten Frank Schätzings (sogar in Unterhosen auf mindestens zwei mal vier großen Plakatwänden); und nicht zu vergessen, die stimmungs- und humorvollen Partys am Abend, die mit Go-Go-Girls am Willy-Brandt-Platz und hessischem Senftöpfchen in Sachsenhausen gegensätzlicher nicht hätten sein können.
Fazit: Auch die Herbstbuchmesse 2009 war nicht umsonst. Sie hat mich viel Geld gekostet. Dort gewesen zu sein, wird mir sicherlich etwas bringen. Ich weiß nur noch nicht, was.
Vor einigen Wochen verschenkte ich ein Buch, das mir viel bedeutet. Es heißt »Alles kurz und klein« und wurde von Uli Becker geschrieben. Glücklicherweise konnte ich das Büchlein, nachdem ich mich schweren Herzens davon getrennt hatte, antiquarisch neu erwerben. Zu meiner Überraschung sogar mit festem Einband. Dabei hatte ich stets angenommen, die wunderbar pointierten Erinnerungen von Herrn Becker seien nur als Paperback-Ausgabe erhältlich.
Was lernen wir daraus? Man sollte öfter mal ein gutes Buch verschenken. Das nachbestellte Bändchen bekam jedenfalls gleich einen Ehrenplatz in meinem Regal: in einer Reihe mit anderen Büchern, die mir sehr viel bedeuten und von denen ich einige auf ähnlich kuriose Weise erhalten habe.
»Wassermusik« von T.C. Boyle zum Beispiel. Lange Zeit besaß ich von Boyles wortreicher Erzählung über den schottischen Entdeckungsreisenden Mungo Park nur eine Taschenbuchausgabe aus dem Rowohlt Verlag. Sie zeigt auf der Titelseite das pechschwarze Gesicht eines von Leni Riefenstahl fotografierten Nuba-Kriegers. Ein schönes Cover, aber – klare Sache – für mich zu wenig. Was ich wollte, war die gebundene Erstausgabe in deutscher Sprache, erschienen bei Rogner & Bernhard im Jahre 1989.
Bei den gebrauchten Büchern auf amazon.de wurde ich schnell fündig. Dort war ein Exemplar aus der deutschen Erstauflage noch zu bekommen, und zwar – man staune – zu einem Spottpreis, irgendwas um die acht Euro (inkl. Versand) sollte die Rarität kosten.
Aber warum so billig? Wahrscheinlich weil der Anbieter dachte, einer der Vorbesitzer hätte auf den Innenseiten des Buches mit einem Kugelschreiber herumgekritzelt, um zu testen, ob man damit noch schreiben konnte. Was der Buchverkäufer nicht wusste: Die Unterschrift von T.C. Boyle sieht genau so aus – wie ein Gekritzel, das zustande kommt, wenn man die Mine eines Stifts auf ihren noch vorhandenen Inhalt überprüft.
So einfach ist es also, eine signierte Erstausgabe von einem berühmten amerikanischen Schriftsteller zu erstehen. Als ich das Werk in meinem Briefkasten vorfand und den Buchdeckel aufschlug, bekam ich eine leise Ahnung von dem Gefühl, das der Archäologe Howard Carter gehabt haben muss, als er 1922 im Tal der Könige die Grabkammer Tutanchamuns öffnete.
Ein Erfolg wie dieser beflügelt natürlich die Sammelleidenschaft – und die Hoffnung, dass so etwas noch ein zweites Mal passieren wird. Vielleicht werde ich ja eines Tages meine ohnehin schon sehr ansehnliche Kollektion zu den Marx Brothers um ein einzigartiges Exemplar erweitern können.
Die Groucho-Marx-Biografie Hello, I Must Be Going von Charlotte Chandler kommt mir gerade in den Sinn. Denn darin befindet sich ein Drudel von Groucho. Das Bildchen stellt die drei bekanntesten Marx Brothers dar. In meine Taschenbuchausgabe aus der Heyne Filmbibliothek wurde es hineingedruckt.
Bestimmt hat der gute Groucho einst in eines seiner Bücher ein Drudel selbst hineingemalt. Und vielleicht wird ein solches Exemplar eines Tages ganz plötzlich für nur 3,50 Euro in einem staubigen Antiquariat einer niedersächsischen Kleinstadt auftauchen – so wie 1897 urplötzlich der so genannte Bombay-Brief mit den zwei roten Mauritius-Marken (heutiger Wert 1,8 Mio. Euro) auf einem indischen Basar zum Vorschein kam -, und das alles nur, weil jemand ein planloses Gekritzel nicht von einem Groucho-Drudel unterscheiden konnte.
Wenn es soweit ist, heißt es: sofort zugreifen!

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