Unterwegs mit Quirit

Weyershausen am 3. August 2010 in Reisenotizen

Brüssel»Wer aus Brüssel berichtet, bewegt sich zwischen Traum und Bürokratie«, behauptete mal ein ARD-Korrespondent. Ach ja … Brüssel war jedenfalls schon immer eines meiner Traumziele. Franquin, Tillieux, Hergé und unzählige andere geniale Comiczeichner begannen hier ihre Karriere.

Als wir mit Jean-Marie Mathues alias Quirit durch die Straßen gingen, konnte man fast den Hauch der Geschichte atmen. Überhaupt bietet die Stadt alle zehn Meter andere undefinierbare Gerüche. Am liebsten hatte ich den Hauch von Waffeln in der Nase. Brüssel wäre mein Untergang. Überall gibt es Süßigkeiten und exotische Biersorten, die man natürlich sofort probieren muss. Aus den Restaurants strömen wunderbare Düfte köstlich aussehender Fischplatten. Also: Augen geradeaus, den Bauch einziehen und schnell weiter!

Mein Agent, Herr Licensegarden, ist nicht nur geschäftstüchtig, sondern auch clever. Mit einer Fahrt nach Antwerpen zum legendären Cartoonisten Quirit lockte er selbst den größten Stubenhocker unter den Cartoonisten (= mich) nach Belgien. Schon die Fahrt dorthin war ein Abenteuer. Kurz vorher war in einem Zug der Deutschen Bahn die Klimaanlage ausgefallen, woraufhin etliche Fahrgäste kollabierten. Sollte man so ein Risiko eingehen? Ich entschloss mich dazu, denn im Falle meines Ablebens durch einen Hitzekoller würde die Deutsche Bahn meinen Hinterbliebenen wenigstens den halben Fahrpreis zurückerstatten.

Die Arbeiten von Quirit, der als einer der härtesten Cartoonisten der Branche gilt, kannte ich schon ganz lange. Ich stellte ihn mir immer als eine wilde Mischung zwischen Jack Nicholson und Hugh Hefner vor. Warum weiss ich auch nicht so genau. Natürlich ist er ganz anders. Er ist der einzige Cartoonist, den ich kenne, der einen Säbel besitzt, denn sein Hobby ist es, mit Gleichgesinnten in historischen Kostümen berühmte Schlachten aus Napoleonischen Tagen nachzuspielen. Ungefährlich ist das nicht, wie eine lange Narbe an seinem Unterarm beweist. Jean-Marie Mathues zeichnet tagesaktuelle Cartoons, von einer kompromisslosen Schwärze, die bei uns unmöglich wäre. In diesem Jahr erhielt er sogar Todesdrohungen.

Nebenbei ist er noch ein hervorragender Gastgeber und Erzähler. Als die Invasion seiner deutschen Kollegen anrollte, griff er nicht zum Säbel, sondern rollte den Grill raus. So kam es, dass meine hochgeschätzten Kollegen Kittihawk, Steffen Butz und Harm Bengen in seinem Garten mit Zeltstangen hantierten, statt mit Zeichenfedern. Während die harten Naturburschen noch am Schwitzen waren, hatte Kittihawk alias Christiane Lokar ihr Zelt längst aufgebaut. Kein Zweifel: Die Zukunft gehört den Frauen.

Apropos Zukunft: Auch der Klimawandel ist in Belgien spürbarer als bei uns. Immer öfter gibt es Tornados, die Menschenleben fordern. Das Wetter schlägt in Sekundenschnelle um.

Einmal das berühmte Brüsseler Comicmuseum zu besichtigen, war schon seit Jahren mein großer Traum. Leider kam immer irgendetwas dazwischen. Deshalb war dieses Wochenende fast wie Weihnachten für mich. Besonders schön war es jedoch, solche Eindrücke mit anderen Zeichnern zu teilen, die all dies zu schätzen wussten.

Ursprünglich hatte ich vor, mit einer Tasche voller Bücher zurückzukehren. Doch obwohl ich genügend Geld dabei hatte, kaufte ich mir lediglich ein einziges Album. Das riesige Angebot und die vielen Eindrücke haben mich wie erwartet völlig erschlagen. Vielleicht beim nächsten Mal. Die herrlichen alten Gebäude, der berühmte Grote Markt … man muss viel Zeit haben, um sich alles ansehen zu können. Auf dem Rückweg machten wir sogar einen kleinen Abstecher nach Waterloo. Jetzt werden alle Abba-Fans, die ich kenne, sicher gelb vor Neid!

Was habe ich auf unserer Reise gelernt? Dass ich unbedingt Französisch pauken muss, dass die Sonnenuntergänge in Antwerpen selbst abgebrühten Zynikern Tränen in die Augen treiben, dass Belgierinnen, die Laurence heißen, immer automatisch hübsch sind (hatte ich schon geahnt), dass Harm Bengen nie die Witze ausgehen, dass politische Diskussionen die Stimmung versauen können, dass ich ohne Kopfkissen schnarche, dass die Zugbegleiter in Holland klasse sind und dass Belgien genauso schön ist, wie ich immer dachte. Mein besonderer Dank gilt auch Kittihawk, die dafür sorgte, dass ich den richtigen Zug erwischte.

Auf der Rückfahrt hatte mich die grausame bundesdeutsche Realität wieder. Die Klimaanlage des Zugs von Köln nach Hannover fiel aus. Kein Scherz! Doch diesmal war die Crew der Deutschen Bahn vorbereitet und bat die Fahrgäste in ein anderes Abteil. »Sie können auch bleiben, aber jammern sie nicht, wenn sie zusammenbrechen!« hieß es barsch. Zumindest konnte ich während der Fahrt heimlich meine schlafenden Mitreisenden zeichnen. Cartoonisten sind eben fies!

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3 x Weihnachten

Weyershausen am 23. Dezember 2009 in Befindlichkeiten

xmas09_01Mein Leben in der ersten Reihe

Lesungen, Weihnachtsgeschenke kaufen, unerwartete Aufträge … irgendwie verging der Dezember schneller, als ich diese Seite aktualisieren konnte.

Ein Highlight im Dezember war zweifellos der Auftritt in der ARD-Sendung »Ansichten«, den Holger Reichard (rechts) und ich (mitte) absolvierten, um für unsere Lesung in Bremen zu werben. Auch wenn die Sendung längst gelaufen ist, will ich dem geneigten Lesern dieser Seite unsere auf Hochglanz geschminkten Gesichter nicht vorenthalten.

xmas09_02Beim Anblick dieser Bilder ist mir vor allem Eines klar: Meine Zukunft liegt wohl eher im Radio – obwohl ich mich gern mal wieder in die Obhut einer bezaubernden Maskenbildnerin begeben würde.

Bei allen Nachteilen, die ein Leben als Cartoonist mit sich bringt: Kurz vor Weihnachten freut man sich doch, wenn die liebevoll gestalteten Weihnachtskarten der hochverehrten Kollegen eintrudeln. Die Zeichnungen von Karl-Heinz Brecheis bewunderte ich schon während meiner Schulzeit. Heute bekomme ich sogar Post von ihm! Steffen Butz nahm sich netterweise die Zeit eine kleine Skizze in die Karte zu malen. Besten Dank!

3 x Weihnachten!

Charles Dickens »Christmas Carol« wird wohl für alle Zeiten der absolute Weihnachtsklassiker sein. Zusammen mit »Der kleine Lord« natürlich. Für alle knallharten Zyniker, die schon beim Anblick eines Weihnachtsbaums die Axt auspacken, habe ich hier drei etwas andere Versionen der altbekannten Fabel.

The Return of a Cristmas Carol

MAD-Erfinder Harvey Kurtzman und Illustrator David Levine zeichneten vor über 45 Jahren für das Hochglanz-Magazin »Esquire« eine zeitgemäßere Version der Weihnachtsgeschichte, in der Geizkragen Ebenizer Scrooge ein lüsterner Fernsehproduzent ist, der seinen weiblichen Angestellten auch mal an den Allerwertesten greift.

Humbug

Eine nicht minder zynische Version aus dem Jahre 1957 stammt aus der Feder von Arnold Roth und erschien im Satiremagazin »Humbug«, das von einigen der besten Cartoonisten der damaligen Zeit herausgebracht wurde. Auf der gleichen Homepage findet man übrigens noch die wunderbaren Christmas Carol-Illustrationen von Roberto Innocenti.

Bunny-Vision

Wenn »A Christmas Carol« die ultimative Weihnachtsgeschichte ist, dann ist »It’s A Wonderful Life« der Weihnachtsfilm schlechthin. Alle Weihnachtsgestressten, die Heiligabend müde vor der Glotze eindösen und dieses filmische Kleinod verpassen, können sich zumindest im Internet die 30-Sekunden-Version mit niedlichen Häschen anschauen. Wir leben wahrlich in schnelllebigen Zeiten!

Merry Christmas!

Der Deutsche Karikaturenpreis 2009

Weyershausen am 17. November 2009 in Reisenotizen

horst_horstEin seltsames Murmeln erfüllte am letzten Wochenende das nächtliche art’otel in Dresden. Es waren die Stimmen von etwa 70 Cartoonisten, die ihre Dankesreden übten. Ein paar Stunden zuvor wurden sie beim alljährlichen Karikaturistenstammtisch informiert: »Alles ist möglich. Jeder sollte eine kleine Ansprache vorbereitet haben.« Gewonnen haben am nächsten Tag nur diejenigen, die wenige Wochen zuvor – wie fast jedes mal in letzter Zeit – von einem Kamerateam besucht wurden. Denn bei der Preisverleihung werden stets kleine Filme über den Arbeitsalltag der Gewinner gezeigt. Man sieht: Auch Cartoonisten sind manchmal etwas naiv.

Nach der fünften Preisverleihung weiß ich: Gewinner müssen in einem Reihenhaus wohnen, um zu gewinnen. Fast jeder Cartoonist meiner Altersklasse scheint in einem solchen zu wirken. Einst als Sinnbild des spießigen Kleinbürgertums verlacht, scheint das Reihenhaus nun zum bevorzugten Lebensraum von Künstlern zu avancieren. Die Großverdiener der Branche residieren hingegen in einem Landsitz mit Pool, Tennisplatz und römisch-russischem Dampfbad. Zu dumm, dass mich noch nie einer von ihnen eingeladen hat.

Beim Karikaturistenstammtisch konnte man wie jedes Jahr bis zur frühen Morgenstunde über Verträge, Zeichenstifte, Papiersorten und eben über Reihenhäuser diskutieren. Wer der Frau an der Theke einen Teddybären zeichnete, konnte sicher sein, dass die Alkoholzufuhr gewährleistet war. Die witzigsten Typen des Abends waren der immer unverschämt gut gelaunte Til Mette, der auch mal auf der Tischplatte weiterzeichnet, wenn das Blatt zuende ist (wozu ist man schließlich Künstler?) und der rührige Andreas Nicolai, ein Träger geheimnisvoller Ringe, der immer den passenden Spruch auf Lager hat.

Bevor es jedoch ans Buffet ging, musste jeder Cartoonist im Dunkeln seine Schultüte zeichnen. Beim Einchecken im Hotel erwartete uns schließlich ein Bleistiftspitzer, den wir abends mitbringen sollten. Der immer gut vorbereitete Harm Bengen muss dies geahnt haben und hatte eine Taschenlampe im Gepäck. Zumindest weiß ich nun, dass meine Zukunft gesichert ist: Altmeister Karl-Heinz Brecheis prophezeite mir zur fortgeschrittenen Stunde, dass ich 2011 den zweiten Platz des Wettbewerbs belegen werde. Der für seine Bären-Cartoons bekannte Karlsruher Zeichner Steffen Butz wird laut Brecheis sogar noch besser abschneiden. Na, dann kann ich den Wettbewerb im nächsten Jahr ja überspringen.

Am nächsten Morgen war dann die Stunde der Wahrheit gekommen: Wer gehörte zu den Gewinnern? Im ausverkauften Dresdener Schauspielhaus inszenierte die Sächsische Zeitung wie immer eine opulente Preisverleihung, neben die die Oscarnacht wirkte wie ein Tupperabend bei Fräulein Gabi. Besonders der wandlungsfähige Tom Pauls glänzte in seiner Rolle als Laudator, in der er sogar in die Haut Erich Honeckers schlüpfte. Dazu gab es Jazz vom Feinsten.

Die Jury des Deutschen Karikaturenpreises entschied: Til Mette, Dirk Meissner und Christiane Lokar alias Kittihawk sind mit ihren Arbeiten die besten Cartoonisten 2009. Eine gute Wahl. Der 79-jährige Walter Hanel wurde für sein Lebenswerk geehrt. Den Publikumspreis sowie ein Küsschen von Ilse Bähnert und eine Flasche Eierlikör bekam Christian Habicht. Danach ging es zur Ausstellungseröffnung der eingereichten Werke ins Pressehaus der Sächsischen Zeitung.

Zuerst der obligatorische Blick in die Runde: Wo hängen die eigenen Werke? Im Mittelpunkt des Raumes oder draußen schräg gegenüber vorm Klo? Während vor fünf Jahren nur wenige Exoten Computerausdrucke einlieferten, stammten diesmal fast die Hälfte aller Originale aus dem Rechner. Die Drucker der neuen Generation verkraften auch dickstes Aquarellpapier. Bei einigen Exponaten konnte man nur schwer erkennen, ob der Strich mit dem Pinsel gezeichnet wurde, oder auf dem Zeichentablett eines Computers entstand. Die Newcomer verzichten fast vollständig aufs gute alte Papier.

Das Schöne beim Karikaturenpreis ist, dass fast jedes Jahr Gesichter auftauchen, die man vorher noch nicht kannte. Kollege Michael Kops machte mich auf den Österreicher Thomas Kriebaum aufmerksam, der in einen wunderbar skurrilen Stil arbeitet. Die Cartoons der Gewinnerin des dritten Platzes, Kittyhawk, kannte ich bisher nur flüchtig. Die Berlinerin Christiane Lokar machte nicht nur einen ungemein sympathischen Eindruck, sondern hat sensationell witzige Einfälle zu bieten. Sie wird mit Sicherheit einmal zu den Großen der Branche gehören.

Mir selbst ging spätestens bei der Ausstellung der Saft aus. Ich hatte wohl nächtens zu lange an meiner Dankesrede gearbeitet. Fix und fertig schlurfte ich ziellos von Raum zu Raum, bis ich schließlich die Segel strich und mich auf den Heimweg machte. Zwar ohne einen goldenen Bleistift, aber zumindest mit einem silbernen Bleistiftspitzer im Gepäck.