2010 macht mir Angst. Eigentlich hatte ich ja gar nicht damit gerechnet, überhaupt so lange auf der Welt zu sein. Als kleines Kind träumte ich immer davon, eines Tages im Jahre 2001 zu leben. Weiter reichte meine Zukunftsplanung leider nie.
Das Jahr 2001 war damals nämlich ein magisches Datum. Den Aussschlag gab wohl der gleichnamige Film von Stanley Kubrick. 2001 bedeutete für die Kinder meiner Generation, dass die Menschheit in Raketenautos herumfliegt, Raumschiffe etwas ganz Alltägliches sind, erste Kolonien auf dem Mars gegründet werden und Frauen in sexy Raumanzügen herumlaufen – wie Barbarella. Mit anderen Worten: Ich konnte es kaum abwarten, denn 2001 war ich meinen Berechnungen nach noch keine 40!
Selbst Donald Duck war in der legendären Geschichte »Donald im Jahre 2001«, die immerhin in der ersten Ausgabe von »Walt Disneys lustigen Taschenbüchern« erschien, ein alter Knacker. Da hatte ich es besser. Doch es kam, wie wir wissen, alles ganz anders.
Bereits »1984« hätte mir eine Warnung sein müssen. Vom Big Brother war selbst im Fernsehen noch keine Spur. Das einzig magische an diesem Jahr war der sogenannte »Zauberwürfel«. Ansonsten gab es dauergewellte Frauen, die mit gigantischen Schulterpolstern herumliefen – und natürlich Michael Jackson. Der Rest war business as usual. Als schließlich mit viel Brimborium das Jahr 2000 eingeläutet wurde, war mir klar, dass es mit den Raketenautos und den Marskolonien noch eine ganze Weile dauern würde. Stanley Kubricks visionäre Zukunftsspekulationen erwiesen sich als unwahr.
Das Ungewöhnlichste, was Silvester 2000 passierte, war eine Party, auf der die Gäste um Mitternacht komische Hüte aufsetzten. Aber so etwas ist ja in Braunschweig fast normal.
Was hatte die Menschheit bis dahin erreicht? Den Turbobräuner, den Jamba-Klingelton und das Bauchnabelpiercing. Natürlich gibt es inzwischen auch Handys, Computer, die selbst in die Westentasche passen, und natürlich das Internet. Frauen, die wie Barbarella herumlaufen, gibt es jedoch immer noch nicht.
Nun schreiben wir 2010 und die 40 habe ich inzwischen auch überschritten. Was mich daran am meisten ärgert, ist, dass es nun kein magisches Datum mehr gibt, dem ich entgegenfiebern kann. Die tollen Zukunftsvisionen, die in meiner Kindheit vorherrschten, werden sich wohl nie materialisieren. Zumindest nicht zu meinen Lebzeiten.
Im Gegenteil: Heute besteht ein Großteil der Utopien aus düsteren Weltuntergangsszenarien. Die tollen neuen Errungenschaften scheinen außer Kontrolle geraten zu sein. Die ach so schöne Technik vernichtet Arbeitsplätze; das Internet zermatscht nach neuesten Erkenntnissen angeblich unsere Gehirne, und Bücher gehören nach Ansicht des Multimediagiganten Sony demnächst der Vergangenheit an. Das alles macht mir Angst. Viele Dinge, die ich liebe, sind im Begriff zu verschwinden.
Es ist jedoch nicht alles schlecht: Immerhin gibt es (fast) keine Dauerwellen und Schulterpolster mehr.
Leider bin ich ein Kulturbanause, denn mein ganz persönlicher Lieblingskomiker war früher Didi Hallervorden. Immer, wenn eine seiner Sendungen lief, wurden am nächsten Tag die Sketche von uns auf dem Schulhof nachgespielt. »Ich hätte gerne eine Flasche Pommes Frittes!« war so ein Hallervorden-Satz, der sich auf ewig in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Noch heute werde ich gelb vor Neid, wenn jemand die berühmte Didi-Lache (Höhöhöh!) nachahmen kann.
Als echtes Kind der »Generation AfriCola« fand ich natürlich auch Otto, Loriot, Insterburg & Co. und Ilja Richter komisch. Es gab ja sonst nichts, in der harten Zeit nach dem Krieg (in Vietnam).
Stan und Ollie waren übrigens die allerersten Komiker, die ich als Kind auf der heimischen Mattscheibe entdeckte. Damals brauchte man noch zwei Leute, um »Dick und Doof« zu sein. Der Film, in dem die beiden ein Klavier transportieren, war sozusagen ein Schlüsselerlebnis für mich. Seltsamerweise gefällt mir heute Oliver Hardy wesentlich besser als Stan Laurel. Als Kind war es genau umgekehrt. Viele Frauen mögen diese Beiden gar nicht. Komisch, nicht?
Das Tolle an Nonstop Nonsens war, dass Hallervorden neben seinen Sketchen absoluten Slapstick im Stil alter Stummfilmklamotten bot. So etwas machten sonst nur die Briten. Außerdem waren einige der Sketche wirklich hervorragend geschrieben. Ich denke da nur an Die Kuh Elsa.
Didis Komik konnte extrem manisch sein. Schließlich gab er ja im »Millionenspiel« einen Killer und einen entsprungenen Irren in Der Springteufel. Aber das war am Anfang seiner Karriere. Leider hat er später nie wieder etwas in dieser Art gemacht. Hallervorden wäre ideal für die Hauptrolle in Kubricks Shining gewesen.
Auch seine Garderobe war außergewöhnlich. Seltsame kleine Hüte. Riesige Krawatten und pomadige Frisuren. Er war schon ziemlich schräg für damalige Verhältnisse, der Didi. Doch ich fieberte als Kind jeder neuen Folge von »Nonstop Nonsens« entgegen. Und singen konnte er auch noch! »Ich bin der schönste Mann in meiner Mietskaserne« hieß sein erster Hit. Ich kenne noch heute jede Textzeile.
Eines Tages hörte Didi mit »Nonstop Nonsens« auf und drehte eine Reihe halbgarer Komödien. Er wollte endlich ernst genommen werden. Schade. Aber das passiert den Besten von uns.
Übrigens: Leider kann man bei solchen Angelegenheiten nicht viel auf mein Wort geben. Auch ich hatte etliche Geschmacksverirrungen zu verzeichnen. Nehmen wir nur den bereits erwähnten Ilja Richter. Es gab eine Zeit, in der ich seine Parodien unheimlich witzig fand. Bei seiner Sendung Disco freute ich mich hauptsächlich auf seine Sketche. Die Musik fand ich total langweilig! Dazu kann ich heute nur wie Fritz Kortner sagen: »Ich habe sehr gelacht, aber unter meinem Niveau.«
Später, als ich älter wurde, entdeckte ich Woody Allen und lachte nur noch auf hohem Niveau. So viel Spaß wie mit Didi habe ich später jedoch nie wieder gehabt.

Neulich schrieb ich ein paar Zeilen über das gemeine Internet und wie es uns die Zeit stiehlt. Ständig findet man interessante Dinge, die man eigentlich gar nicht gesucht hat. Als Untermauerung für diese These habe ich für die Freunde nutzlosen Wissens hier drei Links.
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