Unnützes Wissen

Weyershausen am 1. Oktober 2012 in HiStory

confidentialWussten Sie schon, dass John Wayne das Dach seines Autos ein paar Zentimeter anheben ließ, damit er hinterm Steuer seinen Cowboyhut tragen konnte? Irgendwann wird mir dieses Wissen vielleicht die entscheidenden Punkte bei Trivial Pursuit bringen. So hoffe ich zumindest.

Auf der anderen Seite: Es gibt Dinge, die ich vielleicht lieber gar nicht gewusst hätte. Wenn Marilyn Monroe zum Beispiel von Depressionen heimgesucht wurde und ihre Periode hatte, vergaß sie oft Tampons zu benutzen – was einen unschönen Eindruck bei ihren Besuchern hinterließ.

Kein Wunder, wieso es zwischen Frank Sinatra und ihr nicht klappen konnte, obwohl die beiden eine kurze Liebschaft verband. Der Sänger war nämlich so pedantisch, dass er schon eine neue Hose anzog, wenn sie nach längerem Sitzen Falten bekam. Zudem sprang er mindestens vier Mal am Tag unter die Dusche, während die etwas nachlässige Diva wohl eher vier Tage verstreichen ließ, um etwas Wasser und Seife an ihre Haut zu lassen. So erzählt es zumindest Sinatras ehemaliger Diener in seiner Autobiografie.

Ich liebe Biografien. Besonders von exzentrischen Persönlichkeiten, die ein spannenderes Leben führten als ich. Wie zum Beispiel die Autobiografie von Keith Richards, in der er erzählte, wie er völlig zugedröhnt mit seinem kleinen Sohn Auto fuhr und dabei fast einen fatalen Unfall baute. Jeder andere wäre nach Erscheinen des Buches von der Presse als verantwortungsloser Vater an den Pranger gestellt worden. Nicht Richards. Offenbar genießt er inzwischen absolute Narrenfreiheit. Das ausgerechnet der wilde »Keef« ein begeisterter Pfadfinder war, gefiel mir bei seinen Erinnerungen am besten.

Auch wenn sich Biografien im allgemeinen zwischen kritikloser Heldenverehrung und skandalträchtiger Hinrichtung bewegen, das ist mir das egal. Autobiografien sind sogar noch schlimmer. Wer zum Beispiel wissen möchte, wieso sich Dean Martin und Jerry Lewis getrennt haben, bekommt von diversen Chronisten gleich mehrere Versionen aufgetischt, wobei gerade die Memoiren von Jerry Lewis höchst revisionistisch sind. Doch was ist Wahrheit? Gibt es sie überhaupt?

Auch wer die Wahrheit über William Shakespeare oder Oscar Wilde erfahren möchte, sollte besser gleich zu mehreren Büchern greifen, um sich seinen eigenen Reim darauf zu machen. Die Wahrheit ist anscheinend sehr flexibel. Biografien lesen ist wie Detektivarbeit und Psychoanalyse.

Natürlich wird man gerade in Biografien mit schrägen Anekdoten belohnt, wie bei Carrie Fisher, die in ihrem Buch »Wishful Drinking« von ihrem Vater erzählt, der eines Tages seine ultra-winzigen Hörgeräte verschluckte, weil er sie irrtümlich für Tabletten hielt. Solche Geschichten sind natürlich banal, platt und völlig unwichtig.

Ein wenig schäme ich mich schon dafür, meine Zeit mit solchen Büchern zu verplempern, statt meine immensen Bildungslücken mit großer Literatur aufzufüllen. Andererseits könnte sich mein unnützes Wissen als nützlich erweisen, um die Zeit zu überbrücken, falls ich mal in einem Fahrstuhl feststecke oder in Geiselhaft gerate. Unnützes Wissen ist immerhin besser als gar keines. So hoffe ich zumindest.

Klatsch As Klatsch Can

Weyershausen am 23. August 2010 in Befindlichkeiten

confiEin wenig rümpfe ich schon die Nase, wenn ich in der Schlange im Supermarkt anstehe und am Zeitschriftenstand diverse Klatschblätter sehe. Fragen wie »Lügt Liliana Matthäus?«, »Kachelmann: Opfer einer Verschwörung?« oder »Startet Mehrzad Marashi jetzt ohne Dieter Bohlen durch?« scheinen Millionen von Menschen zu bewegen. Doch selbst wenn ich die Nase rümpfe: Warum überfliege ich diese Schlagzeilen, statt mir die Sonderangebote im Nebenregal anzuschauen?

Ich gebe es nur ungern zu, aber: Auch ich liebe Klatsch. Aber hallo! Allerdings sind mir Mette-Marit und Konsorten piepschnurz, denn am liebsten mag ich ganz alten Klatsch, für den sich heute kaum jemand interessiert. Den fördere ich in alten Biografien zutage, die ich geradezu verschlinge. Ein schönes Beispiel sind die Erinnerungen der Bravo-Korrespondentin Frances Schoenberger, die bei einem Treffen mit John Lennon hauptsächlich über Haarprobleme und Diäten mit ihm palaverte. Statt mit bewusstseinserweiternden Drogen experimentierte Lennon damals gerade mit einem Lockenstab, um die dünner werdende Mähne aufzufüllen.

Legenden sind halt auch nur Menschen, denkt sich da der Leser. Gut zu wissen, so was. Von hohem Informationsgehalt war auch jene Stelle in den Memoiren von Jerry Lewis, in der er explizit schilderte, wie sein damaliger Partner, der Schmusesänger Dean Martin, das Gemächte des jungen Komikers nach Filzläusen absuchte. Sehr appetitanregend finde ich auch die Geschichte von Shirley MacLaine, die Plätzchen für Robert Mitchum buk, um so sein Herz zu erobern. Allerdings hatte sie als eine Art »Liebeszauber« ihre klein gehackten Schamhaare in den Teig hinein gerührt. Ohne durchschlagenden Erfolg übrigens.

Wenn wir schon bei den niederen Körperregionen sind. Andy Warhol trug zu Lebzeiten stets ein Aufnahmegerät in der Jackentasche. Viele Privatgespräche, die er auf Parties mit Prominenten führte, landeten in seinem Magazin »Interview«. Da die Größen in Kunst und Showbusiness in Warhol einen Freund sahen, plauderten sie frei von der Leber weg – nur um ihre geistigen Ergüsse ungefiltert in Warhols Magazin wiederzufinden. Mick Jagger hätte sonst wohl sicher nicht so freimütig von seinen Hämorrhoiden erzählt.

Mein liebstes Klatschbuch ist »Personenbeschreibung« von Georg Stefan Troller, wo das Banale neben dem Hellsichtigen steht. In diesem wunderbaren Tagebuch skizziert Troller in knappen Sätzen die Persönlichkeiten, die in einem langen Journalistenleben seinen Weg kreuzten. Ezra Pound, Roman Polanski, Jean-Paul Sartre, Alain Delon und Woody Allen – sie alle werden mit gnadenlosem Auge seziert. Am schönsten ist das Portrait von Muhammad Ali.

Enttäuschend dagegen ist »Karambolagen« von Hellmuth Karasek, in dem man nachlesen kann, wem der knautschige Kulturbeutel so die Hand geschüttelt hat. Ein Leben im Dunstkreis der Reichen und Berühmten lässt wohl auch auch das eigene Dasein wichtiger erscheinen. Die Einsichten, die Karasek hierbei gewann, haben die Tiefe eines Schlagertextes von Michael Wendler. Da bekommt der Stempelaufdruck »Mängelexemplar«, der mein Exemplar ziert, eine ganz neue Bedeutung.

Die letzte Biografie, die ich in einem Rutsch weggelesen habe, handelt vom legendären Regisseur John Ford, der selbst einem harten Macker wie John Wayne so zusetzen konnte, dass dieser auf dem Set heulte wie ein Baby. Aber der Mann hatte auch Humor. Meine Lieblingsstelle: Ford auf der Beerdigung eines alten Freundes zum Charakterdarsteller Andy Devine: »Jetzt bist DU das größte Arschloch, das ich kenne!«

Eine wichtige Sache ist mir beim Lesen solcher Bücher allerdings klar geworden: Die spannendsten Lebensgeschichten sind immer die tragischen. Deshalb sollte man froh sein, wenn das eigene Leben möglichst langweilig dahinplätschert. Zumindest sollte man für seine eigene Biografie eines beherzigen: Es ist es immer besser, ein verkannter Millionär zu sein als ein verkanntes Genie.

Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 9

Weyershausen am 2. Februar 2010 in Netzball

DatenautobahnNatürlich interessiere ich mich auch für die Gegenwart, doch oft übt die Vergangenheit eine viel größere Faszination auf mich aus. Gerade in den Wintermonaten, in denen das kalte Wetter geradezu zum Herumstöbern im Internet einlädt. Große Männer wie Groucho Marx, Orson Welles oder John Huston, wo gibt es die noch? Oder welche Frauen können mit Karen Dinesen oder Katherine Hepburn konkurrieren?

Außergewöhnliche Menschen scheint man heutzutage nur in der Vergangenheit anzutreffen. Wir armen Seelen, die unsere traurige Existenz in der Gegenwart fristen, müssen uns mit Dieter Bohlen und Lady Gaga begnügen. Doch wie Humphrey Bogart sagen würde: »Uns bleibt ja immer noch Paris … Hilton.« Hier also wieder einige interessante Fundstücke aus der Vergangenheit.

Rackhams Recken

Der ehemalige Journalist Arthur Rackham war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Illustratoren Englands. Die prächtigen Zeichnungen, die er für »Peter Pan«, »Alice im Wunderland« oder den »Sommernachtstraum« schuf, gerieten in späteren Jahren leider in Vergessenheit. Vielen waren sie nicht mehr zeitgemäß genug. Dabei haben Rackhams Zeichnungen etwas geradezu Visionäres. Besonders die Illustrationen, die er 1910 zu Richard Wagners Epos »Der Ring des Nibelungen« zu Papier brachte, zählen mit zum Schönsten, was ich je gesehen habe.

Steinalte Stories

Wer sich für die legendären Marx-Brothers interessiert, findet auf der Seite »Marx Out of Print« steinalte Zeitschriften-Artikel und Interviews mit den Kult-Komikern, die bis ins Jahr 1937 zurückreichen. Darunter das Buch-zum-Film von »Eine Nacht in Casablanca« (1946) und einen interessanten Bericht über Harpos letzten Auftritt. Meist steht allerdings Groucho im Mittelpunkt des Interesses. Einige der Scans sind zwar eine Zumutung, doch einem geschenkten Gaul sollte man nicht ins Maul schauen.

Kommunikativer Komiker

In seinen letzten Lebensjahren traf man Filmkomiker Stan Laurel wohl meist vor seiner elektrischen Schreibmaschine sitzend an. Damals lebte er fast vergessen in einem bescheidenen Apartment in Santa Monica. Nur Jerry Lewis schickte ihm regelmäßig seine aktuellen Drehbücher, damit Stan Verbesserungsvorschläge machen konnte. Allerdings bekam auch jeder andere, der Laurel einen Brief schickte, garantiert eine Antwort. So entstanden tausende von Briefen, die er für Fans und Freunde tippte. Immerhin 927 dieser Dokumente kann man Online lesen. Liebevoll wurden sie vom Webdesigner nachempfunden. Sogar mit dem jeweiligen Briefpapier, das jeweils in einem gesonderten Link abrufbar ist. In seinen Briefen erzählte Laurel Tiefschürfendes, Banales und natürlich viel über seine Zeit mit Oliver Hardy. Für Fans ein Muss.

Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 8

Weyershausen am 25. Januar 2010 in Netzball

DatenautobahnSeltsamerweise scheinen viele Leute zu denken, ich verbringe meine gesamte Freizeit vorm Computer, um die Links, die ich hier in regelmäßigen Abständen präsentiere, aufzutreiben. Keine Angst: In Wahrheit sind es nur wenige Seiten, die ich regelmäßig besuche, um interessante Dinge zu entdecken. Und das dauert meist nur eine Kaffeetassenlänge.

Was mich interessiert? Natürlich das Abseitige, das Schräge und das fast Vergessene. Kuriose Radiohörspiele, Musik jenseits der Charts, ungewöhnliche Bücher, seltene Filmdokumente und alte Comics. Hier sind wieder ein paar Beispiele:

Prollige Plakate

Obwohl die Streifen, die mit ihnen beworben wurden, niemals meine Augäpfel besudeln werden, liebe ich alte C-Film-Plakate. Lächerliche Aliens, abgehalfterte Stars und natürlich jede Menge lasterhafter Frauenzimmer – all das findet man auf der »Wrong Side Of The Art«, eine Sammlung der »schlimmsten« Filmplakate aller Zeiten. Nur dort reichen sich Trash, billiger Sex und unfreiwillige Komik die Hand. Wer über einen starken Magen und den entsprechenden schlechten Geschmack verfügt, kommt hier garantiert auf seine Kosten.

Clevere Comicer

Wer wissen möchte, was die Comic-Legenden Stan Lee, Jack Kirby, Will Eisner und Jim Steranko 1975 auf der »San Diego Comic Convention« zu sagen hatten, sollte hier reinhören. Wie immer war ein findiger Fan an Ort und Stelle, um die Weisheiten der Comic-Gurus für die Nachwelt festzuhalten. Auch der Schriftsteller Ray Bradbury war in jenem güldenen Jahr vor Ort, um über seine Liebe zu den bunten Bildern zu schwadronieren. Die Freunde des Groben können hingegen den Worten des damals blutjungen Karate-Holzhackers Chuck Norris lauschen. Allerdings sollte man nicht zu viel erwarten. Die Gespräche jener Herrschaften haben leider nur die Tiefe einer handelsüblichen Sperrholzplatte.

Flennende Filmemacher

Einer der größten Unfälle der Filmgeschichte, war der nie aufgeführte Streifen »Der Tag, an dem der Clown weinte« von und mit Jerry Lewis, in dem der Komiker einen erfolglosen Clown spielt, der im KZ landet, um dort seine wahre Berufung zu entdecken. Der 1972 gedrehte Film landete aufgrund von Rechtstreitigkeiten im Giftschrank. So blieb die erste KZ-Komödie Roberto Begnini vorbehalten. Die Wenigen, die einen Rohschnitt gesehen haben, halten ihn für eine der größten Geschmacklosigkeiten aller Zeiten. Jerry dagegen erhoffte sich damit ein Comeback. Die einzige Kopie befindet sich heute im Tresor von Mr. Lewis. Neugierige, die mehr über diesen berüchtigten Film erfahren wollen, sollten hier reinschauen.

Sensationelle Seiten

Die Mutter aller Unterhaltungsblätter war die amerikanische Wochenzeitschrift LIFE. Wer dort auf dem Titelbild erschien, hatte es im Showbusiness geschafft. »Stern«, »Bunte« und »Quick« versuchten im Nachkriegsdeutschland mehr oder weniger erfolgreich, das Konzept zu kopieren. Vier Jahrzehnte versorgte die Zeitschrift ihre Leserschaft mit erstklassig geschriebenen Reportagen, sensationellen Fotos und ganz viel Klatsch: Von den (damals) aktuellen Filmen der Marx-Brothers, dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu Marilyn Monroe und der Mondlandung. Im Internet kann man nun kostenlos das komplette Archiv des legendären Magazins nutzen – inklusive Suchfunktion. Wer Zeitgeschichte hautnah erleben oder einfach nur schmökern möchte, ist hier goldrichtig.

Stimmen aus der Vergangenheit

Weyershausen am 13. Januar 2010 in HiStory

Billige Groucho ImitationSeit Weihnachten hocke ich fast jeden Tag mehr als zehn Stunden vor dem Rechner, um die Farben meiner alten Cartoons zu ändern.

Damit die Hirnzellen bei solch stumpfsinniger Tätigkeit nicht vollends absterben, höre ich dabei seit einigen Tagen alte Aufzeichnungen aus der goldenen Zeit des amerikanischen Radios (die 30er und 40er Jahre). Woody Allen hat dieser Ära in seinem Film »Radio Days« ein wunderbares Denkmal gesetzt.

Es ist schon merkwürdig, die Werbung jener Jahre, die Witze über Lebensmittelmarken und die patriotischen Aufrufe zu hören. Gerade während des Zweiten Weltkriegs war das Radio das Medium, das alle miteinander verband. Die Macher jener Sendungen waren damals ebenso bekannt wie Filmstars. Folgerichtig traten viele Filmstars auch im Radio auf, um ihre Popularität zu steigern. Für Wortakrobaten wie Jack Benny, Bob Hope und Groucho Marx war es die ideale Plattform, um sich auszutoben.

Buchadaptionen, Quizshows, Sitcoms und viel Musik natürlich – alles, was man heute im Fernsehen sieht, konnte man auch damals live im Radio erleben. Nur damals waren die Ideen tatsächlich neu. Das Fernsehen war es auch, das jener goldenen Epoche ein Ende bereitete. Schade, denn vieles, was den Radiohörern vor siebzig Jahren geboten wurde, ist weitaus unterhaltsamer, als die monotone Unterhaltungspampe unserer Fernsehsender. Das Fernsehen sei eine »Phantasieprothese« las ich neulich. Ich denke eher, dass es uns alle erst zu »Phantasiekrüppeln« macht.

Der König des Radios war Multitalent Orson Welles. Mit dem legendären Hörspiel »Krieg der Welten« versetzte er ganz Amerika in Angst und Schrecken. Selbst Hitler ging in einer Rede auf dieses Ereignis ein. Bevor Welles nach Hollywood verschwand, um sein Meisterwerk »Citizen Kane« zu drehen, war er Woche für Woche mit seinem »Mercury Theatre On The Air« (später das »Campbell Playhouse«) in den amerikanischen Wohnstuben zu Gast, um klassische Theaterstücke, Filme oder populäre Romane fürs Radio zu adaptieren. Welles’ Bildungsprogramm war dabei alles andere als langweilig, denn er und seine Truppe waren, wenn es sein musste, hemmungslose Schmierenkomödianten, die vor nichts zurückschreckten. Als Gastmoderator der »Jack Benny-Show« konnte Welles hingegen beweisen, dass er auch komisch sein konnte. Im Museum Of Orson Welles findet man etliche Sendungen aus jener Schaffensperiode des Meisters.

Die wortgewaltigste und schillerndste Figur des Radios war zweifelsohne Groucho Marx. Als die Filmkarriere der Brüder Marx in den Vierzigern abebbte, startete der geschäftstüchtige Groucho eine lange Solokarriere als Quizmaster. Allerdings war »You Bet Your Life« keine altbackene Sendung mit dauergrinsendem Moderator, wie wir sie heute kennen. Groucho benutzte seine Gäste eher wie heute Kurt Krömer: als Stichwortgeber – nur viel, viel witziger. Später, als das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, wechselte er das Medium und hatte auch dort über viele Jahre immensen Erfolg. Einige seiner komischsten Radiosendungen findet man hier.

Bevor Dean Martin und Jerry Lewis die Leinwand eroberten, konnten sie 1948 ihre Familientauglichkeit in einer (recht formelhaften) Radiosendung perfektionieren. Bis dahin traten sie mit wesentlich zotigerem Material hauptsächlich in Nachtclubs auf. Das Interessanteste an ihren Sendungen waren die illustren Gaststars, die sich Woche für Woche die Klinke in die Hand gaben: Marlene Dietrich, Boris Karloff, Frank Sinatra und Burt Lancaster sind nur einige von ihnen. Wer Jerry Lewis jedoch im Original gehört hat, kann verstehen, dass die Hälfte der Amerikaner ihn am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Hier einige Episoden.

Selbst Stan Laurel und Oliver Hardy versuchten sich während ihrer letzten Jahre in Hollywood an einer eigenen Sendung. Doch ihre Popularität in Amerika war damals auf dem Tiefpunkt. So entstand lediglich eine Pilotsendung mit dem Titel »Mr. Slater’s Poultry Market« (1943), in der unsere Freunde mit zwei Profikillern verwechselt werden. Unglücklicherweise ist der Humor dieser Sendung genau so nett und harmlos wie in ihren letzten Filmen. Die Komik von Mr. Laurel und Mr. Hardy ist nun mal zum großen Teil rein visueller Natur und daher fürs Radio nur bedingt geeignet. Trotzdem bleibt es ein nettes Fundstück, das über Jahrzehnte als verschollen galt.

Der King of Comedy

Weyershausen am 29. November 2009 in Screenshot

kingofcomedy_xmasVor einiger Zeit schrieb ich an dieser Stelle über »Dean & Me« von Jerry Lewis. In diesen Buch erzählte Lewis von dem schwierigen Verhältnis zu seinem einstigen Partner Dean Martin, mit dem er zehn Jahre lang der heißeste Act im Showgeschäft war. Auf der Bühne gab Jerry den Spaßvogel, während Dean den Stichwortgeber spielte. Privat waren die Rollen genau andersherum verteilt. Lewis sprach, wenn er seine Rolle als Trottel abgelegt hatte, von sich selbst stets in der dritten Person und hielt sich für ein Genie, während sich Martin nach Aussagen seiner Freunde nie besonders ernst nahm und eine unglaubliche Schlagfertigkeit bewies. Trotz all seiner Schwächen als Mensch brachte Lewis die Menschen jedoch zum Lachen. Für mich war er lange Zeit noch witziger als Didi Hallervorden. Doch damals war ich erst zwölf …

Kariöse Komiker

Viel witziger als die frühen Filme des Duos war ihre Fernsehshow, die »Colgate Comedy Hour«. Hier ließen Dean und Jerry, so ganz ohne festes Drehbuch, ihren Improvisationstalenten einfach freien Lauf. Fast so, wie sie es auf der Bühne taten. In den Filmen verkümmerte Martin nur zu oft zum braven Schnulzenheini. Ein Grund, wieso ihre Partnerschaft später in die Brüche ging.

Gag-Recycling

The Typewriter, eine der berühmtesten Nummern Jerrys, hatte ihren Ursprung in der »Colgate Comedy Hour«. Ein Jahrzehnt später brachte Lewis den Sketch rein pantomimisch in seinem Film »Der Ladenhüter«. Humor ist zwar vergänglich, aber auf der anderen Seite: Man sollte nichts wegwerfen, was funktioniert.

Knutschende Kumpels

Nachdem Jerry und Dean fast zwanzig Jahre kein Wort miteinander gewechselt hatten, brachte Frank Sinatra das Paar 1976 wieder zusammen – live und im Fernsehen. Jerry war davon so überrumpelt, dass er trotz laufender Kameras Sinatra fast unhörbar als Hurensohn bezeichnete. Mehr als zehn Jahre später revanchierte sich Lewis und überraschte Martin zu seinem 72. Geburtstag live auf einer Bühne in Las Vegas. Es sollte ihr letztes Zusammentreffen bleiben.

Solo-Talent

Jerry, was haste Dir verändert! In späteren Jahren legte Lewis die Rolle des liebenswerten Trottels ab und entwickelte auf der Bühne eine zuweilen recht aggressive Komik. Vom Charme der frühen Filme ist nichts mehr geblieben. 1984 hatte Lewis mehr Tiefen als Höhen durchschritten. Inzwischen hatte ihn eine neue Generation von Comedians längst abgelöst. Doch Jerry blieb immer am Ball. Selbst heute noch. Vielleicht ist er ja wirklich der King of Comedy … gleich hinter Didi Hallervorden, natürlich!

30 Jahre Talkshow

wortmax am 17. Juli 2005 in Screenshot

remoteIch war ein kleiner Junge und konnte noch kein Wort Englisch, als ich zum ersten Mal mit dem Begriff »Talkshow« konfrontiert wurde. Das war Anfang/Mitte der 70er Jahre. Ich studierte damals in einer Fernsehzeitung das Spätabendprogramm, das ich noch nicht sehen durfte, und rätselte darüber, was mit »talk« wohl gemeint sein könnte.

Was Shows sind, war mir bekannt. Die von Jerry Lewis und Dean Martin waren echte Highlights im ZDF-Nachmittagsprogramm der 70er. Nur mit dem Wörtchen »talk« konnte ich nichts anfangen, ebenso wenig mit dem Namen Reinhard Münchenhagen. Er war der Talkmaster, und ich stellte ihn mir vor als eine Mischung aus Jerry Lewis und Dean Martin – Kinderlogik.

Letzte Nacht sah ich auf WDR den ersten Teil einer Dokumentation über 30 Jahre Talkshow im deutschen Fernsehen. Inzwischen weiß ich natürlich, was eine Talkshow ist. Die Leute, die in der Doku zu Wort kamen, hatten es mir 30 Jahre lang vermittelt. Von Schönherr bis Schlingensief. Obwohl ich mit Talkshows nicht mehr viel anzufangen weiß, seitdem jeder in einer solchen auftreten kann und sie zu 95 Prozent von Johannes B. Kerner moderiert werden, hat mir der Streifzug durch die Geschichte des deutschen Fernsehens gefallen.

Besonders die Äußerungen von Roger Willemsen, der meines Erachtens rechtzeitig erkannt hat, dass Talkshows in zu großen Mengen und auf Dauer in einem nicht unerheblichen Umfang verblöden. Ganz gleich, ob man lethargisch vor der Kiste sitzt oder schwafelnd darin.

Den zweiten und dritten Teil der Talkshow-Dokumentation werde ich mir jedenfalls nicht entgehen lassen. Nur um mir bestätigen zu lassen, dass es besser ist, sich Talkshows nur dann anzusehen, wenn darin Leute etwas erzählen, die auch etwas zu erzählen haben.