Nico: Die Schönheit des Scheiterns

Weyershausen am 7. Mai 2010 in Plattenkiste

nico2In dem Film »Die Royal Tenenbaums« gibt es eine Szene, die meiner Meinung nach zu den ganz großen Momenten des Kinos zählt.

Margot Tenenbaum (gespielt von Gwyneth Paltrow) steigt am Hafen aus einem Linienbus, um ihren Bruder Richie (gespielt von Luke Wilson) abzuholen, der vor einem Meer aus Koffern auf sie wartet. In dem Moment, in dem Margot den Bus verlässt, setzen die ersten Takte von »These Days« ein und die Welt bewegt sich in Zeitlupe. In dieser einzigen Szene ist alles über diese Figuren gesagt, was es zu sagen gibt.

Technisch gesehen ist »These Days« kein schöner Song, denn Nico, die Interpretin, mag Vieles sein – nur eben keine gute Sängerin. Doch trotz des harten teutonischen Akzents, trotz der spröden Stimme, trotz der Monotonie, mit der sie den Text vorträgt, trifft der Titel mitten ins Herz. Was ihr an Können fehlte, machte sie mit Aufrichtigkeit wett. »These Days« erzählt nicht von Frohsinn, Sonne, Cha Cha Cha, sondern von einer verletzten Seele:

These days I seem to think a lot
About the things that I forgot to do
And all the times I had the chance to.

Melancholie pur. Für so einen Song war die schwermütige Nico die ideale Interpretin. Hier zeigt sich das wahre Genie von »Tenenbaum«-Regisseur Wes Anderson: Um die Gefühle einer unglücklichen Hauptfigur darzustellen, griff er zum Gesang einer unglücklichen Sixties-Ikone.

In der Zeit, in der dieser Song entstand, waren dunkle Töne im Mainstream eher selten. Selbst die traurigste Ballade bot den Hörern am Ende zumindest einen Hoffnungsschimmer. Bei »These Days« wartet man darauf vergebens. Selbstmitleid ist schließlich die verlockendste aller Eitelkeiten. Doch erstaunlicherweise passiert dies hier ohne Grandezza. Am Ende des Songs heißt es schlicht:

Please don’t confront me with my failures,
I had not forgotten them.

Nicos wahrer Name lautete Christa Päffgen. In den 50ern und 60ern zählte die gebürtige Kölnerin zu den schönsten Frauen der Welt. Sie trat in Fellinis Klassiker »La Dolce Vita« auf, war Muse von Andy Warhol und fester Bestandteil seiner Factory. So beeindruckt war Warhol von der kühlen Grazie, dass er sie den Mitgliedern seiner Hauskapelle »The Velvet Underground« als Sängerin aufdrückte. Wer ihren Gesang zum ersten Mal hört, der versteht, warum die Band rebellierte.

Doch obwohl Lou Reed sie flugs aus der Band rausekelte, fand Nico Gefallen an der Musik. Ein Soloalbum mit dem Titel »Chelsea Girl« (1967) entstand, für das der junge Songwriter Jackson Browne, der damals mit der Diva liiert war, die besten Nummern beisteuerte: »These Days« und »The Fairest Of The Season«, die man beide auch auf dem Soundtrack der »Royal Tenenbaums« findet. Obwohl der Produzent nachträglich versuchte die Lieder durch gefällige Arrangements massenkompatibler zu machen, kamen seine Bemühungen gegen Nicos eigentümlichen Gesang nicht an.

»Chelsea Girl« enthält viele eingängige Melodien, die jedoch sämtlich an der Verweigerungshaltung der Sängerin scheitern. Nur bei »These Days« und »The Fairest Of The Season« ist das Ergebnis traurig-schön. Eigentlich als ein reines Kommerzprodukt geplant, das Kapital aus Nicos damaliger Popularität schlagen sollte, wurde die LP später zum Kultobjekt. Natürlich wurde das Werk ein finanzieller Flop. Die Fans des Models erwarteten fröhlichen Girlie-Pop. Für den Weltschmerz der Schönen und Erfolgreichen hat sich schon damals kein Schwein interessiert.

Nico jedoch fand ihre neue Berufung. In den Folgejahren nahm sie mehre Alben auf, die sich allesamt jenseits des Massengeschmacks bewegten; einige davon zusammen mit ihrem ehemaligen Bandkollegen John Cale, der ihr kommerzielles Scheitern mit dem berühmten Satz »Man kann Selbstmord nicht verpacken« kommentierte. Die neue Nico färbte ihre Haare dunkel und tingelte mit einem Harmonium durch die Lande, um einer eingeschworenen Fangemeinde von Tod, Wahnsinn und Verzweiflung zu künden. Eine Rolle, die ihr offenbar lag. Mehr als zwanzig Jahre war sie heroinabhängig, fixte sogar ihren Sohn an. Ein Clubbesitzer beschrieb das einstige Schönheitsideal später als »verlebten Junkie mit schlechten Zähnen«. 1988 fiel sie, nachdem sie zwei Jahre clean war, auf Ibiza tot vom Fahrrad. Ein trauriges Ende für ein trauriges Leben.

Wer Nico damals getroffen hätte, wäre wahrscheinlich schreiend weggerannt. Und dennoch hatte diese Frau etwas Faszinierendes. Auf Bildern wirkt sie stets unnahbar und scheinbar in ihrer eigenen Welt versunken. Freunde erzählen jedoch, dass sie oft gelacht haben soll wie ein Kind. »Was ist in diesem Leben schief gelaufen?« fragt man sich unwillkürlich.

Die Kölner Regisseurin Susanne Ofteringer setzte der glücklosen Sängerin mit ihrer Dokumentation »Nico Icon« ein würdiges Denkmal. Eine Antwort auf die Frage konnte auch sie nicht liefern. Was war es, das Christa Päffgen zerstört hat? Man kann nur spekulieren: Sexueller Missbrauch? Die Oberflächlichkeit ihrer Umgebung? Oder hatte sie es satt, ständig auf ihr Äußeres reduziert zu werden? Fest steht, dass sie über Jahre hinweg ihr Bestes tat, um ihre einstige Schönheit zu vernichten.

Für Nicos andere Werke werde ich mich nie erwärmen können. »These Days« dagegen schafft spielerisch den Balanceakt auf dem schmalen Grat, zwischen dem Schönen und dem Traurigen zu wandeln, ohne zu straucheln. Selbst Jackson Browne gelang es später nicht, seine eigene Komposition so kongenial vorzutragen wie einst Nico. Zu allem Überfluss verpasste er seinem Lied am Ende eine optimistische Note. Das Publikum dankte es ihm. »These Days« von Nico ist für mich einer dieser seltsamen Zufälle, bei dem die Summe größer ist, als deren Teile und die Sängerin so wichtig ist wie ihr Song.

Nie wieder war Melancholie so schön.