»Wer aus Brüssel berichtet, bewegt sich zwischen Traum und Bürokratie«, behauptete mal ein ARD-Korrespondent. Ach ja … Brüssel war jedenfalls schon immer eines meiner Traumziele. Franquin, Tillieux, Hergé und unzählige andere geniale Comiczeichner begannen hier ihre Karriere.
Als wir mit Jean-Marie Mathues alias Quirit durch die Straßen gingen, konnte man fast den Hauch der Geschichte atmen. Überhaupt bietet die Stadt alle zehn Meter andere undefinierbare Gerüche. Am liebsten hatte ich den Hauch von Waffeln in der Nase. Brüssel wäre mein Untergang. Überall gibt es Süßigkeiten und exotische Biersorten, die man natürlich sofort probieren muss. Aus den Restaurants strömen wunderbare Düfte köstlich aussehender Fischplatten. Also: Augen geradeaus, den Bauch einziehen und schnell weiter!
Mein Agent, Herr Licensegarden, ist nicht nur geschäftstüchtig, sondern auch clever. Mit einer Fahrt nach Antwerpen zum legendären Cartoonisten Quirit lockte er selbst den größten Stubenhocker unter den Cartoonisten (= mich) nach Belgien. Schon die Fahrt dorthin war ein Abenteuer. Kurz vorher war in einem Zug der Deutschen Bahn die Klimaanlage ausgefallen, woraufhin etliche Fahrgäste kollabierten. Sollte man so ein Risiko eingehen? Ich entschloss mich dazu, denn im Falle meines Ablebens durch einen Hitzekoller würde die Deutsche Bahn meinen Hinterbliebenen wenigstens den halben Fahrpreis zurückerstatten.
Die Arbeiten von Quirit, der als einer der härtesten Cartoonisten der Branche gilt, kannte ich schon ganz lange. Ich stellte ihn mir immer als eine wilde Mischung zwischen Jack Nicholson und Hugh Hefner vor. Warum weiss ich auch nicht so genau. Natürlich ist er ganz anders. Er ist der einzige Cartoonist, den ich kenne, der einen Säbel besitzt, denn sein Hobby ist es, mit Gleichgesinnten in historischen Kostümen berühmte Schlachten aus Napoleonischen Tagen nachzuspielen. Ungefährlich ist das nicht, wie eine lange Narbe an seinem Unterarm beweist. Jean-Marie Mathues zeichnet tagesaktuelle Cartoons, von einer kompromisslosen Schwärze, die bei uns unmöglich wäre. In diesem Jahr erhielt er sogar Todesdrohungen.
Nebenbei ist er noch ein hervorragender Gastgeber und Erzähler. Als die Invasion seiner deutschen Kollegen anrollte, griff er nicht zum Säbel, sondern rollte den Grill raus. So kam es, dass meine hochgeschätzten Kollegen Kittihawk, Steffen Butz und Harm Bengen in seinem Garten mit Zeltstangen hantierten, statt mit Zeichenfedern. Während die harten Naturburschen noch am Schwitzen waren, hatte Kittihawk alias Christiane Lokar ihr Zelt längst aufgebaut. Kein Zweifel: Die Zukunft gehört den Frauen.
Apropos Zukunft: Auch der Klimawandel ist in Belgien spürbarer als bei uns. Immer öfter gibt es Tornados, die Menschenleben fordern. Das Wetter schlägt in Sekundenschnelle um.
Einmal das berühmte Brüsseler Comicmuseum zu besichtigen, war schon seit Jahren mein großer Traum. Leider kam immer irgendetwas dazwischen. Deshalb war dieses Wochenende fast wie Weihnachten für mich. Besonders schön war es jedoch, solche Eindrücke mit anderen Zeichnern zu teilen, die all dies zu schätzen wussten.
Ursprünglich hatte ich vor, mit einer Tasche voller Bücher zurückzukehren. Doch obwohl ich genügend Geld dabei hatte, kaufte ich mir lediglich ein einziges Album. Das riesige Angebot und die vielen Eindrücke haben mich wie erwartet völlig erschlagen. Vielleicht beim nächsten Mal. Die herrlichen alten Gebäude, der berühmte Grote Markt … man muss viel Zeit haben, um sich alles ansehen zu können. Auf dem Rückweg machten wir sogar einen kleinen Abstecher nach Waterloo. Jetzt werden alle Abba-Fans, die ich kenne, sicher gelb vor Neid!
Was habe ich auf unserer Reise gelernt? Dass ich unbedingt Französisch pauken muss, dass die Sonnenuntergänge in Antwerpen selbst abgebrühten Zynikern Tränen in die Augen treiben, dass Belgierinnen, die Laurence heißen, immer automatisch hübsch sind (hatte ich schon geahnt), dass Harm Bengen nie die Witze ausgehen, dass politische Diskussionen die Stimmung versauen können, dass ich ohne Kopfkissen schnarche, dass die Zugbegleiter in Holland klasse sind und dass Belgien genauso schön ist, wie ich immer dachte. Mein besonderer Dank gilt auch Kittihawk, die dafür sorgte, dass ich den richtigen Zug erwischte.
Auf der Rückfahrt hatte mich die grausame bundesdeutsche Realität wieder. Die Klimaanlage des Zugs von Köln nach Hannover fiel aus. Kein Scherz! Doch diesmal war die Crew der Deutschen Bahn vorbereitet und bat die Fahrgäste in ein anderes Abteil. »Sie können auch bleiben, aber jammern sie nicht, wenn sie zusammenbrechen!« hieß es barsch. Zumindest konnte ich während der Fahrt heimlich meine schlafenden Mitreisenden zeichnen. Cartoonisten sind eben fies!
Ein seltsames Murmeln erfüllte am letzten Wochenende das nächtliche art’otel in Dresden. Es waren die Stimmen von etwa 70 Cartoonisten, die ihre Dankesreden übten. Ein paar Stunden zuvor wurden sie beim alljährlichen Karikaturistenstammtisch informiert: »Alles ist möglich. Jeder sollte eine kleine Ansprache vorbereitet haben.« Gewonnen haben am nächsten Tag nur diejenigen, die wenige Wochen zuvor – wie fast jedes mal in letzter Zeit – von einem Kamerateam besucht wurden. Denn bei der Preisverleihung werden stets kleine Filme über den Arbeitsalltag der Gewinner gezeigt. Man sieht: Auch Cartoonisten sind manchmal etwas naiv.
Nach der fünften Preisverleihung weiß ich: Gewinner müssen in einem Reihenhaus wohnen, um zu gewinnen. Fast jeder Cartoonist meiner Altersklasse scheint in einem solchen zu wirken. Einst als Sinnbild des spießigen Kleinbürgertums verlacht, scheint das Reihenhaus nun zum bevorzugten Lebensraum von Künstlern zu avancieren. Die Großverdiener der Branche residieren hingegen in einem Landsitz mit Pool, Tennisplatz und römisch-russischem Dampfbad. Zu dumm, dass mich noch nie einer von ihnen eingeladen hat.
Beim Karikaturistenstammtisch konnte man wie jedes Jahr bis zur frühen Morgenstunde über Verträge, Zeichenstifte, Papiersorten und eben über Reihenhäuser diskutieren. Wer der Frau an der Theke einen Teddybären zeichnete, konnte sicher sein, dass die Alkoholzufuhr gewährleistet war. Die witzigsten Typen des Abends waren der immer unverschämt gut gelaunte Til Mette, der auch mal auf der Tischplatte weiterzeichnet, wenn das Blatt zuende ist (wozu ist man schließlich Künstler?) und der rührige Andreas Nicolai, ein Träger geheimnisvoller Ringe, der immer den passenden Spruch auf Lager hat.
Bevor es jedoch ans Buffet ging, musste jeder Cartoonist im Dunkeln seine Schultüte zeichnen. Beim Einchecken im Hotel erwartete uns schließlich ein Bleistiftspitzer, den wir abends mitbringen sollten. Der immer gut vorbereitete Harm Bengen muss dies geahnt haben und hatte eine Taschenlampe im Gepäck. Zumindest weiß ich nun, dass meine Zukunft gesichert ist: Altmeister Karl-Heinz Brecheis prophezeite mir zur fortgeschrittenen Stunde, dass ich 2011 den zweiten Platz des Wettbewerbs belegen werde. Der für seine Bären-Cartoons bekannte Karlsruher Zeichner Steffen Butz wird laut Brecheis sogar noch besser abschneiden. Na, dann kann ich den Wettbewerb im nächsten Jahr ja überspringen.
Am nächsten Morgen war dann die Stunde der Wahrheit gekommen: Wer gehörte zu den Gewinnern? Im ausverkauften Dresdener Schauspielhaus inszenierte die Sächsische Zeitung wie immer eine opulente Preisverleihung, neben die die Oscarnacht wirkte wie ein Tupperabend bei Fräulein Gabi. Besonders der wandlungsfähige Tom Pauls glänzte in seiner Rolle als Laudator, in der er sogar in die Haut Erich Honeckers schlüpfte. Dazu gab es Jazz vom Feinsten.
Die Jury des Deutschen Karikaturenpreises entschied: Til Mette, Dirk Meissner und Christiane Lokar alias Kittihawk sind mit ihren Arbeiten die besten Cartoonisten 2009. Eine gute Wahl. Der 79-jährige Walter Hanel wurde für sein Lebenswerk geehrt. Den Publikumspreis sowie ein Küsschen von Ilse Bähnert und eine Flasche Eierlikör bekam Christian Habicht. Danach ging es zur Ausstellungseröffnung der eingereichten Werke ins Pressehaus der Sächsischen Zeitung.
Zuerst der obligatorische Blick in die Runde: Wo hängen die eigenen Werke? Im Mittelpunkt des Raumes oder draußen schräg gegenüber vorm Klo? Während vor fünf Jahren nur wenige Exoten Computerausdrucke einlieferten, stammten diesmal fast die Hälfte aller Originale aus dem Rechner. Die Drucker der neuen Generation verkraften auch dickstes Aquarellpapier. Bei einigen Exponaten konnte man nur schwer erkennen, ob der Strich mit dem Pinsel gezeichnet wurde, oder auf dem Zeichentablett eines Computers entstand. Die Newcomer verzichten fast vollständig aufs gute alte Papier.
Das Schöne beim Karikaturenpreis ist, dass fast jedes Jahr Gesichter auftauchen, die man vorher noch nicht kannte. Kollege Michael Kops machte mich auf den Österreicher Thomas Kriebaum aufmerksam, der in einen wunderbar skurrilen Stil arbeitet. Die Cartoons der Gewinnerin des dritten Platzes, Kittyhawk, kannte ich bisher nur flüchtig. Die Berlinerin Christiane Lokar machte nicht nur einen ungemein sympathischen Eindruck, sondern hat sensationell witzige Einfälle zu bieten. Sie wird mit Sicherheit einmal zu den Großen der Branche gehören.
Mir selbst ging spätestens bei der Ausstellung der Saft aus. Ich hatte wohl nächtens zu lange an meiner Dankesrede gearbeitet. Fix und fertig schlurfte ich ziellos von Raum zu Raum, bis ich schließlich die Segel strich und mich auf den Heimweg machte. Zwar ohne einen goldenen Bleistift, aber zumindest mit einem silbernen Bleistiftspitzer im Gepäck.
Trotz chronischer Arbeitsüberlastung fuhr ich am Nikolaustag nach Bad Zwischenahn, um dort im Regen und zu nächtlicher Stunde mit gelben Regenponcho und roter Nase durchs Gehölz zu schleichen und um mit Teebeuteln zu werfen.
Grund war das 25. Jubiläum des Lappan Verlags, zu dem alle Freunde, Mitarbeiter und sogar einige Cartoonisten gerufen wurden, um diesen feierlichen Anlass mit einer zünftigen Grünkohlwanderung zu begehen. Kalten Fußes zogen wir mit blinkenden Leuchtschildern versehen ins Ungewisse. »Harte Hunde, die Lappanesen!«, dachte da ein Jeder. Natürlich mit der so genannten »Sauflatte« im Bollerwagen, die dazu dient Grünkohlwanderer effizient ins Korn-Koma zu befördern.
Nächtliche Spaziergänger wunderten sich, als gestandene Verlagsleute den Teebeutelweitwurf übten, oder etwas obszön anmutende Verrenkungen mit Salatgurken vollführten. Die Gewinner dieser Spiele wurden später am Abend zu »Grünkohlkönigen« gekürt.
Ganz rustikal ging es bei der anschließenden Feier in einer Scheune zu, bei der Uli Stein, Jutta Bauer, die Herren Marunde, Tom, Bengen, Sodtke und viele andere anwesend waren. Alle glücklich zumindest an diesem Wochenende vom Zeichentisch wegzukommen. Auch mit einem alten Vorurteil konnte aufgeräumt werden: Cartoonisten können tatsächlich tanzen! Dass ich jedoch am nächsten Morgen Kopfschmerzen hatte, kann nur an einer Überdosis Grünkohl gelegen haben!
Unter die Grünkohlkönige schaffte ich es in diesem Jahr leider nicht, denn beim Teebeutelweitwurf fiel mir glatt besagter Beutel aus dem Mund. Hätte ich doch meinen Zahnarzttermin eine Woche vorverlegt!
Trotz Arbeit und anderer Scheußlichkeiten habe ich es geschafft, wieder ein paar Perlen aus dem Netz zu fischen, die zumindest mir ganz gut gefielen. Aber urteilt selbst. Ich bin zu müde!
Bengens Betriebsgeheimnisse
Mit meinem Kollegen Harm Bengen verbindet mich nicht nur unsere gemeinsame Zeit bei einem großen deutschen Internetportal, sondern auch unser Verlag (und wie ich gerade sehe, der gleiche Bleistiftanspitzer). Bei der Verleihung des diesjährigen Deutschen Karikaturenpreises wurde ein kleiner Film über den umtriebigen Ostfriesen gezeigt, in dem man hinter die Kulissen des Multitalents schauen darf. Klar ist: Harm ist einer der Besten! Sein neues Buch kommt übrigens im Januar 2009.
Retrocartoons
Der Zeichner Shane Glines betreibt nicht nur die kostenpflichtige Seite »Cartoon Retro«, sondern auch einen Blog, in dem er kuriose und seltsame Illustrationen aus der schlechten alten Zeit postet, zum Beispiel ein Meisterwerk des Trashs von Reginald Heade. Die Bücher, auf denen seine Bilder abgebildet waren, bezeichnete man früher am Liebsten als »Schundromane«. Mehr davon findet man hier.
Don’ t Hassle The Hoff!
Bevor ein abgetakelter Bademeister das Kürzel »Hoff« für sich beanspruchte, gab es den Cartoonisten Syd Hoff, dessen Zeichnungen in Esquire, Colliers und im New Yorker erschienen. Übrigens aß dieser Hoff seinen Hamburger stets vom Teller, statt vom Teppich. Hier findet man Cartoons aus dem Buch »Feeling no Pain« (1944).
Illustre Illustrationen
Der schönste Blog für Freunde alter Zeichnungen ist Golden Age Comicbook Stories. In regelmäßigen Abständen werden hier alte Comics, Illustrationen und Titelbilder präsentiert. Prächtige Illustrationen alter Schule wird es wohl nie wieder geben. Besonders schöne Exemplare dieser ausgestorbenen Gattung findet man jedoch hier.
Jedes Jahr im November wird in Dresden der Deutsche Karikaturenpreis verliehen. Im Grunde ist diese Veranstaltung so etwas wie die Oscar-Nacht der Branche. Der Vergleich passt wirklich. Die Verleihung des Grimme-Preises ist nichts dagegen.
Allein die Bühnenshow mit prominenten Moderatoren, Comedy und viel Musik lohnt sich. Zum Abschluss wurden auch in diesem Jahr alle Zeichner auf die Bühne gebeten. Jetzt kann ich zumindest behaupten, zum zweiten Mal vor ausverkauftem Haus auf der Bühne des Dresdener Schauspielhauses gestanden zu haben. Werde ich nun noch größenwahnsinniger?
Na, ich will’s hoffen!
Obwohl diesmal die Gewinner durch eine Panne schon im Vorfeld bekannt waren, ließ es sich die Cartoonszene nicht nehmen nahezu vollzählig zu erscheinen: Til Mette, Erich Rauschenbach, Gerhard Glück, Beck, Hans Traxler und etliche mehr folgten dem Ruf in die sächsische Landeshauptstadt.
Schon das Hotelzimmer war von erlesener Extravaganz. Vom Bett aus konnte man durch ein kleines Fenster direkt ins Bad schauen. Für Leute, die ihren Partner zu sehr idealisieren, genau das richtige Heilmittel.
Am Abend vor der Preisverleihung fand auch diesmal wieder ein opulentes Essen statt, bei dem man ausführlich mit den lieben Kollegen parlieren konnte. Überraschungsgast des Abends war: Ein Christstollen! Themen: Stifte, Grafikprogramme, Verträge, fiese Redakteure u.s.w. Für den Laien also so interessant wie das Liebeswerben der nigerianischen Blattlaus. Meine charmante Begleiterin ließ sich zumindest nichts anmerken. Ganz Pokerface. Wahrscheinlich bekommt sie in den nächsten Wochen immer einen Schreikrampf, wenn jemand »Cartoon« sagt.
Til Mette zumindest war vom Geschehen so inspiriert, dass er uns zu später Stunde zum Bemalen einer Tischdecke animierte. Leider wurden unsere Kunstwerke arg … krakelig. Der Teufel Alkohol!
Apropos Alkohol: Als wir auf dem Weg zum Hotel noch ein letztes Glas zu uns nehmen wollten, mussten wir feststellen, dass sämtliche Bars auf unserem Heimnweg dicht waren. Hatte es sich bereits rumgesprochen, dass angesäuselte Cartoonisten durch die Stadt wankten?
Auch für Erfolgserlebnisse war gesorgt: Inzwischen kann ich durch die Stadt spazieren, ohne mich zu verlaufen. Und in der Frauenkirche war ich auch endlich! Für einen gläubigen Atheisten natürlich ein Muss!
Einziger Wermutstropfen: Da ich mit dem Thema »Erderwärmung« nicht viel anfangen konnte, waren meine Blätter leider nicht sooo originell – was mich im Nachhinein sehr geärgert hat. Ich gelobe Besserung! Die nächsten Cartoons werden witziger! Ehrlich!!!
Was haben wir in diesem Jahr gelernt? Erster Klasse zu reisen ist gar nicht so toll; sächsische Rostbratwürstchen sind lecker; die Ausstellung Dresdener Meisterschüler ist ziemlich durchwachsen; Karl-Heinz Brecheis sieht mit Augenklappe cool aus; Harm Bengen ist ganz schön clever; mein Verleger war in jungen Jahren ein Radikaler und Burkhs Originale sind zu teuer für mich.
Heute mal was ganz Schweres: Ein Buchmesse-Bericht ohne die Erwähnung einer gewissen schriftstellernden Talkshow-Tante.
»Die Frankfurter Buchmesse ist wie eine Schachtel Pralinen: Man weiss nie, was man kriegt.« So würde es wohl Forrest Gumps selige Mami formulieren. Auch in diesem Jahr fuhren mein guter Freund Herr Reichard und ich ins Buchmekka, um unseren geistigen Horizont nebst unserer Plattfüße zu erweitern. Während wir bei unseren ersten Visiten mit offenen Mündern Deutschlands schreibfreudige Zunft bestaunten, waren wir diesmal viel zu beschäftigt. Termine, Termine …
Für den gelegentlichen Small Talk mit Kollegen war deshalb kaum Zeit. Trotzdem schlürften wir das eine oder andere Glas Sekt an dem einen oder anderen Messestand. Was dabei auffiel: Während deutsche Verlagsmitarbeiter ihre Umgebung meist aus der Vogelperspektive wahrnehmen, sind die Österreicher wesentlich herzlicher. Vielleicht ist es die Sachertorte, die für die nötigen Endorphine sorgt.
Deutschlands Kulturschaffende haben hinter den Kulissen Herrenwitze auf Lager, die jeder Gleichstellungsbeauftragten die Zornesröte ins Gesicht treiben würden. Überhaupt strahlen erfolgreiche Autoren eine geradezu obszöne Selbstzufriedenheit aus. Ich nenne es »Die Gelassenheit der Millionäre«. Kein Wunder, denn eben solche Autoren werden innerhalb der Messehallen hofiert wie ein Rockstar in einer Dorfdisco.
Es geht auch anders: »Du Hundsfott!« rief mir mein Verleger Oliver Schwarzkopf enthusiastisch zu, als ich ganz harmlos an seinem Stand vorbeischlenderte – was mich zu der Annahme verleitet, dass es wohl noch eine ganze Weile dauern wird, bis ich das Stadium obszöner Selbstzufriedenheit erreichen werde.
Zumindest schafften wir es in diesem Jahr endlich, eine Halle mit ausländischen Verlagen fast komplett zu durchwandern. So etwas bildet: Jetzt weiss ich, wie es klingt, wenn eine etwas abgehangene New Yorkerin einen Latte Macchiato bestellt.
Die Messe selbst ist recht leicht zu bewältigen. Der Alkoholkonsum zu fortgeschrittener Stunde dagegen kaum. Am nächsten Morgen brauchte ich fast immer eine Viertelstunde, um mein verlebtes Gesicht wieder in erkennbare Formen zu bringen. Die abendlich abgehandelten Themen waren wieder recht vielfältig: Charles Bukowski, Matt Ruff, Ayn Rand, Quentin Tarantino, Douglas Adams, T.C. Boyle und Chuck Norris. Die wichtigen Dinge des Lebens eben.
Eigentlich kann ich jetzt sowieso aufhören. Als ich vor Jahren mit den Cartoons und der Schreiberei anfing, hatte ich das Ziel eines Tages auf der Frankfurter Buchmesse zu signieren – was am letzten Freitag geschehen ist. Aus der anvisierten Stunde waren zweieinhalb geworden!
Mein persönliches Highlight: Plötzlich stand der legendäre Klaus Staeck vor mir, um sich ein Blatt signieren zu lassen. Es ist schon eine verkehrte Welt. Eigentlich sollte ich um sein Autogramm bitten. Sehr merkwürdig. Wahrscheinlich regnet es demnächst Frösche …
Ein weiterer Lichtblick war mein Kollege Harm Bengen, mit dem ich zusammen am Lappan-Stand signierte. Obwohl unsere Cartoons seit Jahren bei web.de erscheinen, habe ich ihn seltsamerweise vorher noch nie getroffen.
Auch seltsam: Normalerweise ist eine Reise nach Frankfurt für einen Mann meines Alters die letzte Chance, von einer jungen Frau in Strapsen angemacht zu werden. Diesmal schafften wir jedoch das Kunststück, das Frankfurter Rotlichtviertel komplett zu umgehen. Wird mein marodes Selbstbewusstsein dies überstehen?
Und sonst? So voll wie diesmal waren die Hallen selten. Wahrscheinlich liegt es daran, dass an den Fachbesuchertagen immer mehr »Zivilisten« Einzug halten. Wichtiger als die hehre Literatur war diesmal jedoch das Rauchverbot. Überall traf man auf vergrätzte Raucher. Als sich Harm Bengen am Lappan-Stand einen Glimmstängel anzündete, war sofort jemand zur Stelle um »Hey! Hier herrscht Rauchverbot!« zu rufen. Woraufhin Kollege Bengen nur einen tiefen Zug nahm und lächelnd erwiderte: »Ich weiss.«
Das interessanteste Buch entdeckte ich diesmal übrigens auf den Grabbeltischen vor dem Messeeingang: Eine über vierzig Jahre alte Autobiografie des Cartoonisten Cefischer, der im Krieg beide Hände verloren hatte und später mit dem Mund zeichnete. Sicher gar nicht so einfach. Besonders heute, wo viele von uns den Kopf im Arsch haben …
Hee! Doch noch eine Anspielung auf E.H.!
Nun ist es amtlich: Am 12. Oktober um 15:00 Uhr signiere ich auf der Frankfurter Buchmesse am Lappan Stand. Wer also einen Blick auf meinen fortschreitenden Haarausfall werfen oder gar eine Zeichnung mit Widmung haben möchte, sollte schon mal sein Ticket reservieren.
Signierstunden geben ist übrigens auch eine Kunst, die nur wenige Zeichner beherrschen. Wir sind nun mal ein schüchternes Völkchen.
Der erste Zeichner, den ich beim Signieren beobachtete, war Will Eisner, der 1989 Deutschland besuchte. Der damals zweiundsiebzigjährige Altmeister hatte für jeden Fan ein Lächeln und einen Scherz auf Lager. Ich war beeindruckt, wie souverän der Mann mit seinen Mitmenschen umging.
Im gleichen Jahr hatte ich selbst meine allererste Signierstunde in Köln. Während Eisner stets den Blickkontakt suchte, starrte ich die ganze Zeit verschüchtert auf meine Füße und betete, dass die Zeit schnell vergehen möge. Einsames Highlight: Ein etwas angesäuselter Besucher legte seinen Arm um mich und lallte: »Alter, ich find Deine Sachen gut. Komm, ich geb einen aus!«
Tja, SO sahen also meine Fans aus.
Erst später fand ich heraus, dass einige Cartoonisten ihren Fans wahre Kunstwerke in die Bücher zeichnen. Das konnte ich damals schlecht wissen, da ich früher nie zu Signierstunden ging. Später sah ich einen Zeichner, der sogar seinen Aquarellkasten mitgebracht hatte, um seine Skizzen einzufärben. Ich dagegen nahm meist nur einen Kugelschreiber mit!
Ich kenne Cartoonisten, die derart introvertiert sind, dass sie erst ein paar Gläser trinken müssen, um eine Signierstunde zu überstehen. Kann ich verstehen: Es ist einfach ungewohnt, wenn die Leute einem beim Zeichnen über die Schulter schauen.
Der Kanadier Dave Sim empfiehlt allen signierenden Künstlern folgenden Ablaufplan:
1. Augenkontakt.
2. Ein fester Händedruck (Sim ist sogar so höflich und steht dabei auf).
3. Ein kurzes Gespräch.
4. Ein Dankeschön.
Klingt wie der Albtraum eines Sozialphobikers. Muss das Leben eigentlich so schwierig sein?
Mein bislang letztes Signier-Erlebnis hatte ich mit Morris, dem verstorbenen Vater des Lonesome Cowboys Lucky Luke. Der legendäre Zeichner war damals zu Gast im Hannoveraner Wilhelm Busch-Museum. Während sich viele Gäste vom Meister ihre Bücher signieren ließen, kämpfte ich mit mir selbst. Soll ich? Nachdem der letzte Fan abgefertigt war, eilte ich schließlich doch zu Morris, um mir meine Einladung beschriften zu lassen. Der »Fanboy« in mir hatte in letzter Sekunde gesiegt.
Wenn ich heute auf dieses Autogramm schaue, lässt mich der Anblick recht kalt. Ich finde Morris zwar genial, habe aber nie einen Bezug zu seinen Zeichnungen gehabt. Das gleiche gilt für Albert Uderzo, der mir mal einen Asterix signiert hat. Schade. Ich bin wohl einfach kein Autogrammsammler.
Auf der anderen Seite besitze ich eine signierte Ausgabe von Bernd Pfarr, die mir sehr viel bedeutet. Ebenso ein signiertes Alex-Toth-Buch. Ein anderer Schatz ist ein Strizz-Band, in den mir Volker Reiche eine nette Widmung geschrieben hat. Diese drei Zeichner haben mich sehr geprägt – was wohl das entscheidende Element ist.
Zumindest werde ich in diesem Jahr nicht allein sein. Neben mir am Lappan-Stand wird auch mein Kollege Harm Bengen sitzen, der mit Signierstunden wesentlich mehr Erfahrung hat als ich. Ich bin gespannt.
Mal sehen, ob ich mir sein neues Buch von ihm signieren lasse …

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