Fünf Freunde müsst Ihr sein

wortmax am 18. November 2011 in Plattenkiste

saga_liveNormalerweise gehen mir Band Reunions auf den Keks. Denn oft ist es ja so, dass Fans mit der schwülstigen Ankündigung einer großen Abschiedstournee in die Konzerthallen gelockt werden. Und wenn dann eine zerstrittene Formation nach ein paar Jahren – tadaa! – doch wieder einträchtig auf der Bühne herumhüpft, weil die geplanten Solokarrieren nicht so recht zünden wollten, fühlt man sich als Konsument irgendwie verschaukelt.

Besser wäre es, erst einmal von einer Auszeit zu reden und nicht gleich von endgültiger Trennung. Oder man trennt und vereint sich öfter mal, wie zum Beispiel die kanadischen Neo-Progrocker von Saga. Weil dann kann man damit rechnen, dass der Abschied nur eine Pause ist.

Vor vier Jahren habe ich in diesem Blog traurig das Ende von Saga verkündet, weil nämlich Frontman Michael Sadler offiziell seinen Abschied von der Band bekanntgegeben hatte. Drummer Steve Negus war schon zwei Alben vorher ausgestiegen. Zwar hatten sich die Jungs 1986 schon einmal getrennt und 1992 wiedervereint, doch nach dem 30jährigen Bandjubiläum 2007 schien das endgültige Ende gekommen. Feierabend! Die Gebrüder Crichton machen das Licht aus bzw. die Gitarrenverstärker.

Doch von wegen! Vor ein paar Tagen fiel mir »Heads or Tales« in die Hände, nicht das Studio-Album von 1983, sondern eine fast nietnagelneue Liveversion, aufgenommen 2010, veröffentlicht 2011. Die unverwechselbare Stimme Sadlers fehlt hier natürlich, doch Ersatzbarde Rob Moratti ist nun auch nicht so schlecht, und die brillante Musik von Crichton, Gilmour und Co. lässt einen schließlich ganz vergessen, dass hier ein wichtiger Mann fehlt.

Und es kommt noch besser: Der wichtige Mann ist wieder da. Tadaa! Michael Sadler ist zurück. 2007 gab er in München sein Abschiedskonzert. Jetzt ist er mit Saga auf »Comeback-Tournee«. Skandinavien, München, Würzburg, Münster, Offenbach und Mannheim haben sie schon hinter sich gelassen. Die weiteren Tourdaten lauten:

18.11.2011: Stuttgart, Hegel Hall
19.11.2011: Idar-Oberstein, Exhibition Hall
20.11.2011: Köln, E-Werk
22.11.2011: Berlin, Tempodrom
23.11.2011: Worpswede, Musichalle
24.11.2011: Hamburg, Docks
25.11.2011: Mülheim, RWE Arena
26.11.2011: Pratteln (CH), Z7
28.11.2011: Augsburg, Spektrum
30.11.2011: Pilsen (CZ), KD Serikova
01.12.2011: Detmold, Stadthalle
02.12.2011: Oldenburg, Kuthuretage

Appetitanreger gibt’s bei youtube mit »Don’t be late«, »Careful where you step«, »Scratching the Surface« oder »Give’em the money«.

Ich selbst habe unglücklicherweise keine Gelegenheit, eines der Konzerte zu besuchen, hoffe aber, bei der nächsten Tour in zwei, drei Jahren wieder mit dabei zu sein, wenn es wünschenswerterweise heißt: Tadaa! Steve Negus is back!

Ende einer Saga

wortmax am 7. Januar 2008 in Plattenkiste

turntableJeder, der mit der Rock- und Popmusik der letzten drei, vier Jahrzehnte groß geworden ist, kann wohl auf eine Band verweisen, die ihm besonders viel bedeutet; eine Band, die für ihn über einen längeren Zeitraum präsent war, wichtige Phasen seines Lebens begleitet hat und sich vielleicht sogar direkt mit mehreren herausragenden persönlichen Erlebnissen in Verbindung bringen lässt.

In meinem Fall schlug das Musikherz über mehrere Dekaden hinweg für die kanadische Rockband Saga. Was heißt »schlug«? Es schlägt noch immer für sie und wird auch weiterhin für sie schlagen, ungeachtet der Tatsache, dass sich der Leadsänger Michael Sadler im Herbst 2007 von seinen Kollegen getrennt hat und damit das Ende von Saga nun endgültig besiegelt scheint – nach über 30 Jahren!

Anfang der 80er Jahre hatte ich Saga zum ersten Mal wahrgenommen und mich umgehend verliebt. Mein Bruder hatte die Band in einem Konzert in München gesehen und bei seiner Rückkehr die Alben Saga und Silent Knight im Gepäck. Cover, Texte und Sound von Saga hatten für mich genau jene Portion Fantasy und Science Fiction, nach der ich damals als junger Teenager lechzte. »Star Wars« war gerade erst in den deutschen Kinos gezeigt worden, und im Ersten gab’s jeden Samstagabend zu mitternächtlicher Stunde Filme wie Das Ding aus einer anderen Welt oder Solaris.

Das Bild einer Invasion von insektoiden Wesen aus dem All vor Augen, übersetzte ich damals zusammen mit einem Freund die Texte von acht Saga-Songs, die so genannten Chapters, die verteilt auf vier Alben eine mysteriöse Endzeitgeschichte erzählen. Von Images über Don’t be Late und Too Much to Lose bis hin zu No Stranger.

Ich selbst erlebte Saga erstmals live 1981 – in Hannover. Dann wieder 1983, mittlerweile in der Eilenriedehalle, mit einem damals noch relativ unbekannten Chris Rea im Vorprogramm. Danach ging es mit der Band rapide abwärts. Die Alben, die folgten, konnten leider in keiner Weise an den Erfolg ihrer Vorgänger anknüpfen. Keyboarder Jim Gilmour und Drummer Steve Negus, einer der besten der Welt, stiegen auf dem Höhepunkt der Talfahrt aus. Doch in solchen Momenten zeigt sich, wer ein wahrer Fan ist: Natürlich kaufte ich weiterhin alle Platten, die die amputierte Band auf den Markt schmiss.

Meine Treue wurde belohnt. 1992 kehrten Gilmour und Negus zur Band zurück. Es gab ein Konzert im Original Line Up im Hydepark in Osnabrück, und ich war als Fotograf eines Stadtmagazins dabei, fotografierte aus der ersten Reihe und erfreute mich des Eindrucks, Sadler und Co. würden nur für mich posieren. Wäre mein Englisch damals besser gewesen, hätte ich selbstverständlich noch ein Interview mit ihnen geführt. Vielleicht wären auch ein paar Biere mit Ian Crichton drin gewesen.

Irgendwie schade. Aber man kann eben nicht alles haben – und schon gar nicht für immer. Im Oktober 2007 erschien mit 10.000 Days das wahrscheinlich letzte Saga-Album. Drummer Steve Negus ist dort schon nicht mehr dabei. Und jetzt ist auch Sadler die Lust vergangen. Zeit also »Auf Wiedersehen« zu sagen – und »Danke, Jungs!«, für die vielen bemerkenswerten Augenblicke in meiner Musik-Biografie.

Wer mit zum Abschied winken will, dem empfehle ich den Kauf des Doppelalbums The Chapters Live. Es ist das letzte Saga-Album, das ich mir zugelegt habe und – wen wundert’s angesichts der Klassiker, die darauf zu finden sind – eines der besten meiner kompletten Saga-Sammlung.

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