»Ein Künstler darf nie das Gefühl haben angekommen zu sein. Er muss versuchen, sich permanent im Zustand des Werdens zu befinden. Dann ist alles gut.« Diese weisen Worte stammen von Bob Dylan. Er hat sie beherzigt wie kein Zweiter.
Eigentlich sollte jeder Künstler diese Maxime befolgen. Doch hat man einmal ein Erfolgsrezept gefunden, das sich verkauft, muss man es endlos wiederholen. Sir Arthur Conan Doyle konnte seinen Helden Sherlock Holmes bereits nach einem Dutzend Geschichten nicht mehr sehen. Die letzten Abenteuer schrieb er nur des Geldes wegen. Seinem Kollegen Georges Simenon erging es mit Kommissar Maigret (Simenon: »Ein Spießer, einer von uns. Wahrscheinlich der Grund, warum ihn alle Spießer der Welt so lieben.«) ähnlich.
Der Zeichner Morris (bürgerlich: Maurice de Bévère) blieb fünf Jahrzehnte der Gefangene seines Erfolges, den er mit seinem Cowboy Lucky Luke erzielte, obwohl er oft bedauerte auf diese Figur festgelegt zu sein. Und wenn wir schon bei den Comics sind: Der Franzose Jean Giraud wollte den Zwängen einer Fließbandproduktion entkommen und begann unter dem Pseudonym Moebius eine zweite Karriere im Fantasy-Genre. Nachdem er den Geschmack der künstlerischen Freiheit gekostet hatte, änderte er alle paar Jahre seinen Stil – sehr zum Verdruss der Fans.
Ach ja, die Fans! Der bereits erwähnte Mr. Dylan wurde tüchtig ausgebuht, als er sich vom Folksänger zum Rockstar mauserte, dann – nach einem Intermezzo als Countrymusiker – zum religiösen Eiferer entwickelte und schließlich wieder zurück zum Folksänger. Fans mögen es gar nicht, wenn man ihre Erwartungshaltung enttäuscht. Viel lieber haben sie es, wenn ein Künstler seinen Erfolg auf ewig reproduziert. Den Verlegern kann dies nur recht sein, denn nur Kontinuität (= künstlerische Stagnation) ist ein Garant für stetig klingelnde Kassen.
Man wird ermutigt, einen klar erkennbaren Stil zu entwickeln – und gefälligst dabei zu bleiben. Es gibt viele Künstler, denen das leicht fällt. Den meisten Menschen kommt das Potenzial zur Veränderung recht früh abhanden. In dem Maße, wie sich unser Charakter verfestigt, verfestigen sich nun mal auch unsere Gewohnheiten. Irgendwann befinden wir uns nicht mehr auf der Suche, sondern bewegen uns nur noch im Kreis, wie ein Zirkuspferd.
Dabei ist die Suche der eigentliche Grund, wieso man das kreative Metier gewählt hat. Der Moment des Findens ist gewiss befriedigend, aber im Grunde ist es ein trauriger Moment, denn was dann einsetzt, ist Routine. Viel spannender wäre es, ein Suchender zu bleiben, ein Forscher und Entdecker, der experimentiert und mutig nach vorn prescht, wo Engel furchtsam weichen – sei es mit Worten, mit einer Gitarre oder mit einem Farbstift.
Heute wollen wir mal über meinen Job und meine hochverehrten Kollegen sprechen. Wer hat schon das Glück einen Beruf auszuüben, in dem sich so viele helle Köpfe tummeln wie im Cartoon- und Comicbereich? Wer’s nicht glaubt, sollte nur die Frau an der Wursttheke fragen.
Und das Schöne ist, dass man sich – weil man ja auch irgendwie zur Branche gehört – in ihrem Glanz sonnen kann. Schon allein deswegen bin ich allen Herren und Damen Cartoonisten für ihre tolle Arbeit dankbar. Und deshalb wollen wir ihnen an dieser Stelle einmal über die Schulter schauen.
Flinke Filzstifte
72 trafen sich die Starzeichner Joe Kubert, Neal Adams und Jean (Moebius) Giraud in Paris, um vor laufender Kamera ein paar seltsame Figuren an die Wand zu krakeln. Alle drei waren damals auf der Höhe ihres Könnens. Dank des Internets tauchte dieser Film jüngst wieder auf. Schön zu wissen, dass die drei Herren auch vier Jahrzehnte später noch immer am Ball sind.
Klassischer Künstlerklatsch
Da Cartoonisten ein einsames Völkchen sind, freuen sie sich immer zu erfahren, was die Herren Kollegen so treiben. Denn Klatsch und Tratsch ist gleich nach der Zeichnerei die große Leidenschaft aller Cartoonisten. Vor sechs Jahrzehnten gab es die Zeitschrift »The Freelancer«, in der Kollegen für Kollegen ihren Alltag und ihre Arbeitsweise beschrieben. Es ist schon interessant, welche Themen die Zeichner damals bewegten. Hier einige Beispiele aus dem Jahre 1957.
Wissenswertes über Witzzeichner
Eine anderes Magazin, das sich mit den bunten Bildern befasste, war »Cartoonist Profiles«. Diese Zeitschrift, die besonders mit ausführlichen Interviews glänzte, bot besonders angehenden Cartoonisten die einzige Möglichkeit, Wissenswertes über die Branche zu erfahren. Das Internet machte sie schließlich überflüssig. Hier eine der letzten Ausgaben mit Jerry Scott and Jim Borgman aus dem Jahre 2003.
Meisterhafter Mahler
Vor 120 Jahren, als ich meine ersten Comics zeichnete, schickte mir ein junger Österreicher namens Nicolas Mahler ein bescheidenes Frühwerk namens »Trööt!«. Seitdem hat er sich zu einem international gefeierten Cartoonisten entwickelt (während ich noch immer bescheidene Frühwerke fabriziere). Eigentlich kann ich jedem Erdenbürger nur empfehlen, sich seine Bücher zu kaufen. In Luzern kann man am 9. April seine Arbeiten bestaunen: auf dem Comix-Festival Fumetto. Eine kleine Kostprobe seines reichhaltigen Schaffens findet man hier.
Wie gut, dass die Hitzewelle vorbei ist. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres, als wenn man mit einem Haufen Arbeit in der Butze hocken muss, während sich alle Welt im Strandcafé verlustiert. Nee … Quatsch … es gibt doch Schlimmeres! Nämlich, wenn die Nachbarn bei brütender Hitze mit ihrer Dorfdisco-Kirmes-Musik den Hinterhof berieseln und man gerade keine Kettensäge zur Hand hat.
Da ich grad so schön am Jammern bin: Schlimm fand ich es auch, als ich letzte Woche im Zug nach Augsburg vier Stunden lang die Schmatzgeräusche eines Teenies anhören musste, der einfach nicht mit geschlossener Futterluke seine Gummibärchen kauen konnte. Das führte dazu, dass ich sofort via Handy mein riesiges Haribo-Aktienpaket abstieß. Seitdem kann ich es kaum erwarten, alt und taub zu sein. Obwohl: Alt bin ich ja schon …
Doch bevor ich die Reise über den Jordan antrete, gibt es hier wieder meine allerletzten Tipps aus den unterirdischen Weiten des Internets:
Speed-Painter
»Maaaaami! Ich will auch so ein Cintiq 21″ haben!!!« würde ich rufen, wenn es etwas nützen würde. Was Grandmaster Moebius und seine Kollegen dieses Jahr in Angouleme mit dem wundersamen Grafiktablett aus dem Hause Wacom anstellten, lässt die Augäpfel größer werden. Kein Zweifel: Die digitale Zukunft ist bereits hier und die großen Künstler haben sich längst darauf eingestellt. Während der Computer für viele minder begabte Zeichner eine prima Krücke ist, stellt er für wahre Könner nur ein weiteres Werkzeug dar.
Beat-Bilder
Hatten die Menschen früher ein besseres Auge? Das denke ich, wann immer ich alte Fotos zu Gesicht bekomme. Man betrachte nur die Privataufnahmen aus den Jahren 1953 bis 1963 von Allen Ginsberg, der einer der Väter der Beat Generation war. Bis September kann man in Washington die Ursprünge von William S. Burroughs, Jack Kerouac und Konsorten fotografisch verfolgen. Angereichert mit erhellenden Kommentaren Ginsbergs. Hoffentlich kommt die Ausstellung auch nach Deutschland! Hier eine kleine Kostprobe.
Comic-Kids
Eine der lustigeren Web-Ideen kann man unter »Hey Kids, Comics!« finden. Der Betreiber des Blogs hat es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Fotos, auf denen comiclesende Menschen abgebildet sind, zu posten. Besonders nett sind natürlich die Aufnahmen, in denen Kinder der 40er und 50er Jahre auftauchen. Heute werden Comics ja leider vorwiegend von (weniger niedlichen) bierbäuchigen, bärtigen Spätpubertierern, die bei Mama wohnen, gelesen.
Dudeismus
Da wir gerade bei bierbäuchigen, bärtigen Spätpubertierern sind: Nach der Big Lebowski-Action-Figur (mit Milchtüte und Teppich) gibt es nun ein Dude-Poster, das dem letzten Abendmahl nachempfunden ist. Mehr über den Dude und seine Welt finden Freunde eines VERY casual Lifestyles auf »The Dudespaper«, wo man alles über den »Dudesimus« erfahren kann und zum »Dudenheim Store« gelangt, in dem es alles gibt, was das Herz eines kiffenden, White Russian süffelnden Abhängers erfreut.
Radioaktiver Trash
Na gut, die Atombome brachte ihren Opfern einen grausamen Tod, Verstümmlungen, Krebs und jahrzehntelanges Dahinsiechen – aber eben auch ein paar herzallerliebste Filme mit Riesenspinnen, radioaktiven Zyklopen und natürlich Godzilla. Ein Argument übrigens, das von den Befürwortern der Kernenergie viel zu selten genutzt wird. Trotzdem kann ich nur jeden, der den Namen Ishiro Honda mit einem Filmregisseur verbindet, statt mit einem schnittigen Kleinwagen, einen Besuch auf der »Radiation Cinama«-Seite empfehlen.

Wann hat eigentlich alles angefangen? Natürlich mit dem Urknall, ist doch klar! Für mich war dieser Urknall ein unscheinbares Comicheft. Eines Tages ging ich mit meiner gestressten Mutter an einem etwas heruntergekommenen Zeitschriftenladen vorbei. Im Schaufenster hingen diverse Comics und Romanhefte, die sofort meine Aufmerksamkeit erregten. Mit fatalen Folgen für meine Mutter.
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