Die Bravo war auch in meiner Jugend eine nicht wegzudenkende Institution. Es gab zwar andere Teenie-Magazine, doch keines dieser Konkurrenzprodukte konnte mit Kult-Sexualkundler Dr. Sommer aufwarten – und noch wichtiger: Nirgendwo sonst gab es einen »Starschnitt«.
Zuerst begegnete mir der Bravo-Starschnitt in Form des schnauzbärtigen Olympiagewinners Mark Spitz, der mit seiner knappen Badehose und den sieben Goldmedaillen, die vor seinem Waschbrettbauch baumelten, an der Kinderzimmertür der Nachbarstöchter pappte. Ich war tief beeindruckt. So etwas musste ich auch an meiner Tür haben. Es gab nur ein Problem: Meine Eltern duldeten keine Poster von den subversiven Elementen, die sich in der Bravo tummelten.
Doch schon damals war ich der Auffassung, dass alle Erwachsenen doof sind. Wie Jesse James, Al Capone und Pippi Langstrumpf machte ich meine eigenen Gesetze. Eines Tages, als meine Eltern gerade unterwegs waren, schnappte ich mir die alten Bravos meiner großen Schwester, schnippelte gewissenhaft alle 18 Teile des darin enthaltenen Starschnitts heraus und klebte sie an meine Tür. Allerdings nicht mit Tesafilm, wie unsere Nachbarstöchter bei Mark Spitz, sondern mit einer dicken Schicht Klebstoff. Meine Eltern waren begeistert. Ich hatte ganze Arbeit geleistet: Der Starschnitt war einfach nicht zu entfernen, zumindest nicht ohne dass die Lackierung der Tür Schaden nahm.
Irgendwo kann ich die Reaktion meiner Eltern verstehen. Die Person, die an meiner Tür klebte, war nämlich kein freundlich grinsender Bademeister, sondern Leder-Luder Suzi Quatro, die ich aus irgendeinem Grund »oberhammeraffenknorke« fand – und das, obwohl ich damals erst zehn Jahre alt war. Suzi Q hatte gerade drei Hits in Folge gelandet, was selbst mich beeindruckte. Sie trug damals ausschließlich enge schwarze Lederoveralls (mit nix drunter!), lümmelte bei Fotoshootings bevorzugt auf dicken Motorrädern herum oder markierte die harte Rockerbraut.
Zunächst war ich jedoch enttäuscht, denn ich witterte Betrug, da Suzi kaum größer war als ich. Von wegen lebensgroß! Das mickrige Persönchen, das mich da von der Tür aus anblickte, reichte trotz Plateausohlen selbst meiner Mutter gerade an die Schulter. Erst später las ich, dass es kein Druckfehler war, sondern Zwergenwuchs. Suzi maß nämlich lediglich zarte 1,51 Meter.
So begleitete mich Leder-Suzi durch die Siebziger. Es war kein Zufall, dass meine allererste Schallplatte Ms. Quatros Hitsingle »Daytona Demon« war, auf deren Cover sie – ganz Domina – mit zwei riesigen Doggen auf einem Schrottplatz posierte. Kurz danach verschwand sie in der Versenkung. Dank des hartnäckigen Klebers blieb mir die Musikerin aus Detroit indes bis zum Ende meiner Schulzeit erhalten. Jeden Morgen war sie das Erste, was ich erblickte. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Selbst an ihr Tattoo – einen kleinen Stern, den sie oberhalb des rechten Handgelenks trug – kann ich mich erinnern.
Schließlich musste Suzi einer schnöden Dartscheibe weichen. Doch wie bei jeder bedeutenden Beziehung, war auch unser Abschied mit Schmerz verbunden. Bei meinen Bemühungen das vergilbte Papier mit dem Spachtel zu entfernen, schnitt ich mir die Handfläche auf. Und wie jede große Liebe hinterließ Suzi Spuren: Noch heute, fast drei Jahrzehnte später, kann man ihre Schemen auf der Holztür zu meinem alten Zimmer erkennen.

Letzte Kommentare