Im Herbst 2005 trat während der Frankfurter Buchmesse der legendäre Bukowski-Entdecker Carl Weissner auf. Mein Kollege Holger Reichard hatte vor, dort einen gewissen Armin Abmeier zu treffen, mit dem er seit einiger Zeit in Verbindung stand. »Komm doch mit. Das könnte auch für Dich ganz interessant sein«, köderte mich Holger. Und wie so oft hatte er recht.
Es stellte sich heraus, dass Weissner und Abmeier alte Freunde waren. Als langjährige Weggefährten Bukowskis besuchten sie auch dessen Hochzeit. Bukowskis Texte hatten auch mich in meiner Jugend sehr beeindruckt, daher wurde es ein denkwürdiges Treffen. Nachdem sich Weissner von uns verabschiedet hatte, tranken wir noch einen Kaffee mit Abmeier, der uns mit Anekdoten geradezu überhäufte. Viele weitere gemeinsame Koffein-Exzesse sollten in den nächsten Jahren folgen.
Abmeier gehörte weder zu den vergeistigten Soziopathen noch zu den aalglatten Snobs, über die man sonst auf der Buchmesse stolpert. Im Gegenteil: Er war herzlich und interessiert. Ein äußerst dynamisch wirkender älterer Herr mit weißem Vollbart, Brille und einem stets verschmitzten Lächeln, hinter dem eine wildbewegte Vergangenheit aufblitzte. Armin hatte einst als Verlagsvertreter angefangen und unterwegs so einiges erlebt. Ich mochte ihn auf Anhieb. Auf seinem Revers prangte damals eine kleine »Mr. Natural«-Figur von Underground-Legende Robert Crumb, ebenfalls ein alter Bekannter, wie er beiläufig erwähnte. Abmeier war nicht nur ein Büchernarr, sondern – noch besser – auch ein Comicnarr mit einem exquisiten Geschmack.
Es stellte sich heraus, dass unser neuer Freund eine der schillerndsten Gestalten des Buchmarkts war. Armin war eine jener Persönlichkeiten, die auf der Messe keine fünf Schritte gehen konnten, ohne angesprochen zu werden. Seine nicht minder schillernde Lebensgefährtin Rotraut Susanne Berner illustrierte höchst populäre Wimmelbücher, die von einigen scherzhaft »Pimmelbücher« genannt wurden, da sich in jedem Buch ein nackter Junge verbarg. Das sorgte bei den prüden Amerikanern sogar für einen Eklat. Außerdem tauchte in ihren Büchern oft ein Brillenträger mit weißem Vollbart auf, der eine nicht zufällige Ähnlichkeit mit ihrem Partner besaß.
Armins Lieblingskind waren die »Tollen Hefte«, die er für die Büchergilde herausgab, eine mustergültige Reihe, die auch international ihresgleichen sucht. Für einen Künstler kam das Angebot, ein »tolles Heft« zu illustrieren, einem Ritterschlag gleich. Um vielversprechende Illustratoren aufzuspüren, war Armin keine Reise zu weit. Für einen Mann, der auf die 70 zuging, verfügte er über eine enorme Energie.
In den nächsten Jahren gehörte ein gemeinsames Treffen auf jeder Leipziger und Frankfurter Buchmesse quasi zum Pflichtprogramm. Zuerst war ich dabei nur ein Zaungast, während Holger und Armin ein gemeinsames Projekt in der Mache hatten, das, wie sich unglücklicherweise herausstellen sollte, im Sande verlief. Doch dies tat unserer Freundschaft keinen Abbruch.
Ein Gespräch mit Armin war wie eine Wundertüte – ganz wie sein ewig präsenter Rucksack, der stets mit interessanten Büchern oder Grafiken gefüllt war, von denen er uns vorschwärmte. Ständig berichtete er von neuen Talenten, die er zum Beispiel in New York auf einer Party von Art Spiegelman entdeckt hatte. Er führte schon ein abwechslungsreiches Leben. Heute in Los Angeles, morgen auf der Kinderbuchmesse in Bologna. Zu jedem Autor, jedem Buch, konnte er eine amüsante Geschichte beisteuern.
Legendär war auch unser Treffen mit T.C. Boyle, der vor drei Jahren mit seiner Tochter Leipzig besuchte. Natürlich war Armin ein alter Freund der Familie, was die etwas steife Atmosphäre sehr entspannte. Es war ein weiterer denkwürdiger Abend, den Holger Reichard, geistesgegenwärtig wie immer, auf einem Foto verewigte.
»Na Jungs, was gibt’s Neues?«, fragte er Holger und mich bei jedem Treffen erwartungsfroh. Bei so viel Tatendrang konnte man schon Schuldgefühle bekommen, wenn man grad kein neues Projekt am Start hatte. Oft beschlich mich das ungute Gefühl, dass wir die Alten waren, und er der junge Hüpfer. Als er auch noch ankündigte, in seiner Heimat München eine Galerie zu eröffnen, staunten wir nicht schlecht.
Vor einiger Zeit jedoch riss der Kontakt ab. Wir schrieben es seinem Arbeitspensum zu. Doch dann kam überraschend ein Lebenszeichen. Armin hatte eine Chemotherapie überstanden und freute sich auf ein Aufleben unserer rituellen Kaffeerunde. Es sollte nicht dazu kommen. Am 24. Juli 2012 verstarb er. Es ist vielleicht nicht so wichtig, wie lange man einen Menschen gekannt hat, sondern wie sehr man ihn vermisst. Die Buchmesse wird ohne Armin Abmeier jedenfalls nicht mehr dieselbe sein.
Harvey Kurtzman war nicht nur der Erfinder von Alfred E. Neumann und MAD, sondern revolutionierte mit seinem einzigartigen Stil den Humor einer ganzen Generation. Der Witz von »Saturday Night Live«, die Filme der Zucker-Brüder, die Comics von Art Spiegelman und Robert Crumb. Sie alle wären ohne Kurtzman nicht denkbar.
Obwohl er ein erstklassiger Zeichner war, ist er hauptsächlich als Redakteur und Autor in Erscheinung getreten. Kurtzman ist auch dafür verantwortlich, dass sein damaliger Assistent Terry Gilliam seinen zukünftigen Monty Python-Kollegen John Cleese traf. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Für »Playboy« steuerte Kurtzman über zwanzig Jahre lang die Layouts und Texte der Comicsatire Little Annie Fanny bei. Hier ein paar Glanzlichter seiner langen Karriere:
Kurtzmans kleine Welt
Auf der wunderbaren Website der Kurtzman-Familie kann man die größte Sammlung von Originalen des Meisters bestaunen, die das Internet zu bieten hat. Interessant sind vor allem die Skizzen für zahlreiche Titelbilder. Für Kurtzman-Einsteiger sowie für Hardcore-Fans ein Muss!
Kurtzman, der rasende Reporter
Für das Magazin »Esquire« besuchte Kurtzman in den späten 50ern die Dreharbeiten einiger populärer TV-Shows und Filme, um in Comicform darüber zu berichten. Hier schaute er sich am Drehort eines Streifens mit James Cagney um, der in Irland produziert wurde. Diese Form der Berichterstattung war damals eine absolute Novität und zeigt Kurtzman auf dem Höhepunkt seines bemerkenswerten Könnens. Leider trat er in späteren Jahren immer seltener als Zeichner in Erscheinung. Deshalb sind die wenigen Beiträge, die er ohne Mitarbeiter verfasste, heute umso wertvoller.
Kurtzman, der charismatische Chefredakteur
Fast zwanzig Jahre nach Kriegsende bat Harvey Kurtzman, damals Chefredakteur des Satireblatts »Help!«, seinen alten Freund, den Cartoonisten Arnold Roth, einen Reisebericht über Deutschland, den einstigen Feind, zu zeichnen. Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges beschäftigte die Teilung Berlins und deren Folgen die ganze Welt. Roth besichtigte die Berliner Mauer, Nazis mit Gedächtnisschwund und die damals vorherrschende Männerknappheit Deutschlands aus nächster Nähe. Das Ganze erschien 1963.
Die Lage der Nation lässt sich für mich am besten von den Grabbeltischen unserer Buchhandlungen ablesen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass man selbst in der Ramsch-Ecke von Karstadt ein paar tolle Bücher ergattern konnte. Inzwischen gibt es auch dort nur noch ranzige Promibiografien und Kitschromane.
Das größte Grabbeltisch-Erfolgserlebnis hatte ich vor langer Zeit mit einem Prachtband über den Zeichentrickpionier Tex Avery, den ich mir damals nie hätte leisten können. Per Grabbeltisch fand das gute Stück schließlich doch noch den Weg in mein Regal. Ein anderes Mal entdeckte ich die Autobiographie des Regisseurs Frank Capra, von deren Existenz ich davor nichts gewusst hatte. Schön war es auch, als einen Sommer lang überall Carlsen Comics für lumpige fünf Mark auftauchten.
Ereignisse wie diese beweisen deutlich, dass wir von Jägern und Sammlern abstammen.
Grabbeltische haben es mir angetan. Ganz früher durchforstete ich Second Hand Läden auf der Suche nach Schallplatten. Heute klappere ich öfter die Antiquariate der näheren Umgebung ab.
Nur zwei Straßen entfernt fand ich auf einem Grabbeltisch einen Jahresband des US-Magazins LIFE aus dem Jahre 1954! In einem Zweitausendeins-Laden in Hannover entdeckte ich einst zwei Hardcoverbände von Robert Crumb, die eigentlich längst vergriffen waren. Dies sind Erinnerungen, von denen ich wohl noch im Altersheim zehren werde.
Es gibt sie zwar noch, die Schätze, die darauf warten, von kundigen Sammlern geborgen zu werden – doch die Suche wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Vor einiger Zeit entdeckte ich beim Durchwühlen eines Wühltisches sogar eines meiner eigenen Bücher.
Das muss ein Schlüsselerlebnis gewesen sein, denn seitdem kaufe ich nur noch Bücher, die ich WIRKLICH lesen möchte.

Packt das Popcorn aus und macht es Euch bequem, liebe Freunde. Heute ist Kino angesagt. Wer sich für Comics interessiert und sich immer gefragt hat, was für komische Käuze freiwillig ihr ganzes Leben gebeugt über einen wackligen Zeichentisch verbringen, dem wird gleich geholfen. Zwar gab es schon immer Berichte über Cartoonisten, doch seriöse Dokumentationen werden erst seit wenigen Jahren gedreht.
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