Unsterblich wie der Tod

Weyershausen am 5. Dezember 2011 in HiStory

cappEin Kollege erzählte mir vor einigen Jahren, dass unser »Lebenswerk«, welches wir hinterlassen, das Wichtigste für uns sein sollte. Unsinn, hätte ich da am liebsten erwidert. Marlene Dietrich hatte sich, um ihren Mythos unbeschädigt zu lassen, das letzte Jahrzehnt ihres Lebens in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Sie starb einsam und krank.

Katherine Hepburn hingegen trat, selbst als sie alt und gebrechlich war, vor die Kamera. Fragt man heute einen Zwanzigjährigen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er weder von Dietrich noch von Hepburn je etwas gehört hat.

Ein anderes Beispiel ist der amerikanische Cartoonist Al Capp, der vor ein paar Jahren 100 geworden wäre. Doch dieses Jubiläum ging ins Land, ohne dass es seinen Landsleuten auffiel – was erschreckend ist. Capps Comic Strip Li’l Abner erreichte zwischen 1934 und 1977 rund 60 Millionen Leser. Der Zeichner wurde in seiner großen Zeit als neuer Jonathan Swift gefeiert. Sein Strip war bei den Intellektuellen Tagesgespräch. John Steinbeck schlug ihn gar für den Literaturnobelpreis vor.

Li’l Abner, der mit seiner Hillbilly-Familie in einem ominösen Kaff namens Dogpatch hauste, war das Urbild des etwas depperten, doch letzlich gutmütigen Amerikaners. Vierzig Jahre parodierte der Zeichner in seinem Strip mit ätzendem Humor den American Way of Life. Mit immensen Erfolg. Li’l Abner wurde mehrmals verfilmt. Es gab tonnenweise Merchandising-Produkte. In den 50ern gab es sogar ein Hit-Musical. In Deutschland erschienen in den 70ern einige Episoden im Satiremagazin »Pardon«.

Al Capp war einer der wenigen Zeichner, der fast den Bekanntheitsgrad seiner Schöpfung erreichte. Er schaffte es auf das Cover des Time Magazine, hatte eine eigene Radio Show, trat später regelmäßig im Fernsehen auf, hielt politische Reden und wurde in den späten Sechzigern als Gegenkandidat von Ted Kennedy gehandelt. Doch dann fiel sein Leben zusammen.

Der einstige Liebling der Liberalen entwickelte sich in seinen letzten Jahrzehnt zu einem erzkonservativen Reaktionär, der die aufkeimende Studentenbewegung bekämpfte wie kein Zweiter. Ein beliebtes Ziel war die Folksängerin Joan Baez, die er als »Joanie Phonie« ins Visier nahm. Baez schrieb später in ihrer Autobiografie, dass Capps Spott sie damals schier in den Wahnsinn trieb. Mit solchen Aktionen vergraulte der streitbare Cartoonist seine treuesten Fans, zu denen gerade die Studenten zählten.

Schlimmer war jedoch sein Ruf, jungen Frauen gegenüber sexuelle Avancen zu machen. Auch die spätere Fürstin Grace Kelly und die junge Goldie Hawn zählten zu seinen Opfern. Je mehr er in die Öffentlichkeit trat, umso schwieriger wurde es für seine Freunde diese Übergriffe zu vertuschen. Als er 1971 deswegen schließlich vor Gericht landete, verbannten Hunderte von Zeitungen seinen Strip aus ihren Seiten. Selbst Präsident Nixon distanzierte sich von seinem einstigen Günstling. Ein paar Jahre später setzte sich Capp, nun zur Unperson geworden, zur Ruhe und starb 1979 an einem Lungenemphysem.

Heute ist es kaum vorstellbar, wie unglaublich populär Capp und Li’l Abner in den USA waren. Und das über 43 Jahre hinweg! Allerdings reichten drei Jahrzehnte, um beide in der Obskurität verschwinden zu lassen. Ja, er war ein chauvinistischer Drecksack, doch das war Picasso schließlich auch. Trotzdem hinterließ er ein außergewöhnliches Lebenswerk.

Was ist so ein Lebenswerk also wert? Nicht viel offensichtlich. Wahrscheinlich ist das Leben selbst – und wie wir es meistern – wichtiger als alle Werke, die wir hinterlassen. Was lernen wir daraus: 1.) Die Nachwelt ist extrem wählerisch. 2.) Unsterblichkeit dauert oft kürzer, als man denkt.

Stimmen aus der Vergangenheit

Weyershausen am 13. Januar 2010 in HiStory

Billige Groucho ImitationSeit Weihnachten hocke ich fast jeden Tag mehr als zehn Stunden vor dem Rechner, um die Farben meiner alten Cartoons zu ändern.

Damit die Hirnzellen bei solch stumpfsinniger Tätigkeit nicht vollends absterben, höre ich dabei seit einigen Tagen alte Aufzeichnungen aus der goldenen Zeit des amerikanischen Radios (die 30er und 40er Jahre). Woody Allen hat dieser Ära in seinem Film »Radio Days« ein wunderbares Denkmal gesetzt.

Es ist schon merkwürdig, die Werbung jener Jahre, die Witze über Lebensmittelmarken und die patriotischen Aufrufe zu hören. Gerade während des Zweiten Weltkriegs war das Radio das Medium, das alle miteinander verband. Die Macher jener Sendungen waren damals ebenso bekannt wie Filmstars. Folgerichtig traten viele Filmstars auch im Radio auf, um ihre Popularität zu steigern. Für Wortakrobaten wie Jack Benny, Bob Hope und Groucho Marx war es die ideale Plattform, um sich auszutoben.

Buchadaptionen, Quizshows, Sitcoms und viel Musik natürlich – alles, was man heute im Fernsehen sieht, konnte man auch damals live im Radio erleben. Nur damals waren die Ideen tatsächlich neu. Das Fernsehen war es auch, das jener goldenen Epoche ein Ende bereitete. Schade, denn vieles, was den Radiohörern vor siebzig Jahren geboten wurde, ist weitaus unterhaltsamer, als die monotone Unterhaltungspampe unserer Fernsehsender. Das Fernsehen sei eine »Phantasieprothese« las ich neulich. Ich denke eher, dass es uns alle erst zu »Phantasiekrüppeln« macht.

Der König des Radios war Multitalent Orson Welles. Mit dem legendären Hörspiel »Krieg der Welten« versetzte er ganz Amerika in Angst und Schrecken. Selbst Hitler ging in einer Rede auf dieses Ereignis ein. Bevor Welles nach Hollywood verschwand, um sein Meisterwerk »Citizen Kane« zu drehen, war er Woche für Woche mit seinem »Mercury Theatre On The Air« (später das »Campbell Playhouse«) in den amerikanischen Wohnstuben zu Gast, um klassische Theaterstücke, Filme oder populäre Romane fürs Radio zu adaptieren. Welles’ Bildungsprogramm war dabei alles andere als langweilig, denn er und seine Truppe waren, wenn es sein musste, hemmungslose Schmierenkomödianten, die vor nichts zurückschreckten. Als Gastmoderator der »Jack Benny-Show« konnte Welles hingegen beweisen, dass er auch komisch sein konnte. Im Museum Of Orson Welles findet man etliche Sendungen aus jener Schaffensperiode des Meisters.

Die wortgewaltigste und schillerndste Figur des Radios war zweifelsohne Groucho Marx. Als die Filmkarriere der Brüder Marx in den Vierzigern abebbte, startete der geschäftstüchtige Groucho eine lange Solokarriere als Quizmaster. Allerdings war »You Bet Your Life« keine altbackene Sendung mit dauergrinsendem Moderator, wie wir sie heute kennen. Groucho benutzte seine Gäste eher wie heute Kurt Krömer: als Stichwortgeber – nur viel, viel witziger. Später, als das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, wechselte er das Medium und hatte auch dort über viele Jahre immensen Erfolg. Einige seiner komischsten Radiosendungen findet man hier.

Bevor Dean Martin und Jerry Lewis die Leinwand eroberten, konnten sie 1948 ihre Familientauglichkeit in einer (recht formelhaften) Radiosendung perfektionieren. Bis dahin traten sie mit wesentlich zotigerem Material hauptsächlich in Nachtclubs auf. Das Interessanteste an ihren Sendungen waren die illustren Gaststars, die sich Woche für Woche die Klinke in die Hand gaben: Marlene Dietrich, Boris Karloff, Frank Sinatra und Burt Lancaster sind nur einige von ihnen. Wer Jerry Lewis jedoch im Original gehört hat, kann verstehen, dass die Hälfte der Amerikaner ihn am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Hier einige Episoden.

Selbst Stan Laurel und Oliver Hardy versuchten sich während ihrer letzten Jahre in Hollywood an einer eigenen Sendung. Doch ihre Popularität in Amerika war damals auf dem Tiefpunkt. So entstand lediglich eine Pilotsendung mit dem Titel »Mr. Slater’s Poultry Market« (1943), in der unsere Freunde mit zwei Profikillern verwechselt werden. Unglücklicherweise ist der Humor dieser Sendung genau so nett und harmlos wie in ihren letzten Filmen. Die Komik von Mr. Laurel und Mr. Hardy ist nun mal zum großen Teil rein visueller Natur und daher fürs Radio nur bedingt geeignet. Trotzdem bleibt es ein nettes Fundstück, das über Jahrzehnte als verschollen galt.

Lesen bildet – und Schreiben noch viel mehr

Weyershausen am 2. August 2009 in Leservat

Ich erinnere mich noch oft daran, als ich zum ersten Mal eine Ausgabe der Fachzeitschrift »Comixene« in den Händen hielt. Verstanden habe ich von den Artikeln nur die Hälfte. Die Verfasser der Texte waren emsig bemüht, sich so akademisch wie möglich auszudrücken. Für meinen pubertierenden Verstand war das damals zu hoch. Doch zum Glück gab ich nicht auf. Nach ein paar Monaten hatte ich mir die meisten Fremdwörter angeeignet.

Diese Erfahrung war mir eine Lehre. Wenn ich später etwas nicht auf Anhieb begriff, blieb ich trotzdem am Ball. In den meisten Fällen fiel früher oder später der Groschen.

Als ich vor fast zehn Jahren am »Lexikon der prominenten Selbstmörder« arbeitete, machte ich die Entdeckung, dass die Schreiberei einen interessanten Nebeneffekt hat: Wer sich über Monate ausgiebig mit einem Thema befasst, dringt mit einer Tiefe in die Materie ein, die er als Leser nie erreichen würde.

Wer sich zum Beispiel ausgiebig mit Selbstmördern beschäftigt, verliert ganz schnell die Ehrfurcht vor diesem schwierigen Thema. Viele Selbstmorde sind tragisch und bewegend. Andere sind einfach nur … dumm. Verletzte Eitelkeit, Angst vor den ersten Falten oder Gesichtsverlust – das allein reicht aus, um labile Gemüter in den Tod zu treiben.

Bezeichnend ist die Geschichte der Schauspielerin Lupe Velez, die ihren Abgang im großen Stil inszenieren wollte. Perfekt gestylt schluckte die Diva eine Überdosis Tabletten, musste sich kurz darauf übergeben und starb mit dem Kopf in der Kloschüssel. Merke: Vor dem Suizid immer den Klodeckel zuklappen!

Interessant war auch das »Lexikon der Idole«. Überrascht musste ich feststellen, dass viele der »Unsterblichen« von gestern inzwischen fast aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden sind. Kaum jemand unter dreißig kennt heute Humphrey Bogart, Charlie Chaplin oder Greta Garbo.

Im Falle von Marlene Dietrich ist das tragisch. Um nicht vor den Augen der Öffentlichkeit zu altern, verkroch sich die eitle Actrice in den letzten Jahren ihres Lebens in ihrem Pariser Apartment und führte dort eine erbärmliche Existenz.

Jeder Star ist irgendwann vergessen – was im Falle von Tokio Hotel und Lady Gaga auch sein Gutes hat. Unsterblichkeit? Was ist das? Woody Allen hat es am besten formuliert: »Ich will nicht durch meine Arbeit unsterblich werden. Ich will unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.«

»Schade, dass Du endlich weg bist! Das Trennungs-Tröstbuch« ist dafür verantwortlich, dass ich ein wenig zum Zyniker geworden bin. Meine Erkenntnis: Die großen Romanzen wollen wir nur im Kino sehen. Im eigenen Leben sind wir mit sehr viel weniger zufrieden. Die Angst allein vorm Fernseher zu versauern, ist dagegen eine mächtige Triebfeder. Sie führt dazu, dass aus einem One Night Stand die Beziehung fürs Leben wird. Besonders die Männerwelt stellt an ihre Partnerinnen keine hohen Anforderungen. Oder wie Atze Schröder es so schön formulierte: »Ich bin ja gar nicht anspruchsvoll. Nur zwei Arme und zwei Beine sollte sie haben!«

Die größte Erkenntnis, die ich beim Schreiben von »111 Gründe, erwachsen zu werden« gewann, stellte sich erst später ein. Nämlich die, dass »Erwachsensein« eine reine Definitionsfrage ist. Für einige Zeitgenossen bedeutet Erwachsen zu sein einen langweiligen Job zu haben, eine lieblose Ehe zu führen und so zu tun, als wäre man glücklich. Bedingungslose Anpassung als höchstes Ideal. So haben es uns schließlich unsere Eltern vorgelebt. Will man aber zu solchen Leuten gehören?

Allerdings ist es wohl auch nicht viel besser, wenn wir noch im Greisenalter in die Disco humpeln. Wahrscheinlich ist dies die größte Herausforderung an uns alle: Erwachsen zu sein, ohne zum Langweiler zu werden. Doch selbst der Begriff »Langweiler« ist eine Frage der Definition.

Das Leben ist ganz schön kompliziert, oder?

Und welche Erkenntnis brachte mir das »Astrid Lindgren Lexikon«? Nun, das ist eine andere Geschichte …

Die Wahrheit 2.0

Weyershausen am 28. April 2008 in Screenshot

Man kann einfach Niemanden trauen. Nehmen wir zum Beispiel den Film »A Beautiful Mind«. Das Leben des genialen Mathematikers John Forbes Nash, der fast drei Jahrzehnte unter paranoider Schizophrenie litt und später den Nobelpreis erhielt, gibt schon eine tolle Story. Ein Genie, das durch die aufopferungsvolle Liebe seiner Frau gerettet wird. Das ist schon filmreif.

Weniger filmreif war wohl die Tatsache, dass Forbes Beziehungen zu Männern pflegte, dazu ein uneheliches Kind von einer Krankenschwester hatte, welches er verleugnete. Auch Forbes Frau lebte entgegen der Filmversion nicht wie ein Engel all die Jahre duldsam an seiner Seite, sondern reichte bald die Scheidung ein, sodass der Wissenschaftler in seiner Not bei Muttern wohnen musste – zumindest bis sie ihn später als Untermieter wieder aufnahm.

Erst nachdem Nash den Nobelpreis gewann, wurden die beiden wieder ein Paar. Auch die antisemitischen Äußerungen und die religiösen Wahnvorstellungen des Genies fielen diskret unter den Tisch.

Geschichtsverfälschung ist halt noch immer Brot und Butter der Traumfabrik. Doch auch Deutschland hat sich auf diesem Gebiet ein paar dicke Dinger geleistet. Man denke nur an die völlig missglückte Marlene-Dietrich-Biografie von 1999.

Schon komisch: Wenn ein Buch die Wahrheit verfälscht, hagelt es Verrisse, ein Film dagegen bekommt einen Oscar. »Man erwartet von einer singenden Säge nun mal keine Fuge«, wusste schon Bert Brecht.

Eigentlich kann man den Drehbuchautoren nichts vorwerfen. Warum muss das Leben auch so kompliziert sein? Und vor allem so unschön? Und warum rege ich mich noch über so etwas auf? Donald Duck brachte es (wie immer) auf den Punkt: »Man weiss so wenig.«

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