Soundtracks aus den Swinging 70s

Weyershausen am 15. August 2011 in Plattenkiste

notenEs gab eine Zeit, in der Filmmusik nur richtigen Enthusiasten vorbehalten war, die in Spezialkatalogen und auf Börsen zerkratzten Tonträgern hinterherjagten. Der Rest musste sich mit dem zufrieden geben, was man in einschlägigen CD-Abteilungen fand. Das war meist Musik aus Filmen von Steven Spielberg und George Lucas oder Klassiker wie »Lawrence von Arabien«. Viel mehr gab es nicht.

Jahrelang war ich zum Beispiel auf der Suche nach dem Soundtrack von »Citizen Kane« – ohne Erfolg. Dank des Internets findet man heute selbst die obskursten Kompositionen. Dank YouTube kann man sogar die Bilder dazu sehen.

Get Carter

Einer der besten Gangsterfilme überhaupt ist »Get Carter« (1971), mit Michael Caine in der Rolle eines abgeklärten Kriminellen, der in seine Heimatstadt Newcastle zurückkehrt, um mit den Mördern seines Bruders abzurechnen. Die jazzige Musik von Roy Budd geht einen nicht mehr aus den Kopf. Als Sylvester Stallone 2000 ein völlig überflüssiges Remake auf die Menschheit losließ, war auch eine verhunzte Version von Budds Soundtrack dabei. Bäh!

Bombay Talkie

Shankar Jaikishan ist zwar nicht so bekannt wie John Williams, doch seine Musik für den Film »Bombay Talkie« (1970) von James Ivory ist unvergesslich. Das fand wohl auch das einstige Indie-Wunderkind Wes Anderson und recycelte sie kurzerhand in seinem Streifen »The Darjeeling Limited« (2008). Das Schönste an der Eröffnungssequenz sind die kitschigen Plakate, auf denen die Credits abgebildet sind.

The Wind And The Lion

So unterhaltsam kann die Nahost-Problematik sein: »Der Wind und der Löwe« (1975) ist ein Film, der zwar sensationell aussieht, im Grunde aber nur zwei Dinge vorweisen kann, die ihn wirklich sehenswert machen: Sean Connery und die Musik von Jerry Goldsmith, der sich hier selbst übertraf. Die Musik hält all das, was der Film lediglich verspricht. Neben einer furiosen Eröffnung gibt es auch was fürs Herz. Hier der Originaltrailer.

Les Mariés de L’an 2

Der deutsche Titel dieses Films lautete »Musketier mit Hieb und Stich« (1971). Da ist den Übersetzern wohl mal wieder das Wörterbuch ins Klo gefallen. Die DDR-Synchronfassung ist wie so oft besser. Heute ist er leider fast vergessen. Zu Unrecht: Es war einer der letzten guten Filme Jean-Paul Belmondos, der sich in den Siebzigern fast nur noch auf halbgare Krimis verlegte, in denen er über Dächer kletterte und sich an Hubschrauber hängte. Komponist Michel Legrand steuerte einen tollen Soundtrack bei, der die Zeit der französischen Revolution heraufbeschwört.

Breakheart Pass

1975 schien Jerry Goldsmiths großes Jahr zu sein. Nicht nur, dass er mit der »Wind und der Löwe« eine seiner besten Kompositionen abgeliefert hatte. Mit »Nevada Pass« (dt. Titel) legte er einen drauf, indem er einem ziemlich behäbigen Streifen allein durch die Musik etwas Leben einhauchte. Der unentschlossen zwischen Western und Kriminalgeschichte schwankende Film mit Charles Bronson ist zwar kein Klassiker, doch zumindest ganz passabel.

La Nuit Américane

Regisseur François Truffaut und Komponist Georges Delerue gehörten zu den Traumpaaren des Kinos. Truffauts Klassiker »Schießen sie auf den Pianisten« und »Jules und Jim« wären ohne Delerues Musik einfach undenkbar. Besonders bei »Die amerikanische Nacht« (1973), in der Truffaut typische Szenen bei den Dreharbeiten eines Films beschreibt, konnte der Komponist glänzen. Hier die berühmteste Passage. Truffauts Kollege Godard fand den Film verlogen: »Jeder weiss doch, dass der Regisseur mit der Hauptdarstellerin schläft«.

100 Jahre Belmondo

Weyershausen am 14. April 2008 in Screenshot

Jean Paul Belmondo, Leinwandidol der 60er, 70er und 80er, feierte jüngst einen runden Geburtstag. Der von mir hochverehrte Georg Stefan Troller bemerkte einmal, dass der späte Belmondo mit seiner permanenten Sonnenbräune und den weißen Haaren aussähe, »wie ein Cappuccino mit Sahnehaube«.

In den 80ern drehte der Schauspieler hauptsächlich flache Actionfilme, wie zum Beispiel »Das As der Asse«, »Der Profi 2« oder »Der Außenseiter«. In fast jedem der späteren Filme gibt es eine Szene, in der Belmondo an einer Strickleiter zu einem Hubschrauber hochklettert. Ohne Stuntman. So etwas war damals eine Sensation. Lustig auch die Filmplakate, auf denen Belmondo meist grimmig blickend mit einer dicken Wumme auf den ängstlichen Betrachter zielte. Seltsames Jahrzehnt!

Dabei war er in jüngeren Jahren wirklich cool. »Außer Atem«, »Der Teufel mit der weißen Weste«, »Abenteuer in Rio«, »Ein Affe im Winter« – alles Klassiker, die auch heute noch begeistern. Belmondo konnte damals sämtliche Hollywoodstars locker in die Tasche stecken.

Neulich gab es den gut abgehangenen Belmondo-Reißer »500.000 Dollar unter der Sonne«, um zwei LKW-Fahrer in Afrika, der so spannend war, dass ich bis drei Uhr morgens vor der Glotze hockte, um am nächsten Tag völlig übermüdet zu einem Termin zu stolpern. Trotzdem: Ich bereue nichts!

Irgendwann beschloss der gute Mann, nur noch Actionheld zu sein. Als das nicht mehr funktionierte, wechselte er zum Theater. Während er in Frankreich immer noch eine Legende ist, verschwand er bei uns spätestens da in der Versenkung.

Zum Schluss machte Belmondo hauptsächlich wegen der jungen Luder an seiner Seite Schlagzeilen, die locker seine Enkelinnen sein könnten. Stets etwas overdressed und mit mächtigen Goldkettchen behängt, bot der alternde Frauenheld schon einen zwiespältigen Anblick. Wahrscheinlich bin ich aber nur neidisch.

Auf die nächsten 100!