Tschiller, Kabale und die Liebe der Frauen

Weyershausen am 12. März 2013 in Screenshot

tatort»Das Rumgeblute is schon cool«, meldete Mette neulich bei facebook. Rumgeblute? Da war ich zunächst verwundert. Hatte sich mein hochverehrter Kollege beim Zwiebelschneiden in den Finger geschnitten?

Doch dann sah ich, dass an jenem Abend der erste Tatort mit Til Schweiger lief, der schon im Vorfeld für Aufregung sorgte. Sehr blutig sollte es werden, stand in mehreren Zeitungen – und sehr nuschelig, natürlich.

Dabei fiel mir ein, dass ich den letzten Tatort vor mehr als 30 Jahren sah; und den letzten Film mit Til Schweiger vor vier Jahren. Besagter Film hieß »Phantomschmerz«. Die Frau, die mich an jenem Abend ins Kino einlud, entschuldigte sich nachher bei mir – stellvertretend für Herrn Schweiger – für die 97 verlorenen Minuten, die mir niemand zurückgeben kann. Es war trotzdem ein lehrreicher Abend.

Das Publikum des Streifens bestand nämlich zu 85 Prozent aus Frauen. Wieso war nach wenigen Minuten klar: In jedem Film mit Schweiger gibt es nämlich mindestens eine Szene, in der er seine bodygebuildete Männerbrust in die Kamera reckt. Und immer ist der Kerl nahtlos gebräunt. In exakt diesem Moment konnte man praktisch zuhören, wie im Kinosaal plötzlich sämtliche biologische Uhren aufhörten zu ticken.

Dabei hätte ich gewarnt sein müssen. Selbst »Keinohrhasen«, bislang das »pièce de résistance« des Mimen, konnte mich nicht so recht begeistern. Trotz einiger witziger Szenen glich das Ganze einer seichten Filmklamotte aus den 50ern. Nur eben mit Jürgen Vogel statt Heinz Erhardt in einer launigen Nebenrolle. Den Geschmack der deutschen Kinogänger schien Schweiger jedoch getroffen zu haben. Aber das taten die cineastischen Elaborate von Thomas Gottschalk und Mike Krüger ja auch mal.

Seit »Keinohrhasen« ist Schweiger jedenfalls unantastbar. Zumindest bei Menschen mit XX-Chromosomen. Ich würde eher mit Henryk M. Broder über die Siedlungspolitik Israels diskutieren, als mit einer Frau über »Keinohrhasen«. Schon gar nicht über »Kokowääh«, denn »Schweiger + kleine Bälger«, das ist fürwahr eine diabolische Mixtur, der keine Bürokauffrau jenseits der 30 widerstehen kann.

Ganz schlimm wurde es, als Quentin Tarantino ihn mit einer Rolle in »Inglourious Basterds« adelte. Da wurde selbst ich unsicher. Marlon Brando konnte ja schließlich auch nicht deutlich sprechen, oder? Wandelte Schweiger am Ende gar in den Fußstapfen des legendären Method-Actors? Eher nicht, denn der Quentmeister machte den Fehler, neben Schweiger auch Diane Kruger zu engagieren, neben der selbst das Schauspieltalent von Bohlens Naddel wirkt wie das einer Meryl Streep. Auch ein Tarantino ist eben nicht unfehlbar. Doch sogar ein Tarantino konnte Schweiger nicht zur Hollywoodkarriere verhelfen. Wahrscheinlich lag es daran, dass er in »Inglourious Basterds« sein Hemd anbehielt.

Jetzt im dunklen Jahr 2013, in dem ihm, dem scheinbar Alterslosen, das böse Gespenst der 50 ereilt, wurde der bewegte Mann aus Freiburg gar zum Tatort-Kommissar. Karrierehöhepunkt oder Alterskarriere? Man weiß so wenig. Mir kann es egal sein, denn ich werde mir garantiert keine Folge ansehen. Da kann er noch so bluten, wie ein abgestochenes Schwein, der Til. 97 verlorene Minuten sind genug. »Nick Tschiller« heisst seine Figur – ein Name, der genauso klingt, als hätte ihn der spätpubertierende Laufbursche einer Margarinefabrik im Fieberwahn einer schlaflosen Nacht aufs Papier gepopelt.

Wahrscheinlich ist es der pure Neid, der aus mir spricht, denn Herr Schweiger hat nicht nur mehr Haare auf dem Kopf und mehr Zaster auf dem Konto, sondern auch mehr Schlag bei den Frauen als ich. Das letzte Mal, als ich in Gegenwart einer Person mit XX-Chromosomen mein Hemd auszog, kam jedenfalls als einzige Reaktion der Satz: »Du solltest etwas mehr Sport treiben.« Das könnte einem Kerl wie Nick Tschiller nie passieren. Und einem Til Schweiger sowieso nicht, denn Herr Schweiger weiß, wie der Hase läuft. Vor allem weiß er, was deutsche Frauen wollen. Und jetzt erschleicht er sich ihre Solidarität sogar damit, indem er blutet. Ganz schön berechnend, dieser Mann …

Ms. Blaise, Mr. Garvin und Mr. O'Donnell

Weyershausen am 31. Mai 2010 in Leservat

Modesty BlaiseErst neulich fiel mir wieder mal auf, wie vergänglich doch alles ist. Als vor ein paar Wochen der britische Kriminalschriftsteller Peter O’Donnell das Zeitliche segnete, griff ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit zu seinen Büchern, die in der hintersten Ecke meines Regals verstauben. Vor etwa zwanzig Jahren war ich einmal ein großer Fan seiner Heldin Modesty Blaise. Jetzt waren mir Druckerzeugnisse mit markigen Titeln wie »Ein Gorilla für die Lady« und »Die Lady lässt es blitzen« eher peinlich. Die deutschen Ausgaben schrecken eher ab, als dass sie zum Lesen animieren. Deshalb legte ich Modesty Blaise und Peter O’Donnell irgendwann unter der Rubrik »Jugendsünde« ab.

Da ich aber wegen einer schmerzhaften Knocheninfektion die letzten Wochen auf dem Sofa verbringen musste, blätterte ich aus purer Langeweile in den vergilbten Taschenbüchern herum. Und siehe da: Ganz schnell hatte ich mich festgelesen und in den nächsten Tagen sämtliche Romane verschlungen. Peter O’Donnells Modesty Blaise-Romane sind nämlich echte Schmöker, die man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Auch heute noch.

Am Anfang steht ein namenloses Flüchtlingskind ohne Erinnerung, das sich ganz allein von Griechenland nach Nordafrika durchschlägt. Mit 17 nennt sie sich Modesty Blaise, wird Chefin einer Verbrecherorganisation mit dem ominösen Namen »Das Netz«, um sich mit 27 als reiche Frau in London zur Ruhe zu setzen. Doch Modesty zieht die Gefahr an, wie Wolle Petry Menschen mit schlechten Musikgeschmack. Das süße Leben ist langweiliger, als sie gedacht hat.

Modesty Blaise war ursprünglich eine Comicheldin. 1963 erschien sie als weibliche Antwort auf James Bond in der britischen Zeitung »Evening Standard«. Der Strip war damals eine Sensation. Eine starke selbstbewusste Frau war etwas vollkommen Neues. Vor allem eine Frau, die regelmäßig von Männern angeschossen oder verprügelt wird. Allerdings konnte sie auch austeilen. Im Gegensatz zu James Bond war Modesty Blaise jedoch keine eiskalte Tötungsmaschine. O’Donnell versah seine Heldin mit menschlichen Zügen und vor allem einen ausgeprägten Sinn für Selbstironie. Zeichner Jim Holdaway verlieh dem Ganzen eine leicht unterkühlte Aura. In seiner Glanzzeit war es wohl der intelligenteste Comic Strip seiner Art.

Die Romanfigur Modesty Blaise war dagegen eher ein Zufallsprodukt, das 1965 im Zuge einer vollkommen missglückten Verfilmung das Licht der Welt erblickte. Im Gegensatz zum Film war das Buch indes ein voller Erfolg. In den nächsten zwanzig Jahren schrieb O’Donnell zehn Romane und zwei Kurzgeschichtenbände über seine Heldin, die fast alle zu Bestsellern gerieten und von der Kritik gefeiert wurden. Hierbei übertraf er seine Comicszenarios um Längen. Die Modesty Blaise der Romane ist wesentlich vielschichtiger als in den Comics.

Im O’Donnell-Universum wimmelt es vor skurrilen Schurken, ausgeklügelten Todesfallen und spleenigen Nebenfiguren. An erster Stelle steht Modestys treuer Gefährte Willie Garvin, der für jede Situation den passenden Bibelspruch parat hat und für seine einstige Chefin sein Leben geben würde. Willie nennt Modesty liebevoll »Prinzessin«, denn sie hat ihn dereinst in Saigon aus der Gosse geholt. Dazu gesellen sich der britische Geheimdienstler Sir Gerald Tarrant, für den Modesty zu einer Art Tochterersatz wird, ihr versnobter chinesischer Hausboy Weng und einige Freunde und Liebhaber, die fast ebenso eigenwillig charakterisiert werden, wie die Titelheldin. Etwas Unerhörtes waren vor allem Modestys Kontakte zum anderen Geschlecht. Eine Frau, die unabhängig ist, offene Beziehungen lebt und deren Spielregeln bestimmt, gab es damals nicht.

Das Interessante dabei ist: Eigentlich geht es bei den Romanen nicht nur um spannend erzählte Geschichten, sondern um die Beziehungen der Figuren zueinander. Loyalität und Freundschaft sind die zentralen Themen, die sich durch sämtliche Bücher ziehen. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Modesty und Willie, die trotz ihrer Intensität stets platonisch bleibt. »Frauen scheinen dies eher zu verstehen als Männer«, meinte dazu O’Donnell. Die Plots sind dabei so originell, dass sie einfach nur Spaß machen. »Ich habe keine Botschaft. Ich will die Leser bloß unterhalten,« sagte er einmal.

Die Modesty Blaise-Bücher hatten allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über einer Million. Doch nachdem 1986 der letzte Band erschien, verschwand die Serie langsam in der Versenkung. Seitdem haben sich viele prominente Figuren als Fans geoutet. Quentin Tarantino ließ John Travolta in »Pulp Fiction« auf dem Klo die Modesty-Blaise-Erstausgabe von 1965 lesen. Gerade in seiner »Kill Bill«-Saga ist O’Donnells Einfluss unübersehbar. Autor Neil Gaiman hat vor einigen Jahren sogar ein Modesty Blaise-Drehbuch entworfen, das leider unverfilmt blieb. Bislang waren alle Versuche, »die tödliche Lady« auf die Leinwand oder den Bildschirm zu bringen, erbärmliche Rohrkrepierer. »Der erste Film war so schlecht, dass im Kino meine Nase anfing zu bluten«, scherzte der O’Donnell später.

Im Buchhandel sucht man Modesty Blaise heute vergebens. Als ich vor ein paar Tagen eine Stichprobe machte, entdeckte ich sie jedenfalls nirgends. Immerhin: Vor fünf Jahren startete der Unionsverlag eine Neuedition, die jedoch bald abgebrochen wurde. Modesty Blaise ist wohl zu sehr ein Produkt der Swinging Sixties – wie Emma Peel, deren Vorläuferin sie einst war: Verspielt, very british und beinahe surreal. Die heutigen, vorwiegend weiblichen, Krimileser wollen anscheinend keine abstrakten Fluchtwelten, sondern ihren realen Alltag wiedererkennen. So bleiben die Bücher bis auf Weiteres einer eingeschworenen Fangemeinde vorbehalten.

1996 lies O’Donnell seine unbesiegbare Heldin in einer letzten Kurzgeschichte sterben. Wie es ein etwas altmodischer britischer Gentleman schaffte, eine derartig progressive Heldin in die Welt zu setzen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Am 3. Mai 2010 starb er im stolzen Alter von 90 Jahren.

Tabu or not tabu?

Weyershausen am 1. September 2009 in HiStory

tabuAls am 11. September 2001 die Flugzeuge ins World Trade Center stürzten (die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht) fragte ich mich, wer wohl als Erster einen Witz über dieses Drama reißen wird.

Zu meinem Erstaunen dauerte es nur drei Monate, bis die Entertainerin Joan Rivers auf der Bühne scherzte, dass die Witwen der Feuerwehrleute, die durch die Anschläge ums Leben kamen, enttäuscht gewesen wären, hätte man ihre Gatten lebend geborgen. Schließlich sei jede hinterbliebene Ehefrau mit fünf Millionen Dollar entschädigt worden. Das Publikum fand das damals gar nicht komisch. Drei Monate Wartezeit waren zu wenig, denn die magische Formel lautet: Tragödie + Zeit = Komödie.

Wer jetzt an seinen letzten Zahnarztbesuch denkt, wird mir sicher recht geben. Es gibt auch eine Formel, die besagt: Jugend + Armut = Komödie. Leider trifft dies auch auf Folgendes zu: Alter + Armut = Tragödie. Dies geht mir immer durch den Kopf, wenn ich auf meine Kontoauszüge schaue. Aber ich schweife ab.

Ich glaube, ein guter Humorist hat ein Gespür dafür, wann er Tabus brechen kann, ohne sein Publikum zu verlieren. Als vor einigen Jahren ein Buch mit dem Namen »Wege in die Wanne« erschien, in dem sich mehrere Cartoonisten mit dem vermeintlichen Selbstmord des Politikers Uwe Barschel befassten, konnte fast kaum jemand darüber lachen. So etwas ist einfach nicht komisch. Wer dagegen Witze über leichte Ziele wie Michael Jackson oder Angela Merkel macht, kann ebenfalls keine Lachsalven mehr erwarten – höchstens vielleicht von fünfzigjährigen Sozialpädagogen.

Apropos Tabus: Als Mitglieder der angesehenen deutschen Band »Parzival« 1977 auf die Idee kamen, eine Rock-Oper mit dem Titel »Der Führer« zu veröffentlichen, wurde das Werk ganz schnell verboten. Als dreißig Jahre später Helge Schneider in der Komödie »Mein Führer« mit Adolf-Bärtchen über die Leinwand schlurfte, fanden wir das dagegen saukomisch. So ändern sich die Zeiten. Nun gibt es sogar einen Tarantino-Film, in dem der Nazi-Oberbösewicht am Ende am Leben bleibt. Zwar etwas lädiert, aber immerhin …

Die Zeiten ändern sich tatsächlich. Es gibt keine Tabus mehr. Man muss nur die nötige Geduld besitzen und abwarten. Früher oder später wird einfach alles zur Komödie, das Banale wie das Entsetzliche: Die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten, Hitler und der Holocaust, die Schrecken des Kommunismus und irgendwann auch der 11. September. Dann wird Quentin Tarantino sicher einen Film darüber drehen, in dem die Terroristen in den Flugzeugen über die Konsistenz von Dönern philosophieren werden.

Und wir werden uns köstlich darüber amüsieren.

Die heilige Helen

Weyershausen am 5. Mai 2008 in Screenshot

Was machen Cartoonisten, wenn sie nicht arbeiten wollen? Sie schauen sich Filmchen im Internet an. In meinem Fall ist es das Videoarchiv des TV-Journalisten Charlie Rose, das ich vor kurzem entdeckt habe.

Charlie Rose ist die etwas intelligentere Ausgabe von Larry King, die von Bill Clinton bis Quentin Tarantino alle bedeutenden (Wirr-) Köpfe dieser Welt interviewt hat. Auf seiner Homepage finden sich weit über 1000 Interviews, die wirklich sehenswert sind, da Rose es versteht den Größen aus Politik und Kultur mehr als die üblichen Floskeln zu entlocken. Mein Lieblingsinterview führte er im April 2008 mit Helen Mirren.

Manche Männer mögen Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, andere dagegen fahren auf Kate Blanchet ab, und es soll sogar einige geben, die Jeanette Biedermann toll finden. Für mich dagegen gibt es nur Helen Mirren.

Es gibt Frauen, die ohne Hilfe eines Maskenbildners hübsch oder hässlich sein können – ganz einfach durch die Kraft ihrer Persönlichkeit. Als Chefinspektorin Jane Tennison, in der Kultserie »Prime Suspect« (dt.: »Heisser Verdacht«), demonstrierte Mirren genau dies. Obwohl sie hier glaubhaft eine frustrierte Frau in den mittleren Jahren spielte, konnte sie urplötzlich mädchenhaft und verletzlich wirken. Ganz ohne Make Up und doppelten Boden. Während die meisten Schauspielerinnen jenseits der Vierzig zu chirurgisch gestrafften Mumien mutieren, ist Helen M. eine Frau mit Ecken, Kanten und … Falten.

Ich selbst verstand Männer, denen ein junges Gesicht wichtiger ist als ein faszinierender Charakter nie. Die unangepassten, unvernünftigen, etwas verrückten und letztlich komplizierten Frauen fand ich immer wesentlich anziehender. Dame Helen gehört mit Sicherheit zu dieser Gattung.

Mirren selbst meint, sie habe deshalb keine Problem mit dem Alter, da sie nie hübsch war. Na ja, darüber lässt sich streiten. Doch irgendwie wird sie mit den Jahren immer attraktiver. Selbst ein gestandener Veteran wie Charlie Rose verwandelte sich in einen schmachtenden Fan, als er der mittlerweile 63jährigen gegenübersaß. »Wissen Sie, ich verehre Sie!«, beschloss er selig grinsend wie ein Honigkuchenpferd die Sendung. »Tun Sie das, Charlie?«, zwitscherte Mirren amüsiert zurück.

Charmant, wenn zwei Menschen jenseits der Sechzig so miteinander umgehen können. Irgendwie stimmt mich das optimistisch.

Gefangen im Elfenbeinturm

Weyershausen am 21. Januar 2008 in Leservat

Seit Urzeiten gehe ich in jeden neuen Film, den Woody Allen auf die Menschheit loslässt. In den letzten Jahren bevorzugt mit Herrn Reichard, der ein ebenso großer Anhänger des bebrillten New Yorkers ist, wie ich.

Auch wenn die Filme seit langer Zeit qualitativ recht durchwachsen sind, halte ich Woody die Treue. Einmal habe ich sogar ernsthaft überlegt, ob ich nach Berlin fahre, um den Meister dort live Klarinette spielen zu sehen/hören. Allerdings siegte damals die Vernunft.

Trotzdem: In meinem Bücherregal stehen mehrere Biografien, Interviewbände und Filmbücher zum Thema Allen. Ich besitze seine seltenen Comedy-Alben und natürlich auch die Kurzgeschichtensammlungen. Vor etlichen Jahren erschienen drei Bände mit seinen gesammelten Texten, die ich begeistert verschlungen habe.

Vor einiger Zeit erschien ein neues Buch des Meisters. Pure Anarchie lautet der vielversprechende Titel. Nach langem Zögern fiel mir das Buch schließlich doch in die Hände. Warum ich so lange zögerte?

Wenn ein Künstler nicht aufpasst, kann es vorkommen, dass er sich nach einer bestimmten Zeit nur noch selbst zitiert und quasi im eigenen Saft schmort. Siehe: Quentin Tarantino. Bei Woody Allen dauerte dies immerhin über 20 Jahre. Mit »Manhattan Murder Mystery« begann sein stetiger Abstieg.

Woody ist das beste Beispiel dafür, dass eine junge Lebensgefährtin nicht unbedingt frischen Wind in die Bude bringt. Noch immer beschäftigen sich seine Helden mit Bogart, Jazz und Psychoanalyse – selbst wenn sie augenscheinlich knapp dem Teenageralter entwachsen sind (siehe: »Anything Else«). Noch schlimmer ist es, wenn der »Woodman« im Film eine Frau abschleppt, die locker seine Enkelin sein könnte (siehe: »Hollywood Ending«).

Mittlerweile haben seine Filme mit der Realität nichts mehr zu tun, da wohl auch Allen mit der Realität nichts mehr zu tun haben will. Lieber lebt er im Schutze seines Elfenbeinturms in seiner eigenen kleinen Welt. Als mehrfacher Millionär kann man das wohl.

Trotzdem schafft es der kritikresistente Regisseur immer wieder Filme zu drehen, die den alten Elan aufblitzen lassen (siehe: »Harry außer sich«, »Der Fluch des Jade Skorpions«, »Match Point«). Man muss weiterhin mit ihm rechnen.

Auch sein neues Buch spiegelt diese Misere wieder. Wenn Woody uns zum wiederholten Mal eine Krimi-Parodie serviert, möchte man sich am Liebsten genervt von der Teppichkante stürzen. So was hat WA schon einige Male gemacht – und zwar besser! Dafür gibt es vereinzelte Bravourstücke, die brillant, clever und witzig sind (siehe: »Mickey Mouse vor Gericht«). Für Allen-Kenner ist das Ganze jedoch recht vorhersehbar und bemüht. Viele gute Ideen, die kraftlos umgesetzt sind.

Allerdings: Wer von uns ist im Rentenalter so produktiv wie Mr. Allen? Hand hoch, bitte!

Aha! Dachte ich mir doch!

Ja, ich werde Woody weiterhin treu bleiben und jedes Jahr ins Kino pilgern, um den Mann mit meinen Peseten zu unterstützen, auch wenn ich mich manchmal ärgere. Das schulde ich dem alten Knaben. Außerdem sollte man guten Freunden gelegentlich einen Besuch abstatten – auch wenn es nur im Kino ist. Denn wie sang Tammy Wynette einst so schön: »Stand By Your Man«.

Die Gelassenheit der Millionäre

Weyershausen am 15. Oktober 2007 in Reisenotizen

messe07Heute mal was ganz Schweres: Ein Buchmesse-Bericht ohne die Erwähnung einer gewissen schriftstellernden Talkshow-Tante.

»Die Frankfurter Buchmesse ist wie eine Schachtel Pralinen: Man weiss nie, was man kriegt.« So würde es wohl Forrest Gumps selige Mami formulieren. Auch in diesem Jahr fuhren mein guter Freund Herr Reichard und ich ins Buchmekka, um unseren geistigen Horizont nebst unserer Plattfüße zu erweitern. Während wir bei unseren ersten Visiten mit offenen Mündern Deutschlands schreibfreudige Zunft bestaunten, waren wir diesmal viel zu beschäftigt. Termine, Termine …

Für den gelegentlichen Small Talk mit Kollegen war deshalb kaum Zeit. Trotzdem schlürften wir das eine oder andere Glas Sekt an dem einen oder anderen Messestand. Was dabei auffiel: Während deutsche Verlagsmitarbeiter ihre Umgebung meist aus der Vogelperspektive wahrnehmen, sind die Österreicher wesentlich herzlicher. Vielleicht ist es die Sachertorte, die für die nötigen Endorphine sorgt.

Deutschlands Kulturschaffende haben hinter den Kulissen Herrenwitze auf Lager, die jeder Gleichstellungsbeauftragten die Zornesröte ins Gesicht treiben würden. Überhaupt strahlen erfolgreiche Autoren eine geradezu obszöne Selbstzufriedenheit aus. Ich nenne es »Die Gelassenheit der Millionäre«. Kein Wunder, denn eben solche Autoren werden innerhalb der Messehallen hofiert wie ein Rockstar in einer Dorfdisco.

Es geht auch anders: »Du Hundsfott!« rief mir mein Verleger Oliver Schwarzkopf enthusiastisch zu, als ich ganz harmlos an seinem Stand vorbeischlenderte – was mich zu der Annahme verleitet, dass es wohl noch eine ganze Weile dauern wird, bis ich das Stadium obszöner Selbstzufriedenheit erreichen werde.

Zumindest schafften wir es in diesem Jahr endlich, eine Halle mit ausländischen Verlagen fast komplett zu durchwandern. So etwas bildet: Jetzt weiss ich, wie es klingt, wenn eine etwas abgehangene New Yorkerin einen Latte Macchiato bestellt.

Die Messe selbst ist recht leicht zu bewältigen. Der Alkoholkonsum zu fortgeschrittener Stunde dagegen kaum. Am nächsten Morgen brauchte ich fast immer eine Viertelstunde, um mein verlebtes Gesicht wieder in erkennbare Formen zu bringen. Die abendlich abgehandelten Themen waren wieder recht vielfältig: Charles Bukowski, Matt Ruff, Ayn Rand, Quentin Tarantino, Douglas Adams, T.C. Boyle und Chuck Norris. Die wichtigen Dinge des Lebens eben.

Eigentlich kann ich jetzt sowieso aufhören. Als ich vor Jahren mit den Cartoons und der Schreiberei anfing, hatte ich das Ziel eines Tages auf der Frankfurter Buchmesse zu signieren – was am letzten Freitag geschehen ist. Aus der anvisierten Stunde waren zweieinhalb geworden!

Mein persönliches Highlight: Plötzlich stand der legendäre Klaus Staeck vor mir, um sich ein Blatt signieren zu lassen. Es ist schon eine verkehrte Welt. Eigentlich sollte ich um sein Autogramm bitten. Sehr merkwürdig. Wahrscheinlich regnet es demnächst Frösche …

Ein weiterer Lichtblick war mein Kollege Harm Bengen, mit dem ich zusammen am Lappan-Stand signierte. Obwohl unsere Cartoons seit Jahren bei web.de erscheinen, habe ich ihn seltsamerweise vorher noch nie getroffen.

Auch seltsam: Normalerweise ist eine Reise nach Frankfurt für einen Mann meines Alters die letzte Chance, von einer jungen Frau in Strapsen angemacht zu werden. Diesmal schafften wir jedoch das Kunststück, das Frankfurter Rotlichtviertel komplett zu umgehen. Wird mein marodes Selbstbewusstsein dies überstehen?

Und sonst? So voll wie diesmal waren die Hallen selten. Wahrscheinlich liegt es daran, dass an den Fachbesuchertagen immer mehr »Zivilisten« Einzug halten. Wichtiger als die hehre Literatur war diesmal jedoch das Rauchverbot. Überall traf man auf vergrätzte Raucher. Als sich Harm Bengen am Lappan-Stand einen Glimmstängel anzündete, war sofort jemand zur Stelle um »Hey! Hier herrscht Rauchverbot!« zu rufen. Woraufhin Kollege Bengen nur einen tiefen Zug nahm und lächelnd erwiderte: »Ich weiss.«

Das interessanteste Buch entdeckte ich diesmal übrigens auf den Grabbeltischen vor dem Messeeingang: Eine über vierzig Jahre alte Autobiografie des Cartoonisten Cefischer, der im Krieg beide Hände verloren hatte und später mit dem Mund zeichnete. Sicher gar nicht so einfach. Besonders heute, wo viele von uns den Kopf im Arsch haben …

Hee! Doch noch eine Anspielung auf E.H.!

Hust! Schnaub! Trööt!

Weyershausen am 23. Juli 2007 in Befindlichkeiten

Warum gehen Männer so ungern zum Arzt? Weil Klagen und Jammern viel mehr Spaß macht, natürlich!

Seit ein paar Tagen jedenfalls hat mich eine dicke Erkältung eiskalt erwischt. Wenn ich so mit meinen zittrigen Patschehändchen hustend am Zeichentisch sitze, will mir das angeknabberte Bleistiftchen fast aus den zarten Fingerchen fallen. Das niedliche Köpfchen schmerzt ebenfalls – insbesondere das arg strapazierte Rotznäschen. Klingt doch mitleiderregend, nicht?

Auf der anderen Seite kann ich es jetzt allen Leuten, die ich nicht mag, so richtig heimzahlen. Der fetten Nachbarin, die ständig im Innenhof steht und schreit, kann ich nun im Supermarkt heimlich auf die Salatgurken husten. Bei allen Anderen reicht es schon, wenn ich ihnen die Hand gebe. Meine unheilvollen Bazillen verbreiten sich schneller, als Boris Beckers Spermien in einer Besenkammer.

Unangenehme Verabredungen? Kein Problem! Selbst das Finanzamt zeigte Mitgefühl; denn: Wer will schon angesteckt werden? Langsam frage ich mich, warum ich eigentlich wieder gesund werden will.

Ach ja! Wegen des schönen Wetters vielleicht! Es gibt noch etliche exotische Eisbecher, die vertilgt werden müssen, etliche Zentner BSE-Fleischs (bevorzugte Cartoonistennahrung), die gegrillt sein wollen. Ein dreckiger Job, aber einer muss ihn ja machen … Apropos BSE-Fleisch: Bei Kopfschmerzen machen selbst bauchnabelfreie Girlies keinen Spaß mehr. Und darum geht es doch im Sommer, oder?

Ebenfalls dumm: Während sich ganz Deutschland schon über den neuen Quentin-Tarantino-Film Death Proof seine Meinung gebildet hat, tappe ich völlig im Dunkeln. Die Spannung bringt mich um!!!

Zumindest habe ich jetzt Zeit, mich um meine Einsendungen für den Deutschen Karikaturenpreis zu kümmern. »Nach uns die Sintflut!« lautet die diesjährige Themenvorgabe. Mal sehen, was für Ideen ich meinem grippegeschädigten Hirn dazu entlocken kann.

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