Read 'em all – Das Tourtagebuch I

Axel Klingenberg am 16. Dezember 2010 in Reisenotizen

Axel KlingenbergBerlin, 19.11.2010

Liebes Tourtagebuch, ich beginne die Vorbereitung auf den Gig heute Abend mit ein paar Aerobic-Übungen zu den Klängen von Sepultura. »Roots, bloody Roots« summe ich dabei fröhlich vor mich hin. Wir treffen uns wie immer am Leseotter am Naturhistorischen Museum. Nur dass es dort schon seit Jahren gar keinen Leseotter mehr gibt. Er wurde schon vor Ewigkeiten durch einen ungleich imposanteren Dinosaurier ersetzt. Und ist das nicht auch irgendwie symbolisch? Sind wir drei nicht auch Rock-Dinosaurier, die noch nicht gemerkt haben, dass ihre Zeit schon längst vorbei ist? Natürlich nicht, das ist völliger Quatsch. Wir setzen auf den Anvil-Effekt – und hoffen, dass wir in zwanzig Jahren entdeckt werden, indem man sich in einem Dokumentarfilm über uns lustig macht.

Auf der A2 – Frank fährt heute mal ausnahmsweise (wie ja eigentlich immer) – haben wir genug Zeit, unseren Gedanken nachzuhängen und über unsere gemeinsame Leidenschaft fachzusimpeln. Till erzählt, dass er morgen zur Destruction-Release-Party nach Schwaben muss – auch Destruction sind ja sowas wie Rock-Dinosaurier. Zwar nicht so groß, aber so alt.

Nach einer kurzen Diskussion zum Thema »Pro und Contra Hallows Eve« grübeln wir drei, ob wir vielleicht so etwas wie Konsensbands haben – Gruppen, die alle drei gleich gut finden. Hört sich schwierig an, wenn man bedenkt, dass Frank ja mehr der Hardrocker ist, Till der Metaller und ich die punkigen Randbereiche des Schwermetalls zu meinen Jagdgründen erklärt habe. Aber natürlich ist es in Wirklichkeit gar nicht schwer: Die frühen Iron Maiden und AC/DC mit Bon Scott plus die Totenmesse »Back in Black« sind natürlich über jeden Zweifel erhaben. Motörhead und die ersten drei Metallica-Alben erwähnen wir erst gar nicht – das ist ja klar.

Von hier aus driftet unser Gespräch ziellos durch die Musikgeschichte. Von Sodom (Zitat: »Sie sind dann gut, wenn sie schlecht spielen, also zum Beispiel bei ›Bombenhagel‹«) kommen wir zu eigentlich unhörbarer Musik, also zum Black Metal, und von dort zu diversen Körperflüssigkeits-Performance-Styles. Von da ist es dann ja auch nicht mehr weit zu den Biervernichtern der Dimple Minds. Denn was unten raus kommt, muss ja oben rein.

Auch das Navi lallt übrigens ein wenig, trotzdem finden wir Berlin. Die nuschelnde Dame im Navigationsgerät lotst uns einmal durch die ganze Stadt. Hätten sie einen Mann dort reingesetzt, wären wir jetzt schon da. Zudem die Blase zu pressieren beginnt, womit wir wieder bei den Dimple Minds wären – das Gespräch fängt an, sich im Kreis zu drehen.

Schließlich kommen wir doch noch am Auftrittsort an. Die theARTer gallery ist ein düsterer Laden mit gewaltverherrlichenden Bildern an der Wand. Stil: H.R. Giger zwischen Abendmahl und Schwarzer Messe. Der Gastgeber ist dann auch tatsächlich so, wie man sich jemanden vorstellt, der Bilder von ziemlich toten Menschen ausstellt – also überaus freundlich und zuvorkommend. Zu essen gibt es Hackbraten. Als ich ihm sage, dass ich kein Fleisch esse, antwortet er, dass er nicht wusste, dass Till solche Leute kennt. Zu trinken gibt es natürlich Bier. Als ich ihn vorsichtig frage, ob er vielleicht auch ein alkoholfreies habe – ich will nachher ja nicht so klingen wie die Navi-Dame – antwortet er, dass er keines da habe – er wusste ja nicht, dass Till solche Leute kennt.

Wir haben noch ein wenig Zeit bis die Lesung anfängt und überlegen, ob wir ein gemeinsames Ritual einführen sollten, um uns auf den Autritt einzustimmen. Wir schwanken zwischen Dehnübung und Urschrei – und entscheiden uns dafür, doch noch ein Bier zu trinken bzw. einen Schokoriegel zu essen.

Schließlich ist es soweit. Die Lesung beginnt, wir gehen auf die Bühne. Zur »Wall of Death«, zu der der Veranstalter aufgerufen hat, bleiben die ca. 50 Zuschauer jedoch sitzen. Man weiß ja, was sich gehört, bei einer hochkulturellen Veranstaltung wie der unseren.

Gleich zu Beginn vergreift sich Frank im Text und eröffnet die Lesung mit einem Bericht über eine Lesung. Till greift dagegen – weil er hier ja schon öfter gelesen hat – in die unterste Schublade. Irgendwo in der Mitte zwischen Dixi-Klo und Security stößt er dabei auf Manowar – die Anabolika-Heroen aus den tiefsten germanischen Wäldern von Teutoburg/Illinois.

Das Publikum ist übrigens großartig. Es hört zu, lacht an den richtigen Stellen und fängt auch nicht an, SMS zu verschicken, wenn mal eine halbe Seite keine Pointe kommt (denn unsere Storys sind ja aus dem Leben gegriffen und das Leben ist ja auch nicht immer lustig).

Wir verkaufen sogar richtig viele Bücher. Alleine von meinem autobiografischen Großroman »Lasst dort Rock sein« (Verkaufspreis: 1,- Euro) gehen acht Exemplare weg. Damit bin ich wie immer Verkaufskönig. Bevor wir uns ins Auto setzen, ist jedoch noch Weihnachten. Frank übereicht uns beiden jeweils ein Exemplar seines neuesten Buches »111 Gründe, Heavy Metal zu lieben«.

Die Rückfahrt geht übrigens schneller. Und ich bin auch wirklich nur einmal ganz kurz eingenickt. Für ein oder zwei Stündchen.