Erst neulich fiel mir wieder mal auf, wie vergänglich doch alles ist. Als vor ein paar Wochen der britische Kriminalschriftsteller Peter O’Donnell das Zeitliche segnete, griff ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit zu seinen Büchern, die in der hintersten Ecke meines Regals verstauben. Vor etwa zwanzig Jahren war ich einmal ein großer Fan seiner Heldin Modesty Blaise. Jetzt waren mir Druckerzeugnisse mit markigen Titeln wie »Ein Gorilla für die Lady« und »Die Lady lässt es blitzen« eher peinlich. Die deutschen Ausgaben schrecken eher ab, als dass sie zum Lesen animieren. Deshalb legte ich Modesty Blaise und Peter O’Donnell irgendwann unter der Rubrik »Jugendsünde« ab.
Da ich aber wegen einer schmerzhaften Knocheninfektion die letzten Wochen auf dem Sofa verbringen musste, blätterte ich aus purer Langeweile in den vergilbten Taschenbüchern herum. Und siehe da: Ganz schnell hatte ich mich festgelesen und in den nächsten Tagen sämtliche Romane verschlungen. Peter O’Donnells Modesty Blaise-Romane sind nämlich echte Schmöker, die man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Auch heute noch.
Am Anfang steht ein namenloses Flüchtlingskind ohne Erinnerung, das sich ganz allein von Griechenland nach Nordafrika durchschlägt. Mit 17 nennt sie sich Modesty Blaise, wird Chefin einer Verbrecherorganisation mit dem ominösen Namen »Das Netz«, um sich mit 27 als reiche Frau in London zur Ruhe zu setzen. Doch Modesty zieht die Gefahr an, wie Wolle Petry Menschen mit schlechten Musikgeschmack. Das süße Leben ist langweiliger, als sie gedacht hat.
Modesty Blaise war ursprünglich eine Comicheldin. 1963 erschien sie als weibliche Antwort auf James Bond in der britischen Zeitung »Evening Standard«. Der Strip war damals eine Sensation. Eine starke selbstbewusste Frau war etwas vollkommen Neues. Vor allem eine Frau, die regelmäßig von Männern angeschossen oder verprügelt wird. Allerdings konnte sie auch austeilen. Im Gegensatz zu James Bond war Modesty Blaise jedoch keine eiskalte Tötungsmaschine. O’Donnell versah seine Heldin mit menschlichen Zügen und vor allem einen ausgeprägten Sinn für Selbstironie. Zeichner Jim Holdaway verlieh dem Ganzen eine leicht unterkühlte Aura. In seiner Glanzzeit war es wohl der intelligenteste Comic Strip seiner Art.
Die Romanfigur Modesty Blaise war dagegen eher ein Zufallsprodukt, das 1965 im Zuge einer vollkommen missglückten Verfilmung das Licht der Welt erblickte. Im Gegensatz zum Film war das Buch indes ein voller Erfolg. In den nächsten zwanzig Jahren schrieb O’Donnell zehn Romane und zwei Kurzgeschichtenbände über seine Heldin, die fast alle zu Bestsellern gerieten und von der Kritik gefeiert wurden. Hierbei übertraf er seine Comicszenarios um Längen. Die Modesty Blaise der Romane ist wesentlich vielschichtiger als in den Comics.
Im O’Donnell-Universum wimmelt es vor skurrilen Schurken, ausgeklügelten Todesfallen und spleenigen Nebenfiguren. An erster Stelle steht Modestys treuer Gefährte Willie Garvin, der für jede Situation den passenden Bibelspruch parat hat und für seine einstige Chefin sein Leben geben würde. Willie nennt Modesty liebevoll »Prinzessin«, denn sie hat ihn dereinst in Saigon aus der Gosse geholt. Dazu gesellen sich der britische Geheimdienstler Sir Gerald Tarrant, für den Modesty zu einer Art Tochterersatz wird, ihr versnobter chinesischer Hausboy Weng und einige Freunde und Liebhaber, die fast ebenso eigenwillig charakterisiert werden, wie die Titelheldin. Etwas Unerhörtes waren vor allem Modestys Kontakte zum anderen Geschlecht. Eine Frau, die unabhängig ist, offene Beziehungen lebt und deren Spielregeln bestimmt, gab es damals nicht.
Das Interessante dabei ist: Eigentlich geht es bei den Romanen nicht nur um spannend erzählte Geschichten, sondern um die Beziehungen der Figuren zueinander. Loyalität und Freundschaft sind die zentralen Themen, die sich durch sämtliche Bücher ziehen. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Modesty und Willie, die trotz ihrer Intensität stets platonisch bleibt. »Frauen scheinen dies eher zu verstehen als Männer«, meinte dazu O’Donnell. Die Plots sind dabei so originell, dass sie einfach nur Spaß machen. »Ich habe keine Botschaft. Ich will die Leser bloß unterhalten,« sagte er einmal.
Die Modesty Blaise-Bücher hatten allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über einer Million. Doch nachdem 1986 der letzte Band erschien, verschwand die Serie langsam in der Versenkung. Seitdem haben sich viele prominente Figuren als Fans geoutet. Quentin Tarantino ließ John Travolta in »Pulp Fiction« auf dem Klo die Modesty-Blaise-Erstausgabe von 1965 lesen. Gerade in seiner »Kill Bill«-Saga ist O’Donnells Einfluss unübersehbar. Autor Neil Gaiman hat vor einigen Jahren sogar ein Modesty Blaise-Drehbuch entworfen, das leider unverfilmt blieb. Bislang waren alle Versuche, »die tödliche Lady« auf die Leinwand oder den Bildschirm zu bringen, erbärmliche Rohrkrepierer. »Der erste Film war so schlecht, dass im Kino meine Nase anfing zu bluten«, scherzte der O’Donnell später.
Im Buchhandel sucht man Modesty Blaise heute vergebens. Als ich vor ein paar Tagen eine Stichprobe machte, entdeckte ich sie jedenfalls nirgends. Immerhin: Vor fünf Jahren startete der Unionsverlag eine Neuedition, die jedoch bald abgebrochen wurde. Modesty Blaise ist wohl zu sehr ein Produkt der Swinging Sixties – wie Emma Peel, deren Vorläuferin sie einst war: Verspielt, very british und beinahe surreal. Die heutigen, vorwiegend weiblichen, Krimileser wollen anscheinend keine abstrakten Fluchtwelten, sondern ihren realen Alltag wiedererkennen. So bleiben die Bücher bis auf Weiteres einer eingeschworenen Fangemeinde vorbehalten.
1996 lies O’Donnell seine unbesiegbare Heldin in einer letzten Kurzgeschichte sterben. Wie es ein etwas altmodischer britischer Gentleman schaffte, eine derartig progressive Heldin in die Welt zu setzen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Am 3. Mai 2010 starb er im stolzen Alter von 90 Jahren.

Obwohl ich im Geiste schon in einem gewissen Restaurant in Leipzig sitze, in dem die beste Pizza Deutschlands serviert wird, habe ich auch diesmal wieder einiges Interessantes entdeckt. Und das, obwohl mein Hirn zur Zeit nur mit halber Kraft arbeitet, da ja die andere Hälfte mit der leckeren Pizza beschäftigt ist. Schon allein über Google findet man tausende von Seiten, deren Besuch lohnenswert wäre. Wer aber hat die Zeit dazu? Doch das Thema hatten wir ja schon.
Bonus-Tipp: Döner mit Braunkohl und Bier
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