Die Abenteuer von Indiana Tim

Weyershausen am 7. November 2011 in Screenshot

tintinVor zehn Jahren ging das Bild einer Maus, auf deren Rücken ein Menschenohr wuchs, um die Welt. »Ganz schön pervers, die Wissenschaft«, dachte da so Mancher. So ähnlich ging es mir, als ich »Die Abenteuer von Tim und Struppi« sah. Zunächst ist man beeindruckt – bis zur ersten Nahaufnahme. »Ganz schön pervers, die Computertechnik«, ging es mir durch den Kopf.

Seit einigen Jahren scheinen die Filmgewaltigen Hollywoods geradezu besessen von der Idee hyper-realistischer Computeranimation zu sein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ein Schauspieler aus dem Rechner stellt keine hohen Gagenforderungen, er macht, was ihm befohlen wird, und wird niemals alt. Nur sehen die Resultate zum Leidwesen der Filmemacher bislang alles andere als überzeugend aus.

Bei allem Perfektionismus: Die computeranimierten Figuren bei Tim und Struppi sind eher grotesk als komisch. Genau wie die Karikaturen, die findige Photoshop-Experten aus Fotos »kneten«. Was als platte Strichzeichnung amüsant wirkt, ist dreidimensional nur noch gruselig. Noch Schlimmer wird es, wenn man versucht, eine Karikatur mit Hilfe des Computers wie eine Fotografie aussehen zu lassen. Möchte man sich Figuren wie »Die Simpsons« wirklich dreidimensional vorstellen?

Genauso schlimm wie die Gesichter der Charaktere wurde bei Tim und Struppi auch die Geschichte verzerrt, die man mit aller Macht auf »Indiana Jones« getrimmt hat. Sicher, man hätte »Das Geheimnis der Einhorn« auch werkgetreu verfilmen können, doch das wäre wohl nicht laut und plakativ genug gewesen. Wer sich die Mühe macht, einmal durch die Seiten eines Tim-und-Struppi-Albums zu blättern, wird feststellen, dass Hergés Stärke der Minimalismus ist. Spielbergs Stärke war hingegen schon immer der Exzess.

Folgerichtig gibt es in Tim und Struppi bombastische Seeschlachten, Flugzeugabstürze und Verfolgungsjagden, die man bei Hergé vergebens sucht. Der Zeichner war ein Perfektionist, der in 46 Jahren gerade 23 Abenteuer des rasenden Reporters zu Papier brachte. Bevor er starb, verfügte er, dass es ohne ihn auch keine neuen Geschichten mit dem ungleichen Duo geben wird. Eine weise Entscheidung.

»Hergé hätte unser Film gefallen«, spekulierte Spielberg in diversen Interviews. Ich schätze allerdings, dass er den Spielberg-Fans noch besser gefallen wird. Fazit: 3D ist für die Filmindustrie ein wahrer Segen, denn unsere Augen sind so sehr mit den Schauwerten beschäftigt, dass unser Hirn nicht wahrnimmt, wie unausgegoren die Handlung ist.

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Soundtracks aus den Swinging 70s

Weyershausen am 15. August 2011 in Plattenkiste

notenEs gab eine Zeit, in der Filmmusik nur richtigen Enthusiasten vorbehalten war, die in Spezialkatalogen und auf Börsen zerkratzten Tonträgern hinterherjagten. Der Rest musste sich mit dem zufrieden geben, was man in einschlägigen CD-Abteilungen fand. Das war meist Musik aus Filmen von Steven Spielberg und George Lucas oder Klassiker wie »Lawrence von Arabien«. Viel mehr gab es nicht.

Jahrelang war ich zum Beispiel auf der Suche nach dem Soundtrack von »Citizen Kane« – ohne Erfolg. Dank des Internets findet man heute selbst die obskursten Kompositionen. Dank YouTube kann man sogar die Bilder dazu sehen.

Get Carter

Einer der besten Gangsterfilme überhaupt ist »Get Carter« (1971), mit Michael Caine in der Rolle eines abgeklärten Kriminellen, der in seine Heimatstadt Newcastle zurückkehrt, um mit den Mördern seines Bruders abzurechnen. Die jazzige Musik von Roy Budd geht einen nicht mehr aus den Kopf. Als Sylvester Stallone 2000 ein völlig überflüssiges Remake auf die Menschheit losließ, war auch eine verhunzte Version von Budds Soundtrack dabei. Bäh!

Bombay Talkie

Shankar Jaikishan ist zwar nicht so bekannt wie John Williams, doch seine Musik für den Film »Bombay Talkie« (1970) von James Ivory ist unvergesslich. Das fand wohl auch das einstige Indie-Wunderkind Wes Anderson und recycelte sie kurzerhand in seinem Streifen »The Darjeeling Limited« (2008). Das Schönste an der Eröffnungssequenz sind die kitschigen Plakate, auf denen die Credits abgebildet sind.

The Wind And The Lion

So unterhaltsam kann die Nahost-Problematik sein: »Der Wind und der Löwe« (1975) ist ein Film, der zwar sensationell aussieht, im Grunde aber nur zwei Dinge vorweisen kann, die ihn wirklich sehenswert machen: Sean Connery und die Musik von Jerry Goldsmith, der sich hier selbst übertraf. Die Musik hält all das, was der Film lediglich verspricht. Neben einer furiosen Eröffnung gibt es auch was fürs Herz. Hier der Originaltrailer.

Les Mariés de L’an 2

Der deutsche Titel dieses Films lautete »Musketier mit Hieb und Stich« (1971). Da ist den Übersetzern wohl mal wieder das Wörterbuch ins Klo gefallen. Die DDR-Synchronfassung ist wie so oft besser. Heute ist er leider fast vergessen. Zu Unrecht: Es war einer der letzten guten Filme Jean-Paul Belmondos, der sich in den Siebzigern fast nur noch auf halbgare Krimis verlegte, in denen er über Dächer kletterte und sich an Hubschrauber hängte. Komponist Michel Legrand steuerte einen tollen Soundtrack bei, der die Zeit der französischen Revolution heraufbeschwört.

Breakheart Pass

1975 schien Jerry Goldsmiths großes Jahr zu sein. Nicht nur, dass er mit der »Wind und der Löwe« eine seiner besten Kompositionen abgeliefert hatte. Mit »Nevada Pass« (dt. Titel) legte er einen drauf, indem er einem ziemlich behäbigen Streifen allein durch die Musik etwas Leben einhauchte. Der unentschlossen zwischen Western und Kriminalgeschichte schwankende Film mit Charles Bronson ist zwar kein Klassiker, doch zumindest ganz passabel.

La Nuit Américane

Regisseur François Truffaut und Komponist Georges Delerue gehörten zu den Traumpaaren des Kinos. Truffauts Klassiker »Schießen sie auf den Pianisten« und »Jules und Jim« wären ohne Delerues Musik einfach undenkbar. Besonders bei »Die amerikanische Nacht« (1973), in der Truffaut typische Szenen bei den Dreharbeiten eines Films beschreibt, konnte der Komponist glänzen. Hier die berühmteste Passage. Truffauts Kollege Godard fand den Film verlogen: »Jeder weiss doch, dass der Regisseur mit der Hauptdarstellerin schläft«.

Der Nostalgie-Faktor

Weyershausen am 2. Juni 2008 in Screenshot

»Ich glaube, ich hab mir vor Freude in die Hose gepieselt!«, schrieb ein Fan im Internet, nachdem er den ersten Trailer des neuen Indiana Jones-Films sah.

Mir selbst ging es fast genauso. Nach dem Erklingen der legendären Titelmelodie kam die Gänsehaut. Eigentlich hatte niemand mehr mit der lange angekündigten Fortsetzung der Trilogie gerechnet. Immerhin befindet sich Harrison Ford bereits im Rentenalter.

Ich weiss noch genau, wie sehr ich allen Indiana Jones-Filmen entgegenfieberte. Ins Kino gehen und mein pickeliges Gesicht mit Clearasil einreiben, waren damals quasi meine Hauptbeschäftigungen. Inzwischen hat sich vieles geändert. Selbst Steven Spielberg ist heute ein wenig erwachsener.

Doch der rasante Trailer wischte fast alle Zweifel der Fans hinweg und wirkte wie ein Spielberg reinsten Wassers. Also stand ich am letzten Dienstag wie unzählige andere treue Seelen in der Kinoschlange, um »Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels« zu sehen. Und was habe ich nun davon? Einen ausgewachsenen Fall von Midlife-Crisis!

Merke: Fast jeder Mann kann jung aussehen, wenn er einen Hut trägt und sein Gesicht hinter einem Dreitagebart versteckt. In den Szenen aber, in denen uns Henry Jones jr. als Dozent begegnet, wirkt der einstmals dynamische Abenteuerer wie ein verknöcherter Hagestolz. Der Held unserer Kindheit ist unübersehbar alt geworden. Und wir mit ihm.

Eingefleischte Fans hatten wohl trotzdem ihre Freude daran. Der Mythos, der die ersten drei Filme umgibt, ist so stark, dass er selbst diesen eher schwachbrüstigen Ableger trägt. Hätte ihnen der Film auch gefallen, wenn sie die ersten drei Teile nicht gesehen hätten? Ich bezweifle es.

Viel zu oft standen die Schauspieler herum und erklärten sich gegenseitig die Handlung. Der titelgebende »Kristallschädel« sah aus wie ein Plastikspielzeug. Ständig wurde auf die ruhmreiche Vergangenheit der Charaktere angespielt. Die dauergrinsende Karen Allen nervte. »Sie sieht aus wie ein Alien mit Pferdegebiss«, sagte jemand. Die Stunts waren zwar gut ausgeführt, aber wesentlich unorigineller als in den ersten drei Teilen, und das Trickspektakel am Schluss geriet dann doch etwas zu bombastisch.

Wieder einmal wurden die Fans alter Filmserien ins Kino gelockt, um enttäuscht zu werden. »Star Wars: Episode I-III«, »Superman Returns« und nun »Indiana Jones IV«. Sie alle versprachen viel und hielten wenig. Trotzdem ist dies egal. Der Nostalgie-Faktor macht solche Filme automatisch zum Erfolg. Deshalb werden wir demnächst auch Eddie Murphy als »Beverly Hills Cop« wieder begegnen. Die Welt hat inzwischen wohl vergessen, wie grottig diese Filmreihe eigentlich war.

Wir alle möchten gern den Kick noch mal erleben, den wir beim unserem ersten Spielberg-Film verspürten. Nur: Wir sind keine zwölf mehr – und diese Erkenntnis ist bitter.

Doch nicht nur wir sträuben uns gegen das Älterwerden. Harrison Ford hat bereits angekündigt, dass er auch für einen fünften Teil zur Verfügung stehen würde. Immerhin sei er ja noch nicht so alt wie sein Filmvater Sean Connery.

Was sagt die Kugel?

wortmax am 19. März 2007 in Screenshot

kugelIm Rahmen einer dreiteiligen Fernsehdokumentation haben uns arte und ZDF am vergangenen Wochenende erstmals gezeigt, wie unser Alltag im Jahre 2057 aussehen könnte: schwebende Automobile, feinfühlige Online-Jacken, Herzkopien von Hewlett-Packard und Kloschüsseln, die mir sagen, dass ich am Vortag einen zuviel gekippt habe. Wenn so unsere Zukunft ausschaut und das viele auch noch toll finden, dann frage ich mich, warum George Orwell und Aldous Huxley ihre Romane geschrieben haben.

Moderiert wurde die Sendung von Beststellerautor Frank Schätzing, dem Guido Knopp für Zukunftsfragen, so nenne ich ihn ab heute. Seinen Roman Der Schwarm hatte ich im letzten Sommerurlaub gelesen, im ersten Teil ein ebenso gelungener wie beklemmender Öko-Thriller, im weiteren Verlauf phantasievolle, aber nicht sehr ernst zu nehmende Science Fiction mit stereotypen Figuren aus der Spielbergecke.

Die gestern von ihm präsentierten Televisionen sind hoffentlich so zutreffend wie die Vorhersagen im Fin de siécle, als viele mit dem Weltuntergang rechneten und die Optimisten sich eine Zukunft ausmalten, in der sie nur bequem im geschwungenen Biedermeier-Sessel zu sitzen brauchten und Haushaltsroboter im Augsburger Puppenkistendesign den ganzen Rest erledigten. Phlegmatismus als höchstes Ziel der Menschheit. Davon haben wir uns in der Zwischenzeit glücklicherweise verabschiedet. (Haben wir?)

An dessen Stelle wird jetzt – im ersten Teil der ZDF-Doku – mit dem gläsernen Mensch orakelt. Na super! Das Bild von der Klassengesellschaft, das darin gezeichnet wurde, scheint nahe dran an der Realität. Aber um das zu kapieren, muss man nicht in die Zukunft schauen. Andere wesentliche Dinge wurden (noch) ausgeklammert. Beispielsweise das schon jetzt deutlich spürbare Aufbegehren der Natur gegen unser Streben nach grenzenloser Mobilität.

Und was ist mit der Gesellschaft, die in 50 Jahren eine ganz andere sein wird als die heutige? Ebenso unsere Kultur. Oder wird diese bis 2057 weitgehend verschwunden sein? Ja, das wäre für mich durchaus denkbar, … dass uns nämlich das Fernsehen jeglicher Kultur beraubt und uns auf Dauer derart einheitlich und teilnahmslos macht, dass wir in Zukunft jede technische Neuerung ohne Widerspruch hinnehmen werden. Da bliebe einem nur die Hoffnung, früh und menschlich genug zu sterben.