Früher gab es diverse Institute, die leichtgläubigen Menschen weismachen wollten, dass auch in ihnen ein Bestseller steckt, der nur (gegen einen kleinen Obolus natürlich) aus ihnen herausgelockt werden musste.
Dass es viel wichtiger ist, sein Machwerk zu verkaufen, so etwas erfährt man leider erst, nachdem das erste Buch aus der Druckerpresse rollt. Ein Autor muss nicht nur Schreiben können, sondern auch Medienprofi sein – oder wenigstens gut aussehen.
Nach dem Schreiben kommt die Pressearbeit. Interviews sind eine heikle Sache. Ist man zu redselig, riskiert man von den Journalisten in die Pfanne gehauen zu werden, ist man andererseits zu sehr auf der Hut, wird das Interview stinklangweilig. Schlimm wird es, wenn man – wie Herr Reichard und ich – ein Buch über das Älterwerden geschrieben hat. Es ist ein Thema, das man lieber verdrängt. Dabei sprechen sprechen wir seit drei Monaten über nichts anderes – auf Lesungen, im Schlaf oder eben in Interviews.
»Wie ist denn das nun mit dem Viagra?«, eröffnete die nette Frau von der »Münchner Abendzeitung« unser Gespräch. In der Pressemappe unseres Verlags hatte ich keck behauptet, dass mein Dahinwelken nicht ganz so dramatisch sei, da es zu Not ja immer noch die soeben erwähnten blauen Pillen gibt. Bei Hugh Hefner zumindest soll das geholfen haben.
Nun musste ich also glaubwürdig erklären, dass dieser Ausspruch pure Ironie war, nicht etwa ein privater Statusbericht. Und so schwitzte ich mich durch unser Gespräch. Erst einige Tage vorher hatten wir ein Interview gegeben, das in drei großen Deutschen Tageszeitungen erschienen ist. Ein paar Wochen davor saßen wir in einem Hörfunkstudio, immer besorgt, uns nicht zum Deppen zu machen. Als wir die »Kerle im Klimakterium« schrieben, haben wir nicht geahnt, dass wir einmal als Vorzeige-Opis durch die Medienlandschaft geistern könnten.
Aber ich will hier nicht jammern: Die Vorteile, sein Gesicht in einer Zeitung abgebildet zu sehen, überwiegen. Vor allem für den Buchverkauf ist es nicht unerheblich. Und natürlich für die Eltern.
»Waren Sie nicht in der Zeitung?«, fragte einmal die Kassiererin im Supermarkt, als ich mit meinem Vater einkaufen war.
»Ja! Das ist mein Sohn«, strahlte mein Erzeuger wahrheitsgemäß.
Die schlesischen Gurkenhappen haben wir trotzdem bezahlen müssen.
Jetzt, wo wir schon einige Stationen unserer kleinen Lesetour hinter uns haben, wurden Herr Reichard und ich etwas übermütig. Unser letzter Auftritt brachte uns jedoch schnell auf den Boden der Realität zurück. Er fand in einer urigen Szenekneipe in Hannover statt, in der wir unmittelbar unter einer schillernden Disco-Kugel lasen.
Auch wenn uns das Publikum an jenem Abend wohlgesonnen war, kamen wir nicht nur wegen der fetzigen Beleuchtung so richtig ins Schwitzen, denn es ist nicht leicht, sich auf eine fremde Umgebung einzustellen. Vor allem in einer Kneipe, in der ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Und so stellten wir mal wieder fest: Es besteht bei unseren Auftritten durchaus »Raum zur Optimierung«.
Zwei Schritte hinter uns stand ein Tischkicker, ein Schritt vor uns befand sich der Bühnenrand. Kerle im Klimakterium am Abgrund also, denn für Männer unseres Alters kann der Sturz von so einer Bühne das Ende bedeuten. Zu leicht bricht man sich das künstliche Hüftgelenk.
Unser nächster Auftrittsort am 29. Januar ist da hoffentlich etwas seniorengerechter. Das Alvar-Aaltohaus (Baujahr 1962 und daher ebenfalls längst im Klimakterium) beherbergt die Stadtbibliothek Wolfsburg. Wer eine heimliche Rampensau ist oder seinen Hinterkopf schon immer für die Nachwelt verewigen wollte, sollte sich diesen Dienstag unbedingt freihalten, denn unser Verlag gedenkt unseren Auftritt als Bonusmaterial für das geplante eBook zu filmen. Menschen die keine eBooks mögen, oder keine Hinterköpfe besitzen, sind natürlich auch willkommen.
Die Aufzeichnung bedeutet für das Publikum zunächst einen erheblichen Mehrwert: Zum einen werden wir unsere Hemden für diesem Abend außergewöhnlich gründlich bügeln. Wahrscheinlich werden sogar unsere Socken eine Bügelfalte haben. Dann planen wir zu diesem speziellen Anlass, unsere Texte ganz besonders brav zu üben und uns dazu noch sensationelle Bonmots für zwischendurch aus den Fingern zu saugen, die diesen Abend (ganz sicher) in die kulturellen Annalen der Stadt eingehen lassen werden.
Und wenn das nicht reicht: Musikalisch unterstützt werden wir dabei vom großartigen Sven Waida, einem Mann, der auf allen Instrumenten zuhause ist. Klingt das gut? Dachten wir uns! Um 19:00 Uhr geht’s los – und zwar in der Porschestraße 51 in Wolfsburg. Ein Fernbleiben akzeptieren wir nur mit schriftlicher Entschuldigung der Eltern.
Seit Herr Reichard und ich uns auf Lesetour befinden, habe ich die große Befürchtung, dass wir so enden, wie ein anderes seltsames Paar im Klimakterium: nämlich Felix Unger (Jack Lemmon) und Oscar Madison (Walter Matthau). Deren Männer-WG zerbrach, als der genervte Oscar einen Teller mit Nudeln gegen die Wand pfefferte, weil ihm der Ordnungswahn seines Freundes Felix gewaltig gegen den Zeiger ging.
Allein ein Blick auf unser Gepäck zeigt, wie bei uns die Rollen verteilt sind. Während Herr R. seine Kleidungsstücke sorgsam gefaltet in einem Rollkoffer transportiert, stopfe ich meine Klamotten notdürftig in einen Rucksack. Auch bei den Reisevorbereitungen ist Herr R. eher der gewissenhafte Typ, der nichts dem Zufall überlässt. Alles wird vorher minutiös geplant und dokumentiert. Ich dagegen bin meist so schlecht vorbereitet, dass es ein Zufall ist, wenn ich ich mein Reiseziel überhaupt erreiche.
Besonders schlimm wurde es, als wir im Dezember durchs eiskalte Berlin stapften und die Weihnachtsfeier unseres Verlages suchten (wir fanden sie). Ich hatte am Bahnhof die Ausdrucke mit unserer Reiseroute verloren, was mein Gegenüber zunächst in ungläubiges Staunen versetzte. Doch zu meinem Glück blieb Herr R. gelassen. Viel zu spät stellte ich fest, dass es nicht der Schnee war, der bei unseren nächtlichen Spaziergang knirschte, sondern Herr Reichards Zähne.
Normalerweise sind meine diversen »Verfehlungen« kein Problem, weil immer Zeit da ist, Gras über die Sache wachsen zu lassen. Doch nun, da wir ständig auf Achse sind, um unser Buch zu promoten, sehe ich schon den Nudelteller an meinem Ohr vorbeisegeln.
Aber das ist das Gute an unserer Rollenverteilung: Felix würde nie den Teller gegen die Wand werfen, weil dies auf der Tapete üble Flecke gibt. Also bin ich sicher. Es ist höchst unwahscheinlich, dass wir uns vor Ende unserer kleinen Tour an die Kehle gehen. Vor allem, weil wir die Kehle unseres Gegenübers ohne Lesebrille sowieso nicht finden würden.
Als mein Kollege Herr Reichard und ich unser neues Buch »Kerle im Klimakterium« schrieben, blieb so mancher Text auf der Stecke. Vielleicht machen wir ja eines Tages eine »Extended Version« oder einen »Directors Cut«.
Aber da wir schon mal beim Thema »Schneiden« sind: Hier sind zwei dieser Texte, die es nicht ins Buch geschafft haben. Sie handeln von prominenten Toupetträgern, die allen kahlen Kerlen im Klimakterium Mut machen sollen:
John D. Rockefeller
Der zu seinen Lebzeiten reichste Mann der Welt, Ölmagnat John D. Rockefeller (1839 – 1937), besaß alles, was man sich mit Geld kaufen konnte. Als er jedoch in den besten Jahren wahrscheinlich stressbedingt – sämtliche Haare verlor (Alopecia universalis), konnte ihm auch sein immenses Vermögen nicht weiterhelfen. Selbst seine Augenbrauen und Wimpern waren betroffen.
Auch wenn er keine imposante Erscheinung war, legte Rockefeller doch großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres. In den nächsten Jahrzehnten trug er abwechselnd Perücken von unterschiedlicher Haarlänge, um das natürliche Haarwachstum zu simulieren. Täuschen konnte er damit allerdings niemanden und so wurden gerade seine Perücken eine beliebte Zielscheibe vieler Karikaturisten, die ihn am liebsten mit windschiefen Pottfrisuren porträtierten. Trotzdem: Rockefeller bewies, dass man auch ohne Haare gut leben kann. Er wurde immerhin 98 Jahre alt.
Ted Danson
Schürzenjäger Sam Malone, Hauptfigur der erfolgreichen Sitcom »Cheers« (1982-1993), war besonders auf seine üppige dunkelbraune Haarpracht stolz. Doch Erfolg hat Neider. Bald kamen Gerüchte auf, dass Ted Danson, der durch die Rolle zum gefeierten Star wurde, kahl sei und eine Perücke trug. Tatsächlich handelte es sich dabei lediglich um ein kleines Haarteil, das eine kahle Stelle auf seinem Hinterkopf verbarg.
Da Danson jedoch zusätzlich seine Haare färbte, die im Laufe der langlebigen TV-Serie ergrauten, war es ihm peinlich das Gerücht zu dementieren. Daher staunten die Fernsehzuschauer nicht schlecht, als der Schauspieler in einer der letzten Folgen der Serie, mit dem vieldeutigen Titel »It’s Lonely on the Top«, plötzlich blank zog, um vor Studiopublikum und laufenden Kameras sein Haarteil abzunehmen. Natürlich als Teil der Handlung.
Privat stand Danson zu seiner kahlen Stelle und seinem mittlerweile schneeweißen Haar. Auf dem Bildschirm allerdings war er noch viele Jahre mit makellos vollem, dunklen Haarschopf zu sehen, weil die Zuschauer ihn einfach nicht anders akzeptieren mochten. »Es ist angenehm nicht mehr zusammen mit einem Haufen älterer Damen in Lockenwicklern zum Haarefärben beim Friseur zu sitzen«, sagt er heute.
Danson musste in unserem Buch Sean Connery weichen, Rockefeller machte Hans Albers Platz und die Haarpracht aller vier wich ihrer galoppierenden »Alopecia androgenetica«. Womit bewiesen wäre, dass Geld vielleicht glücklich, aber das Haarvolumen nicht unbedingt fülliger macht.
»Lesungen sind eigentlich nur für die Autoren«, schmunzelte unsere Lektorin neulich, als wir sie auf der Frankfurter Buchmesse trafen. »Sozusagen als Konfrontationstherapie.« Für den Verkauf seien sie im Grunde unerheblich. Da waren Herr Reichard und ich mal wieder baff.
Erst kurz zuvor hatten wir mit der Planung einer kleinen Lesereise begonnen, die uns in den nächsten Monaten quer durch Deutschland führen wird. Ist das am Ende alles nur Teil einer Therapiemaßnahme für verschüchterte Schreiberlinge?
Ich erinnere mich an meine allererste Lesung, die vor mittlerweile sechs Jahren in Berlin stattfand. Als die ersten Zuhörer eintrafen, merkte ich, wie sich mein Magen langsam verknotete. Nicht mal am Tag meiner Einschulung war ich so nervös. Das änderte sich in den darauffolgenden Jahren etwas. Heute kann ich eine Bühne betreten, ohne dass mein Herz sofort in die Hose rutscht. Nervös bin ich allerdings noch immer.
Während ich als Zeichner Signierstunden regelrecht meide, habe ich weniger Probleme, mich als Autor auf ein Podium zu stellen, um aus meinen Büchern vorzulesen. Der Vorteil: Ein Autor muss keine witzigen Männchen zeichnen, während ihm jemand über die Schulter schaut.
Sich vor einer Menschenmenge zu produzieren, gehört als Künstler quasi zum Berufsbild. Die einzigen, die völlig ohne öffentliche Auftritte auskommen, scheinen Walter Moers und Patrick Süskind zu sein. Oft beneide ich sie darum.
Doch seltsamerweise macht es irgendwann sogar Spaß, wenn das Publikum auf die Texte reagiert. Dazu kommt der Stolz, seinen inneren Schweinehund an die Kette gelegt zu haben, um die Rampensau rauszulassen. So oder so ähnlich zumindest ist das. Daher werden mein hochverehrter Co-Autor Herr Reichard und ich in den kommenden Monaten mal wieder die therapeutische Konfrontation mit unseren Lesern suchen. Zumal es die einzige Therapie ist, die nichts kostet, sondern sogar etwas Geld einbringt.
Im Herbst 2005 trat während der Frankfurter Buchmesse der legendäre Bukowski-Entdecker Carl Weissner auf. Mein Kollege Holger Reichard hatte vor, dort einen gewissen Armin Abmeier zu treffen, mit dem er seit einiger Zeit in Verbindung stand. »Komm doch mit. Das könnte auch für Dich ganz interessant sein«, köderte mich Holger. Und wie so oft hatte er recht.
Es stellte sich heraus, dass Weissner und Abmeier alte Freunde waren. Als langjährige Weggefährten Bukowskis besuchten sie auch dessen Hochzeit. Bukowskis Texte hatten auch mich in meiner Jugend sehr beeindruckt, daher wurde es ein denkwürdiges Treffen. Nachdem sich Weissner von uns verabschiedet hatte, tranken wir noch einen Kaffee mit Abmeier, der uns mit Anekdoten geradezu überhäufte. Viele weitere gemeinsame Koffein-Exzesse sollten in den nächsten Jahren folgen.
Abmeier gehörte weder zu den vergeistigten Soziopathen noch zu den aalglatten Snobs, über die man sonst auf der Buchmesse stolpert. Im Gegenteil: Er war herzlich und interessiert. Ein äußerst dynamisch wirkender älterer Herr mit weißem Vollbart, Brille und einem stets verschmitzten Lächeln, hinter dem eine wildbewegte Vergangenheit aufblitzte. Armin hatte einst als Verlagsvertreter angefangen und unterwegs so einiges erlebt. Ich mochte ihn auf Anhieb. Auf seinem Revers prangte damals eine kleine »Mr. Natural«-Figur von Underground-Legende Robert Crumb, ebenfalls ein alter Bekannter, wie er beiläufig erwähnte. Abmeier war nicht nur ein Büchernarr, sondern – noch besser – auch ein Comicnarr mit einem exquisiten Geschmack.
Es stellte sich heraus, dass unser neuer Freund eine der schillerndsten Gestalten des Buchmarkts war. Armin war eine jener Persönlichkeiten, die auf der Messe keine fünf Schritte gehen konnten, ohne angesprochen zu werden. Seine nicht minder schillernde Lebensgefährtin Rotraut Susanne Berner illustrierte höchst populäre Wimmelbücher, die von einigen scherzhaft »Pimmelbücher« genannt wurden, da sich in jedem Buch ein nackter Junge verbarg. Das sorgte bei den prüden Amerikanern sogar für einen Eklat. Außerdem tauchte in ihren Büchern oft ein Brillenträger mit weißem Vollbart auf, der eine nicht zufällige Ähnlichkeit mit ihrem Partner besaß.
Armins Lieblingskind waren die »Tollen Hefte«, die er für die Büchergilde herausgab, eine mustergültige Reihe, die auch international ihresgleichen sucht. Für einen Künstler kam das Angebot, ein »tolles Heft« zu illustrieren, einem Ritterschlag gleich. Um vielversprechende Illustratoren aufzuspüren, war Armin keine Reise zu weit. Für einen Mann, der auf die 70 zuging, verfügte er über eine enorme Energie.
In den nächsten Jahren gehörte ein gemeinsames Treffen auf jeder Leipziger und Frankfurter Buchmesse quasi zum Pflichtprogramm. Zuerst war ich dabei nur ein Zaungast, während Holger und Armin ein gemeinsames Projekt in der Mache hatten, das, wie sich unglücklicherweise herausstellen sollte, im Sande verlief. Doch dies tat unserer Freundschaft keinen Abbruch.
Ein Gespräch mit Armin war wie eine Wundertüte – ganz wie sein ewig präsenter Rucksack, der stets mit interessanten Büchern oder Grafiken gefüllt war, von denen er uns vorschwärmte. Ständig berichtete er von neuen Talenten, die er zum Beispiel in New York auf einer Party von Art Spiegelman entdeckt hatte. Er führte schon ein abwechslungsreiches Leben. Heute in Los Angeles, morgen auf der Kinderbuchmesse in Bologna. Zu jedem Autor, jedem Buch, konnte er eine amüsante Geschichte beisteuern.
Legendär war auch unser Treffen mit T.C. Boyle, der vor drei Jahren mit seiner Tochter Leipzig besuchte. Natürlich war Armin ein alter Freund der Familie, was die etwas steife Atmosphäre sehr entspannte. Es war ein weiterer denkwürdiger Abend, den Holger Reichard, geistesgegenwärtig wie immer, auf einem Foto verewigte.
»Na Jungs, was gibt’s Neues?«, fragte er Holger und mich bei jedem Treffen erwartungsfroh. Bei so viel Tatendrang konnte man schon Schuldgefühle bekommen, wenn man grad kein neues Projekt am Start hatte. Oft beschlich mich das ungute Gefühl, dass wir die Alten waren, und er der junge Hüpfer. Als er auch noch ankündigte, in seiner Heimat München eine Galerie zu eröffnen, staunten wir nicht schlecht.
Vor einiger Zeit jedoch riss der Kontakt ab. Wir schrieben es seinem Arbeitspensum zu. Doch dann kam überraschend ein Lebenszeichen. Armin hatte eine Chemotherapie überstanden und freute sich auf ein Aufleben unserer rituellen Kaffeerunde. Es sollte nicht dazu kommen. Am 24. Juli 2012 verstarb er. Es ist vielleicht nicht so wichtig, wie lange man einen Menschen gekannt hat, sondern wie sehr man ihn vermisst. Die Buchmesse wird ohne Armin Abmeier jedenfalls nicht mehr dieselbe sein.
Vergangene Woche drehte sich im Rahmen der ARD-Themenwoche alles um die Ernährung. Auf allen Sendern der öffentlich-rechtlichen Kochanstalt glühten die Herdplatten. Eine der wesentlichen Fragen lautete: Macht uns unsere Ernährung fit, schön, krank oder dick? Die Antwort darauf ist einfach und stammt von Voltaire: »In der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben. In der anderen Hälfte opfern wir Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen.«
Mit anderen Worten: Ernährungsbewusstsein ist eine Frage der Zeit.
Um dies zu unterstreichen, ziehe ich heute zwei Texte für Euch aus der Küchenschublade. Beim ersten Text handelt es sich um ein Essay von T.C. Boyle. Der Schriftsteller war von einem Freund darum gebeten worden, über die schlimmste Mahlzeit seiner Kindheit zu schreiben. Das hat er getan. Und Sabine Anders hat den Text mit Boyles freundlicher Genehmigung ins Deutsche übersetzt. Ihr findet ihn auf den Seiten von www.tcboyle.de.
Der zweite Text stammt von mir. Ich hatte mich damit für »Die Sendung, die Sie sich schenken können« beworben, die jedes Jahr zu Weihnachten im WDR-Hörfunk ausgestrahlt wird. Auch hier ging’s ums Essen. Die Idee war, überspitzt die Ernährung eines Junggesellen darzustellen, der gerade das Hotel Mama verlassen hat und vorher nie für sich kochen musste.
Macht Euch keine Sorgen um mich, die unten skizzierte Woche ist nur ansatzweise autobiographisch. Vom WDR wurde der Text leider nicht genommen. Ich vermute, er war der Redaktion zu unappetitlich. Aber urteilt selbst:
Ernährungsbewusstlosigkeit
Montag: Endlich ist es soweit: Ich stehe auf eigenen Füßen. Mein Kopf schweigt vor lauter Freude, der Magen rebelliert. Ich muss dringend Einkaufen gehen. Dabei versuche ich nicht an Morgen zu denken, sondern bis nächsten Sonntag. Das Laufband an der Kasse bringt mich meinem ersten Abend in Freiheit näher. Ruckartig. Ich lege eine Tiefkühlpizza auf das zappelnde Gummi. Außerdem einen Eimer Krautsalat und ein paar Pepperoni. Es soll ein Festessen geben. Ich packe deshalb noch schnell eine Tüte Kartoffelchips dazu. Die Kassiererin grinst. So einen wie mich sieht sie nicht alle Tage, oder doch?
Dienstag: Keine Zeit. Zum Frühstück nur ein Schokoriegel. Mittags Phosphat: Currywurst mit zweimal Pommes. Abends den Rest der Kartoffelchips und eine Flasche lieblichen französischen Weißwein. Der schmeckt irgendwie nicht, war aber billig. Ich beschließe den zweiten Tag meines heiteren Junggesellenlebens mit Sodbrennen.
Mittwoch: Das Sodbrennen lässt nach. Der Hunger kehrt zurück. Ich brate mir vier Kartoffelpuffer und beschmiere sie fingerdick mit Remoulade. Die aus der Tube schmeckt besser als die aus dem Glas. Aber es fehlt noch etwas: auf jeden Puffer eine Scheibe Kochschinken, eine Käsescheiblette – und ein Spiegelei. Fertig! Stolz bewundere ich meine vier Cholesterinbomben. Ich esse sie auch, schaue nebenbei Fußball im Fernsehen – und brauche später dringend einen Ouzo.
Donnerstag: Schon wieder hektisch. Tagsüber nur zwei Rumkugeln. Abends entdecke ich die Nudeln. In der untersten Schublade. Wo sonst? Es sind Trulli-Nudeln. Sie lachen mich an, vielleicht auch aus. Champignons sind noch da. Frische in einer blauen Plastikschale, aber auch dritte Wahl in der Dose. Ich entscheide mich für die Dose. Das geht schneller. Doch schon wieder fehlt etwas. Die übrig gebliebenen Käsescheibletten habe ich am Vortag vernascht. Also nur Nudeln und Pilze. Nur Nudeln und Pilze? Ich schaue ein zweites Mal in den Kühlschrank, improvisiere mit Camenbert und Fondor. Alles in einen Topf? Warum nicht? Das bedeutet weniger Abwasch. Ich muss nur heftiger rühren. Es schmeckt. Einanderthalb Liter Cola helfen mir am späten Abend bei der Verdauung. Danke, liebe Cola.
Freitag: Wochenende. Freizeit. Party! Morgens Brötchen, abends Bier, dazwischen ein Pott Hühnersuppe. Das Leben kann so einfach sein.
Samstag: Damenbesuch. Auweia! Jetzt ein Südländer sein. Ich nehme ein Toastbroat und schneide die einzelnen Scheiben in Hälften. Ich bestreiche sie zärtlich mit Tomatenmark, lege sanft Mozarella darauf und würze die Schnitten mit schwarzen Industriepfeffer und Oregano. Danach ab in den Ofen, auf den Tisch und ins Bett. Was man nicht alles in Italien lernt!
Sonntag: Eine harte Woche liegt hinter mir. Deshalb heute etwas Besonderes: eine Champignonpfanne, wie ich sie vor vielen Jahren in einer Kneipe in Kiel serviert bekam. Stundenlang hatte ich auf den Wirt eingeredet, bis er mir endlich das Rezept verriet. Heute krame ich es hervor. Nur für mich. Diese Zeit muss sein – an einem Sonntag. Ich werfe die inzwischen nicht mehr ganz so frischen Champignons aus der blauen Plastikschale in eine Pfanne mit Öl, gieße später Sahne hinzu und lasse die Pilze darin eine Weile köcheln. Eine Herdplatte weiter schmeiße ich ein großes Stück Gorgonzola in einen Topf mit Sauce Hollandaise und erhitze das Ganze. Zu guter Letzt schöpfe ich die Champignons aus der Pfanne und lege sie auf einen tiefen Teller. Darüber gieße ich die zähflüssige Sauce Hollandaise mit dem darin aufgeweichten Gorgonzola. Ein mit Kräuterbutter bestrichenes Ciabatta, eine kleine Schüssel Mais-Porree-Salat sowie zwei Flaschen Bier stehen bereits auf dem Tisch. Prima! Fein! Guten Appetit! Lass es dir schmecken!
Ein paar Stunden später, so gegen halb eins in der Nacht, bekomme ich plötzlich heftige Bauchschmerzen – und ein schlechtes Gewissen. Wenn ich mich weiter so ernähre, werde ich bestimmt zu dick.
PS: Das süße Häkelschwein gibt’s übrigens hier.
Der Schriftsteller Karl Kraus hat einmal gesagt: »Es gibt Frauen, die nicht schön sind, sondern nur so aussehen.« Natürlich trifft dieser Spruch auf Frauen und Männer gleichermaßen zu. Man wird diese Frauen und Männer, so meine Vermutung, wohl am häufigsten auf Schönheitswettbewerben antreffen können. In meinem Buch »111 Gründe, sich selbst zu lieben« habe ich dem Thema zwei Seiten gewidmet.
Als ich für den Text recherchierte, war ich überrascht, für was es alles einen Schönheitswettbewerb gibt. Da haben wir zum Beispiel die Wahl zur »Miss Plastic Surgery«, die Wahl zur Miss Schönheitsoperation, ein Wettbewerb, bei dem nur Damen mitmachen dürfen, die ihrem Aussehen künstlich auf die Sprünge geholfen haben. Nachzulesen ist dies in einem Stern-Artikel von Monique Berends, geschrieben im März 2007. Berends berichtet von einer Gewinnerin namens Feng Qian und mutmaßt, dass die Chinesin ihr Preisgeld von ca. 6.000 Dollar zwecks Titelverteidigung wohl gleich in eine neue Schönheits-OP investiert hat.
Vorgestellt werden in dem Stern-Artikel noch weitere außergewöhnliche Schönheitswettbewerbe. Unter anderem die Wahl zur »Miss International Queen« für Transvestiten (mit großem Finale in Thailand), die Wahl zum »Mr. HIV Positive Living« in Botswanas Hauptstadt Gaborone und die Wahl zur »Miss Fettkloß« in Pisa. Siegerin wurde Silvana Sergara mit satten 159 Kilogramm.
Des weiteren gibt es die Wahl zur »Miss Altersheim« in Veyrier bei Genf (Siegerin hier die über 70-jährige Leontine Vallade, die die Jury mit ihrem zauberhaften Lächeln überzeugte) und die Wahl zur »Miss Frühling«, an der man allerdings nur teilnehmen darf, wenn man wegen Drogendelikten oder anderen Straftaten im Frauenknast von Lima sitzt.
Wer es weniger sexistisch mag, kann in Italien an einem Schönheitswettbewerb für Nonnen teilnehmen. Wie auf www.jesus.de zu lesen war, belegt dieser Contest eindrucksvoll, »dass es nicht nur die Plastik-Schönheit im Fernsehen gibt, sondern auch ein keusches Ideal, das aus Herz und Seele kommt.« Was es bei diesem Wettbewerb zu gewinnen gibt, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen, ich vermute jedoch eine Reise nach Rom mit Audienz beim Papst.
Warum komme ich ausgerechnet jetzt auf dieses Thema? Ganz einfach. Ich bin vor ein paar Tagen bei Facebook auf eine neue Misswahl gestoßen, genauer gesagt: auf die Wahl zur Miss und zum Mister Book Fair. Ich finde, der Slogan der von Leander Wattig ins Leben gerufenen Initiative »Ich mach was mit Büchern« bekommt dadurch eine ganz neue Bedeutung. Der Twitterdienst der Frankfurter Buchmesse hat bereits auf den Wettbewerb aufmerksam gemacht.
Kollege Weyershausen und ich haben kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, uns zur Wahl zu stellen. Als große Buchmessenfans mit unseren zahlreichen Buchmessenrückblicken in diesem Blog hätten wir einiges in den Ring zu werfen. Doch wir müssen die netten Damen in der Jury, mit denen man, wenn ich es richtig verstanden habe, als Sieger ausgehen darf, leider enttäuschen.
So schwer es uns bei diesem attraktiven Hauptpreis fällt: Wir ziehen es vor, lediglich als Beobachter und Förderer an der Wahl zur Miss und zum Mister Book Fair teilzunehmen. Denn wir sind zwar schön, sehen aber nicht so aus (Beweisfoto siehe oben), und unsere Teilnahme an der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist leider noch nicht sicher. Außerdem halten wir es eher mit Eduard Mörike, der einmal gesagt hat: »Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.« Mit anderen Worten: Wir lassen uns gerne wählen, wählen uns aber nicht selbst, was ein »sich zur Wahl stellen« einschließt.
Als Autor eines Buches über Selbstliebe, also erwiesenermaßen als Experte auf diesem Gebiet, habe ich ein Gespür dafür bekommen, wann es ratsam ist, den eigenen Körper möglichst grazil auf die Bühne zu wuchten, und wann es besser ist, einer äußerst belesenen Konkurrenz, die nicht nur schön ist, sondern auch schön aussieht und ganz schön was kann, den Vorzug zu geben.
Natürlich möchten wir mit unserer Entscheidung niemanden davon abhalten, sich zur Wahl zu stellen. Im Gegenteil: Wir unterstützen diesen Wettbewerb. Die vielen hübschen Autorinnen und Autoren, die es nicht schaffen, für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nominiert zu werden, haben so endlich auch einmal die Chance, etwas zu gewinnen. Und die schönsten Büchermenschen auf einem Haufen zu sehen, das hat schon was. Deshalb möchten wir alle Leserinnen und Leser dieses Artikels, die was mit Buchmesse und Büchern zu tun haben, die selbstbewusst, charmant, sexy und belesen sind (egal in welcher Reihenfolge), dazu auffordern: Gebt der Wahl zur Miss und zum Mister Book Fair eine Chance! Zeigt Euch!
Aufstehen. Lesen. An den Strand gehen. Zeltmuschel aufbauen. Lesen. Ins Meer hüpfen. Lesen. Zeltmuschel abbauen. Fisch essen. Übers Leben nachdenken. Lesen. Schlafen. Und das alles 14 Tage lang. So ein Urlaub in Südspanien ist doch etwas Feines. Schade, wenn er vorbei ist.
Bei einem solchen Tagesablauf gibt es natürlich nicht viel zu berichten, außer dass ich mit dem Lesen von Kapielskis Gottesbeweisen und mehreren Murakami-Büchern bedenkliche Bildungslücken schließen konnte. Und dass ich eines Abends mit rund 80 spanischen Senioren in einem Strandlokal an der Costa Blanca vor einer komischen Leinwand saß und Bingo spielte. Man muss ja alles einmal ausprobieren. Um mitreden zu können und um Eindrücke zu sammeln, die man in den Geschichten verbraten kann, welche man hier im Blog und auf den hiesigen Lesebühnen vorzustellen gedenkt.
Die Sommerpause 2010 erkläre ich hiermit offiziell für beendet. Meine Kollegen und ich stehen schon wieder voll im kreativen Saft. Müssen wir ja auch. Denn mit der Braunschweiger Kulturnacht 2010 am 28. August steht für die bei wortmax beworbenen Künstler ein wichtiges Heimspiel an.
- Kollege Weyershausen und meine Wenigkeit werden in jener bewegenden Nacht unsere »111 Gründe« zum Besten geben. Ab 23.00 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters (U22). Musikalisch begleitet werden wir von der britischen Psychedelic-Rock-Legende Robert »Watson« Wood – solo an der E-Gitarre.
- Kurz vorher, ab 21.00 Uhr, werden Herr Klingenberg, Herr Burgwächter und Herr Schäfer das Café Riptide aufmischen – mit ihrer bundesweit erprobten Heavy-Metal Lesung Read’em all.
- An der Ferdinand-Brücke ist unsere liebe Freundin Julia Wally Wagner im Einsatz.
- Die Ateliersgemeinschaft Tatendrang-Design bietet eine Sonderausstellung und Theater.
- Hardy Crueger liest ab 20.15 Uhr am Bootssteg am Theaterpark aus seinen Okergeschichten.
- Und vor dem Thalia-Buchhaus präsentieren Stefan Jakobs & Co. aus Helmstedt ihre arbeitsmarktpolitisch-mathematische Perfomance »1EDV – Die 1 Euro Datenverarbeitung«.
Das ganze Programm zur Braunschweiger Kulturnacht 2010 findet Ihr hier.
Sollten wir alle unversehrt durch diese Nacht kommen, bleibt uns nicht viel Zeit zum Ausruhen. Denn am Freitag, den 10. September, beendet auch unsere Lesebühne »Bumsdorfer Auslese« ihre Sommerpause.
Auskommen müssen wir ohne Wiebke Saathoff und MarcD. aus W., die an diesem Abend ausnahmsweise einmal Wichtigeres zu erledigen haben. Dafür hat unser Chef-Organisator Herr Klingenberg mit Christian Friedrich Sölter aus Hannover wieder einen hochkarätigen Gast für unsere Auftrittsreihe in der KaufBar shanghaien können. Das Thema des Abends lautet: Ringelpiez und Eurythmie. Was jeder von uns darunter versteht, wird man sehen und hören.
Also, es gibt viel zu tun. Lassen wir es und uns nicht länger herumliegen!

»Schlaf ist eine Unhöflichkeit gegenüber der Nacht«, schrieb einst der deutsche Aphoristiker Hans Kudszus. Ich adaptiere diese komische Feststellung mal für mein Urteil über Jahreszeiten: »Der Winter ist eine Unhöflichkeit gegenüber den Rest des Jahres«. Zum Glück ist er jetzt vorbei, der Winter, nicht der Rest des Jahres.
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