Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 15

Weyershausen am 27. September 2010 in Netzball

Datenautobahn 15Diese Woche wird hart! Im Grunde bin ich geistig schon gar nicht mehr hier, sondern längst in Frankfurt auf der Buchmesse. Zu dumm, dass mein armer dummer Körper bis dahin noch so einiges an Arbeit zu erledigen hat. Kann er die auch ohne geistige Führung erledigen? »Wäre ja nicht das erste Mal«, werden jetzt einige vielleicht denken.

Klar: Man kann nur schwer tiefschürfende Texte verfassen, wenn man eigentlich die ganze Zeit an das muntere Treiben in muffigen Messehallen denkt, an pappige Hot Dogs, teuren Kaffee und anregende Gespräche bis in den frühen Morgen. Deshalb gibt es dieses mal keinen uninteressanten Text, sondern ein paar interessante Links.

Wüste Werbewelt

Brüht Euch einen Kaffee und macht es Euch vor dem Rechner bequem! Der Kurzfilm »Logorama« räumte in den letzten zwei Jahren alle wichtigen Filmpreise ab, die zu vergeben sind. Zuletzt in Cannes. Die Regisseure François Alaux, Hervé de Crécy und Ludovic Houplain erzählen 16 Minuten lang von einer Welt, die dem Hirn eines verrückten PR-Strategen entsprungen sein könnte. In »Logorama« kann man ganze neue Seiten an alten Kumpels wie Ronald McDonald, dem Michelin-Männchen und Super Mario entdecken. In dieser Welt der Firmenlogos und Sympathiefiguren kommt es schließlich zur finalen Katastrophe …

Klassischer Klatsch

Für alle, denen BILD zu seriös ist: Auch in Deutschland gab es vor gefühlten 100 Jahren eine Boulevardblatt-Parodie mit dem Titel »Das Neue Spezial«. Typische Schlagzeilen dieser Wochenzeitung waren: »Baby mit Goldzahn geboren!«, »Michael Jackson baut Ufo-Landebahn in Nevada!« und »Hellseherin schmeisst Mann raus, weil er an andere Frauen dachte!« In seinen besten Zeiten hatte die Zeitung eine Auflage von 40.000 Exemplaren. Im Archiv der amerikanischen Ausgabe namens »Weekly World News« kann man nun auch Online schmökern. 30 Jahre Skandale und Skandälchen vom Feinsten!

Britische Berichte

Kaum vorstellbar, dass es früher statt der Tagesschau sogenannte »Wochenschauen« gab, in denen Kinogänger über das aktuelle Zeitgeschehen informiert wurden. Die alten »Newsreels« der British Pathé kann man inzwischen auch Online bestaunen. Hier ein Bericht über den Britischen Comiczeichner Frank Hampson, dem geistigen Vater des futurtistischen Piloten »Dan Dare«, der wahrscheinlich nicht immer mit Anzug und Krawatte am Zeichentisch saß.

Monster Madness

Trotz aller Fortschritte der Digitaltechnik: Ich liebe die alten Hollywood-Monster, denen man ansah, dass sie auf dem Stuhl eines skrupellosen Maskenbildners entstanden sind. Je trashiger, desto besser! Heute kann ich über Dracula, Frankenstein und Konsorten lachen. Als Kind hatte ich unzählige schlaflose Nächte wegen ihnen. Offenbar scheint es viele zu geben, die meine Vorliebe teilen. Einige schaurig-schöne Monster-Darstellungen findet man auf den Blogseiten von »Frankensteinia« und »Monstercrazy«.

Dritte Dimensionen

Nach dem Erfolg von »Avatar« scheint alle Welt 3D-verrückt zu sein. Wieder mal! Dabei ist die Technik ein alter Hut! Auch in den 50er Jahren gab es eine Phase, in der die Leute von räumlichen Bildern begeistert waren. Doch wer will sich ständig eine unbequeme Pappbrille aufsetzen? Selbst damals war 3D nichts Neues, denn bereits vor 150 Jahren hatten stereoskopische Bilder ihren Ursprung. Beeindruckend waren sie schon. Glaubt ihr nicht? Einfach anklicken!

mediokraZu dumm, dass ich so feige bin, denn sonst hätte ich längst meinen Traum verwirklicht, eine Bank zu überfallen. Ich bin mir sicher, dass meine Knie vor Angst schlottern würden, wenn ich mit der Wumme in der Hand in den Kassenbereich spaziere, aber ich bin auch überzeugt, ich würde mich danach befreit fühlen wie nie.

Geplant habe ich alles bis ins letzte Detail. Da ich niemanden verletzen möchte, würde ich täuschend echt aussehende Spielzeugpistolen benutzen. Für die Flucht habe ich auch schon clevere Ideen, die ich aber hier nicht verraten möchte. Man weiss ja nie.

Das Korsett, in das wir durch das Leben gezwängt werden, ist mir manchmal fast unerträglich. Jeden Morgen brav aufstehen, zur Arbeit fahren, die Klappe halten, wenn der Chef meckert, sich auf Partys nie daneben benehmen, die Form wahren, sich immer hübsch zusammenreissen … die Liste ist endlos. Als Künstler bin ich da fein raus. Allerdings gelten für uns andere Zwänge, die keinen Deut besser sind. Ich habe schon sehr früh erkannt, dass ich in so einem Korsett nicht leben kann. Allein die Schule war eine Qual!

Ausgerechnet der Film »Butch Cassidy & the Sundance Kid« gab mir einen wichtigen Anstoß. Am Ende gehen unsere Helden in den sicheren Tod, indem sie nur zu zweit – mit gezogenen Revolvern – einer Horde Gesetzeshüter entgegentreten, deren Gewehrläufe längst auf sie gerichtet sind. »Aha, für ein unangepasstes Leben muss man einen Preis zahlen«, dachte ich da.

Auch Bonnie und Clyde, ebenfalls zwei meiner Helden, starben im Kugelhagel der Polente. Sicher, Clyde hätte 66 Jahre alt werden können, wäre er Staubsaugervertreter oder Beamter im mittleren Dienst geworden. Und Bonnie wäre vielleicht im Kreise ihre Urenkel gestorben, statt durchlöchert wie ein Sieb, wenn sie die Laufbahn einer Bürokauffrau eingeschlagen hätte. Aber wer will sich so etwas schon ansehen?

Leute, die immer nur bei grün die Straße überqueren, sind mir ein Gräuel. Warum nicht mutig einen Schluck aus der verdächtig riechenden Milchtüte trinken, statt nur ängstlich aufs Verfallsdatum zu schauen? Deshalb liebe ich alle unangepassten Exoten, die furchtlos die Gitterstäbe unserer Konventionen verbiegen wie Lakritzestangen. Natürlich müssen sie alle einen Preis dafür zahlen. Siehe: Michael Jackson. Fast jeder, der vom geraden Weg der Mittelmäßigkeit abweicht, endet irgendwann im Kugelhagel des Lebens. Doch wir alle hoffen natürlich davonzukommen – wie Bankräuber.

Tagged with:
 

Willkommen in der Zukunft

Weyershausen am 3. Januar 2010 in Befindlichkeiten

universum2010 macht mir Angst. Eigentlich hatte ich ja gar nicht damit gerechnet, überhaupt so lange auf der Welt zu sein. Als kleines Kind träumte ich immer davon, eines Tages im Jahre 2001 zu leben. Weiter reichte meine Zukunftsplanung leider nie.

Das Jahr 2001 war damals nämlich ein magisches Datum. Den Aussschlag gab wohl der gleichnamige Film von Stanley Kubrick. 2001 bedeutete für die Kinder meiner Generation, dass die Menschheit in Raketenautos herumfliegt, Raumschiffe etwas ganz Alltägliches sind, erste Kolonien auf dem Mars gegründet werden und Frauen in sexy Raumanzügen herumlaufen – wie Barbarella. Mit anderen Worten: Ich konnte es kaum abwarten, denn 2001 war ich meinen Berechnungen nach noch keine 40!

Selbst Donald Duck war in der legendären Geschichte »Donald im Jahre 2001«, die immerhin in der ersten Ausgabe von »Walt Disneys lustigen Taschenbüchern« erschien, ein alter Knacker. Da hatte ich es besser. Doch es kam, wie wir wissen, alles ganz anders.

Bereits »1984« hätte mir eine Warnung sein müssen. Vom Big Brother war selbst im Fernsehen noch keine Spur. Das einzig magische an diesem Jahr war der sogenannte »Zauberwürfel«. Ansonsten gab es dauergewellte Frauen, die mit gigantischen Schulterpolstern herumliefen – und natürlich Michael Jackson. Der Rest war business as usual. Als schließlich mit viel Brimborium das Jahr 2000 eingeläutet wurde, war mir klar, dass es mit den Raketenautos und den Marskolonien noch eine ganze Weile dauern würde. Stanley Kubricks visionäre Zukunftsspekulationen erwiesen sich als unwahr.

Das Ungewöhnlichste, was Silvester 2000 passierte, war eine Party, auf der die Gäste um Mitternacht komische Hüte aufsetzten. Aber so etwas ist ja in Braunschweig fast normal.

Was hatte die Menschheit bis dahin erreicht? Den Turbobräuner, den Jamba-Klingelton und das Bauchnabelpiercing. Natürlich gibt es inzwischen auch Handys, Computer, die selbst in die Westentasche passen, und natürlich das Internet. Frauen, die wie Barbarella herumlaufen, gibt es jedoch immer noch nicht.

Nun schreiben wir 2010 und die 40 habe ich inzwischen auch überschritten. Was mich daran am meisten ärgert, ist, dass es nun kein magisches Datum mehr gibt, dem ich entgegenfiebern kann. Die tollen Zukunftsvisionen, die in meiner Kindheit vorherrschten, werden sich wohl nie materialisieren. Zumindest nicht zu meinen Lebzeiten.

Im Gegenteil: Heute besteht ein Großteil der Utopien aus düsteren Weltuntergangsszenarien. Die tollen neuen Errungenschaften scheinen außer Kontrolle geraten zu sein. Die ach so schöne Technik vernichtet Arbeitsplätze; das Internet zermatscht nach neuesten Erkenntnissen angeblich unsere Gehirne, und Bücher gehören nach Ansicht des Multimediagiganten Sony demnächst der Vergangenheit an. Das alles macht mir Angst. Viele Dinge, die ich liebe, sind im Begriff zu verschwinden.

Es ist jedoch nicht alles schlecht: Immerhin gibt es (fast) keine Dauerwellen und Schulterpolster mehr.

Tabu or not tabu?

Weyershausen am 1. September 2009 in HiStory

tabuAls am 11. September 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center stürzten (die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht) fragte ich mich, wer wohl als Erster einen Witz über dieses Drama reißen wird.

Zu meinem Erstaunen dauerte es nur drei Monate, bis die Entertainerin Joan Rivers auf der Bühne scherzte, dass die Witwen der Feuerwehrleute, die durch die Anschläge ums Leben kamen, enttäuscht gewesen wären, hätte man ihre Gatten lebend geborgen. Schließlich sei jede hinterbliebene Ehefrau mit fünf Millionen Dollar entschädigt worden. Das Publikum fand das damals gar nicht komisch. Drei Monate Wartezeit waren zu wenig, denn die magische Formel lautet: Tragödie + Zeit = Komödie.

Wer jetzt an seinen letzten Zahnarztbesuch denkt, wird mir sicher recht geben. Es gibt auch eine Formel, die besagt: Jugend + Armut = Komödie. Leider trifft dies auch auf Folgendes zu: Alter + Armut = Tragödie. Dies geht mir immer durch den Kopf, wenn ich auf meine Kontoauszüge schaue. Aber ich schweife ab.

Ich glaube, ein guter Humorist hat ein Gespür dafür, wann er Tabus brechen kann, ohne sein Publikum zu verlieren. Als vor einigen Jahren ein Buch mit dem Namen »Wege in die Wanne« erschien, in dem sich mehrere Cartoonisten mit dem vermeintlichen Selbstmord des Politikers Uwe Barschel befassten, konnte fast kaum jemand darüber lachen. So etwas ist einfach nicht komisch. Wer dagegen Witze über leichte Ziele wie Michael Jackson oder Angela Merkel macht, kann ebenfalls keine Lachsalven mehr erwarten – höchstens vielleicht von fünfzigjährigen Sozialpädagogen.

Apropos Tabus: Als Mitglieder der angesehenen deutschen Band »Parzival« 1977 auf die Idee kamen, eine Rock-Oper mit dem Titel »Der Führer« zu veröffentlichen, wurde das Werk ganz schnell verboten. Als dreißig Jahre später Helge Schneider in der Komödie »Mein Führer« mit Adolf-Bärtchen über die Leinwand schlurfte, fanden wir das dagegen saukomisch. So ändern sich die Zeiten. Nun gibt es sogar einen Tarantino-Film, in dem der Nazi-Oberbösewicht am Ende am Leben bleibt. Zwar etwas lädiert, aber immerhin …

Die Zeiten ändern sich tatsächlich. Es gibt keine Tabus mehr. Man muss nur die nötige Geduld besitzen und abwarten. Früher oder später wird einfach alles zur Komödie, das Banale wie das Entsetzliche: Die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten, Hitler und der Holocaust, die Schrecken des Kommunismus und irgendwann auch der 11. September. Dann wird Quentin Tarantino sicher einen Film darüber drehen, in dem die Terroristen in den Flugzeugen über die Konsistenz von Dönern philosophieren werden.

Und wir werden uns köstlich darüber amüsieren.

Der Tag, an dem der King starb

Weyershausen am 28. Juni 2009 in Plattenkiste

endederweltSchon wieder ein Moment, an den man sich erinnern muss: Wo warst Du, als Michael Jackson starb? Ich erinnere mich noch an jenen Tag, als ein anderer King den Löffel abgab.

1977, als ich erfuhr, dass Elvis in die ewigen Jagdgründe abgewandert ist, stand ich gerade am Fahrradstand meiner Schule. Der Rest des Tages verlief auch nicht besser, denn ich hatte wie so oft meine Hausaufgaben nicht gemacht. Erschüttert hat mich die Nachricht damals nicht sonderlich. Elvis war für mich nur ein Mann, der in seltsamen alten Filmen auftrat, in denen viel gesungen wurde. John Lennons Ende traf mich ein paar Jahre später schon erheblich schwerer.

Noch schlimmer fand ich es, als Carl Barks, der geistige Vater von Dagobert Duck das Zeitliche segnete. Der »Entenmann« verließ im zarten Alter von 99 diese Welt. Er starb meiner Meinung nach viel zu früh!

Und Michael Jackson? Wahrscheinlich tragen die Mitspieler im Medienzirkus jetzt Trauer – war er doch ein gefundenes Fressen für alle Kolumnisten, Comedians und Cartoonisten. Hier ein paar Impressionen aus der Welt der bunten Bilder:

Darf der das?

Kein anderer Cartoonist kommentierte den Tod des King of Pop so ätzend wie Mike Luckovich. Der Hauscartoonist des »Atlanta Journal« erntete dafür viel Kritik. So viel Kritik, dass die Leser der altehrwürdigen Washington Post auf der Website der Zeitung abstimmen sollen, ob der Zeichner nun zu weit gegangen ist oder nicht. Ist er?

Little Michael

Schön war die Zeit, in der der bekennende Comic-Fan Jackson noch die Nase hoch tragen konnte. 1970 war der junge Michael der Liebling der amerikanischen TV-Nation. Die Jackson Five schafften es sogar auf das Cover des kurzlebigen Satireblatts »Spoof« aus dem Hause Marvel, das die fünf Racker neben den Beatles, den Rolling Stones und Elvis abbildete. Damals war Teenie-Idol David Cassidy der King of Pop. Nie gehört? So viel zum Thema Unsterblichkeit.

Show Respect to Michael Jackson!

Bei aller Lästerei sollte man nicht die Leistungen des Mannes vergessen, der in den Achtzigern wie kein Zweiter die Welt der Popmusik beherrschte. Independent-Cartoonist James Kochalka forderte jedenfalls in seinem Blog alle Leser auf, den Verblichenen zu ehren und eine Runde zu moonwalken – vielleicht beim Gassi gehen mit dem Hund. So sehr beschäftigte ihn der Tod des Meisters, dass er sogar den Song »Show Respect to Michael Jackson« intonierte. Let’s hear it, James!

Der ultimative Nachruf

Das letzte Wort hat Cartoonist John Campbell, der am treffendsten belegt, was in der letzten Woche abgelaufen ist. Dummes Geschwafel von B-Prominenten, die Jackson nicht mal kannten, Gerüchte, unhaltbare Spekulationen und schlampige Recherchen – all das erwartet uns, wenn ein Prominenter unerwartet abtritt. Oder wie TV-Urgestein Hans-Joachim Kulenkampff es einst formulierte: »Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden.«

Im Falle Jacksons hat man jedenfalls den Eindruck, dass die Medien-Vampire eines ihrer liebsten Opfer am Ende bis zum letzten Blutstropfen ausgesaugt haben.

Ein Erwachsener …

Weyershausen am 15. April 2009 in Leservat

erwachsenIst es eigentlich kindisch oder erwachsen, wenn man bei Sonnenschein vor dem Computer sitzt, statt auf einer Sommerwiese? Hmmm … Leider habe ich glatt vergessen, diese wichtige Frage in meinem Buch zu erörtern. Mist! Trotzdem: In den nächsten Wochen werde ich ein wenig die Werbetrommel für mein neues Opus rühren. Den Anfang macht das folgende Interview. Doch erst etwas völlig anderes …

Stumme Bücher

1939 versuchte das amerikanische Magazin »Ken« etwas völlig Neuartiges: Buchrezensionen in Comicform! Der damals beliebte Cartoonist Milt Gross nahm sich jede Woche ein neues Buch vor, dessen Handlung er auf nur einer einzigen Seite wiedergab. Ohne Worte! So auf den Punkt gebracht, wirkte manch seriöser Roman ganz schön albern. Die Rubrik »I Won’t Say A Word« lief nur wenige Wochen, verwurstete in dieser Zeit jedoch Klassiker wie »Früchte des Zorns«, »Der große Schlaf« und »Rebecca«.

»Ein Erwachsener ist allen Kindsköpfen dieser Welt gegenüber immer klar im Vorteil.«

Viele Erwachsene wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen, nicht zuletzt deshalb, weil die Medien den Jugendwahn und die Forever-Young-Kultur extrem fördern. Laut einer aktuellen Studie des Statistischen Bundesamtes lebt jeder achte Mann im Alter von 30 Jahren noch bei seinen Eltern und genießt den Luxus im »Hotel Mama«, denn nur dort wird man so richtig schön umsorgt und bedient. Warum also erwachsen werden? Autor Karsten Weyershausen, dessen Buch »111 Gründe, erwachsen zu werden« im Mai 2009 erscheint, gibt Auskunft.

Herr Weyershausen, wie alt sind Sie?

45. Hunde schlaffen dann leicht ab, aber für Menschen und Meeresschildkröten ist es ein ganz passables Alter.

Sie fühlen sich als Erwachsener? Sind Sie manchmal auch Kind?

Darüber gibt es geteilte Meinungen. Ich selbst empfinde mich mittlerweile als sehr erwachsen, auch wenn jetzt einige laut lachen werden, wenn sie das lesen.

Seit wann sind Sie erwachsen? Wie kam es dazu?

Als mich eines Abends eine Frau mit einer Flasche Rotwein überraschte, ich jedoch weder Weingläser noch einen Korkenzieher im Haus hatte. Mir war es ziemlich peinlich. Wäre James Bond so was passiert? Mit einer Schraube, einem Schraubenzieher und einer Kneifzange schaffte ich es dennoch, die Weinflasche zu öffnen. Die Frau nahm es zum Glück mit Humor, als wir schließlich unseren Rotwein aus Sektgläsern trinken mussten. Weingläser hatte ich nämlich auch nicht. Es war schon eine absurde Situation. Trotzdem war der Abend irgendwie ganz romantisch. Am nächsten Tag besorgte ich mir als Erstes einen Korkenzieher. Mit einem Korkenzieher fing er also an, mein langer, steiniger Weg zum Erwachsensein.

Haben Sie längere Zeit im »Hotel Mama« gelebt? Wie haben Sie das damals empfunden und wie denken Sie heute darüber?

Auch das ist ein dunkler Punkt in meiner Vergangenheit! Da ich meinen Zivildienst erst sehr spät antrat, wohnte ich recht lange bei meinen Eltern. Das war allerdings weder für sie noch für mich besonders schön. Als ich schließlich weg war, gab es auf beiden Seiten einen großen Seufzer der Erleichterung. Netterweise verstehe ich mich seitdem wieder recht gut mit ihnen.

Was ist für Sie das Schönste am Erwachsensein? Können Sie das kurz zusammenfassen?

Dass man tun und lassen kann, was man will. Keiner kann mir vorschreiben, was ich zu essen habe, was ich anzuziehen habe, oder wie ich meine Haare tragen soll. Wenn mir danach ist, kann ich sofort zehn Tafeln Schokolade verdrücken oder nach New York fliegen. Träumt davon nicht jedes Kind? Na ja, die Sache mit den Haaren stimmt für Männer meines Alters vielleicht nicht ganz …

Lässt man mit dem Erwachsenwerden seine Ängste hinter sich? Ist es einem egal, was andere über einen denken?

Das ist auch eine schöne Sache: Unser Altkanzler Helmut Schmidt wird zum Beispiel richtig locker auf seine alten Tage. Da er weiß, dass seine Jahre gezählt sind, hält er sich nicht mehr mit Höflichkeitsfloskeln auf. Was kann ihm schlimmstenfalls passieren? Dass ihm sein Papa den Hintern versohlt? Natürlich muss man in jüngeren Jahren schon ein wenig Diplomatie walten lassen.

Welche Gegenstände sollte ein erwachsener Mann bzw. eine erwachsene Frau besitzen?

Rotwein, Kerzen, Weingläser, einen Korkenzieher, eine Kuschelrock-CD, jede Menge Kondome und vielleicht noch Pfandbriefe und Kommunalobligationen …

In unserer Gesellschaft gilt es als uncool, älter zu werden. Woran liegt das?

Alternde Menschen gehören nun mal nicht zur werberelevanten Zielgruppe – also werden sie ignoriert – und wir akzeptieren das. Stattdessen bejubeln wir Stars, die mit grotesken Faceliftings ihr wahres Alter verleugnen. So was findet natürlich Nachahmer.

Warum fällt es jungen Menschen heutzutage so schwer, erwachsen zu werden?

Das klingt jetzt vielleicht etwas hart, aber wenn man bauchnabelgepiercte Omas mit Arschgeweih herumlaufen sieht, kann man Erwachsene doch nicht ernst nehmen. Die meisten Erwachsenen können sich gegen ihre Kinder kaum durchsetzen. Am besten wäre es, wenn die Eltern eine Vorbildfunktion übernehmen könnten, doch die sind offenbar überfordert.

Sollte man zwischen älter werden und weiser werden unterscheiden?

Für die meisten Menschen ist älter werden leider eine rein biologische Definition und bedeutet fetter und faltiger statt weiser. Um so etwas wie »Weisheit« zu erlangen, muss man sich schon ein wenig anstrengen. Das klappt nicht, wenn man nur vor dem Fernseher hockt und Kartoffelchips futtert. Besser wäre es, aus den Fehlern, die natürlich jeder von uns macht, eine Lehre zu ziehen. Nur dann hat das Alter wirklich seine Vorteile.

Erwachsen werden, heiraten, Kinder kriegen – all das geschieht heutzutage rund zehn Jahre später als vor nicht allzu langer Zeit. Ist das schlimm?

Da die Lebenserwartung heute ebenfalls wesentlich höher ist, ist das nicht weiter tragisch. Schlimm ist nur, dass bei ganz vielen von uns dieser Zeitpunkt selbst mit vierzig noch nicht erreicht ist.

Wie lange ist es cool, ein Kindskopf zu sein, und wann kippt das Ganze? Hat das auch etwas damit zu tun, wie viel Geld man hat?

Dass es trotz Geld nicht cool ist, ein Kindskopf zu sein, sieht man doch an Michael Jackson. Das Ganze kippt spätestens, wenn die ersten Falten kommen. Dann wirkt die aufgesetzte Jugend ziemlich peinlich. Gerade Teenager haben für so was gute Antennen. In einer Disco sagte mal in meinem Beisein jemand zu einer Dreißigjährigen: »Jetzt kommen sie schon zum Sterben her!« Danach sah ich sie dort nie wieder.

Manchmal schaut man einen Menschen an und denkt: »Ich seh noch das Kind in ihm.« Das kann doch auch sexy sein, oder?

Es ist durchaus etwas Schönes, wenn man sein inneres Kind bewahrt hat. Das innere Kind, wohlgemerkt. Dazu muss man aber erst erwachsen geworden sein. Ansonsten ist man nur ein in die Jahre gekommener Kindskopf – und das ist gar nicht sexy.

Können Sie sich vorstellen, mit Menschen befreundet zu sein, die ewige Kinder sind? Haben Sie solche Freunde?

Natürlich. Gerade in meinem Freundeskreis ist das Peter-Pan-Syndrom sehr verbreitet. Es ist ja auch sehr liebenswert, eine kindliche Spontaneität zu besitzen. Für die Partner großer Kinder ist es jedoch recht frustrierend. Aber ein großes Kind ist immer noch besser als ein langweiliger Versicherungsvertreter.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen, was das Erwachsenwerden anbelangt?

Frauen beginnen schon sehr früh, einen Lebensplan aufzustellen. Männer sind da eher planlos. Bei Frauen spielt natürlich der Kinderwunsch eine tragende Rolle, der bei Männern weniger ausgeprägt ist. Es ist kein Zufall, dass die Modelle junge Frau – älterer Mann, junger Mann – ältere Frau immer häufiger vorkommen. Der ältere Partner übernimmt in beiden Fällen ein wenig die Rolle des »Entwicklungshelfers«.

Liegt es auch an den Eltern, wenn junge Menschen allem Anschein nach erwachsen sind, aber nicht ausziehen wollen? Gehört es zu den Pflichten der Eltern, den Kindern einen Tritt zu geben?

Stimmt. Die Eltern wollen heute gute Kumpels sein statt Erzieher. Sich bei den Kindern anzubiedern ist natürlich bequemer, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Solche Eltern schaden ihren Kindern letztlich nur.

Wie können Eltern ihre Kinder loswerden?

Volksmusik spielen.

Wie kann man sich am geschicktesten von klammernden Eltern emanzipieren? Haben Sie ein paar Tipps?

Tipps habe ich keine, aber Kurt Vonnegut hat mal geschrieben: »Wenn ihr eure Eltern quälen wollt und nicht den Nerv habt, schwul zu werden, könnt ihr es zumindest mit den schönen Künsten versuchen.« Bei mir hat das geholfen.

Wie würden Sie Ihre Kinder auf das Erwachsensein vorbereiten?

Am besten ist es, man erzieht seine Kinder schon ganz früh zur Selbstständigkeit. Statt ihnen alles abzunehmen, sollte man sie ruhig machen lassen. Auch wenn sie murren. Man staunt meist selbst, wie schnell sie alles bewältigen.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Macht es Ihnen etwas aus, immer »erwachsener« zu werden?

Da ich recht spät angefangen habe, bleibe ich auf diesem Gebiet sicher noch eine ganze Weile ein Nachzügler. Aber wieso sollte es mir etwas ausmachen? Ein Erwachsener ist allen Kindsköpfen dieser Welt gegenüber immer klar im Vorteil. Also kann man nur gewinnen, wenn man erwachsen ist. In ein paar Jahren, wenn ich senil, zahnlos und inkontinent bin, werde ich ja sowieso wieder zum Kind. Alles bewegt sich im Kreis. Also genieße ich das Erwachsensein, solange es anhält.

Interview © 2009 Schwarzkopf & Schwarzkopf