Am 20. Juni – ich war gerade dabei, mich an einem spielfreien EM-Tag durch das Fernsehprogramm zu zappen – wurde ich Zuschauer und Zeuge eines ganz besonderen (wenn auch regelmäßig stattfindenden) Schauspiels, denn der WDR übertrug die Prix Pantheon-Gala aus der Bonner Oper, bei der auch der gleichnamige Preis verliehen wurde. »Toll«, dachte ich, »das Beste aus dem deutschen Kabarett in einer Abendshow. Das wird ganz großes Kino!«
Wurde es aber nicht. Leider. Und wenn das ein »Best of« war, bleibt mir nur der Rückschluss, dass sich die hiesige Kleinkunst-Szene in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet. Wobei natürlich der Begriff »Kleinkunst« – den der kamillenteeartig moderierende Eckart von Hirschhausen beharrlich benutzte – ja auch nichts Großartiges erwarten lässt.
Und so ist es auch nicht verwunderlich, welche Preisträger dort auserkoren worden sind: Mag man Christine Prayon und das Reptil mit seinem sprechenden Michael Hatzius (die Sieger in der Kategorie »Frühreif & Verdorben«) noch ganz amüsant finden, vergeht einem beim »Reif & Bekloppt«-Sonderpreisträger Konstantin Wecker dann das Lachen, denn dieser geht einem mit seinem Betroffenheitsgestus doch schon mächtig auf seinen Nachnamen. Schlimmer ist nur noch Roger Willemsen, das personifizierte Gesamtgewissen aller Bildungsbürger, der deshalb folgerichtig auch in der Kategorie »Geben & Nehmen« ausgezeichnet wurde – also für karitatives Engagement, nicht für Komik.
Schön, dass wenigstens das Publikum weiß, was gut ist und deshalb den Hauptpreis »Beklatscht & Gevotet« an Maybebop verlieh, die immerhin zumindest eines waren: verdammt lustig. Bei der Gala brillierten sie mit der Rammstein-soundalike-Version des Comedian Harmonists-Klassikers »Mein kleiner grüner Kaktus«. Man vergleiche hiermit übrigens ihre Coverversion des Rammstein-Songs »Engel« – da gehen sie den umgekehrten Weg und zeigen, wie nah an der Rührseligkeit die Martialität der Neuen Deutschen Härte doch eigentlich ist.
Insgesamt wusste mich diese Galashow also nicht zu überzeugen. Weder Hennes Bender noch Hagen Rether oder Reinald Grebe waren mit ihren Programmauszügen (die vielleicht auch deshalb nicht wirkten, weil sie einfach aus dem Zusammenhang gerissen waren) wirklich witzig – fast freute man sich da schon über den Auftritt von Ingo Appelt (dass ich den mal loben werde, hätte ich auch nicht gedacht), der sich wenigstens bemühte, dem steifen Publikum den Stock aus dem Arsch zu ziehen. Den Stock hätte er übrigens gut gebrauchen können, um zwei grantelnde und zappelnde alte Männer, die als Statler und Waldorf für Anspruchslose fungierten, vom Balkon zu prügeln – und damit wenigstens für ein wenig Heiterkeit zu sorgen.
Also alles für den Arsch? Nicht ganz, denn immerhin zeigten Piet Klocke und der Stand up-Comedien Dave Davis, dass Kabarett (hier verstanden als Comedy für Leute mit Abitur) nicht gänzlich humorfrei sein muss (das hätte man angesichts der meisten anderen Gäste durchaus denken können), auch wenn es dann doch vielleicht ein wenig an Originalität mangelte. Gute Hausmannskost eher.
Immerhin bewies Horst Evers an diesem Abend, dass Kleinkunst sogar intelligent sein kann – auch wenn sich Hirschhausen in seiner Ankündigung quasi dafür entschuldigte, dass der Berliner Lesebühnen-Star seine Texte in der Regel abliest. Auswendiglernen ist in diesen Kreisen eben angesehener als Lesen. Mit anderen Worten: solides Handwerk ist wichtiger ist als der Inhalt des Dargebotenen.
Apropos Lesen: Horst Evers war der einzige Vertreter der blühenden Lesebühnen-Szene, und auch aus dem Slam Poetry-Bereich hatte man vorsichtshalber niemanden eingeladen. Vielleicht aus Furcht, dass die Slammer und Vorleser den Kabarettisten und Comediens die Schau stehlen könnten? Aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit bis das Kleinkunst-Allerheiligste zeitgemäßen Nachwuchs bekommt. Nur ein paar Jahrzehntchen noch, dann dürfen bspw. auch Tobias Kunze, Björn Högsdal oder Micha-El Goehre ihre Rollatoren auf die Bühne schieben …
Nächste Woche ist es endlich wieder soweit: Der März beginnt. Bis die Bäume erblühen, dauert’s noch ein Weilchen, aber ich bekomme schon wieder Triebe. Denn die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür. Juhu! Sie beginnt zwar erst am 15. März, doch die Vorfreude steigt.
Eine Veranstaltung nur für B-Promis und Schlagerstars von gestern, die sich verzweifelt um ein Comeback bemühen, ist die Frühjahrsbuchmesse schon längst nicht mehr. Zwar lässt sich die Gästeliste nicht mal ansatzweise mit der von den Messekollegen aus Frankfurt vergleichen, aber an bekannten literarischen Namen mangelt es nicht.
Aus dem Ausland haben sich unter anderem der Ire John Boyne (»Der Junge im gestreiften Pyjama«) sowie die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev (»Späte Liebe«) angekündigt. »National« werden wir Literaten wie Rafik Schami, Martin Walser, Daniel Glattauer oder Wladimir Kaminer begegnen. Auch der Ankermann der Tagesthemen, Tom Buhrow, ist dabei. Dieter Moor, Denis Scheck, Roger Willemsen sowieso. Und, beinahe hätte ich ihn vergessen, wortmax. Auch der kommt und freut sich auf ein Wiedersehen mit vielen geliebten Büchermenschen, beim Twittagessen, bei diversen Vorträgen, beim allabendlichen Weinausschank oder zwischendurch auf den Gängen. So groß ist das alles in Leipzig ja nicht.
Fettgedruckt auf der diesjährigen Agenda für Leipzig ist der Freitagabend. Dann nämlich wird es in einem schnieken italienischen Restaurant nach über neun Jahren virtueller Präsenz zum ersten offiziellen www.tcboyle.de-Treffen kommen. Es wird eine kleine, aber feine Runde. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich gern bei mir melden, sollte sich aber beeilen, denn der Platz am reservierten Tisch ist begrenzt.
Gesprächsthemen haben wir reichlich. Denn der neue Roman von T.C. Boyle, »Wenn das Schlachten vorbei ist«, ist gerade erst erschienen. Die Website www.tcboyle.de präsentiert sich seit kurzem in einem neuen Gewand, und dann gibt es noch den Mai zu bequatschen, wenn Boyle nach zwei Jahren Abwesenheit wieder zu einer Lesereise nach Deutschland kommen wird.
Wer am Abend des 16. März 2012 andere Unterhaltung in Leipzig sucht, dem empfehle ich das unglaubliche Lesebühnenluderdreigestirn Jan-Uwe Fitz, Dirk Bernemann und Christian von Aster. Ab 20.00 Uhr blicken die drei vor sich hin mauschelnden Metaphoriker in MacCormacks Ballroom (Kurt-Eisner-Str. 43) über den eigenen Tellerand und – wie von Herrn Fitz aka @Vergraemer gewohnt – natürlich auch weit hinaus über die Grenzen des guten Geschmacks.
Meine Versuche, Herrn Fitz zu unserer leckeren Familienpizza einzuladen und seine eigene Lesung dafür einfach sausen zu lassen, sind leider gescheitert. Er leidet an einem Knick-Spreiz-Senkfuß, wie er sagt, kann sich nicht bewegen und sitzt daher schon jetzt – auf die ersten Gäste wartend – in MacCormacks Ballroom. Wäre also nicht schlecht, wenn dort mal der eine oder andere Orthopäde vorbeischaut.
edit: Weitere kuriose Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse, unter anderem auch Auftritte der Bumsdorfer Kollegen Axel Klingenberg, Marcel Pollex (Punchliner-Show) und Marc Domin (Crossover-Revierköter), findet Ihr auf unserer Terminseite.
Die meisten Menschen, die ich kenne, unterteilen das Jahr nach den Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Autoren und Verlagsmenschen ticken vielfach anders. Für sie beginnt das Jahr erst im März: mit der Frühjahrsbuchmesse in Leipzig. Zu Ende geht es für sie nicht mit Silvester oder Weihnachten, sondern schon ein paar Wochen vorher, im Oktober, mit der Herbstbuchmesse in Frankfurt.
Während der Buchmessen stehen diese Menschen in voller Blüte, in der Zeit dazwischen wurschteln sie relativ lautlos vor sich hin, oftmals nach dem Motto »Muss ja«. Und wer weiß? Vielleicht gehöre ich inzwischen auch zu diesem sonderbaren Menschenschlag.
Zum Glück war es letzte Woche wieder soweit: Das Jahr ging zu Ende. Die Ausstellungs- und Messe GmbH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels lud ein zur großen Bücherschau 2011 in Frankfurt. Rund 283.000 Menschen folgten der Einladung. Ich war einer von ihnen. Aus fünf guten Gründen.
1. Runter vom Bürostuhl, rein in die Messehalle
Autoren und Freelancer führen in der Regel ein ziemlich einsames Leben. Natürlich haben sie ihre Termine, Lesungen oder Präsentationen, ihre Stammtische, Bildungsreisen und andere Exkursionen. Einen Großteil ihrer Zeit allerdings arbeiten sie allein in ihren Ateliers und Home Offices und erleben Gesellschaft nur virtuell.
Die Buchmessen bilden da ein echtes Kontrastprogramm. Hier können die »Isolierten« in wenigen Tagen aufholen, was sie zuvor in fünf, sechs Monaten versäumt haben. Kontakte knüpfen und pflegen, sich dabei in die Augen schauen, plaudern, diskutieren, zum Kaffeee einladen, zum Kaffee eingeladen werden etc. Mein lieber Kollege Karsten Weyershausen stellte bei einer unserer nächtlichen Küchenpartys eine steile These auf. Er behauptete, ein Buchmessenbesuch ersetze in vielen Fällen die fehlende Bürogemeinschaft. Ich wollte ihm nicht widersprechen.
2. T.C. Boyle – What’s New?
Als Betreiber von www.tcboyle.de ist T.C. Boyle nach wie vor einer der Hauptgründe, warum ich Halbjahr für Halbjahr zur Buchmesse fahre. Wenn es etwas Neues über den von mir verehrten Schriftsteller gibt, erfährt man es in Leipzig oder Frankfurt zuerst. Okay, nicht immer, aber immer öfter.
Dieses Mal habe ich in Erfahrung bringen können, dass a. ) Boyles neuer Roman »When the Killing’s Done« bereits im Januar 2012 auf deutsch erscheint; b.) er bei seiner Lesereise durch Deutschland im Mai 2012 auch in kleineren Städten wie Freiburg oder Koblenz gastieren wird; c.) es eine neue Veranstaltungsreihe von der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag gibt, in der Boyle und sein neues Werk involviert sind; und d.) dass man am Stand des Hanser Verlages einen Kaffee serviert bekommt bzw. Coffee to go (je nachdem, wie voll es dort ist).
Ein besonderes Highlight in Sachen Boyle bot der Freitag, als es zu einem knapp zweistündigen Treffen mit dem Übersetzer Dirk van Gunsteren (Boyle, Pynchon, Roth, McCann usw.) kam. Es ist immer wieder spannend, Einblicke in die Arbeit von Literaturübersetzern zu bekommen, vor allem dann, wenn einem die Hintergründe von so sympathischen Menschen wie Dirk van Gunsteren erklärt werden.
Nicht weniger erfreuliche Treffen mit treuen Mitgliedern des tcboyle.de-Forums rundeten meine Boyle-Mission in Frankfurt ab. Gut, dass T.C. Boyle selbst nicht auf der Messe war. Für ihn hätte ich bei meinem vollen Terminplan gar keine Zeit gehabt.
3. Buchmessenbesucher im Klimakterium
Kollege Weyershausen meint ja immer, ich solle mich mehr um die eigene Autorenkarriere kümmern, statt einen Millionär in Kalifornien noch reicher zu machen, als er schon ist. Daran wollte ich mich dieses Mal halten, und ja, Herr Weyershausen hat recht: Wenn man einen neuen Buchvertrag in der Tasche hat, macht so eine Buchmesse gleich noch viel mehr Spaß.
Nicht missen möchte ich daher unseren Besuch beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, wo man nicht nur junge Sex-Göttinnen verlegt, sondern auch ältere Männer, die sich bereits in den Wechseljahren sehen. Dieses Jahr haben wir am Tisch des Verlegers Platz genommen, im nächsten Herbst dann hoffentlich wieder auch im Regal mit den Neuerscheinungen.
Und wehe, es macht mir jemand meine Midlife-Krise kaputt und behauptet, ich habe gar keine. Haha! So wie ich auf der Messe geschwitzt habe, muss das etwas mit den Wechseljahren zu tun haben, und nicht mit dem ewigen Hin- und Hergelatsche zwischen den Hallen 3, 4 und 6. Denn was Letzteres betrifft, bin ich nach sieben Messejahren in Folge wirklich gut konditioniert.
4. Die Twitter-Rasselbande
Keine Buchmesse ohne Twittagessen. Die twitternden Büchermenschen sind längst wie eine große Familie – und der Schrecken der Messegastronomie. Denn für über 50 Leute kann man keine Tische mehr reservieren, sondern nur ein Lokal komplett stürmen und alle Menschen ohne Smartphone mit Twitter-App rausschmeißen. Soweit ist es (noch) nicht gekommen. Vielleicht nächtes Jahr. 2012. Nach dem Kalendersystem der Maya soll dann die Welt untergehen, gemeint ist vielleicht aber auch nur ein Twittagessen, das aus allen Nähten platzt.
2011 traf sich die »Twitter-Rasselbande« wie im Vorjahr vor den Imbissbuden im Innenhof. Unmöglich, sich in nur einer Stunde mit allen Teilnehmern über 140 Zeichen hinaus zu unterhalten. Es sind einzelne und immer wieder andere nette Menschen, mit denen sich plötzlich längere, inspirierende Gespräche ergeben. In diesem Jahr u.a. – längst überfällig – mit @demipress, @emju und der Literaturblog-Kollegin @Buchgefluester.
5. Social Dingsbums
Der fünfte und wahrscheinlich nicht der letzte Grund, warum ich gern zur Buchmesse fahre, sind die Vortragsangebote im Bereich Social Dingsbums. Ja. Keine Ahnung, wie der richtige Überbegriff lautet. Den Begriff Social Media sollte man umgehen, wie ich seit Leander Wattigs Bullshit-Bingo weiß.
Was ich meine, sind Vorträge, Präsentationen und Gesprächsrunden für Menschen, die was mit Büchern machen, die über die Digitalisierung der Bücherwelt referieren und nachdenken und über die Bücherwelt im Internet, und die selbst zumindest einen Facebook-Account besitzen, der sich idealerweise weitgehend mit Büchern beschäftigt. Dass hier das Informationsangebot immer größer wird, haben wir Koryphäen wie Wibke Ladwig, Leander Wattig oder Holger Ehling zu verdanken. Oder auch umtriebigen Teams wie das von Bookrix, das früher mal, so vermute ich, in der Glückskeksbranche tätig war.
Nicht alles ist für jeden interessant, nicht jeder Vortrag gelungen. Doch die Veranstaltungen reihen sich mittlerweile im Viertelstundentakt aneinander, sodass man weniger Ansprechendes für kurze Gedanken- oder Plauschpausen nutzen kann und nicht lange warten muss, bis ein anderer Redner etwas Interessanteres zu erzählen weiß oder mit einem Kokolores-Button das Herz des wissbegierigen Messebesuchers gewinnt.
Mein persönliches Fazit
Noch nie hat die Buchmesse in Frankfurt so viel Spaß gemacht wie heute. Kritikern, die behaupten, das Buch an sich gerate immer mehr in den Hintergrund, kann ich nicht zustimmen. Bücher werden auf neue Art hergestellt, vertrieben und gelesen, und es wird anders darüber kommuniziert. Die Frankfurter Buchmesse spiegelt diese Entwicklung wider, das ist ihre Aufgabe. Unter anderem. Sie befindet sich also auf einem guten Weg. Ein weiterer Beleg dafür: Roger Willemsen sichtete ich in diesem Jahr gleich dreimal. Und ja, solange Roger Willemsen in Frankfurt unsere Wege kreuzt, müssen wir uns weder um ihn noch um die Buchmesse irgendwelche Sorgen machen.
Mittwoch, 14. Oktober 2009, Frankfurt am Main, die Sonne scheint, die Frisur sitzt. »Sieh nur«, sagte der Kollege Weyershausen auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Messegelände, »das schöne Wetter, das ist ein Zeichen!«
Tatsächlich geht man immer mit gewissen Erwartungen in so eine Buchmesse, obwohl schon Groucho Marx warnte, es sei besser, keine Erwartungen zu haben, weil diese immer alles kaputt machen. Hatte ich Erwartungen von der Frankfurter Buchmesse 2009? Ja, natürlich hatte ich die, auch wenn ich sie dem weisen Rat Grouchos folgend zu unterdrücken versuchte.
Schön wäre es gewesen, mit einer neuen konkreten Buchidee aus Frankfurt zurückzukehren, den Autorenvertrag eigentlich schon in der Tasche. So wie auf der Buchmesse in Leipzig im Frühjahr 2008, als ich mit der Idee zu den »111 Gründen, sich selbst zu lieben« an meinen Schreibtisch zurückkehrte. Schön wäre es gewesen, endlich einen entscheidenden Impuls für die Fortsetzung des www.tcboyle.de Kurzgeschichtenwettbewerbs zu bekommen. Und schön wäre es gewesen, Roger Willemsen hätte mich wieder angehustet, worauf ich eine Woche lang krank hätte feiern und behaupten können, ein Intellektueller habe mich angesteckt.
Nichts von alledem erfüllte sich. Ein neues Buchprojekt liegt in der Luft, aber noch kann ich es nicht benennen. Für den Short Story Wettbewerb zeichnet sich noch gar keine Lösung ab. Zudem fielen dieses Mal mehrere vielversprechende Messetermine aufgrund von Krankheit und unbegründeter Nichtanwesenheit der zu treffenden Leute ins Wasser. War die Buchmesse 2009 in Frankfurt deshalb – im Gegensatz zu den Frühjahrs- und Herbstbuchmessen der vorangegangenen Jahre – ein Reinfall?
Sicher nicht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Einige Begegnungen, die ich vor fünf Jahren noch als außergewöhnlich empfand, nehme ich heute wohl als selbstverständlich hin. Obwohl sie es nicht sind. So kann ich nach reiferer Überlegung sagen, es gab auch dieses Mal wieder viele interessante Gespräche, die ich nicht missen möchte und die gleichsam die Hoffnung wecken, dass daraus irgendwann etwas Neues, Positives erwachsen wird.
Impressionistisch möchte ich hier mein erstes Twittagessen erwähnen – mit sympathischen Autoren und Verlagsangestellten, allerdings auch mit einer schweineteuren Kartoffel-Lauch-Creme-Suppe; oder den leckeren Weißwein am mare-Stand, begleitet von anregenden Gesprächen über Kinder- und Jugendliteratur, Harry Rowohlt und Gott und die Welt; oder einem wieder mal sehr aufschlussreichen Treffen mit dem Verleger Armin Abmeier – im Schatten eines omnipräsenten Frank Schätzings (sogar in Unterhosen auf mindestens zwei mal vier großen Plakatwänden); und nicht zu vergessen, die stimmungs- und humorvollen Partys am Abend, die mit Go-Go-Girls am Willy-Brandt-Platz und hessischem Senftöpfchen in Sachsenhausen gegensätzlicher nicht hätten sein können.
Fazit: Auch die Herbstbuchmesse 2009 war nicht umsonst. Sie hat mich viel Geld gekostet. Dort gewesen zu sein, wird mir sicherlich etwas bringen. Ich weiß nur noch nicht, was.
Reisen bildet. Erst seit der diesjährigen Frankfurter Buchmesse weiß ich zum Beispiel, dass ohne Handy gar nichts geht. Außerdem, so wurde mir gesagt, sei die Selbstbedienungs-Restaurantkette »Vapiano« nur ein »McDonald’s« für Neureiche und Angeber.
Nicht zuletzt hatte ich den Eindruck, dass Läster-Diva Désirée Nick ungestylt aussieht wie jede beliebige 50-jährige Nicht-Diva.
In diesem Jahr hatte ich vorsichtshalber einen Regenschirm in der Tasche. Klar, dass die ganze Zeit die Sonne schien. Dies war wohl ein Vorzeichen: An jeder Ecke warteten unangenehme, aber auch angenehme Überraschungen auf Herrn Reichard und mich. Termine wurden abgesagt. Dinge, auf die man sich gefreut hatte, wurden zu einer Enttäuschung. Ein echtes Kontrastprogramm eben. Dass wir zum Beispiel an einem Abend auf einer hippen After-Work-Party landen würden, um nur einen Tag später bei Äppelwoi und Bratkartoffeln unter riesigen Hirschgeweihen im »Gemalten Haus« zu sitzen, hätten wir nicht gedacht.
Überhaupt stand die Buchmesse ganz im Zeichen von Frank Schätzing, Dan Brown und Til Schweiger. Besonders vor Schätzing gab es kein Entkommen. Selbst unser alljährlicher Plausch mit Herausgeber Armin Abmeier wurde vom umschwärmten Schwarm-Schreiber überschattet, der nur wenige Meter weiter lautstark vom Mut zum Misserfolg predigte, den man als Autor gefälligst haben sollte.
Heiß diskutiert wurde auch die Digitalisierung von Inhalten, die weltweit Buch-Macher in zwei Lager spaltet. Der Nachwuchs sieht dies als Chance, denn schließlich hat er nichts zu verlieren. Die Etablierten befürchten indes – mit Blick auf den desolaten Zustand der Musikindustrie – den Niedergang des Buchhandels, wie wir ihn kennen.
To Kindle oder not to Kindle, das ist hier die Frage. Diese Buchmesse zeigte wie keine zuvor, dass sich große Veränderungen abzeichnen. Beim gemeinsamen »Twittagessen« saßen gestandene Autoren neben hoffnungsvollen Nachwuchsschreibern an einem Tisch. Das Internet als großer Gleichmacher? Was das alles bringen soll, wusste wohl niemand, aber andererseits wollte sich auch keiner vor den Neuerungen des World Wide Web verschließen, sondern dabei sein, bevor der Zug abfährt.
Dramatisch dagegen sind die stetig sinkenden Verkaufszahlen. Selbst große Verlage fahren heute Auflagen, die vor wenigen Jahren Kleinstverlegern vorbehalten waren.
Für mich persönlich war es die erste stressfreie Buchmesse. Während ich gegen Mittag übernächtigt die Hallen betrat, hatte mein neuer Agent bereits mehrere Geschäfte für mich getätigt. So blieb mir nur, mit meinem Verleger Dieter Sekt zu trinken und meiner Lektorin Nadine die Kekse wegzuessen.
Ansonsten traf man an jeder Ecke auf die üblichen Verdächtigen. Selbst Roger Willemsen, der sich im letzten Jahr scheinbar versteckt hatte, saß in der Sonne, um sich angeregt mit einer attraktiven Blondine zu unterhalten. Das einzige, was ich dagegen vernaschen durfte, war – wie so oft – ein Hot Dog mit Röstzwiebeln.
Roger Willemsen ist ein Mann der Widersprüche. Ein Kerl, der langsam auf die 60 zugeht und noch immer wie ein Konfirmand wirkt. Ein Bücherwurm mit der Statur eines Sportlers. Ein Intellektueller, der gleichzeitig einen Sinn für die trashigen Aspekte des Lebens hat. Wer ihn einmal live erlebt hat, den überkommt eine gewisse Demut, wenn es um die Beurteilung der eigenen Geistesgaben geht.
Statt wie normale Leute in den Mai zu tanzen, fuhr ich in der letzten Woche lieber nach Hamburg, um im Funkhaus des NDR Herrn Willemsens Musikgeschmack zu lauschen. Erneut legte Deutschlands liebster Intellektueller seine Favoriten auf – zum Vergnügen seiner Fans. Die saßen zwei Stunden gebannt auf ihren Klappsesseln. Der Meister selbst nahm dagegen auf einem roten Sofa Platz, während ein ZEIT-Redakteur zu seiner linken den DJ gab.
Von einem »wunderbaren Abend mit geistreichen Worten und faszinierenden Klängen« war in der Presse zu lesen, von einer Veranstaltung, »die uns den Glauben an die Kraft der Musik und Worte zurückgibt«, naja.
Ein gemütliches Café wäre sicher der passendere Rahmen für so eine Veranstaltung gewesen, als das karge Rolf-Liebermann-Studio. So hatte das Ganze ein wenig den Anstrich eines Volkshochschulkurses. Oder einer Morgenandacht. Und was haben wir dabei gelernt? Das Roger W. ein Faible für Christoph Willibald Gluck, John Coltrane, Camille Saint-Saëns und Billie Holiday hat. Und auch für Schmuse-Swinger Harry Connick jr. Wer hätte das gedacht? Die Willemsen-Jünger waren sichtlich zufrieden, während ich zumindest froh war, ein paar Interpreten erkannt zu haben. Nach einem Abend mit Herrn Willemsen bekommen die eigenen Bildungslücken die Dimensionen der St.-Andreas-Spalte.
Mein persönliches Highlight kam später, als wir im legendären »Kemp’s« saßen, das von Gibson Kemp und seiner Frau Tina (beide ehemalige Mitglieder der legendären »Les Humphries Singers«) geführt wird, und unser Bier schlürften. Nach so viel herer Kunst stand uns nun der Sinn nach Trivialem. Die vielen Fotos im Pub zeugten von der ruhmreichen musikalischen Vergangenheit der Betreiber. Vierzig Jahre Musikgeschichte blickten von den Wänden auf uns herab. An manchen Abenden soll sogar Astrid Kirchherr, legendäre Fotografin und Freundin der Beatles, hinter dem Tresen stehen. Bei unserem Besuch im »Kemp’s« glänzte sie durch Abwesenheit.
Am Eingang des Pubs klebte ein Foto der »Les Humphries Singers«. Einer der Abgebildeten war leider kopflos. Sein Konterfei war mit einem alten Portraitfoto von Les Humphries überklebt. Hmmm … höchst sonderbar. Schade, dass Roger Willemsen nicht zugegen war. Denn der weiß ja bekanntlich alles.
Ich war ein kleiner Junge und konnte noch kein Wort Englisch, als ich zum ersten Mal mit dem Begriff »Talkshow« konfrontiert wurde. Das war Anfang/Mitte der 70er Jahre. Ich studierte damals in einer Fernsehzeitung das Spätabendprogramm, das ich noch nicht sehen durfte, und rätselte darüber, was mit »talk« wohl gemeint sein könnte.
Was Shows sind, war mir bekannt. Die von Jerry Lewis und Dean Martin waren echte Highlights im ZDF-Nachmittagsprogramm der 70er. Nur mit dem Wörtchen »talk« konnte ich nichts anfangen, ebenso wenig mit dem Namen Reinhard Münchenhagen. Er war der Talkmaster, und ich stellte ihn mir vor als eine Mischung aus Jerry Lewis und Dean Martin – Kinderlogik.
Letzte Nacht sah ich auf WDR den ersten Teil einer Dokumentation über 30 Jahre Talkshow im deutschen Fernsehen. Inzwischen weiß ich natürlich, was eine Talkshow ist. Die Leute, die in der Doku zu Wort kamen, hatten es mir 30 Jahre lang vermittelt. Von Schönherr bis Schlingensief. Obwohl ich mit Talkshows nicht mehr viel anzufangen weiß, seitdem jeder in einer solchen auftreten kann und sie zu 95 Prozent von Johannes B. Kerner moderiert werden, hat mir der Streifzug durch die Geschichte des deutschen Fernsehens gefallen.
Besonders die Äußerungen von Roger Willemsen, der meines Erachtens rechtzeitig erkannt hat, dass Talkshows in zu großen Mengen und auf Dauer in einem nicht unerheblichen Umfang verblöden. Ganz gleich, ob man lethargisch vor der Kiste sitzt oder schwafelnd darin.
Den zweiten und dritten Teil der Talkshow-Dokumentation werde ich mir jedenfalls nicht entgehen lassen. Nur um mir bestätigen zu lassen, dass es besser ist, sich Talkshows nur dann anzusehen, wenn darin Leute etwas erzählen, die auch etwas zu erzählen haben.

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