Willkommen zum Comic-Kinoabend!

Weyershausen am 16. Januar 2012 in Screenshot

people_on_paperPackt das Popcorn aus und macht es Euch bequem, liebe Freunde. Heute ist Kino angesagt. Wer sich für Comics interessiert und sich immer gefragt hat, was für komische Käuze freiwillig ihr ganzes Leben gebeugt über einen wackligen Zeichentisch verbringen, dem wird gleich geholfen. Zwar gab es schon immer Berichte über Cartoonisten, doch seriöse Dokumentationen werden erst seit wenigen Jahren gedreht.

Hier eine kleine Auswahl aus mehreren jahrzehnten:

People on paper (1945)

Den Anfang macht ein Kurzfilm, der die Comicbeilagen amerikanischer Zeitungen zum Thema hat. Mit dabei sind: H.H. Knerr (Katzenjammer Kids), Bud Fisher, Fred Lasswell Jr. (Snuffy Smith), Frank King, Chester Gould (Dick Tracy), Dick Calkins, Milton Caniff (Terry and the Pirates), Chic Young (Blondie), Raeburn Van Buren, Ham Fisher, Hal Foster (Prinz Eisenherz), Harold Gray und Al Capp. Alles Millionäre!

Comic Book Confidential (1988)

Filmemacher Ron Mann war einer der Pioniere der Comic-Dokumentationen. In den comicbegeisterten 80er Jahren fand dieser Streifen auch in Deutschland Beachtung. Der legendäre Will Eisner begab sich damals sogar auf eine Deutschland-Tour, um den Film zu unterstützen. Es tauchen auf: Lynda Barry, Charles Burns, Sue Coe, Robert Crumb, Will Eisner, Al Feldstein, Shary Flenniken, William M. Gaines, Bill Griffith, Jaime Hernadez, Jack Kirby, Harvey Kurtzman, Stan Lee, Paul Mavrides, Frank Miller, Victor Moscoso, Francaise Mouly, Dan O’Neill, Harvey Pekar, Gilbert Shelton, Spain und Art Spiegelman.

Tintin and I (2003)

Wer nach dem immensen Tim und Struppi-Hype im letzten Jahr noch nicht genug hat, sollte sich diesen Film ansehen, in dem sich Zeichner Hergé auch über seine vermeintliche Nähe zu den deutschen Besatzern während des Krieges auslässt. Ein Interview, das Numa Sadoul, damals Student, vor vier Jahzehnten mit dem Großmeister der Comics führte, diente als Grundlage für diesen äußerst gelungenen Film des Dänen Anders Østergaard.

André Franquin (1996)

Etwas schäbig hingegen wirkt dieses Kleinod, in dem man den großartigen André Franquin in seinem Studio erleben kann. Franquin, der durch das »Marsupilami« und vor allem »Gaston« unsterblich wurde, hatte gerade in seinen letzten jahren mit Depressionen und Selbstzweifeln zu kämpfen. In dieser fürs belgische Fernsehen gedrehten Dokumentation (der Reihe »L’hebdo«) melden sich Freunde und Kollegen zu Wort.

Jack Kirby – Storyteller (2007)

Der produktivste amerikanische Comiczeichner war sicher Jack Kirby, der zusammen mit Autor Stan Lee fast im Alleingang einen unbedeutenden Verlag namens Marvel zum Millionenkonzern machte und mit seinem unverwechselbaren Stil die Comicszene revolutionierte. Wie viele großen Künstler kam die Annerkennung leider erst, als es zu spät war. Heute vergeht kaum ein Monat, in dem nicht eine weiterere Neuausgabe seiner Klassiker erscheint. In diesem Film, der nur auf DVD herauskam, zollen fast alle Zeichner, die Rang und Namen haben, dem »King of Comics« ihren Tribut.

Meine allerliebsten Comic-Käuze – Teil 3

Weyershausen am 15. November 2011 in HiStory

ditkoDas Geschäft mit den Comics ist leider alles andere als komisch – besonders in den USA. Lange Stunden am Zeichentisch, keinen Urlaub, ohne Kranken- oder Altersversicherung. Viele Karrieren enden traurig. Zeichner Dave Cockrum starb zum Beispiel in völliger Armut. Dabei war er einer derjenigen, die den späteren Filmerfolg »X-Men« aus der Taufe hoben. Comics liebte er bis zum Schluss: Cockrum wurde in seinem Superman-Pyjama beigesetzt. Die meisten Künstler sind leider keine Geschäftsleute, sondern deren Opfer.

Auch Steve Ditko gehört zu jenen, die im Alter mit leeren Händen dastehen, obwohl er eine der berühmtesten Comicfiguren der Welt ersonnen hat: Spider-Man. Obwohl sein Name im Vorspann der Filme nur an zweiter Stelle steht: Von Ditko stammen das unverwechselbare Kostüm, die Nebenfiguren sowie die ausgefallenen Feinde des erstaunlichen Spinnenmenschen. Autor Stan Lee steuerte lediglich Namen und Dialogtexte bei.

Seine letzten 18 Hefte produzierte der Zeichner sogar, ohne überhaupt mit Lee gesprochen zu haben. Doch während Lee heute ein gefeierter Millionär ist, haust Ditko, mittlerweile 84, in einem bescheidenen Apartment in Manhattan, trägt Schuhe, deren Sohlen von Isolierband zusammengehalten werden, und lebt von seiner Sozialversicherung.

Dabei könnte Ditko ein wohlhabender Mann sein. Seine Fans würden ein Vermögen für eine neue Zeichnung von Spider-Man zahlen. Obwohl er in seinem Studio einen Stapel seiner alten Comicseiten, von denen jede einzelne Tausende von Dollars Wert ist, aufbewahrt, zieht er es vor, aus seinem Ruhm kein Kaptal zu schlagen. Der Zeichner gibt seit über vierzig Jahren keine Interviews; es sind lediglich drei alte Fotos von ihm in Umlauf. Unangemeldete Besucher lässt er vor der Tür stehen. Kein Zweifel: Ditko ist der »Man of Mystery« der Comicwelt.

Schuld daran ist vielleicht die Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand, deren Vorträge der junge Ditko einst besuchte. Die notorische Kommunistenhasserin, die mit »The Fountainhead« (1943) einen Weltbestseller lancierte, war Verfechterin des »Objektivismus«, einer Lehre, die einen radikalen Individualismus propagierte. Diese Lehre machte sich der aufstrebende Künstler mit den Jahren immer mehr zu eigen. Ditkos Welt besteht aus schwarz oder weiss, gut oder böse. Dazwischen gibt es nichts. Eine denkbar schlechte Einstellung in einer Branche, in der gebrochene Versprechungen an der Tagesordnung sind.

Als der liberale Stan Lee aus Spider-Man einen Befürworter der aufbegehrenden Studentenbewegung machte, war das für den erzkonservativen Ditko zu viel. Er schmiss den wohl lukrativsten Job seiner Karriere. Ein Muster, das sich in den nächsten Jahrzehnten ständig wiederholte. Zum Beispiel 1992, als er die Arbeit an einer Serie einstellte, weil die Titelfigur seiner Ansicht nach eine Philosophie vertrat, die auf Plato beruhe, er aber ein Anhänger von Aristoteles sei.

Ruhm und schnöder Mammon schienen dem pragmatischen Künstler nichts zu bedeuten. Kein Wunder, dass er selbst seinen Kollegen etwas unheimlich ist. Als der Brite Jonathan Ross vor vier Jahren im Auftrag der BBC eine Dokumentation über sein Idol drehen wollte, wurde er brüsk abgewiesen. Seine Arbeit sage alles, was es zu sagen gibt, erklärt Ditko seit Jahren. Statt mit einem Interview wurden Ross und sein Mitstreiter Neil Gaiman mit einem Stapel Comics nach Hause geschickt.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass Ditko seine Einstellung ändern wird. Ein Kompromiss ist für ihn der größte Frevel, den sich ein Mensch erlauben kann. In einer Welt, die nur schwarz oder weiss duldet, steht grau für Korruption. Auch heute ist Ditko – inzwischen eine lebende Legende und im Ruhestand – aktiv wie eh und je. Seit einem Jahrzehnt zeichnet er philosophische Pamphlete, die er in unregelmäßigen Abständen unters Volk bringt. Ohne durchschlagenden finanziellen Erfolg. In dieser Zeit spielte die Spider-Man-Trilogie in den Kinos eine Gesamtsumme von 2,5 Milliarden US-Dollar ein. Trotz seines Alters wird er nie müde seine Weltsicht zu verbreiten, als freundlicher Exzentriker von nebenan: Was soll es sein? Gut oder böse? Du hast die Wahl!

Funky Flashman

Weyershausen am 18. Juli 2011 in HiStory

Stan Lee - photo by Alan LightStan Lee ist einer dieser Stars, die bis auf ein paar spinnerte Fans kaum jemand erkennt, falls sie einem auf der Straße begegnen würden, obwohl sie von Millionen Menschen in aller Welt gesehen wurden. Stan »The Man« Lee ist der geistige Vater der Marvel Comics, die mit Titeln wie »Spider-Man«, »Thor«, »Fantastic Four« und »Hulk« in den 60ern die Comic-Welt aufmischten.

Lee war ebenfalls einer der eitelsten Männer der Branche. Als eine obskure Comic-Börse aus Kanada bei ihm nachfragte, ob er etwas dagegen hätte, wenn ein alter Film (in dem Lee die Herstellung von Comics erklärt) gezeigt wird, bot er den Veranstaltern an, statt des Films höchstselbst in das entfernte Kaff zu fliegen, um vor Ort Rede und Antwort zu stehen. So viel Kooperation überraschte die Kanadier. Warum sollte Stan Lee, Comic-Idol aus New York, seine Zeit mit ein paar Hinterwäldlern vertrödeln? Als sie Lee vom Flughafen abholten, wussten sie die Antwort. Auf dem Lehrfilm konnte man einen fast kahlköpfigen Lee sehen. Aus dem Flugzeug stieg jedoch ein Mann mit voller Mähne.

Nachdem seine Comichelden zu Erfolgen wurden, begann Lee Gastauftritte in seinen Comics zu absolvieren. Lee nutzte die Gunst der Stunde, um sich zum Kreativguru hochzustilisieren, auch wenn die Kreativleistung, die Marvel zu einem Phänomen machte, eigentlich dem Hirn eines anderen entsprungen waren: dem des Zeichners Jack Kirby nämlich.

»Stan Lees größte Leistung war es, aus einem Haufen zweitklassiger Comiczeichner erstklassige Kirby-Imitatoren gemacht zu haben« behauptete Zeichner Gil Kane in einem Interview. Lee war, bevor er sich mit Kirby zusammentat, nur ein Vielschreiber, der in einer zwanzigjährigen Karriere nie etwas Nennenswertes auf die Beine stellte, während Kirby bereits 1941 seinen Helden »Captain America« auf die Nazis loslies. Doch wo Kirby ein schüchternder kleiner Mann war, der laut der »New York Herald Tribune« wie »der Vertreter einer Miederwarenfirma wirkt«, kam Lee nicht nur groß, sondern auch großspurig daher.

Kirby, der irgendwann die Nase voll hatte, dass ein anderer die Lorbeeren einheimste, kündigte und ging 1970 zur Konkurrenz. Seine Rache an Lee war fürchterlich: 1972 schuf er einen Schurken namens »Funky Flashman«, die Lee wie aus dem Gesicht geschnitten war. Flashmann war ein gewissenloser Schaumschläger, der ohne seine falschen Zähne, seine Perücke und einem angeklebten Bart nur ein armseliges Würstchen war.

Doch während Kirby den Rest seines Lebens am Zeichentisch fristete, fiel Lee die Treppe herauf und wurde zum Herausgeber. In dieser Rolle gab er hauptsächlich Interviews und versuchte Marvels Comicfiguren in Hollywood zu vermarkten. Der Job war so lukrativ, dass sich Lee Ende der 70er sogar eine Haartransplantation leisten konnte.

Nachdem Kirby Marvel verlassen hatte, hat Lee nie wieder etwas Originelles auf die Beine gestellt. Die letzten dreißig Jahre verbrachte er in Hollywood, wo er sich Serien wie »Stripperella« ausdachte, die er Pamela Anderson auf dem Leib schrieb. Lee wurde auf seine alten Tage sogar zum Medienstar: In jeder Comic-Verfilmung aus dem Hause Marvel hat er seinen kurzen Gastauftritt. Es sei ihm gegönnt.

Und die Moral von der Geschicht? Man muss keine guten Ideen haben. Man muss nur so aussehen, als hätte man welche. Auch wenn die eigenen Haare nur aufgeklebt sind.

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Draculas Ziehvater

Weyershausen am 29. Juni 2011 in HiStory

ColanDer amerikanische Comiczeichner Gene Colan (1926 – 2011) erzählte oft, dass er nie mehr der Gleiche war, nachdem er im zarten Alter von fünf Jahren im Kino »Frankenstein« gesehen hatte. Obwohl er in nach jenem folgenschweren Tag vor Angst nächtelang kein Auge zutat, war er fortan begeistert, von Monstern, Mumien und Vampiren.

Im Erwachsenenalter sollte ausgerechnet dieses Genre sein Spezialgebiet werden. Schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen seine ersten Geschichten. Richtig bekannt wurde er jedoch durch seine Arbeit für Stan Lee und die Marvel Comics, die 1966 begann. Er war ein Spätentwickler, der erst in den mittleren Jahren sein wahres Potenzial entfaltete. Seine herausragendste Serie, »The Tomb of Dracula«, erschien ab 1973 auch in Deutschland. Nachdem mir eines Tages Heft vier dieser Reihe in die Hände fiel, erging es mir wie dem jungen Colan: Ich schlief nur noch mit dem Kopf unter der Bettdecke – aus Angst ein Vampir könnte mir in den Hals beißen.

Die Geschichte dieses Heftes war schlicht, aber effektiv: Eine alternde Diva möchte die ewige Jugend erlangen, indem sie wie Dracula zum Vampir wird. Dracula erfüllt ihr den Wunsch, doch zu spät erkennt sie, dass sie nun zwar unsterblich ist, aber auf ewig in ihrem altersfleckigen Körper gefangen sein wird. Am Ende zieht sie den Tod durch einen Holzpflock vor.

Vor allem die Sequenz, in der Dracula sich auf einem Dach von einer Fledermaus in einen Menschen verwandelt, habe ich nie vergessen. Bilder wie diese gab es in seinem Schaffen häufig. Gene Colan war ein Meister von Licht, Schatten und unmöglicher Perspektiven. Seine größte Stärke waren jedoch ausdrucksstarke Gesichter, deren bloßer Blick ausreichte, um beim Leser Unbehagen zu erzeugen. Der Rest blieb unserer Fantasie überlassen.

Gene Colans Dracula, und auch der von Christopher Lee, waren in meiner Kindheit nicht wegzudenken. Ihre Art von Grusel war wesentlich effektiver als das Gemetzel heutiger Tage.

Colans Sternstunde schlug meiner Meinung nach mit der kurzlebigen Serie »Ragamuffins«, in der er mit Autor Don McGregor die Kindheitserlebnisse des jungen Träumers Randy schilderte. Liebevoll, leise, mit einem Auge für Details. Menschen und Situationen waren die Dinge, die Colan an seiner Arbeit interessierten. Nur leider war gerade dieser Sinn fürs Subtile in der amerikanischen Comicszene (in der von jeher Dummheit und schlechter Geschmack vorherrschen) nicht gefragt. Auch die deutschen Fans konnten sich nie so recht für seinen Stil erwärmen.

Obwohl er viele populäre Superhelden wie Daredevil, Iron Man, Captain America und Batman zeichnete, war Colan irgendwann aus der Mode. Die Comicwelt ging schon immer grausam mit ihren Veteranen um. Erst als es fast zu spät war, wurde er »wiederentdeckt«. Das Alter, seine schwindende Sehkraft und andere gesundheitliche Gebrechen sorgten dafür, dass seine letzten Jahre zu einem Horrorszenario wurden, wie es nur das Leben schreiben kann. Trotzdem, schaffte es Colan im stolzen Alter von 83, quasi am Krankenbett, einen allerletzten Comic für Marvel zu zeichnen, der 2010 sogar mit dem Eisner Award ausgezeichnet wurde. Natürlich war es eine Geschichte mit Vampiren.

Colan war ein Mann, der bis zu seinem letzten Atemzug fest daran glaubte, dass man alles erreichen kann, wenn man es nur stark genug will. Es war auch nicht sein Wille, sondern sein Körper, der letzte Woche versagte.

Seine Arbeit wird indes weiterleben. Es ist schön zu wissen, dass seine Comics auch in Zukunft Menschen mit überschüssiger Fantasie unter die Bettdecke treiben werden. Denn der wohlige Grusel, die erstaunlichen Bilder, die sich in unser Gedächtnis einbrennen, sind sein Geschenk an uns alle.

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Autoren sind Rampensäue

Weyershausen am 7. Juni 2011 in Reisenotizen

111_heBislang haben Herr wortmax und ich bei unseren Lesungen nur die magische Zahl 80 erreicht. Im Herbst letzten Jahres traten wir nämlich vor 80 Zuschauern auf, denn mehr Plätze hatte der Veranstaltungsort nicht. 80 weitere Zuschauer standen vergeblich an. Das ärgerte uns schon sehr, denn Autoren sind (heimliche) Rampensäue.

Das änderte sich letzte Woche. Zusammen mit dem Trio »Voices« (siehe Foto) traten wir im Rahmen der Reihe »Musik trifft Sprache« auf – und das bei besten Grillwetter und gegen Volker Pispers, der nur ein paar Straßen weiter über unsere hochverehrte Frau Bundeskanzlerin lästerte.

111_he_2Und auch ein weiteres Novum gab es: Nachdem wir bislang in Buchhandlungen, Cafés und im Theater unsere Texte lasen, war es hier die ehrwürdige St. Christophorus Kirche in Helmstedt. Würden uns die heiligen Gemäuer auf den Kopf fallen, wenn wir Blasphemisches sprachen? Immerhin kam in einem meiner Texte das unschöne Wort »Katzenpisse« vor. In einem anderen war sogar von Sex die Rede. Schockschwerenot!

Dank unserer musikalischen Mitstreiter war es einer unserer entspanntesten Auftritte. Fast 110 Leute saßen zwei Stunden lang still, ohne zu Gähnen. Mehr kann man doch wirklich nicht verlangen.

Noch was ganz anderes: Steve Ditko, neben Stan Lee einer der geistigen Väter des legendären Helden »Spider-Man«, ist chronisch pressescheu. Das letzte Interview gab er 1966. Es existieren nur zwei Fotos mit ihm, die immerhin über fünfzig Jahre auf dem Buckel haben. Nun ist bei eBay ein altes College-Jahrbuch aufgetaucht, in dem Ditko als Teenager zu sehen ist. Aber ist so ein Bild $349 wert?

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Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 17

Weyershausen am 8. November 2010 in Netzball

datenautobahn_17Als Kind hätte ich gern einmal den Großen der Comicwelt über die Schulter geschaut. Doch damals gab es im Fernsehen nur den Schnellzeichner Oskar (Hans Bierbrauer), der in der Quizsendung »Dalli Dalli« die Gewinner aus dem Publikum skizzierte.

Zum Glück gibt es jedoch Stan Lee, der in seiner Sendung »Comic Book Greats« berühmte Zeichner ins Studio holte, um mit ihnen vor klapprigen Kulissen über die Besonderheiten ihres Metiers zu plaudern. Die ab 1992 für den Videomarkt heruntergekurbelten Shows sind zwar lausig produziert, aber ‘nem geschenkten Gaul sollte man nicht ins Maul schauen.

Sergio Aragones

Der bekannte MAD-Zeichner und Erfinder der Figur »Groo, the Wanderer« Sergio Aragones gilt allgemein als schnellster Zeichner der Branche. Lange Jahre kritzelte er für MAD die winzigen Cartoons, die sich an den Seitenrändern entlang durch das ganze Heft zogen. Bekannt sind auch seine »Wimmelbilder«, prall gefüllt mit unzähligen Gags und Details. Dazu ist Aragones der einzige Cartoonist, der nebenbei eine Karriere als Kleindarsteller in diversen Filmen aufweisen kann.

John Romita und John Romita jr.

Obwohl »Spider-Man« von Stan Lee und dem Zeichner Steve Ditko ersonnen wurde, hat erst sein geistiger »Stiefvater« John Romita dafür gesorgt, dass »Spidey« selbst Superman an Popularität überflügelte. Romita hat über zwei Jahrzehnte den Look dieser Figur geprägt. Heute zeichnet sein Sohn John jr. den Superhelden. Hier kann man den Junior noch in einen schicken roten Pulli nebst gruseliger 80er Jahre Frisur sehen – und sich dabei freuen, dass diese Zeiten vorbei sind.

Will Eisner

»So würde ich später gern auch mal sein – nur mit mehr Haaren«, dachte ich mir, nachdem ich – etwa 1991 – Will Eisner traf. Wenn es unter den amerikanischen Comicmachern eine Legende gibt, trägt sie den Namen Eisner. In seiner Jugend erfand er die Figur »The Spirit«, die erst vor ein paar Jahren verfilmt wurde (nur leider unterirdisch schlecht). Diese Serie machte ihn zum »Orson Welles der Comics«. 36 Jahre später schuf er mit »Ein Vertrag mit Gott« die erste amerikanische »Graphic Novel«. Wem das nicht reicht: Ein anderer Film zeigt, wie virtuos Mr. Eisner mit dem Pinsel umgehen konnte.

Harvey Kurtzman und Jack Davis

Harvey Kurzman war nicht nur der Erfinder der Comiczeitschrift MAD, sondern auch ein genialer Zeichner. Hier ist er leider schon schwer von den Folgen der Parkinson-Krankheit gezeichnet, die ihn ein Jahr später dahinraffen würde – ohne einen Penny in der Tasche, wie es sich für ein echtes Genie gehört. Mit im Studio: MAD-Zeichner Jack Davis, der am Zeichenbrett zeigt, wieso er zu den besten Karikaturisten der Welt zählt.

Bob Kane

Der größte Kotzbrocken der Comic-Geschichte war vermutlich Bob Kane, der Erfinder von »Batman«. Leider war dies auch die einzige Großtat Kanes, der sein Leben lang auf die Hilfe von Assistenten und Autoren angewiesen war, deren Existenz er der Öffentlichkeit aber gern verschwieg. Wie es tatsächlich um die Zeichenkünste des sonnengegerbten Selbstdarstellers bestellt war, kann man hier sehen.

Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 16

Weyershausen am 25. Oktober 2010 in Netzball

datenautobahn_16Wo sind sie hin, die Highlights des Jahres? Die Buchmessen sind gelaufen, der Sommer hat sich verdünnisiert und der Weihnachtsmarkt ist noch etliche Wochen entfernt. Trotzdem hat man allmählich das Gefühl, 2010 sei gelaufen.

Für uns Cartoonisten gibt es wenigstens noch den Karikaturenpreis, der am 14. November in Dresden verliehen wird. Danach kann man sich eigentlich getrost ins Bett legen und bis zum Sommer 2011 durchschlafen. Doch zum Glück muss ich in diesem Jahr noch einiges wegarbeiten, denn sonst gibt es Ärger mit meinem Agenten. Wohl dem, der einen Agenten hat, der ihn in den Hintern tritt!

Marvel Way

Stan Lee ist so etwas wie der Heizdeckenverkäufer der Comicwelt: immer bemüht einen ehrlichen Dollar zu verdienen. Der »Co-Creator« von Spider-Man, den Fantastic Four, Iron Man und etlichen anderen Marvel-Comichelden hat zwar seit fast vierzig Jahren nichts Vernünftiges mehr zu Papier gebracht, aber er ist durch seine Gastauftritte in diversen Comicverfilmungen trotzdem nahezu omnipräsent. Vor etlichen Jahren verfasste er mit dem begnadeten Zeichner John Buscema die Zeichenfibel »How to draw Comics the Marvel Way«. Hier ist die Video-Fassung. Übrigens: Das Ding auf Lees Schädel ist kein missglücktes Toupet, sondern eine missglückte Haartransplantation.

Lance

Eines der unbekannten Meisterwerke der Comics ist die Serie »Lance« des amerikanischen Zeichners Warren Tufts. Tufts wagte in einer Zeit, in der Zeitungscomics von sogenannten Syndikaten vertrieben wurden, das Experiment, seinen Comic auf eigene Faust zu verkaufen. Natürlich konnte so etwas nicht lange gutgehen, denn Tufts steckte fast all seine Energie in die wöchentlich erschienene Seite. Die Doppelbelastung sorgte dafür, dass er enttäuscht aufgab. Die Zeichnungen und Tufts aufwändige Farbgebung machen den Strip zu einem echten Leseerlebnis. Und selbst die Geschichten waren für damalige Verhältnisse (1955) geradezu progressiv. Wahrscheinlich war dies mit ein Grund für den Misserfolg der Serie. Nach über 50 Jahren der Vergessenheit bietet ein portugiesischer Verlag nun eine liebevoll restaurierte Gesamtausgabe an. Auf der Website kann man alle Folgen im englischen Original lesen.

Nilsson

Neulich habe ich durch Zufall eines meiner absoluten Lieblingsstücke wiederentdeckt: »One is the loneliest Number« (1999) gesungen von Aimee Mann. Dabei fiel mir ein, dass der Komponist Harry Nilsson noch eine Menge andere gute Songs aufgenommen hat. Am Bekanntesten ist wohl »Everybody’s Talking« aus dem Film »Midnight Cowboy«. Unvergesslich auch der Schmachtfetzen »Without You«, dessen Demo-Version mir heute noch sehr gefällt. Beste Nilsson Annekdote: Ein Fan, der in einem billigen Motel arbeitete, war völlig überrascht eines morgens, als er das Frühstück verteilte, sein Idol übernächtigt und in der Unterwäsche anzutreffen. Als er erzählte, wie sehr er ihn bewundere und wie viel ihm seine Musik bedeute, raunte der Sänger nur verkatert: »Na, dann sollte ich wohl besser meine Hose anziehen, was?«

Pen & Ink

Was ich nie verstanden habe: Warum benutzen so viele Zeichner heutzutage den Filzstift statt der Feder? Die Zeichenfeder hat eine Leichtigkeit und Eleganz, die der etwas behäbige Marker nie erreichen wird. Das beste Argument für die Zeichenfeder, das ich in letzter Zeit gesehen habe, ist dieser Blogeintrag, der Illustrationen aus dem 1930 erschienenen Buch »Drawing With Pen And Ink« abbildet. Die Zeichner sind: Aubrey Beardsley, John R. Neil, Reginald Birch, Rose O’Neil, Daniel Vierge, Walter Jardine, Franklin Booth, James Montgomery Flagg, Willy Pogany, Ernest Peixotto, Charles Gibson, Harry Clarke und Joespeh Clement Coll. Die Virtuosität dieser Künstler ist heute tot. Aber dafür haben wir ja Photoshop.

Neues vom Straßenrand der Datenautobahn 8

Weyershausen am 25. Januar 2010 in Netzball

DatenautobahnSeltsamerweise scheinen viele Leute zu denken, ich verbringe meine gesamte Freizeit vorm Computer, um die Links, die ich hier in regelmäßigen Abständen präsentiere, aufzutreiben. Keine Angst: In Wahrheit sind es nur wenige Seiten, die ich regelmäßig besuche, um interessante Dinge zu entdecken. Und das dauert meist nur eine Kaffeetassenlänge.

Was mich interessiert? Natürlich das Abseitige, das Schräge und das fast Vergessene. Kuriose Radiohörspiele, Musik jenseits der Charts, ungewöhnliche Bücher, seltene Filmdokumente und alte Comics. Hier sind wieder ein paar Beispiele:

Prollige Plakate

Obwohl die Streifen, die mit ihnen beworben wurden, niemals meine Augäpfel besudeln werden, liebe ich alte C-Film-Plakate. Lächerliche Aliens, abgehalfterte Stars und natürlich jede Menge lasterhafter Frauenzimmer – all das findet man auf der »Wrong Side Of The Art«, eine Sammlung der »schlimmsten« Filmplakate aller Zeiten. Nur dort reichen sich Trash, billiger Sex und unfreiwillige Komik die Hand. Wer über einen starken Magen und den entsprechenden schlechten Geschmack verfügt, kommt hier garantiert auf seine Kosten.

Clevere Comicer

Wer wissen möchte, was die Comic-Legenden Stan Lee, Jack Kirby, Will Eisner und Jim Steranko 1975 auf der »San Diego Comic Convention« zu sagen hatten, sollte hier reinhören. Wie immer war ein findiger Fan an Ort und Stelle, um die Weisheiten der Comic-Gurus für die Nachwelt festzuhalten. Auch der Schriftsteller Ray Bradbury war in jenem güldenen Jahr vor Ort, um über seine Liebe zu den bunten Bildern zu schwadronieren. Die Freunde des Groben können hingegen den Worten des damals blutjungen Karate-Holzhackers Chuck Norris lauschen. Allerdings sollte man nicht zu viel erwarten. Die Gespräche jener Herrschaften haben leider nur die Tiefe einer handelsüblichen Sperrholzplatte.

Flennende Filmemacher

Einer der größten Unfälle der Filmgeschichte, war der nie aufgeführte Streifen »Der Tag, an dem der Clown weinte« von und mit Jerry Lewis, in dem der Komiker einen erfolglosen Clown spielt, der im KZ landet, um dort seine wahre Berufung zu entdecken. Der 1972 gedrehte Film landete aufgrund von Rechtstreitigkeiten im Giftschrank. So blieb die erste KZ-Komödie Roberto Begnini vorbehalten. Die Wenigen, die einen Rohschnitt gesehen haben, halten ihn für eine der größten Geschmacklosigkeiten aller Zeiten. Jerry dagegen erhoffte sich damit ein Comeback. Die einzige Kopie befindet sich heute im Tresor von Mr. Lewis. Neugierige, die mehr über diesen berüchtigten Film erfahren wollen, sollten hier reinschauen.

Sensationelle Seiten

Die Mutter aller Unterhaltungsblätter war die amerikanische Wochenzeitschrift LIFE. Wer dort auf dem Titelbild erschien, hatte es im Showbusiness geschafft. »Stern«, »Bunte« und »Quick« versuchten im Nachkriegsdeutschland mehr oder weniger erfolgreich, das Konzept zu kopieren. Vier Jahrzehnte versorgte die Zeitschrift ihre Leserschaft mit erstklassig geschriebenen Reportagen, sensationellen Fotos und ganz viel Klatsch: Von den (damals) aktuellen Filmen der Marx-Brothers, dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu Marilyn Monroe und der Mondlandung. Im Internet kann man nun kostenlos das komplette Archiv des legendären Magazins nutzen – inklusive Suchfunktion. Wer Zeitgeschichte hautnah erleben oder einfach nur schmökern möchte, ist hier goldrichtig.

Programmtipps 3

Weyershausen am 25. August 2008 in Netzball

batmanElender Sommer! Verleitet uns doch glatt zu langen Grillabenden, Besuchen am Badesee oder zum gelegentlichen Glas Wein im Garten. Und überall lauern Hautkrebs, Zeckenbisse und Fußpilz. Wo wir doch am heimischen Computer viel sicherer aufgehoben wären! Egal! Um uns alle auf die langen dunklen Herbsttage vorm Rechner einzustimmen, habe ich hier ein paar Links, die unsere vom Sommer verweichlichten Mausfinger trainieren werden.

Bilder aus der Vergangenheit

Seit vielen Jahren kämpft die Holocaustüberlebende Dina Babbitt darum, jene Gemälde zurück zu bekommen, die sie einst im Konzentrationslager malte. Die Bilder befinden sich heute im Auschwitz Museum, wo sie zu den eindringlichsten Exponaten der Gedenkstätte zählen. Der historische Wert dieser Gemälde sei weitaus bedeutender als die Eigentumsrechte der 84jährigen, argumentiert das Museum. Die Comic-Veteranen Neal Adams, Joe Kubert und Stan Lee sind anderer Meinung und haben nun ein sechsseitiges Pamphlet in Comicform erstellt, das Dina Babbitt endlich zu ihrem Recht verhelfen soll.

Pappige Plattenteller

Für alle, die ihre antike Schallplattensammlung nicht mehr hören können, da der Plattenspieler den Geist aufgegeben hat, gibt es jetzt eine kostengünstige Lösung. Der Tüftler Simon Elvins bastelte einen Plattenspieler aus Pappe, der ganz ohne Strom funktioniert. Als Verstärker dient ein Trichter, an dem eine Nadel angebracht ist. Damit sich der Plattenteller dreht, muss gekurbelt werden. Partytauglich ist er allerdings nur für ganz leise Menschen.

Der Proto-Superman

Mit ihrem Comichelden »Superman« schrieben Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster Geschichte. Jetzt fanden die Erben Siegels ein paar verwitterte Fotokopien, die belegen, dass es bereits eine frühere Version Supermans gab. Statt des jungen Shuster führte hier ein Profi namens Russel Keaton den Zeichenstift. Und auch die Geschichte unterscheidet sich in wesentlichen Elementen von der Version, die wir alle kennen. Ein interessanter Fund.

Orsons Ohrwürmer

Die goldene Zeit des Radios erlebte ihren Höhepunkt, als Orson Welles mit seinem Hörspiel »Krieg der Welten« 1938 ganz Amerika in Angst und Schrecken versetzte. Das Multitalent Welles war danach ein gemachter Mann. Auf der Website The Mercury Theatre on the Air kann man sich selbst ein Bild von der sagenumwobenen Produktion machen. Dazu gibt es Aufzeichnungen weiterer Radiohörspiele, die ebenfalls von Welles populärer Truppe umgesetzt wurden. Im Jahrhundertwerk Citizen Kane konnte Amerika dann endlich die Gesichter der Radiogrößen sehen.

Der Urknall

Weyershausen am 29. Oktober 2007 in HiStory

urknallWann hat eigentlich alles angefangen? Natürlich mit dem Urknall, ist doch klar! Für mich war dieser Urknall ein unscheinbares Comicheft. Eines Tages ging ich mit meiner gestressten Mutter an einem etwas heruntergekommenen Zeitschriftenladen vorbei. Im Schaufenster hingen diverse Comics und Romanhefte, die sofort meine Aufmerksamkeit erregten. Mit fatalen Folgen für meine Mutter.

Als hyperaktiver Quälgeist, der ich war, quengelte ich so lange, bis ich mir ein Heft aussuchen durfte. Ich war damals einer der talentiertesten Quengler westlich des Rio Pecos. Naja … zumindest westlich der Oker. Das Heft trug den Titel Die Fantastischen Vier, und erschien in der Reihe »Hit-Comics«, von der ich ebenfalls noch nie etwas gehört hatte.

Mein armer zehnjähriger Verstand konnte ums Verrecken nicht begreifen, was in den Seiten dieses Heftes vor sich ging. Als ob ich mitten in eine Kinovorführung geriet, die bereits zur Hälfte um war. Alles daran war exotisch – das billige Papier, die Zeichnungen, selbst der Geruch der Druckfarbe. Als Zweitgeschichte konnte man ein Abenteuer des Donnergottes Thor lesen. Was für ein dämlicher Name! Donnergott? Was war das denn? Da kehrte ich doch lieber ins behagliche Entenhausen zurück.

Wie fast alle anderen Kinder meines Alters war ich ein eifriger Comic-Leser. Zack, Asterix, Fix & Foxi, Micky Maus u.s.w. »Ich habe sie alle gehabt!«, konnte ich bereits als Grundschüler weltmännisch von mir behaupten. Trotzdem bewegte sich mein Comicverschleiß in normalen Bahnen. Ich war nie ein Sammler. Dieses Heft aber beschäftigte mich, weil ich es nicht verstand. Auch heute noch habe ich schlaflose Nächte, wenn ich etwas nicht kapiere (was leider sehr oft vorkommt).

Es dauerte mehrere Monate, bis ich eine weitere Ausgabe dieses mysteriösen Comics in den Händen hielt. Mein Klassenkamerad Reinhard H., offensichtlich ein echter Feinschmecker in Sachen Kultur, lieh es mir. Diesmal war ein grünhäutiger Kauz namens »Halk« Held der Zweitgeschichte. Außerdem trat ein Typ namens »Silber Surfer« auf, der auf einem Surfbrett durchs All bretterte. »Die spinnen, die Amis«, dachte ich.

Mehrere Monate später war mein Intellekt so weit gereift, dass ich unbedingt ein weiteres Heft der Fantastischen Vier haben musste. Doch wie alles im Leben hatte auch dies seinen Preis und der hieß: Goodbye »Micky Maus«, da meine Mutter partout nicht einsehen wollte, dass ihr Filius ein weiteres Comicheft pro Woche benötigte. Was beweist, dass selbst in den Swinging Seventies Eltern äußerst uncool waren.

In der Zwischenzeit hatte sich jedoch einiges in der Comicwelt geändert. Die »Hit-Comics« gab es nun nicht mehr. Das fantastische Quartett erschien plötzlich unter dem Label Marvel Comics. Auch der seltsame Donnergott hatte jetzt seine eigene Heftserie. Ebenso wie unser Freund »Halk«, der zwar noch immer grün war, aber sich nun Hulk nannte. Des Weiteren entdeckte ich die Spinne, die Rächer, das X-Team und andere seltsame Gestalten.

Machen wir’s kurz: Ich war innerhalb kürzester Zeit »angefixt«. Jeden Montag, noch vor Schulbeginn, radelte ich zum Bahnhofsbuchhändler, der als einziger in meiner Umgebung diese merkwürdigen Hefte führte. Bald nannte ich sämtliche Druckerzeugnisse des Hauses Marvel mein eigen. Zum Erschrecken meiner Eltern steigerte sich mein Comic-Konsum in der Folgezeit stetig. In jeder freien Minute saß ich am Boden und kritzelte die eine oder andere Marvel-Figur. Die Weichen für meine Zukunft waren gestellt. Lautete nicht eines der besten Marvel-Epen »Wenn dies mein Schicksal ist«?

Diese farbenfrohen Fluchtwelten waren weit spannender als die trübe niedersächsische Realität meines Schulalltags. Mit fünfzehn entdeckte ich Andreas C. Knigges legendäres Fachblatt »Comixene«. Inzwischen war ich diesem wunderbar fantasievollen, großartig verspielten Medium mit Haut und Haaren verfallen. Ich entdeckte ständig neue Zeichner, neue Comicwelten, verborgene Schätze und vor allem meine Fähigkeit selbst zu zeichnen.

Aus einem kleinen dummen Jungen wurde so ein großer dummer Junge. Oder besser: Je mehr ich lernte, desto mehr wurde mir bewusst, wie wenig ich eigentlich weiß.

Warum ich all dies schreibe? Gestern abend sah ich auf arte eine Dokumentation über den großartigen Zeichner Moebius (alias Jean Giraud), die mich sehr nachdenklich stimmte. Die Zeit rast! Als ich das erste Mal eine Zeichnung Girauds sah, war er noch ein junger Wilder und ich ein alter Grundschüler. Nun ist er ein alter Wilder, und ich bin selbst Cartoonist. In Moebius Redux kam auch ein anderer alter Herr zu Wort: Stan Lee, einstiger Autor und Miterfinder der Fantastischen Vier.

Stan Lee, Jack Kirby, Carl Barks, André Franquin … mit ihnen fing für mich alles an. Irgendwie betrachte ich sie noch heute als meine künstlerischen Väter. Nur Schade, dass sie nie Alimente gezahlt haben …