Ernährungsbewusstlosigkeit

wortmax am 4. November 2010 in Befindlichkeiten

haekelschweinVergangene Woche drehte sich im Rahmen der ARD-Themenwoche alles um die Ernährung. Auf allen Sendern der öffentlich-rechtlichen Kochanstalt glühten die Herdplatten. Eine der wesentlichen Fragen lautete: Macht uns unsere Ernährung fit, schön, krank oder dick? Die Antwort darauf ist einfach und stammt von Voltaire: »In der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben. In der anderen Hälfte opfern wir Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen.«

Mit anderen Worten: Ernährungsbewusstsein ist eine Frage der Zeit.

Um dies zu unterstreichen, ziehe ich heute zwei Texte für Euch aus der Küchenschublade. Beim ersten Text handelt es sich um ein Essay von T.C. Boyle. Der Schriftsteller war von einem Freund darum gebeten worden, über die schlimmste Mahlzeit seiner Kindheit zu schreiben. Das hat er getan. Und Sabine Anders hat den Text mit Boyles freundlicher Genehmigung ins Deutsche übersetzt. Ihr findet ihn auf den Seiten von www.tcboyle.de.

Der zweite Text stammt von mir. Ich hatte mich damit für »Die Sendung, die Sie sich schenken können« beworben, die jedes Jahr zu Weihnachten im WDR-Hörfunk ausgestrahlt wird. Auch hier ging’s ums Essen. Die Idee war, überspitzt die Ernährung eines Junggesellen darzustellen, der gerade das Hotel Mama verlassen hat und vorher nie für sich kochen musste.

Macht Euch keine Sorgen um mich, die unten skizzierte Woche ist nur ansatzweise autobiographisch. Vom WDR wurde der Text leider nicht genommen. Ich vermute, er war der Redaktion zu unappetitlich. Aber urteilt selbst:

Ernährungsbewusstlosigkeit

Montag: Endlich ist es soweit: Ich stehe auf eigenen Füßen. Mein Kopf schweigt vor lauter Freude, der Magen rebelliert. Ich muss dringend Einkaufen gehen. Dabei versuche ich nicht an Morgen zu denken, sondern bis nächsten Sonntag. Das Laufband an der Kasse bringt mich meinem ersten Abend in Freiheit näher. Ruckartig. Ich lege eine Tiefkühlpizza auf das zappelnde Gummi. Außerdem einen Eimer Krautsalat und ein paar Pepperoni. Es soll ein Festessen geben. Ich packe deshalb noch schnell eine Tüte Kartoffelchips dazu. Die Kassiererin grinst. So einen wie mich sieht sie nicht alle Tage, oder doch?

Dienstag: Keine Zeit. Zum Frühstück nur ein Schokoriegel. Mittags Phosphat: Currywurst mit zweimal Pommes. Abends den Rest der Kartoffelchips und eine Flasche lieblichen französischen Weißwein. Der schmeckt irgendwie nicht, war aber billig. Ich beschließe den zweiten Tag meines heiteren Junggesellenlebens mit Sodbrennen.

Mittwoch: Das Sodbrennen lässt nach. Der Hunger kehrt zurück. Ich brate mir vier Kartoffelpuffer und beschmiere sie fingerdick mit Remoulade. Die aus der Tube schmeckt besser als die aus dem Glas. Aber es fehlt noch etwas: auf jeden Puffer eine Scheibe Kochschinken, eine Käsescheiblette – und ein Spiegelei. Fertig! Stolz bewundere ich meine vier Cholesterinbomben. Ich esse sie auch, schaue nebenbei Fußball im Fernsehen – und brauche später dringend einen Ouzo.

Donnerstag: Schon wieder hektisch. Tagsüber nur zwei Rumkugeln. Abends entdecke ich die Nudeln. In der untersten Schublade. Wo sonst? Es sind Trulli-Nudeln. Sie lachen mich an, vielleicht auch aus. Champignons sind noch da. Frische in einer blauen Plastikschale, aber auch dritte Wahl in der Dose. Ich entscheide mich für die Dose. Das geht schneller. Doch schon wieder fehlt etwas. Die übrig gebliebenen Käsescheibletten habe ich am Vortag vernascht. Also nur Nudeln und Pilze. Nur Nudeln und Pilze? Ich schaue ein zweites Mal in den Kühlschrank, improvisiere mit Camenbert und Fondor. Alles in einen Topf? Warum nicht? Das bedeutet weniger Abwasch. Ich muss nur heftiger rühren. Es schmeckt. Einanderthalb Liter Cola helfen mir am späten Abend bei der Verdauung. Danke, liebe Cola.

Freitag: Wochenende. Freizeit. Party! Morgens Brötchen, abends Bier, dazwischen ein Pott Hühnersuppe. Das Leben kann so einfach sein.

Samstag: Damenbesuch. Auweia! Jetzt ein Südländer sein. Ich nehme ein Toastbroat und schneide die einzelnen Scheiben in Hälften. Ich bestreiche sie zärtlich mit Tomatenmark, lege sanft Mozarella darauf und würze die Schnitten mit schwarzen Industriepfeffer und Oregano. Danach ab in den Ofen, auf den Tisch und ins Bett. Was man nicht alles in Italien lernt!

Sonntag: Eine harte Woche liegt hinter mir. Deshalb heute etwas Besonderes: eine Champignonpfanne, wie ich sie vor vielen Jahren in einer Kneipe in Kiel serviert bekam. Stundenlang hatte ich auf den Wirt eingeredet, bis er mir endlich das Rezept verriet. Heute krame ich es hervor. Nur für mich. Diese Zeit muss sein – an einem Sonntag. Ich werfe die inzwischen nicht mehr ganz so frischen Champignons aus der blauen Plastikschale in eine Pfanne mit Öl, gieße später Sahne hinzu und lasse die Pilze darin eine Weile köcheln. Eine Herdplatte weiter schmeiße ich ein großes Stück Gorgonzola in einen Topf mit Sauce Hollandaise und erhitze das Ganze. Zu guter Letzt schöpfe ich die Champignons aus der Pfanne und lege sie auf einen tiefen Teller. Darüber gieße ich die zähflüssige Sauce Hollandaise mit dem darin aufgeweichten Gorgonzola. Ein mit Kräuterbutter bestrichenes Ciabatta, eine kleine Schüssel Mais-Porree-Salat sowie zwei Flaschen Bier stehen bereits auf dem Tisch. Prima! Fein! Guten Appetit! Lass es dir schmecken!

Ein paar Stunden später, so gegen halb eins in der Nacht, bekomme ich plötzlich heftige Bauchschmerzen – und ein schlechtes Gewissen. Wenn ich mich weiter so ernähre, werde ich bestimmt zu dick.

PS: Das süße Häkelschwein gibt’s übrigens hier.

Tagged with: