Willkommen zum Comic-Kinoabend!

Weyershausen am 16. Januar 2012 in Screenshot

people_on_paperPackt das Popcorn aus und macht es Euch bequem, liebe Freunde. Heute ist Kino angesagt. Wer sich für Comics interessiert und sich immer gefragt hat, was für komische Käuze freiwillig ihr ganzes Leben gebeugt über einen wackligen Zeichentisch verbringen, dem wird gleich geholfen. Zwar gab es schon immer Berichte über Cartoonisten, doch seriöse Dokumentationen werden erst seit wenigen Jahren gedreht.

Hier eine kleine Auswahl aus mehreren jahrzehnten:

People on paper (1945)

Den Anfang macht ein Kurzfilm, der die Comicbeilagen amerikanischer Zeitungen zum Thema hat. Mit dabei sind: H.H. Knerr (Katzenjammer Kids), Bud Fisher, Fred Lasswell Jr. (Snuffy Smith), Frank King, Chester Gould (Dick Tracy), Dick Calkins, Milton Caniff (Terry and the Pirates), Chic Young (Blondie), Raeburn Van Buren, Ham Fisher, Hal Foster (Prinz Eisenherz), Harold Gray und Al Capp. Alles Millionäre!

Comic Book Confidential (1988)

Filmemacher Ron Mann war einer der Pioniere der Comic-Dokumentationen. In den comicbegeisterten 80er Jahren fand dieser Streifen auch in Deutschland Beachtung. Der legendäre Will Eisner begab sich damals sogar auf eine Deutschland-Tour, um den Film zu unterstützen. Es tauchen auf: Lynda Barry, Charles Burns, Sue Coe, Robert Crumb, Will Eisner, Al Feldstein, Shary Flenniken, William M. Gaines, Bill Griffith, Jaime Hernadez, Jack Kirby, Harvey Kurtzman, Stan Lee, Paul Mavrides, Frank Miller, Victor Moscoso, Francaise Mouly, Dan O’Neill, Harvey Pekar, Gilbert Shelton, Spain und Art Spiegelman.

Tintin and I (2003)

Wer nach dem immensen Tim und Struppi-Hype im letzten Jahr noch nicht genug hat, sollte sich diesen Film ansehen, in dem sich Zeichner Hergé auch über seine vermeintliche Nähe zu den deutschen Besatzern während des Krieges auslässt. Ein Interview, das Numa Sadoul, damals Student, vor vier Jahzehnten mit dem Großmeister der Comics führte, diente als Grundlage für diesen äußerst gelungenen Film des Dänen Anders Østergaard.

André Franquin (1996)

Etwas schäbig hingegen wirkt dieses Kleinod, in dem man den großartigen André Franquin in seinem Studio erleben kann. Franquin, der durch das »Marsupilami« und vor allem »Gaston« unsterblich wurde, hatte gerade in seinen letzten jahren mit Depressionen und Selbstzweifeln zu kämpfen. In dieser fürs belgische Fernsehen gedrehten Dokumentation (der Reihe »L’hebdo«) melden sich Freunde und Kollegen zu Wort.

Jack Kirby – Storyteller (2007)

Der produktivste amerikanische Comiczeichner war sicher Jack Kirby, der zusammen mit Autor Stan Lee fast im Alleingang einen unbedeutenden Verlag namens Marvel zum Millionenkonzern machte und mit seinem unverwechselbaren Stil die Comicszene revolutionierte. Wie viele großen Künstler kam die Annerkennung leider erst, als es zu spät war. Heute vergeht kaum ein Monat, in dem nicht eine weiterere Neuausgabe seiner Klassiker erscheint. In diesem Film, der nur auf DVD herauskam, zollen fast alle Zeichner, die Rang und Namen haben, dem »King of Comics« ihren Tribut.

Die Abenteuer von Indiana Tim

Weyershausen am 7. November 2011 in Screenshot

tintinVor zehn Jahren ging das Bild einer Maus, auf deren Rücken ein Menschenohr wuchs, um die Welt. »Ganz schön pervers, die Wissenschaft«, dachte da so Mancher. So ähnlich ging es mir, als ich »Die Abenteuer von Tim und Struppi« sah. Zunächst ist man beeindruckt – bis zur ersten Nahaufnahme. »Ganz schön pervers, die Computertechnik«, ging es mir durch den Kopf.

Seit einigen Jahren scheinen die Filmgewaltigen Hollywoods geradezu besessen von der Idee hyper-realistischer Computeranimation zu sein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ein Schauspieler aus dem Rechner stellt keine hohen Gagenforderungen, er macht, was ihm befohlen wird, und wird niemals alt. Nur sehen die Resultate zum Leidwesen der Filmemacher bislang alles andere als überzeugend aus.

Bei allem Perfektionismus: Die computeranimierten Figuren bei Tim und Struppi sind eher grotesk als komisch. Genau wie die Karikaturen, die findige Photoshop-Experten aus Fotos »kneten«. Was als platte Strichzeichnung amüsant wirkt, ist dreidimensional nur noch gruselig. Noch Schlimmer wird es, wenn man versucht, eine Karikatur mit Hilfe des Computers wie eine Fotografie aussehen zu lassen. Möchte man sich Figuren wie »Die Simpsons« wirklich dreidimensional vorstellen?

Genauso schlimm wie die Gesichter der Charaktere wurde bei Tim und Struppi auch die Geschichte verzerrt, die man mit aller Macht auf »Indiana Jones« getrimmt hat. Sicher, man hätte »Das Geheimnis der Einhorn« auch werkgetreu verfilmen können, doch das wäre wohl nicht laut und plakativ genug gewesen. Wer sich die Mühe macht, einmal durch die Seiten eines Tim-und-Struppi-Albums zu blättern, wird feststellen, dass Hergés Stärke der Minimalismus ist. Spielbergs Stärke war hingegen schon immer der Exzess.

Folgerichtig gibt es in Tim und Struppi bombastische Seeschlachten, Flugzeugabstürze und Verfolgungsjagden, die man bei Hergé vergebens sucht. Der Zeichner war ein Perfektionist, der in 46 Jahren gerade 23 Abenteuer des rasenden Reporters zu Papier brachte. Bevor er starb, verfügte er, dass es ohne ihn auch keine neuen Geschichten mit dem ungleichen Duo geben wird. Eine weise Entscheidung.

»Hergé hätte unser Film gefallen«, spekulierte Spielberg in diversen Interviews. Ich schätze allerdings, dass er den Spielberg-Fans noch besser gefallen wird. Fazit: 3D ist für die Filmindustrie ein wahrer Segen, denn unsere Augen sind so sehr mit den Schauwerten beschäftigt, dass unser Hirn nicht wahrnimmt, wie unausgegoren die Handlung ist.

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Unterwegs mit Quirit

Weyershausen am 3. August 2010 in Reisenotizen

Brüssel»Wer aus Brüssel berichtet, bewegt sich zwischen Traum und Bürokratie«, behauptete mal ein ARD-Korrespondent. Ach ja … Brüssel war jedenfalls schon immer eines meiner Traumziele. Franquin, Tillieux, Hergé und unzählige andere geniale Comiczeichner begannen hier ihre Karriere.

Als wir mit Jean-Marie Mathues alias Quirit durch die Straßen gingen, konnte man fast den Hauch der Geschichte atmen. Überhaupt bietet die Stadt alle zehn Meter andere undefinierbare Gerüche. Am liebsten hatte ich den Hauch von Waffeln in der Nase. Brüssel wäre mein Untergang. Überall gibt es Süßigkeiten und exotische Biersorten, die man natürlich sofort probieren muss. Aus den Restaurants strömen wunderbare Düfte köstlich aussehender Fischplatten. Also: Augen geradeaus, den Bauch einziehen und schnell weiter!

Mein Agent, Herr Licensegarden, ist nicht nur geschäftstüchtig, sondern auch clever. Mit einer Fahrt nach Antwerpen zum legendären Cartoonisten Quirit lockte er selbst den größten Stubenhocker unter den Cartoonisten (= mich) nach Belgien. Schon die Fahrt dorthin war ein Abenteuer. Kurz vorher war in einem Zug der Deutschen Bahn die Klimaanlage ausgefallen, woraufhin etliche Fahrgäste kollabierten. Sollte man so ein Risiko eingehen? Ich entschloss mich dazu, denn im Falle meines Ablebens durch einen Hitzekoller würde die Deutsche Bahn meinen Hinterbliebenen wenigstens den halben Fahrpreis zurückerstatten.

Die Arbeiten von Quirit, der als einer der härtesten Cartoonisten der Branche gilt, kannte ich schon ganz lange. Ich stellte ihn mir immer als eine wilde Mischung zwischen Jack Nicholson und Hugh Hefner vor. Warum weiss ich auch nicht so genau. Natürlich ist er ganz anders. Er ist der einzige Cartoonist, den ich kenne, der einen Säbel besitzt, denn sein Hobby ist es, mit Gleichgesinnten in historischen Kostümen berühmte Schlachten aus Napoleonischen Tagen nachzuspielen. Ungefährlich ist das nicht, wie eine lange Narbe an seinem Unterarm beweist. Jean-Marie Mathues zeichnet tagesaktuelle Cartoons, von einer kompromisslosen Schwärze, die bei uns unmöglich wäre. In diesem Jahr erhielt er sogar Todesdrohungen.

Nebenbei ist er noch ein hervorragender Gastgeber und Erzähler. Als die Invasion seiner deutschen Kollegen anrollte, griff er nicht zum Säbel, sondern rollte den Grill raus. So kam es, dass meine hochgeschätzten Kollegen Kittihawk, Steffen Butz und Harm Bengen in seinem Garten mit Zeltstangen hantierten, statt mit Zeichenfedern. Während die harten Naturburschen noch am Schwitzen waren, hatte Kittihawk alias Christiane Lokar ihr Zelt längst aufgebaut. Kein Zweifel: Die Zukunft gehört den Frauen.

Apropos Zukunft: Auch der Klimawandel ist in Belgien spürbarer als bei uns. Immer öfter gibt es Tornados, die Menschenleben fordern. Das Wetter schlägt in Sekundenschnelle um.

Einmal das berühmte Brüsseler Comicmuseum zu besichtigen, war schon seit Jahren mein großer Traum. Leider kam immer irgendetwas dazwischen. Deshalb war dieses Wochenende fast wie Weihnachten für mich. Besonders schön war es jedoch, solche Eindrücke mit anderen Zeichnern zu teilen, die all dies zu schätzen wussten.

Ursprünglich hatte ich vor, mit einer Tasche voller Bücher zurückzukehren. Doch obwohl ich genügend Geld dabei hatte, kaufte ich mir lediglich ein einziges Album. Das riesige Angebot und die vielen Eindrücke haben mich wie erwartet völlig erschlagen. Vielleicht beim nächsten Mal. Die herrlichen alten Gebäude, der berühmte Grote Markt … man muss viel Zeit haben, um sich alles ansehen zu können. Auf dem Rückweg machten wir sogar einen kleinen Abstecher nach Waterloo. Jetzt werden alle Abba-Fans, die ich kenne, sicher gelb vor Neid!

Was habe ich auf unserer Reise gelernt? Dass ich unbedingt Französisch pauken muss, dass die Sonnenuntergänge in Antwerpen selbst abgebrühten Zynikern Tränen in die Augen treiben, dass Belgierinnen, die Laurence heißen, immer automatisch hübsch sind (hatte ich schon geahnt), dass Harm Bengen nie die Witze ausgehen, dass politische Diskussionen die Stimmung versauen können, dass ich ohne Kopfkissen schnarche, dass die Zugbegleiter in Holland klasse sind und dass Belgien genauso schön ist, wie ich immer dachte. Mein besonderer Dank gilt auch Kittihawk, die dafür sorgte, dass ich den richtigen Zug erwischte.

Auf der Rückfahrt hatte mich die grausame bundesdeutsche Realität wieder. Die Klimaanlage des Zugs von Köln nach Hannover fiel aus. Kein Scherz! Doch diesmal war die Crew der Deutschen Bahn vorbereitet und bat die Fahrgäste in ein anderes Abteil. »Sie können auch bleiben, aber jammern sie nicht, wenn sie zusammenbrechen!« hieß es barsch. Zumindest konnte ich während der Fahrt heimlich meine schlafenden Mitreisenden zeichnen. Cartoonisten sind eben fies!

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