Gedudel im Hintergrund

GedudelWenn ich schreibe, muss es mucksmäuschenstill sein, beim Zeichnen hingegen ist etwas Gedudel im Hintergrund eher förderlich. Die Zeit vergeht einfach schneller. Deshalb nutze ich die Stunden vorm Computer gern, um meinen musikalischen Horizont zu erweitern.

Vor ein paar Tagen habe ich entdeckt, dass ich laut iTunes ein Stück schon über 100 mal hörte! Reife Leistung! Zumal ich den Rechner erst seit einem Jahr besitze. Im Schnitt befinden sich etwa 500 Titel in meiner Wiedergabeliste. Mehr finde ich unübersichtlich. Allerdings wird ständig ergänzt und ausgemistet, denn ganz oft habe ich eine CD schneller satt, als man »pneumatische Pneutologie« sagen kann.

Es könnte ja jetzt Einige geben, die sich fragen, was der Herr Kartonist so den lieben langen Tag hört. Ein schnöder Mausklick auf den Zähler enthüllt meine ganz privaten Charts (hier in knackigen Live-Versionen). Biddeschööön:

1. Brand New Day – Joshua Radin
(103 Aufrufe)
Joshua Radin habe ich durch Zufall entdeckt. Die allerletzte Folge von Eli Stone, eine der wenigen Serien, die ich gern gesehen habe, endete zu den Klängen von »Brand New Day«. Neugierig wie ich bin, habe ich mir sofort seine beiden CDs »Simple Times« und »We were here« besorgt. »Brand New Day« ist so ein Titel, der einfach jedwede schlechte Laune vertreibt, finde ich. Ulkigerweise singt ihn Radin bei jedem Auftritt völlig anders. Ich mag die CD-Version, doch auch die etwas flottere Video-Fassung hat was.

2. Clair de lune – Alexis Weissenberg
(58 Aufrufe)
Inzwischen höre ich immer öfter klassische Musik. Wahrscheinlich werde ich alt. Zum Glück dirigiere ich dazu (noch) nicht mit dem Kochlöffel. »Clair de lune« von Claude Debussy ist so schön, dass es seit Jahrzehnten für etliche Filme zweifelhafter Qualität missbraucht wurde. Fast jeder hat es daher schon einmal gehört. Ein unglaublich emotionales, fast kitschiges Stück. Allerdings muss ich gestehen, dass mich der Rest der »Suite Bergamasque« nicht unbedingt aus den Latschen haut. Aber ich bin halt ein Banause.

3. A Change – Sheryl Crow
(52 Aufrufe)
Waren es die aufreizenden Pressefotos in knappen Shorts? Sheryl Crow mochte ich jedenfalls auf Anhieb, obwohl mich ihr Debüt »Tuesday Night Music Club« nicht soooo sehr beeindruckt hat. Die zweite CD tat dies umso mehr. Im Schnitt finde ich auf jedem Silberling nur vier Stücke, die mir gefallen. Hier waren es satte acht. Respekt! Ihre nachfolgenden Scheiben waren indes sehr durchwachsen. Bei »C’mon C’mon« sah ich sie schon als spießige Country-Tusse enden. Doch zum Glück hat sich die gute Sheryl wieder gefangen. »Home« und »A Change« sind bis heute zwei meiner allerliebsten Songs.

4. Girl from the North Country – Bob Dylan/Johnny Cash
(46 Aufrufe)
Bob Dylan fand ich viele Jahre lang einfach furchtbar. Für mich war er ein nölender alter Opa, der dringend etwas wegen seiner verstopften Stirnhöhle unternehmen sollte. Erst im vorletzten Jahr entdeckte ich, dank Martin Scorseses genialer Dokumentation, endlich die Heiligkeit von His Bobness. Obwohl sein Duett mit His Cashness kein Karrierehighlight darstellt, ist »Girl from the North Country« ein wunderbar gefühlvoller Titel, an dem ich mich nie satt höre.

5. Isn’t it a Pity – Bettye LaVette
(36 Aufrufe)
Ich habe schon immer eine Schwäche für exzentrische Frauen gehabt. Vor allem, wenn sie so viel Talent besitzen, wie Bettye LaVette. Mit »INTERPRETATIONS: The British Rock Songbook« hat sie im reifen Alter von 64 erstmals einen Welterfolg gelandet. Besonders ergreifend finde ich »Isn’t it a Pity«, die Coverversion eines George Harrison-Klassikers. Wenn eine gestandene Frau wie LaVette die Dummheit dieser Welt besingt, bekommt der Text sofort eine ganz andere Dimension.

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Remember the Seventies!

seventiesDank arte fühle ich mich wie ein Ertrinkender. Mein ganzes Leben zieht vor meinem inneren Auge vorbei. Blaxploitation, Top of the Pops, Geschlechterkampf und die RAF – der Kultur-Heimatsender fährt zur Zeit das große Retro-Aufgebot auf.

Normalerweise hasse ich die Musik meiner Kindheit. Wenn Abba, Gary Glitter, Sweet oder andere plateaubesohlten 70er-Ikonen den Raum beschallen, verlasse ich den selbigen möglichst schnell. Es reicht, wenn man bereits in seiner Kindheit die Zeit der Polyesterhemden, Schlaghosen und Riesen-Koteletten durchlitten hat, finde ich. Ab und zu kommt es jedoch vor, dass man dank solcher Retrospektiven zu neuen Einsichten gelangt.

Vor kurzem gab es auf arte die dreistündige Dokumentation No Direction Home: Bob Dylan, von Martin Scorsese, über die Anfangsjahre Dylans. Der Film hatte zwar mit den 70ern nicht viel zu tun, aber artes Wege waren ja schon immer unergründlich.

Ich selbst entdeckte den Meister lange nach seiner Glanzzeit. Damals sah ich in ihm nur einen näselnden alten Kauz, der mit seinem krächzenden Gesang jedem Song die Melodie austreiben konnte.

In einigen Interviews, die er in den 90ern gab, wirkte die leicht angestaubte Legende – mit Verlaub gesagt – ziemlich stoned. Selbst der Klassiker Don’t Look Back konnte mich nicht zum Dylantantismus bekehren – auch wenn ich den Film als Zeitdokument sehr faszinierend fand.

Wenn man jedoch nach einer dreieinhalbstündigen Dokumentation mit Untertiteln Lust auf mehr bekommt, muss dies wohl etwas bedeuten. In meinem Fall bedeutet es, dass sich auf dem Speicher meines mp3-Players seit geraumer Zeit besagter Herr Dylan breit macht. Obwohl ich mit seinen späteren Produktionen wenig anfangen kann, spürt man bei seinen Frühwerken heute noch die Aufbruchstimmung, die sie vermittelten.

Der Dylan-Klassiker »Don’t Think Twice« wirkt geradezu bahnbrechend, wenn man ihn mit den Machwerken jener Jahre vergleicht. Nicht einmal die Beatles konnten Freewheelin’ Bob – zumindest was die Texte betraf – das Wasser reichen. Was ihn aber so richtig interessant macht, ist die Tatsache, dass er sich allen Versuchen, ihn festzulegen, erfolgreich entzog.

Folksänger, Weltverbesserer, Opportunist, Rockstar, religiöser Eiferer. All das war er. Während seine einstigen Rivalen inzwischen tot oder zumindest scheintot sind, schaffte es Dylan mit Modern Times selbst im Rentenalter noch die Charts zu stürmen. Respekt!

Deshalb werde ich in den nächsten Wochen sicher das eine oder andere Buch über den rätselhaften Mr. Zimmerman lesen. Danke arte, Du alter Snob-Sender!

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