Und wieder beschäftigen mich die Gestirne. Böse Zungen behaupten schon, ich sei abergläubisch und richte mein Leben nach Horoskopen aus. Nee, nee, kann ich da nur sagen; ist alles Teil meiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit!
Neulich hatte mein Vater Geburtstag. Der 13. Dezember ist eigentlich ein Datum wie jedes andere. Nur blöd vielleicht, wenn der Tag auf einen Freitag fällt. Nun informiert mich das schlaue Internet, wer ebenfalls an diesem Tag Geburtstag hatte: Der britische König Edward III., Robert Louis Stevenson, Autor der »Schatzinsel«, Oskar Werner, Österreichischer Ausnahmeschauspieler, Jean Seberg, attraktive Filmikone und Selbstmörderin sowie die bombastische Whoopi Goldberg. Früher musste man, um Solches herauszufinden, extra dicke Bücher wälzen. Heute genügt ein schnöder Mausklick. Eigentlich eine tolle Sache, wenn große Persönlichkeiten am gleichen Tag wie wir das Licht der Welt erblickten. Da strahlt vielleicht ein wenig von ihrem Glanz auch auf einem selbst ab.
Ein kurzer Blick auf mein eigenes Geburtsdatum bringt jedoch schnell Ernüchterung. An meinem Geburtstag, dem 15. Juli, kamen nämlich fast nur Pfeifen zur Welt. Große Ausnahme ist natürlich Rembrandt van Rijn. Ansonsten? Jürgen Möllemann, glückloser Fallschirmspringer und Politiker, Jan-Michael Vincent, Alkoholiker und Hauptdarsteller der Serie »Airwolf«, Brigitte Nielsen, silikonbrüstige Exfrau von Sylvester Stallone, Diane Kruger, dekorativer Kleiderständer, der in Amerika sein »ü« verloren hat, und Softporno-Aktrice Kitana Baker. Eine überaus dürftige Bilanz.
Wenn ich schon auf mein Geburtsdatum nicht stolz sein kann, habe ich in Zukunft zumindest eine gute Ausrede parat, wenn mal wieder was nicht klappen will in meinem Leben. Die Sterne haben es eben so gewollt! Was soll man auch machen, wenn man an solch einem Tag zur Welt gekommen ist? Alkohol- und Silikonabhängigkeit sowie eine leichte Tendenz zum Suizidieren sind mir bestimmt schon auf die Stirn geschrieben. »Nicht meine Schuld, Leute«, kann ich da nur sagen!
Konnten meine lieben Eltern bei meiner Planung nicht Rücksicht darauf nehmen? Am 10. Oktober zum Beispiel hatte der geniale Orson Welles seinen Geburtstag. Mit ihm der Maler Jean Antoine Watteau, der Komponist Giuseppe Verdi, Hollywoodschönheit Dorothy Lamour, Jazzgröße Thelonious Monk, Trash-Regisseur Ed Wood, Dramatiker Harold Pinter, Bestsellerautorin Nora Roberts und Rocker David Lee Roth. Das kann doch kein Zufall sein! Was wäre ich da in guter Gesellschaft gewesen!
Wie popelig ist dagegen der 15. Juli! Nur einen Tag später, am 16. Juli, feierten dagegen Stummfilmkomiker Larry Semon, Tänzerin Ginger Rogers, Komponist Fritz Mahler und Schauspieler-Ruine Mickey Rourke ihren Ehrentag. Einen Tag vorher, am 14. Juli, betraten Autor Isaac Bashevis Singer, Folksinger Woodie Guthrie, die Filmlegenden Ingmar Bergman und Lino Ventura sowie Biene Maja-Interpret Karel Gott unser irdisches Jammertal. Als Personalchef würde ich immer ein besonderes Augenmerk auf solche Dinge richten. Dann gibt es wenigstens später keine unliebsamen Überraschungen.
Aber mit einem unglückseligen Geburtsdatum wie den 15. Juli wird mich wohl sowieso niemand mehr einstellen …
Schlimm genug, dass ich von einigen böswilligen Zeitgenossen wegen meiner Technikfeindlichkeit als »Retro-Man« bezeichnet werde. Jetzt musste ich erfahren, dass selbst Gott, der bekanntlich ein paar Jährchen mehr als ich auf dem Buckel hat, eine eigene MySpace-Seite betreibt. Falls Allah demnächst einen eigenen Chatroom einrichtet, werde ich vielleicht doch noch umdenken müssen …
Lino, der große Schweiger
Für eines muss man dem Spartensender aller alternden Sozialpädagogen dankbar sein: Ohne arte wären die französischen Filmklassiker bei uns längst völlig von der Bildfläche verschwunden. Selbst Publikumserfolge wie »Die fabelhafte Welt der Amelie« fanden bei ihrer TV-Premiere erst um Mitternacht einen Sendeplatz.
Da Lino Ventura in diesem Jahr 90 geworden wäre, gibt sich arte zur Zeit spendabel. In den nächsten Tagen laufen ein paar Oldies, die man unbedingt gesehen haben sollte. Da zieht es selbst notorische Fernsehmuffel wie mich vor die Glotze.
Am 10. August laufen »Die Abenteurer«, einer der absoluten Meilensteine des französischen Films. Robert Enricos Geschichte beginnt auf einem Schrottplatz und endet im Meer. Die Freunde Roland, Manu und die schöne Laetitia sind drei Tagträumer, die vor der Küste Afrikas einen versunkenen Schatz heben wollen. Am Ende müssen sie erkennen, dass Geld nicht unbedingt glücklich macht. Ein wunderbar poetischer Film über Freundschaft, Freiheit und der Lust am Leben.
Die großartige Filmmusik von Francois de Roubaix geht einem nicht so schnell aus dem Kopf. Der junge Alain Delon, der fast junge Lino Ventura und die wunderbare Joanna Shimkus – was will man mehr? Ich für meinen Teil bin bei diesem Streifen wunschlos glücklich.
Am 17. August läuft »Der zweite Atem« von Jean-Pierre Melville. Gangsterfilme wie diese haben Ventura berühmt gemacht. Trotzdem war dies die letzte Zusammenarbeit mit dem Meisterregisseur. Grund: Dem bodenständigen Ventura gingen die Macken des Meisters langsam auf die Nerven. Melville trug stets eine Sonnenbrille, einen Hut (um eine kahle Stelle zu verbergen) und verdunkelte am Tag alle Fenster. »Der zweite Atem« thematisiert ein Lieblingsmotiv Melvilles: Die Ehre unter Gangstern.
Am 3. August gibt es »Der Komissar und sein Lockvogel«. Ein blöder Titel, ich weiß … Der Originaltitel bedeutet sinngemäß »Letzte bekannte Adresse«. Hier steht Ventura mit Marlene Jobert vor der Kamera, die heute wohl kaum noch jemand kennt. Als »Inspecteur principal Marceau Leonetti« verkörpert Ventura einen zynischen Bullen, der längst die Hoffnung aufgegeben hat. Eine Paraderolle für den wortkargen Charaktermimen. Auch hier stammt der ungewöhnliche Soundtrack von Francois de Roubaix, der seiner Zeit weit voraus war. Was haben all diese Filme gemeinsam? Den Mut auf ein konventionelles Ende zu verzichten. Gerade das macht sie unvergesslich.
Seltsamerweise neige ich dazu, meine Vergangenheit in Pappkartons zu verstauen. Neulich, als ich versuchte ein bestimmtes Schriftstück zu finden, musste ich mich daher erst durch diverse Kartons wühlen, bis ich ans Zielobjekt gelangte.
Sentimental wie ich bin, hebe ich selbst alte Eintrittskarten auf, wenn der Abend eine besondere Bedeutung hatte. Urlaubskarten, Briefe, kleine Geschenke, die heute keine Bedeutung mehr haben – all dies landet früher oder später in meinem Keller. So wurde meine Suche auch zu einer Reise in die Vergangenheit.
In meinen diversen Kartons befinden sich aber hauptsächlich alte Zeichnungen, Bücher, Comichefte und Videokassetten. Berge davon.
Besonders die Videokassetten sind eine echte Last. Hoffentlich bricht niemand meinen Keller auf, denn ich würde mich schon etwas schämen, wenn ein Einbrecher mitbekommen würde, welche Schrottfilme ich in jüngeren Jahren gesammelt habe. Meine einzige Hoffnung ist es, sehr bald senil zu werden. Dann gefällt mir »Batman Returns« vielleicht mal wieder.
Meine einst wohlgehüteten Kopien diverser Kinohits Spielbergscher Prägung fristen seit etlichen Jahren in muffigen Kisten ihr Dasein. Da werden sie wohl auch bleiben.
Die Filme, die mir heute wirklich am Herzen liegen, haben bequem im Fach eines Bücherregals Platz. Meist sind es obskure Streifen, die nur sehr selten im Fernsehen laufen und von denen keine DVD existiert. Die 5000 Finger des Dr. T. ist so ein Kandidat.
Unverzichtbar sind auch die gesammelten Werke von Laurel & Hardy, die sozusagen meine »Hausapotheke« bilden. Wenn ich mal schlechte Laune habe, muss ich mir nur einen Kurzfilm des Duos anschauen. Na und? Andere treten ihre Katze.
Manche Filme hebe ich auch wegen einer einzigen Szene auf, wie zum Beispiel Schießen Sie auf den Pianisten von François Truffaut. Ein Gangster sagt dort im Auto zu einem Jungen: »Wenn das gelogen ist, soll meine Mutter der Schlag treffen!« Schnitt. Nächstes Bild: Eine alte Frau fasst sich ans Herz und fällt tot um.
So ein Streifen sollte doch in keinem gebildeten Haushalt fehlen, oder? Ein anderer Film ist Ein glückliches Jahr mit Lino Ventura. Statt seine hübsche Partnerin zu küssen, sagt Ventura am Schluss nur bitter: »Der Kaffee wird kalt« und ringt sich dann trotzdem für Sekundenbruchteile ein Lächeln ab. Doch dieses kurze Lächeln macht den Schluss zum Happy End. Allein aus diesem Grund hat der Film einen Ehrenplatz in meiner kleinen Sammlung verdient.
Höchst subjektiv meine Auswahl, nicht? Vielleicht landen die gerade erwähnten Filme eines Tages ebenfalls in meinem Keller. In einem Pappkarton mit der Aufschrift »Vergangenheit«. Ist ja auch gar nicht so schlecht, wenn man Vergangenes in den Keller packt, damit Platz für Neues da ist. Aber was fasele ich hier so lange: Der Kaffee wird kalt.

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