Read 'em all – Das Tourtagebuch II

Axel Klingenberg am 7. Januar 2011 in Reisenotizen

Axel KlingenbergBraunschweig, 17. Dezember 2010

Liebes Tourtagebuch, wir haben uns heute viel vorgenommen. Unser Tagesziel ist es, einem Haufen zwielichtiger Satanisten (und ihren Schülerinnen, denn ein Lehrer mitsamt seiner Klasse ist heute auch erschienen) ein bisschen weihnachtliche Besinnlichkeit in den langbehaarten Schädel zu prügeln. Der Schauplatz dieses Verbrechens ist wieder einmal das wunderbare Café Riptide – der Täter kehrt bekanntlich immer wieder an den Tatort zurück.

Wir drei Read em all-Members lesen wie immer einen bunten Strauß von Evergreens, Raries, Outtakes und aktuellen Charthits. Unter anderem trage ich auch aus meinem Tourtagebuch vor – Till echauffiert sich ein wenig, da er meint, es ginge nicht, dass man in einem literarischen Werk die eigenen Bücher erwähnt, z. B. meinen Bestseller »Lasst dort Rock sein«.

Deswegen werde ich an dieser Stelle auch sein Hörbuch »Tillicus Glossicus Metallicus« weitestgehend verschweigen. Da es auf Scorpions-Lateinisch eingesprochen ist (der Titel deutet es ja schon an), kann es ja sowieso niemand verstehen – mit Ausnahme des Germanisten und Hobby-Altphilologen Dr. Frank Schäfer vielleicht, der übrigens heute sein neues Buch »111 Gründe, Heavy Metal zu lieben« vorstellt. Aber ich bin ja schon ruhig …

Gesprächsbedarf gibt es anscheinend auch über die Bedeutung der Thrash Metal-Band Hallows Eve – Herr Burgwächter meldet jedenfalls Gesprächsbedarf an, als ich sie in einem meiner Texte lobend erwähne. Auf der Vereinssitzung unseres Heavy Metal-Fanclubs »Dragon Slaughters and Dwarfs Daughters« wird dies sicherlich ein wichtiges Thema sein. Ich werde es jedenfalls auf die Tagesordnung setzen lassen.

Und einen – Trommelwirbel! – Special Guest haben wir heute Abend auch. Der Metal-DJ und Slam Poet Micha-El Goehre aus Bielefeld ist zu Gast. Er stellt wieder einmal unter Beweis, dass er einer der ganz großen deutschen Entertainer ist, dessen »Black Metal«-Textzyklus in der Sekundärliteratur übigens völlig zu Recht als in der Tradition von Dantes »Inferno« und Wolfgang Petrys »Hölle, Hölle, Hölle« stehend eingeordnet wird. Micha-El Goehre ist GOTT … Verzeihung … SATAN.

Nachtrag: Heute (19. Dezember) spielen Saint Vitus in Braunschweig. Hier zeigt sich wieder einmal, warum Heavy Metal einfach nicht tot zu kriegen ist. Wobei Saint Vitus ja eigentlichen keinen Heavy Metal machen, sondern Doom Metal. Damit sind sie truer als true. Und sogar traditioneller als ihre Vorbilder Black Sabbath. Insbesondere der Gitarrist wirkt auch weniger wie ein gestandener Metalhead, sondern mehr wie ein verkappter Hippie. Und das ist sicherlich kein Zufall, denn Saint Vitus betreiben ja seit Jahrzehnten die doppelte Aufhebung (im Sinne der Hegelschen Dialektik) der Hippie-Ideale von Liebe und Frieden. Man erklärt sie für obsolet, um sie gleichzeitig weiter zu propagieren. Das steht hier nicht nur, weil es stimmt, sondern weil ich auch mal viele Fremdwörter benutzen wollte.

Euphorie vermögen Saint Vitus an diesem Abend allerdings nicht hervorzurufen – für mehr als ein ekstatisches Kopfnicken reicht es bei den meisten Zuschauern nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Musiker so wirken, als würden sie Dienst nach Vorschrift machen. Wenn man bedenkt, dass ihr ehemaliger Schlagzeuger wenige Wochen vorher gestorben ist und damit jedes Konzert eine Art Requiem für ihn darstellt, ist dies vielleicht nicht weiter verwunderlich. The show must go on.