Das Gute an Photoshop: Jeder, der einen Stift halten kann, ist in der Lage einen halbwegs professionell aussehenden Cartoon zu produzieren. Auch Leute, die eigentlich gar nicht zeichnen können. Das Schlechte an Photoshop: Jeder, der einen Stift halten kann, ist in der Lage einen halbwegs professionell aussehenden Cartoon zu produzieren. Auch Leute, die eigentlich gar nicht zeichnen können.
Es gab jedoch eine Zeit, in der ohne Talent gar nichts lief. Vor allem nicht ohne Papier und Zeichenstift. Einige dieser seltenen Exemplare, die mit Feder und Pinsel umzugehen verstanden, hatten sogar originelle Ideen und einen eigenen Stil, der sie unverwechselbar machte. Leider, leider sind die meisten dieser Leute fast vergessen. »Humor ist vergänglich«, sagte der große René Goscinny einmal. Hier ein paar Cartoonisten, die das Gegenteil beweisen:
John Callahan
Die fiesesten Behindertenwitze der Welt stammten ausgerechnet von einem Behinderten. Der in diesem Jahr verstorbene John Callahan saß nach einem schweren Autounfall im Rollstuhl und konnte nur mit äußerster Mühe zeichnen, indem er beide Hände benutzte. Trotzdem stammten einige der irrwitzigsten Zeichnungen der letzten 35 Jahre aus seiner Feder. Sein berühmtester Cartoon: Zwei Gesetzeshüter finden in der Wüste einen leeren Rollstuhl: »Keine Sorge, zu Fuß wird er nicht weit kommen«. So lautete dann schließlich auch der Titel von Calahans Autobiografie.
Harvey Kurtzman
Kurtzman, der Erfinder von MAD und dessen Maskottchen Alfred E. Neumann, war zeitlebens der Meinung, er könne gar nicht zeichnen. Deshalb spezialisierte er sich in späteren Jahren ganz darauf, Texte und Layouts für andere Cartoonisten zu produzieren. Ein Jammer, denn tatsächlich war er eines der originellsten Talente seiner Zeit. Viele seiner Frühwerke, die lange Zeit verschollen waren, wurden erst in den letzten Jahren von findigen Sammlern ausgegraben. Gerade Kurtzmans Wimmelbilder sind meiner Meinung nach sensationell.
Gahan Wilson
Seine Cartoons, die im Männermagazin »Playboy« erschienen, machten Gahan Wilson berühmt. Als einer der Stars des Magazins zeichnete er nicht dralle Schönheiten, sondern Mörder, Monster und Vampire. Wilson war lange Zeit der unbestrittene König des makabren Humors. Doch nicht nur sein Humor, auch sein Zeichenstil ist in seiner Einzigartigkeit unverwechselbar. Daneben trat er noch als Autor in Erscheinung. Zu seinen Fans gehört auch der Regisseur George Romero, der ihn in einem seiner Zombie-Filme als Untoten durchs Bild wanken ließ.
Jules Feiffer
Der Pulitzer-Preisträger Jules Feiffer bringt in seinen Cartoons keine platten Sketche, sondern boshafte Miniaturen, die sich über mehrere Bilder hinziehen. Feiffer ist seit mehr als fünf Jahrzehnten Amerikas inoffizieller Chronist des liberalen Mittelstands. Neben seiner Arbeit als Cartoonist schrieb er mehrere Theaterstücke, Filme und Kinderbücher. Dass seine Werke bei uns seit Jahrzehnten vergriffen sind, ist eigentlich ein Verbrechen. Auf seiner Homepage kann man einige (leider schlecht gescannte) Zeichnungen bewundern.
Als Kind hätte ich gern einmal den Großen der Comicwelt über die Schulter geschaut. Doch damals gab es im Fernsehen nur den Schnellzeichner Oskar (Hans Bierbrauer), der in der Quizsendung »Dalli Dalli« die Gewinner aus dem Publikum skizzierte.
Zum Glück gibt es jedoch Stan Lee, der in seiner Sendung »Comic Book Greats« berühmte Zeichner ins Studio holte, um mit ihnen vor klapprigen Kulissen über die Besonderheiten ihres Metiers zu plaudern. Die ab 1992 für den Videomarkt heruntergekurbelten Shows sind zwar lausig produziert, aber ‘nem geschenkten Gaul sollte man nicht ins Maul schauen.
Sergio Aragones
Der bekannte MAD-Zeichner und Erfinder der Figur »Groo, the Wanderer« Sergio Aragones gilt allgemein als schnellster Zeichner der Branche. Lange Jahre kritzelte er für MAD die winzigen Cartoons, die sich an den Seitenrändern entlang durch das ganze Heft zogen. Bekannt sind auch seine »Wimmelbilder«, prall gefüllt mit unzähligen Gags und Details. Dazu ist Aragones der einzige Cartoonist, der nebenbei eine Karriere als Kleindarsteller in diversen Filmen aufweisen kann.
John Romita und John Romita jr.
Obwohl »Spider-Man« von Stan Lee und dem Zeichner Steve Ditko ersonnen wurde, hat erst sein geistiger »Stiefvater« John Romita dafür gesorgt, dass »Spidey« selbst Superman an Popularität überflügelte. Romita hat über zwei Jahrzehnte den Look dieser Figur geprägt. Heute zeichnet sein Sohn John jr. den Superhelden. Hier kann man den Junior noch in einen schicken roten Pulli nebst gruseliger 80er Jahre Frisur sehen – und sich dabei freuen, dass diese Zeiten vorbei sind.
Will Eisner
»So würde ich später gern auch mal sein – nur mit mehr Haaren«, dachte ich mir, nachdem ich – etwa 1991 – Will Eisner traf. Wenn es unter den amerikanischen Comicmachern eine Legende gibt, trägt sie den Namen Eisner. In seiner Jugend erfand er die Figur »The Spirit«, die erst vor ein paar Jahren verfilmt wurde (nur leider unterirdisch schlecht). Diese Serie machte ihn zum »Orson Welles der Comics«. 36 Jahre später schuf er mit »Ein Vertrag mit Gott« die erste amerikanische »Graphic Novel«. Wem das nicht reicht: Ein anderer Film zeigt, wie virtuos Mr. Eisner mit dem Pinsel umgehen konnte.
Harvey Kurtzman und Jack Davis
Harvey Kurzman war nicht nur der Erfinder der Comiczeitschrift MAD, sondern auch ein genialer Zeichner. Hier ist er leider schon schwer von den Folgen der Parkinson-Krankheit gezeichnet, die ihn ein Jahr später dahinraffen würde – ohne einen Penny in der Tasche, wie es sich für ein echtes Genie gehört. Mit im Studio: MAD-Zeichner Jack Davis, der am Zeichenbrett zeigt, wieso er zu den besten Karikaturisten der Welt zählt.
Bob Kane
Der größte Kotzbrocken der Comic-Geschichte war vermutlich Bob Kane, der Erfinder von »Batman«. Leider war dies auch die einzige Großtat Kanes, der sein Leben lang auf die Hilfe von Assistenten und Autoren angewiesen war, deren Existenz er der Öffentlichkeit aber gern verschwieg. Wie es tatsächlich um die Zeichenkünste des sonnengegerbten Selbstdarstellers bestellt war, kann man hier sehen.
Mein Leben in der ersten Reihe
Lesungen, Weihnachtsgeschenke kaufen, unerwartete Aufträge … irgendwie verging der Dezember schneller, als ich diese Seite aktualisieren konnte.
Ein Highlight im Dezember war zweifellos der Auftritt in der ARD-Sendung »Ansichten«, den Holger Reichard (rechts) und ich (mitte) absolvierten, um für unsere Lesung in Bremen zu werben. Auch wenn die Sendung längst gelaufen ist, will ich dem geneigten Lesern dieser Seite unsere auf Hochglanz geschminkten Gesichter nicht vorenthalten.
Beim Anblick dieser Bilder ist mir vor allem Eines klar: Meine Zukunft liegt wohl eher im Radio – obwohl ich mich gern mal wieder in die Obhut einer bezaubernden Maskenbildnerin begeben würde.
Bei allen Nachteilen, die ein Leben als Cartoonist mit sich bringt: Kurz vor Weihnachten freut man sich doch, wenn die liebevoll gestalteten Weihnachtskarten der hochverehrten Kollegen eintrudeln. Die Zeichnungen von Karl-Heinz Brecheis bewunderte ich schon während meiner Schulzeit. Heute bekomme ich sogar Post von ihm! Steffen Butz nahm sich netterweise die Zeit eine kleine Skizze in die Karte zu malen. Besten Dank!
3 x Weihnachten!
Charles Dickens »Christmas Carol« wird wohl für alle Zeiten der absolute Weihnachtsklassiker sein. Zusammen mit »Der kleine Lord« natürlich. Für alle knallharten Zyniker, die schon beim Anblick eines Weihnachtsbaums die Axt auspacken, habe ich hier drei etwas andere Versionen der altbekannten Fabel.
The Return of a Cristmas Carol
MAD-Erfinder Harvey Kurtzman und Illustrator David Levine zeichneten vor über 45 Jahren für das Hochglanz-Magazin »Esquire« eine zeitgemäßere Version der Weihnachtsgeschichte, in der Geizkragen Ebenizer Scrooge ein lüsterner Fernsehproduzent ist, der seinen weiblichen Angestellten auch mal an den Allerwertesten greift.
Humbug
Eine nicht minder zynische Version aus dem Jahre 1957 stammt aus der Feder von Arnold Roth und erschien im Satiremagazin »Humbug«, das von einigen der besten Cartoonisten der damaligen Zeit herausgebracht wurde. Auf der gleichen Homepage findet man übrigens noch die wunderbaren Christmas Carol-Illustrationen von Roberto Innocenti.
Bunny-Vision
Wenn »A Christmas Carol« die ultimative Weihnachtsgeschichte ist, dann ist »It’s A Wonderful Life« der Weihnachtsfilm schlechthin. Alle Weihnachtsgestressten, die Heiligabend müde vor der Glotze eindösen und dieses filmische Kleinod verpassen, können sich zumindest im Internet die 30-Sekunden-Version mit niedlichen Häschen anschauen. Wir leben wahrlich in schnelllebigen Zeiten!
Merry Christmas!
Da mich die Leipziger Buchmesse so richtig in Verzug gebracht hat, komme ich diesmal etwas später. Schuld sind die Druckfahnen von »111 Gründe, erwachsen zu werden«, die mir in der letzten Woche ins Haus flatterten. Da ich bei meinem Manuskript großartige Unterstützung hatte (Danke, M.B. und M.V.!), gingen die Endkorrekturen problemlos über die Bühne. Das bedeutet, das Buch geht in der nächsten Woche in Druck. Rechtzeitig zum April? Schaun mer mal …
Die einzige Freude eines Workaholics nach einem langen Arbeitstag vor dem Computer, ist ein entspannter Abend vor dem Computer. Klingt logisch, oder? Da mir in dieser Woche ausnahmsweise die weisen Worte ausgegangen sind, begnüge ich mich damit ein paar Fundstücke aus dem Internet zu präsentieren, die mein Wohlwollen gefunden haben.
Basils Kultur-Ecke
Verrückte Wortspiele und skurrile Zeichnungen: Den schrägen Cartoonisten Basil Wolverton muss man einfach lieben. Obwohl das damalige Publikum nicht wusste, was es mit seinem ungewöhnlichen Stil anfangen sollte. Hier sind zehn Beispiele der Serie The Culture Corner, die vor mehr als sechs Jahrzehnten als Füller in diversen Comicheften erschienen sind. Ein besseres Beispiel für unvergänglichen Humor findet man selten.
It’s for Kids!
Was schenkt man einem Kind, das schon alles hat? In der Zeit des kalten Krieges war das ganz einfach: einen niedlichen kleinen Bunker natürlich! Oder wenn das Geld nicht reicht zumindest ein niedliches kleines Aluminium-Zelt für den Vorgarten. So ausgestattet, war ein Mancher richtig enttäuscht, als es doch nicht zum erwarteten Atomschlag kam. Wer das nicht glaubt, der klicke bitte hier.
Retro-Helden
Schlimm genug, dass die düstere Comic-Verfilmung »Watchmen« an den Kinokassen floppte. Ganz böse Zeitgenossen machen sich jetzt auch noch lustig über das bildgewaltige Epos. Wie gemein! Was wäre wohl gewesen, wenn die Endzeit-Superhelden als TV-Serie in den Swinging Seventies das Licht der Welt erblickt hätten? Die Antwort sähe wohl so aus.
Help yourself!
Nachdem der geniale Satiriker Harvey Kurtzman das Magazin MAD erdacht hatte, versuchte er ein paar mal seinen Erfolg zu wiederholen. Es war ihm nicht vergönnt. Trotzdem schaffte er es mit HELP! zumindest eine Low-Budget Version von MAD herauszubringen, die viele großartige Zeichner und Autoren veröffentlichte. Hier eine Story, die Kurtzman mit seinem langjährigen Mitstreiter Will Elder schuf. Goodman Beaver erschien in HELP! Magazine #12, Sept. 1961.
Harvey Kurtzman war nicht nur der Erfinder von Alfred E. Neumann und MAD, sondern revolutionierte mit seinem einzigartigen Stil den Humor einer ganzen Generation. Der Witz von »Saturday Night Live«, die Filme der Zucker-Brüder, die Comics von Art Spiegelman und Robert Crumb. Sie alle wären ohne Kurtzman nicht denkbar.
Obwohl er ein erstklassiger Zeichner war, ist er hauptsächlich als Redakteur und Autor in Erscheinung getreten. Kurtzman ist auch dafür verantwortlich, dass sein damaliger Assistent Terry Gilliam seinen zukünftigen Monty Python-Kollegen John Cleese traf. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Für »Playboy« steuerte Kurtzman über zwanzig Jahre lang die Layouts und Texte der Comicsatire Little Annie Fanny bei. Hier ein paar Glanzlichter seiner langen Karriere:
Kurtzmans kleine Welt
Auf der wunderbaren Website der Kurtzman-Familie kann man die größte Sammlung von Originalen des Meisters bestaunen, die das Internet zu bieten hat. Interessant sind vor allem die Skizzen für zahlreiche Titelbilder. Für Kurtzman-Einsteiger sowie für Hardcore-Fans ein Muss!
Kurtzman, der rasende Reporter
Für das Magazin »Esquire« besuchte Kurtzman in den späten 50ern die Dreharbeiten einiger populärer TV-Shows und Filme, um in Comicform darüber zu berichten. Hier schaute er sich am Drehort eines Streifens mit James Cagney um, der in Irland produziert wurde. Diese Form der Berichterstattung war damals eine absolute Novität und zeigt Kurtzman auf dem Höhepunkt seines bemerkenswerten Könnens. Leider trat er in späteren Jahren immer seltener als Zeichner in Erscheinung. Deshalb sind die wenigen Beiträge, die er ohne Mitarbeiter verfasste, heute umso wertvoller.
Kurtzman, der charismatische Chefredakteur
Fast zwanzig Jahre nach Kriegsende bat Harvey Kurtzman, damals Chefredakteur des Satireblatts »Help!«, seinen alten Freund, den Cartoonisten Arnold Roth, einen Reisebericht über Deutschland, den einstigen Feind, zu zeichnen. Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges beschäftigte die Teilung Berlins und deren Folgen die ganze Welt. Roth besichtigte die Berliner Mauer, Nazis mit Gedächtnisschwund und die damals vorherrschende Männerknappheit Deutschlands aus nächster Nähe. Das Ganze erschien 1963.
Neu im Handel: 25 Jahre Lappan
25 Jahre Lappan sind über den Daumen gepeilt etwa 20.000 veröffentlichte witzige Zeichnungen. Gezählt haben wir sie nicht, aber wir haben sie uns angesehen, um die Besten für diese einmalige Sonderausgabe auszuwählen! Eine ungewöhnliche Cartoon-Sammlung der Lappan-Autoren, von denen viele zu den bekanntesten und erfolgreichsten Cartoonisten zählen, ist dabei herausgekommen.
Die Fliege – die Oper
Bis zum 27. September 2008 konnte man in Los Angeles die schrägste Oper aller Zeiten sehen: »The Fly« – frei nach dem legendären Horrorstreifen aus den 50ern. Komponiert wurde das Werk von Oscar-Preisträger Howard Shore (»Herr der Ringe«), dirigiert von Placido Domingo und inszeniert von David Cronenberg, der schon in den 80ern das berüchtigte Ekel-Remake des Films auf die Leinwand bannte. Hier ist die offizielle Homepage.
Böse Frauen
Der amerikanische Cartoonist Virgil Partch (alias VIP) fing wie so viele seiner Zeitgenossen bei Walt Disney an. Dort wurden alle Zeichner dazu angehalten, ihre Figuren mit vier Fingern auszustatten, weil dies niedlicher aussah. Als Partch später seine eigenen Cartoons zeichnete, malte er seine Strichmännchen oft mit zwölf Fingern oder mehr. »Als Ausgleich für Disneys Verbrechen gegen die Anatomie«, begründete er diesen Schritt. Hier ein Frühwerk des Meisters.
Alte Barbaren
Wer bei »Conan, der Barbar« gleich an Arnold Schwarzenegger denkt, sollte sich diese Bildergalerie mit frühen Conan-Titelbildern ansehen, von denen das erste 1932 erschien. Interessant, wie sich das Aussehen des Helden über die Jahrzehnte entwickelte, bis Frank Frazetta ihm in den 60ern den endgültigen Schliff gab.
Mad Harvey
Das Satireblatt MAD kennt jeder – was man von Mad-Erfinder Harvey Kurtzman leider nicht sagen kann. Obwohl Kurtzman ein genialer Zeichner war, existieren nur wenige Geschichten, die er ganz allein zu Papier brachte. Meist ließ er seine Skizzen von anderen Zeichnern bearbeiten. Hier ist ein Artikel, den er 1949 für das US-Magazin Varsity illustrierte – zur Abwechselung ganz allein.

Packt das Popcorn aus und macht es Euch bequem, liebe Freunde. Heute ist Kino angesagt. Wer sich für Comics interessiert und sich immer gefragt hat, was für komische Käuze freiwillig ihr ganzes Leben gebeugt über einen wackligen Zeichentisch verbringen, dem wird gleich geholfen. Zwar gab es schon immer Berichte über Cartoonisten, doch seriöse Dokumentationen werden erst seit wenigen Jahren gedreht.
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